Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

11.01.2011

im Heft

journalist 1/2011

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  • Der Deutsche Journalisten-Verband informiert auf seiner Website über die aktuellen Tarifverhandlungen.
  • Die noch gültigen Tarifverträge gibt es hier zum Download

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Brief an die Mitglieder: DJV-Bundesvorsitzender weist die Pläne der Verleger zurück. "Das kann nicht die Zukunft des Journalismus in Deutschland sein!"

Tarifrunde Zeitungen

Abgehängt

Kürzungen von mindestens 25 Prozent. In der dritten Tarifrunde haben die Zeitungsverleger ihre Pläne für künftige Berufseinsteiger konkretisiert. Die Journalistengewerkschaften bezeichnen den Vorstoß als "Dumping-Tarifwerk" und sagen: "Mit uns nicht." Diesen Monat entscheidet sich, ob es in den Redaktionen zu Arbeitskämpfen kommen wird.

Die Katze ist aus dem Sack. Die Vertreter des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) haben in der dritten Tarifrunde erstmals konkrete Forderungen auf den Tisch gelegt. Und diese Forderungen haben es in sich. Nach Berechnungen des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) führen sie für die künftigen Berufseinsteiger zu einer Absenkung des gegenwärtigen Tarifniveaus von mindestens 25 Prozent. Für Kajo Döhring, Hauptgeschäftsführer und Verhandlungsführer des DJV, absolut indiskutabel: "Das ist eine Demontage des Journalistenberufs." Auch Frank Werneke, Verhandlungsführer der Deutschen Journalisten-Union (dju) in ver.di, findet deutliche Worte: Die Forderungen des BDZV führten zu einer "nicht hinnehmbaren Abwertung des Journalistenberufs".

Nachdem die Journalistengewerkschaften den Gehaltstarifvertrag für die rund 14.000 Tageszeitungsredakteure zum 31. Juli 2010 gekündigt hatten, zog der BDZV mit der Kündigung des Manteltarifvertrags zum 31. Dezember 2010 nach. Seit September führen die Tarifparteien nun Gespräche, um neue Tarifverträge für die Branche abzuschließen. Dabei stellte sich schnell heraus, dass der BDZV für die neue Journalistengeneration ein neues zweites Tarifwerk haben will. 

Länger arbeiten, weniger verdienen 

Am 8. Dezember hat der Verlegerverband dieses neue Tarifwerk erstmals mit detaillierten Zahlenangaben gefüllt. So soll es statt der bislang fünf Gehaltsgruppen nur noch vier geben: Volontäre, "normale" Redakteure, Redakteure in besonderer Rolle – etwa Koordinatoren am Newsdesk – sowie die Gruppe der Ressortleiter, Chefs vom Dienst und Chefredakteure, die der BDZV künftig "außertariflich", nicht mehr "übertariflich" bezahlt sehen will. Das Gehaltsniveau der tariflich Bezahlten liegt demnach zwischen 1.550 Euro für Volontäre und 4.650 Euro für Redakteure mit Entscheidungsbefugnis. Normale Redakteure – und das ist die große Mehrheit – sollen maximal 3.800 Euro verdienen. Bislang erreicht ein normaler Redakteur noch rund 4.400 Euro, als Altbeschäftigter in der höchsten Berufsjahrstufe kommt er sogar auf mehr als 4.800 Euro. Neueinsteiger können von solchen Tarifgehältern nur träumen. So wollen es jedenfalls die Verlagsmanager. 

Und sie wollen noch mehr: Künftige Tageszeitungsredakteure sollen länger arbeiten. 40 Stunden statt wie bisher 36,5 Stunden pro Woche sollen sie laut Tarifvertrag ihrem Job nachgehen. Dass sie in der Praxis ohnehin länger arbeiten, ist dabei einkalkuliert. Aber die tariflich fixierte Arbeitszeit wirkt sich eben auch auf das Überstundenkonto aus. Konkret: auf den tariflichen Anspruch auf Ausgleich von Mehrarbeit. Und erhöht sich die tarifliche Wochenarbeitszeit, dann lassen sich die Planstellen in den sowieso ausgedünnten Redaktionen noch einmal nach unten rechnen. "Eine schöne Bescherung!", hieß es denn auch in einer der Tarifinfos, die der DJV vor Weihnachten verbreitete (PDF).

Ein Minus von 31,1 Prozent 

Damit nicht genug: Journalisten, die neu in eine Zeitungsredaktion einsteigen, sollen generell nur noch 30 Urlaubstage bekommen – das Alter spielt keine Rolle mehr. Zudem erwarten die Verleger, dass sie sich mit 13 Monatsgehältern zufriedengeben. Die Beiträge zur Altersversorgung, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer in das Presseversorgungswerk einzahlen, will der BDZV für die Verlage auf maximal 2,5 Prozent des Monatsgehalts eines Redakteurs begrenzen. Der DJV hat ausgerechnet, wie hoch die Einbußen wären, die ein 40-jähriger Redakteur bei diesen Einschnitten im Vergleich zu heute hinnehmen müsste: 31,1 Prozent! Unberücksichtigt sind hierbei die Gehaltsentwicklungen und damit die Zinseszinseffekte. DJV-Mann Kajo Döhring spricht denn auch von einem "Dumping-Tarifwerk". "Mit uns nicht zu machen", sagt er dem journalist. Schon gar nicht, wenn nicht garantiert ist, dass die Tarifflüchtlinge wieder in den Flächentarif zurückkehren.

Dieses "Dumping-Tarifwerk" sollte auch alle heute bereits angestellten Redakteure hellhörig machen, denn es könnte auch auf sie angewandt werden – etwa wenn sie in eine andere Firma outgesourct werden oder ihren Arbeitgeber wechseln und dann ebenfalls wieder als Neueinsteiger gelten. "Diese Interpretation legen jedenfalls die Äußerungen der BDZV-Vertreter nahe", sagt Kajo Döhring. Auch die Onliner könnten sich künftig in diesem deutlich abgesenkten Tarif wiederfinden, befürchten die Gewerkschaften. Zwar fordern sie schon seit Jahren, dass die Onliner endlich mit ihren Printkollegen gleichgestellt werden – "aber nicht zu diesem Preis", betont DJV-Hauptgeschäftsführer Döhring.

Zudem verlangt der BDZV von allen Tageszeitungsredakteuren, auf einen Teil ihres Weihnachts- und Urlaubsgelds zu verzichten. Bislang erhalten sie noch 13,75 Monatsgehälter: 95 Prozent des Monatsgehalts als Weihnachtsgeld, 80 Prozent als Urlaubsgeld. Wird allein das Weihnachtsgeld auf ein halbes Monatsgehalt gekürzt, dann bedeutet das für einen Redakteur im zweiten Berufsjahr: Er bekommt nur noch 1.493,50 Euro statt wie bisher 2.837,65 Euro. Ein Redakteur im zwölften Berufsjahr müsste, so rechnete der DJV aus, gleich auf 1.980 Euro verzichten. 

Immerhin soll die bisherige Regelung zur Altersversorgung unverändert bleiben – allerdings wollen die Verleger dies nur für die nächsten drei Jahre zusichern. Derzeit zahlt der Arbeitgeber fünf Prozent des jeweiligen Redakteursgehalts in das Versorgungswerk der Presse ein; der Arbeitnehmer selbst beteiligt sich mit einem Anteil von 2,5 Prozent. 

Lediglich Einmalzahlungen

Unbeantwortet ließen die Verleger die Forderung der Journalistengewerkschaften nach einer Gehaltserhöhung von vier Prozent. Sie wiederholten hier lediglich ihr Angebot, für die derzeit beschäftigten Redakteure der Tageszeitungen in den Jahren 2010 und 2011 jeweils eine Einmalzahlung und 2012 dann eine geringe prozentuale Anhebung der Gehälter zu vereinbaren. "Aber selbst das ist ja kein Angebot", erklärt Kajo Döhring. "Es ist verbunden mit dem Junktim, dass wir die Absenkungen im Manteltarif – also die Abstriche beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld – akzeptieren.“ Das sei für den DJV aber keine Verhandlungsgrundlage. „Wir haben den BDZV aufgefordert, dieses Junktim aufzugeben."

Der BDZV argumentiert, die überwiegende Zahl der Verlage stehe trotz des allgemeinen Aufschwungs nach wie vor unter Druck. Werner Hundhausen, der Verhandlungsführer des BDZV, erklärte auf Nachfrage des journalists, dass die Anzeigen-Volumina in etwa auf den Stand Mitte der 90er Jahre zurückgegangen seien. "Parallel dazu haben wir nun schon über ebenfalls viele Jahre hinweg einen Auflagenrückgang bei den Abotiteln von etwa ein bis zwei Prozent jährlich und bei den Boulevardtiteln sogar noch einen wesentlich stärkeren." Hundhausen führt aus, dass es vor dem Hintergrund dieser branchenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu hohe Tarifvereinbarungen gebe. "Diese Bewertung gilt auch für die Zukunft, weil den Verlagen bisher eine – die Erlöseinbußen kompensierende – Geschäftsmodellergänzung fehlt." Sprich: Das Digitalgeschäft läuft nicht so, wie man es sich wünscht. 

Aus Sicht des BDZV ist daher eine komplett neue Tarifstruktur für künftige Redakteure notwendig. Man müsse ihnen "ein aus heutiger Sicht realistisches Tarifangebot unterbreiten, das eine berufsadäquate, faire Prägung hat", erklärt Werner Hundhausen. Kein neues zweites Tarifwerk für künftige Berufseinsteiger einzuführen, hieße "den jetzt tätigen Redakteuren deutlich mehr an tariflicher Veränderung zuzuordnen und zuzumuten". Es gehe um eine "zukunftssichere Balance zwischen Kosten und Erlösen". Hier müssten beide Seiten – die Verleger und die Journalisten – einen Weg finden. Für drei Jahre will der BDZV den Gehalts- und Manteltarif abschließen "und dabei gemeinsam beobachten, wie sich die Marktlage entwickelt". Dass die Lage danach noch "komplizierter" ist – und es womöglich zu weiteren Absenkungen kommt –, will man auf Arbeitgeberseite nicht ausschließen.

Rendite "im hohen einstelligen Bereich"

Während die Verlage also über schlechte Rahmenbedingungen und unsichere Zukunftsperspektiven klagen, bewerten die Journalistengewerkschaften die Situation der Branche etwas anders: Die Rendite sei bei den meisten Verlagen zwar nicht mehr zweistellig, liege aber immer noch "im hohen einstelligen Bereich", so Kajo Döhring. "Es gibt also gar keinen Grund für den BDZV, Alarm zu schlagen." Doch reiche den Verlagen diese "ordentliche Rendite" offenbar nicht. "Man versucht", so vermutet Döhring, "auf dem Rücken unserer Kollegen die alten Ergebnisse von früher wieder einzufahren".

Döhring betont, dass es jetzt nicht um Tarifabsenkungen gehen dürfe. Die Gehaltserhöhungen der vergangenen Jahre seien deutlich unter der Inflationsrate geblieben. Hier gebe es Nachholbedarf. "Unsere Kollegen sagen ganz klar, dass sie nicht weiter abgehängt werden wollen", sagt Döhring und verweist darauf, dass den Redaktionen immer mehr Leistung abverlangt werde. Die Verlage hätten die Redaktionen in den vergangenen Jahren stark ausgedünnt, die Arbeitsbelastung für den einzelnen sei in der Folge enorm angestiegen. Zudem müssten die Redakteure im Zeitalter von Newsdesk und Multimedia immer mehr Vertriebskanäle bedienen. "Das muss honoriert werden. Stattdessen sollen die Kollegen jetzt auf zehn Prozent des Tarifs verzichten."

Dabei haben die Zeitungsredakteure bereits in den vergangenen Jahren etliche Zugeständnisse gemacht. So wurde etwa das Urlaubsgeld von 2004 an auf 80 Prozent abgesenkt. Seit 2006 ist das 15. Berufsjahr in der Berufsjahrstaffel gestrichen und eine zweite abgesenkte Berufsjahrstaffel für die Neueinsteiger eingeführt. "Den Redakteuren reicht es jetzt", sagt Gewerkschafter Döhring, "weil sie sehen, dass dies alles nichts gebracht hat."

Billigpolitik schadet den Zeitungen

Im Gegenteil: Vielleicht haben diese Zugeständnisse die neue Gangart der Arbeitgeber sogar verstärkt: "Das Problem ist, dass bei den Verlagsverantwortlichen eine neue Philosophie vorherrscht: Journalistische Arbeit wird nicht mehr wertgeschätzt und nur noch als betriebswirtschaftlicher Kostenfaktor betrachtet", sagt Döhring. "Die außergewöhnlichen Belastungen und die hohe publizistische Verantwortung, die mit einer Redakteurstätigkeit verbunden sind – all das spielt für die Verlagsmanager überhaupt keine Rolle mehr."

Letztlich schaden sich die Verlage mit ihrer Billiglohnpolitik selbst. Davon ist man auf Gewerkschaftsseite überzeugt. "Akademiker werden sich spätestens in fünf, acht Jahren nicht mehr für den Journalistenberuf entscheiden", prognostiziert DJV-Hauptgeschäftsführer Kajo Döhring – eine Entwicklung, die bereits heute zu beobachten ist. Viele junge Leute, die in den Medien arbeiten wollen, ziehen es vor, in den PR-Bereich zu gehen. "Das hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Qualität des Journalismus, die zwar sonntags auf den Podien gefordert wird, aber in der Praxis zugleich konterkariert wird." Im Ergebnis bestellen immer mehr Abonnenten ihre Zeitung ab. Mit ihrer Sparwut sägen die Verlage an dem Ast, auf dem sie sitzen. 

Am 17. Januar wird sich der Gesamtvorstand des DJV als große Tarifkommission ausführlich mit dem Thema befassen. Er wird entscheiden, ob die Gespräche am Verhandlungstisch fortgesetzt werden oder ob es zu Tarifauseinandersetzungen kommen wird. DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken bereitete die Journalisten schon darauf vor, dass 2011 ein schwieriges Jahr werden wird. In einem Brief (PDF) appellierte er an die Gewerkschaftsmitglieder, den Wert des Journalismus zu verteidigen. "Ich bin zuversichtlich, dass wir den Kampf gewinnen können", schrieb Konken. Dazu müsse man aber zusammenstehen. "Helfen Sie mit! Es geht um Ihre Zukunft und um die der nächsten Journalistengeneration."

Claus Morhart, Chefredakteur des Main-Echos in Aschaffenburg

"Zwar kann man nicht die einfache Gleichung aufstellen, dass höhere Gehälter automatisch zu besserem Journalismus führen. Sonst wäre die taz mit ihrem bekannt niedrigen Tarifniveau nicht ein so gutes Blatt. Dennoch kann es auch in einer Zeitungskrise nicht sein, dass gerade die jüngeren Kollegen immer weniger Geld verdienen.

Wir Chefs erwarten, dass der Nachwuchs einen Uni-Abschluss besitzt, in zig Praktika Erfahrung gesammelt hat, Sachverstand mitbringt, Weiterbildung betreibt, überdurchschnittlich viel Einsatz zeigt, nebeneinander für Zeitung und Online arbeitet – da sollte wenigstens am Ende des Monats die Rechnung stimmen. Deshalb sehe ich mit Sorge, dass immer mehr Verlage aus den Branchentarifverträgen aussteigen. Wir beim Main-Echo bezahlen zum Glück alle Volontäre und Redakteure nach Tarif."

Uwe Ralf Heer, Chefredakteur der Heilbronner Stimme

"Ohne qualitativ hochwertigen Journalismus werden sich die Tageszeitungen in der Zukunft sehr schwer tun. Dazu bedarf es natürlich exzellenter Redakteure. Und die erwarten zu Recht für ihren Einsatz, der oftmals weit über tarifliche Arbeitszeitgrenzen hinausgeht, einen angemessenen Lohn. Auf der anderen Seite ist die wirtschaftliche Situation vieler Verlage weiterhin angespannt und kein dauerhafter Aufschwung in Sicht.

Daher verstehe ich das Ansinnen der Verleger, die Tarifgestaltung flexibler zu handhaben. Es muss dabei generell versucht werden, sehr gute Leistung direkter zu honorieren, beispielsweise mit Prämienzahlungen für besondere Verdienste.

Es wäre allerdings fatal, wenn innerhalb der Redaktion eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen würde. Damit wird das Bemühen um eine qualitative Weiterentwicklung und die Verstärkung der crossmedialen Arbeitsweise erschwert. Gerade weil wir auch künftig sehr gute Redakteure benötigen, hoffe ich stark auf eine entsprechend ausgeglichene Gehaltsstruktur."

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