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Autor

Sonja Ernst

verfasst am

06.07.2010

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Die Facebook-Seite des Projekts Aman ki Asha

 

Hoffnung auf Frieden, Aman ki Asha - eine Initiative zweier Medienhäuser will Grenzen überwinden

Aman ki Asha

Love Pakistan

Zwei der größten Medienhäuser Indiens und Pakistans haben sich zusammengetan. Gemeinsam werben sie für den Frieden. Kann ihre Kampagne dabei helfen, die Feindschaft zwischen den beiden Ländern zu überwinden?

Schuldig in 86 Anklagepunkten, darunter mehrfacher Mord und Krieg gegen Indien. Regungslos nimmt Ajmal Kasab das Urteil auf. Der Pakistaner ist der einzige überlebende Attentäter der Terroranschläge von Mumbai im November 2008. Ein Sondergericht verhängte Anfang Mai die Todesstrafe gegen den 22-Jährigen. Indiens Medien hatten den Prozess von Anfang an begleitet. Denn der Schock über den Terror in der Finanzmetropole Mumbai sitzt noch immer tief. Die Wut auf den Nachbarn Pakistan ist immer noch spürbar: Die Regierung gehe nicht entschieden genug gegen die Terroristen vor, der Geheimdienst unterstütze gar Terrorgruppen. Nach den Anschlägen waren die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan auf dem Nullpunkt. 

Umso erstaunlicher der Vorstoß, den zwei der größten Verlagshäuser des Subkontinents gewagt haben: Die Times of India Group und die pakistanische Jang Group starteten Anfang des Jahres die mediale Friedensinitiative "Aman ki Asha" – "Hoffnung auf Frieden". Das Projekt funktioniert trimedial: Sowohl über ihre Zeitungen als auch in den Onlinemagazinen und Fernsehkanälen werben die beiden Medienhäuser für Frieden zwischen Indien und Pakistan – auch mit prominenter Unterstützung. So posiert etwa der Bollywoodstar Amitabh Bachchan, genannt Big B, in Videos für die Friedensinitiative, und die berühmte pakistanische Sufi-Sängerin Abida Parveen gab ein Konzert. In den Medien selbst wird über Dialogprojekte berichtet, den wirtschaftlichen Nutzen, der Frieden bringen kann, über Gemeinsamkeiten in Musik, Kunst und Literatur – und über die hier wie dort riesige Begeisterung für Cricket.

"Aman ki Asha ist eine zivilgesellschaftliche Bewegung, angeführt von den Medien", sagt Shahrukh Hasan, Group Managing Director der pakistanischen Jang Group und dort verantwortlich für Aman ki Asha. "Die Hoffnung auf Frieden ist größer, als es die Hindernisse sind." Am ersten Tag der Kooperation machten die Tageszeitungen der beiden Verlagshäuser mit der Initiative auf. Ein gemeinsamer Leitartikel rief die Leser dazu auf, einen neuen Gesellschaftspakt zu schließen und sich aus der Zwangsjacke gegenseitigen Misstrauens zu befreien. Die englischsprachige Zeitung Times of India titelte gar "Love Pakistan" – zwei Worte, die in Indien nur selten nebeneinander stehen. 

Nicht alle wollen Frieden

Bis zum Auftakt von Aman ki Asha vergingen zwei Jahre. Ein Weg mit vielen Hürden. Die größte war wohl der 26. November 2008, als Ajmal Kasab und neun weitere Terroristen die Stadt Mumbai für drei Tage zu ihrer Geisel machten und mehr als 160 Menschen töteten. Die aus Pakistan agierende radikal-islamische Gruppe Lashkar-e-Toiba wurde für den Terrorakt verantwortlich gemacht. Das Projekt Aman ki Asha hätte damals enden können, bevor es überhaupt begann.

"Nach dem Anschlag ahnten wir, dass die öffentliche Reaktion auf eine Initiative wie Aman ki Asha nicht positiv ausfallen würde. Aber wir wollten die ganze Idee nicht einfach über Bord werfen. Also haben wir weitergemacht", sagt Ranjan Roy, Koordinator des Projekts auf Seiten der Times of India Group. Roy hat selbst lange als Reporter aus verschiedenen Kriegs- und Krisengebieten berichtet. "Mit kleinen, aber wichtigen Schritten wollen wir Frieden als das ultimative Ziel im Bewusstsein unserer Leser und Zuschauer in beiden Ländern lebendig halten." 

Die Reaktionen auf die Kooperation seien positiv ausgefallen, sagt Roy. Immer mehr Schulklassen und Nichtregierungsorganisationen meldeten sich, wollten mitmachen. "Natürlich gab es auch die vorhersehbaren negativen Reaktionen: Wieso wir mit Leuten Frieden schließen wollten, die Terroristen trainieren", so Roy. Denn nicht alle wollen eine Aussöhnung: Seit der Teilung des Subkontinents im Jahr 1947 führten Indien und Pakistan drei Kriege gegeneinander, der Konflikt um Kaschmir ist ungelöst, die beiden Atommächte streiten über Wasser, über den Einfluss in Afghanistan und eben über Terrorismus.

"Den Frieden müssen die Regierungen machen", sagt Shahrukh Hasan. "Aber wir als die größten Verlagshäuser können eine Plattform für einen Wandel bieten. Und wir können öffentlichen Druck auf beide Regierungen ausüben." Die Plattform umfasst gemeinsame Veranstaltungen von bekannten Musikern, Schriftstellern und Journalisten. Im April kamen im pakistanischen Karatschi leitende Zeitungsredakteure und Nachrichtenmoderatoren der wichtigsten Medien Pakistans und Indiens zusammen. Zur Diskussion standen die oft reflexartige Berichterstattung, die Auswahl der Themen und das mangelnde Wissen über den Alltag im Nachbarland. Mitte Mai trafen sich in Delhi Vertreter aus Wirtschaft und Industrie – rund 250 aus Indien und 100 aus Pakistan, um den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen auszuloten.

"Den Frieden müssen die Regierungen machen", sagt Shahrukh Hasan, Group Managing Director der pakistanischen Jang Group. "Aber wir als die größten Verlagshäuser können eine Plattform für einen Wandel bieten. Und wir können öffentlichen Druck auf beide Regierungen ausüben."

Die Sprache des Friedens

Das genaue Budget für Aman ki Asha will Ranjan Roy nicht nennen. Das Projekt sei dynamisch angelegt, es gebe keinen festgelegten Finanzrahmen. Dabei dürfte es sich bei den Investitionen in das Projekt nicht gerade um Peanuts handeln, denn beide Mediengruppen gehören zu den Schwergewichten der Branche in Asien.

"Die tägliche Berichterstattung läuft absolut getrennt von dem Projekt Aman ki Asha. Wir wollen sie in keiner Weise beeinflussen", betont Ranjan Roy. "Die Nachricht des Tages ist die Nachricht des Tages." Genau hier setzt die Kritik von Seema Mustafa an. "Wenn man über Frieden spricht, muss man zunächst die Sprache des Friedens lernen", sagt die renommierte indische Journalistin. "Beide Zeitungen, die Jang und die Times of India, haben lange dem Krieg das Wort geredet. Beide vertreten einen Hurra-Patriotismus der schlimmsten Art." Dass jetzt ausgerechnet diese beiden Häuser "Hoffnung auf Frieden" propagieren, mag da befremdlich wirken. Mustafa bezweifelt auch, dass man Frieden durch große Veranstaltungen und Prominenz erzielen kann. Er müsse von unten aufgebaut werden – Schritt für Schritt.

Auch Sajjad Naseer, Professor der Politikwissenschaft an der Lahore School of Economics, ist skeptisch. "In Pakistan herrscht Krieg gegen den Terrorismus. Wir erleben Bombenanschläge mit einer unglaublichen Regelmäßigkeit", so Naseer, der auch ein bekannter politischer Kommentator ist. "Die Menschen kämpfen gegen Inflation und Nahrungsmittelknappheit. Sie leiden. Sie sind mit ihrem Alltag beschäftigt." Deswegen könne ein Projekt wie Aman ki Asha nicht die Wirkung entfalten, die unter normalen Umständen möglich wäre.

Im Internet zeigt sich trotzdem Wirkung. Bei Facebook hat Aman ki Asha derzeit knapp 20.000 Fans – Tendenz steigend. Dort wie auch auf den Websites der Medienhäuser wird ausgiebig diskutiert. Das gesamte Meinungsspektrum ist auf den Seiten vertreten: Manche User stecken fest in ihrem Hass und ihrer gegenseitigen Verachtung. Für andere ist Aman ki Asha eine schöne Utopie, aber ein leeres Versprechen; wiederum andere sehen in der Kampagne ein mutiges Unterfangen, eine echte Chance.

Schritt zur Normalität

Bislang zeigen die Regierungen in Islamabad und Delhi wenig Interesse, die Friedensgespräche wiederzubeleben. Doch Sajjad Naseer erkennt im medialen Fortschritt eine Chance auf Wandel. "Die Medien können positive Meinungen auf die jeweils andere Seite der Grenze befördern. Das kann helfen, Missverständnisse und Spannungen abzubauen, so dass Normalität auf den indisch-pakistanischen Subkontinent zurückkehrt", so Naseer.

Ein Schritt in Richtung Normalität ist auch die vollständige Aufklärung der Terroranschläge von Mumbai. Dennoch wird nach Prozessende der Terrorismus ein Streitpunkt zwischen Delhi und Islamabad bleiben. Auf indischer Seite hatte man sich beeilt mit dem Verfahren gegen Ajmal Kasab; der Druck der indischen Öffentlichkeit war groß. Gerichtsprozesse gehen in Indien sonst oft nur im Schneckentempo voran. Gegen das Todesurteil kann Kasab Berufung einlegen. 

Times Group

Die Times Group betreibt Fernseh- und Radiosender, Magazine und Tageszeitungen. Ihre Times of India ist mit einer Auflage von 3,85 Millionen die auflagenstärkste englischsprachige Tageszeitung des Landes; die dazugehörige Nachrichtenwebsite ist mit monatlich mehr als 12,2 Millionen Unique Visitors eine der meistgelesenen weltweit. Beide verbreiten Beiträge und Anzeigen zur Kampagne Aman ki Asha. 

Jang Group

Zur Jang Group in Pakistan zählt die englischsprachige Tageszeitung The News sowie die urdusprachige Jang. The News bringt zweimal pro Woche – mittwochs und sonntags – eine ganze Seite zur Friedensinitiative, Jang, die mit einer Auflage von 800.000 Exemplaren erscheint, jeden Samstag. Beide Zeitungen erreichen pro Exemplar etwa acht Leser, so Shahrukh Hasan. Außerdem unterhält die Jang Group einen der populärsten Sender Pakistans, Geo TV – bei einer Alphabetisierungsrate von rund 50 Prozent ein mächtiges Instrument der Meinungsbildung.

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Aktuelle Kommentare zu dieser Meldung

17.07.2010 08:17

Thomas Hentzschel

Nach einer mehrmonatigen Reise durch Indien sowie hin und zurück freut mich dieser Bericht sehr. Wir fuhren auf dem Landweg nach Indien und zurück, beide Male durch Pakistan.

Es war belustigend und erschreckend, zu erleben, wie viel Angst viele Menschen beider Länder vor dem Nachbarn und den dortigen Menschen haben.

Natürlich stellten wir eher die Gemeinsamkeiten der meist liebenswürdigen, aber eben oft auch einfachen Menschen fest.

Möge die Initiative erfolgreich sein. Mit Sicherheit haben nämlich im Vorfeld auch Journalisten dazu beigetragen, wie schwierig die Lage jetzt ist. Die Menschen sind fast immer zu arm, um ins andere Land zu reisen und sich selbst ein Bild zu machen.

Könnten sie dies, stellten sie fest: Die sind uns ja viel ähnlicher als gedacht und haben fast die gleichen Probleme wie wir selbst.

So ähnlich ging es uns ja auch. Zumindest deutsche Medien vermitteln gerade nach Terroranschlägen "fern der sicheren Heimat" einen zumindest missverständlichen Eindruck von den dortigen Bürgern.

Besonders im Iran wurden wir, ebenso wie in Pakistan, daher immer wieder gebeten, zu Hause zu erzählen, dass die jeweiligen Inländer keine Terroristen seien. Allein der Wunsch brachte uns zum Schmunzeln- ihm sei aber entsprochen.

Iran, Pakistan, Indien, sogar der Nordirak und sowieso die Türkei, wunderschöne Länder mit gastfreundlichen Menschen. Auf jeden Fall ist es dort überall friedlicher als hier in Deutschland darüber berichtet wird.

 
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