Apple und der Journalismus
Apples Welt
Lass mich rein
Was man nicht so alles tut für ein Apple-Produkt: Rupert Murdoch hat die erste "Zeitung" konzipiert, die ausschließlich auf dem iPad zu lesen sein soll. Eigene Redaktion, eigene Inhalte nur für das iPad. Journalismus für ein einziges Gerät – das hat es bisher so noch nicht gegeben. Die Kritiken für The Daily waren nach den ersten Ausgaben zwar durchwachsen, und Gerüchten zufolge sollen auch die Abozahlen bei weitem nicht so sein, wie man sie sich bei Murdoch erhofft hatte, trotzdem soll es die Zeitung fürs iPad weiterhin geben.
Lass mich raus
Umgekehrt hat Apple auch das einzige Gerät auf der Welt gebaut, für das eine Redaktion eigens einen Zugang zum Onlineangebot sperrt: Während auf allen Computern dieses Planeten bild.de erreichbar ist, können iPad-Nutzer nur dann Post von Wagner und all den anderen bekommen, wenn sie Bild via App abonnieren. Immerhin hat das iPad dafür gesorgt, dass mit der Rheinischen Post die erste Tageszeitung in Deutschland eine eigene digitale Sonntagsausgabe hat. RP plus gibt es nur fürs iPad, mit Geschichten, die auch sonst nirgends in der RP auftauchen. Man kann übrigens mit gutem Gewissen behaupten, dass RP plus zu den erfreulicheren Erscheinungen auf dem iPad gehört. Spötter fügen gerne hinzu, dass man die Sperrung von bild.de ebenfalls zu den erfreulicheren Begleiterscheinungen zählen darf.
Lass mich dein Sklave sein
Normalerweise läuft das mit der Unternehmensberichterstattung so: Auf Unternehmensseite befassen sich Heerscharen von Menschen mit der Bilanzpressekonferenz, den dazu gehörigen Schnittchen und dem Buchen mittelattraktiver Hostessen. Man freut sich über jede Zusage, ist zu jedem Journalisten ausgesprochen freundlich und erkundigt sich geflissentlich nach dessen Befinden. Bei Apple zieht Steve Jobs einen alten schwarzen Rolli und eine verwaschene Jeans an und kündigt auf der Bühne an, demnächst ein neues Gerät herauszubringen, über das man nicht viel weiß, außer, dass es schon jetzt Lieferschwierigkeiten gibt. Das wird von nahezu jeder Redaktion auf dieser Welt mindestens mit einem Liveticker begleitet. Eine Apple-Produktpräsentation ist inzwischen jederzeit gut für einen Aufmacher im Wirtschaftsteil eines seriösen Blatts. Überhaupt ist auch das ein feiner Unterschied zur normalen Unternehmensberichterstattung. Während andere Pressemitteilungen zuhauf verschicken müssen, genügt im Fall Apple der Eintrag eines Bloggers in Neufundland, er habe ungesicherte Informationen darüber, dass demnächst das iPhone Nano herauskomme. Für eine größere Geschichte in einem Onlineangebot reicht das allemal.
Absolute Beginners
Vor gut einem Jahr war es ein Fremdwort im (deutschen) Journalismus, inzwischen geht der Begriff jedem Trainee in einem mittelgroßen Verlag flüssig über die Lippen: App. Natürlich muss man heute eine App haben, nein, eigentlich: mindestens zwei. Eine fürs iPad, eine fürs iPhone. Dabei begegnet man immer noch Verlagsmanagern, die ziemlich erstaunt reagieren, wenn man ihnen sagt, dass es auch andere Betriebssysteme als das von Apple gibt, und dass App nicht etwa eine Verkürzung von Apple sei, sondern die Kurzform von Application. Davon abgesehen kann man aber momentan in vielen Redaktionen angestrengte Diskussionen über den richtigen App-Journalismus hören. Anfang 2010 gab es gerade mal ein gutes Dutzend deutsche Redaktionen, die mit einer App im Store vertreten waren. Inzwischen gelten Apps für das iPhone für die meisten Häuser als Standard, an iPad-Apps wird fleißig geschraubt.
Freiheit
Kurios am Rande: Mit dem iPad ist zum ersten Mal ein Gerät geschaffen worden, das Gegenstand eigener Resolutionen und Verlautbarungen von Medienverbänden geworden ist. Der Europäische Verlegerverband hat im Februar "freien Zugang zum iPad" für die Verlage gefordert. Nach allem, was man hört, soll Steve Jobs nicht sehr beeindruckt gewesen sein.
12
Ausweislich eines Gruppenfotos auf der eigens dafür erstellten Website umfasst die iPad-Truppe der Frankfurter Rundschau (FR) zwölf Kollegen. Spötter behaupten, nirgends kommen mehr Mitarbeiter auf Leser als in dieser Konstellation. Ganz ernsthaft darf man aber feststellen, dass die App der FR inhaltlich, technisch und optisch zum Besten gehört, was man für die Glasplatte derzeit bekommen kann. Dass man trotzdem für ein sehr kleines Publikum einen sehr großen Aufwand betreibt – das gibt es nur im medialen Apple-Kosmos.
Turn it on again
Die Gedanken sind frei (und der Journalismus auch)? Das galt vielleicht bis Apple kam. Wer im iTunes-Store etwas anbieten darf, entscheidet allein Apple. Und die vom Konzern erlassenen Richtlinien dazu sind nicht ohne. Nacktes Fleisch ist im Reich von Steve Jobs generell nicht gerne gesehen. Auch für Radio-Anbieter hat sich kürzlich etwas geändert: Apps, die einfach nur das Programm eines Senders abspielen, werden von Apple als "Spam" bewertet. Das bedeutet in der Konsequenz, dass ein Radiosender mit einer simplen Programm-App möglicherweise gar nicht mehr in den App-Store aufgenommen wird. So muss sich Journalismus künftig auch der Frage stellen: Mag Apple das – oder nicht?
Blitzgewitter
Was war man in der Onlinewelt froh, als endlich der Kampf der Player und Videoformate vorbei war: Nach langen Zeiten der Verwirrung zwischen Real, Windows Media und Quicktime hatte sich Flash als Mehr-oder-minder-Standard für Videos durchgesetzt. Auch Animationen und interaktive Grafiken wurden häufig basierend auf Flash erstellt. Bis Steve Jobs kam und dem Spuk, nun ja, kein Ende bereitete, ihn aber ziemlich stark einschränkte. Jobs mag Adobe nicht und damit auch kein Flash. Deswegen kommt ihm kein Flash aufs iPhone, und auf das iPad schon gar nicht.
Apple Scruffs
Zugegeben, es gibt noch nirgends einen eigenen Ressortleiter Apple. Aber ein Miniressort Apple gibt es bei Deutschlands größtem Nachrichtenportal schon. Spiegel Online widmet dem Thema Apple eine eigene Themenseite. Allein bis Ende März wurde bei Spiegel Online im Jahr 2011 rund 60-mal über das Thema Apple berichtet.
Wie es Apple geschafft hat, die Medienlandschaft zu revolutionieren, lesen Sie hier.
Welchen Einfluss Apple auf ihre Arbeit hat, haben uns diese fünf Journalisten geschildert.
Aktuelle Kommentare zu diesem Text
06.04.2011 13:58
Interessant, dass der Journalismus endlich beginnt, die eigene Miluphilie kritisch zu hinterfragen.
06.04.2011 13:45
hm... gleich zwei mal die Meinung von "Spöttern" ... na hoffentlich kommen die Meldungen wirklich aus 2. Hand und sind nicht Ausdruck dafür, dass der Autor nicht zu seinen eigenen Witzchen steht ...
05.04.2011 17:42
zu 12:
Danke für das Lob. Das Gruppenfoto ist in der Übergangszeit von Entwicklung und Produktion entstanden. Aktuell arbeiten für eine iPad-Ausgabe drei Schlussredakteure, vier Gestalter, eine Fotoredakteurin und ein Multimedia-Spezialist – ergibt also neun Leute. Dazu kommen natürlich die hilfreichen Kolleginnen und Kollegen in den Ressorts.
Im Übrigen sind ja für den Erfolg eines solchen Projekts neben den Abrufen auch die Einnahmen aus den iPad-spezifischen Anzeigen wichtig. Hier sind wir sehr zufrieden – und die Kunden mit der Wirkung auch.
05.04.2011 09:56
@Herr Stöcker,
wie aber fast täglich eine mehr oder minder unnütze Apple-News bei Spiegel Online hereintröpfelt ist aber schon frappierend.
Dass man während der Guttenberg-Affäre täglich was zum Hochwohlgeborenen gelesen hat oder das derzeit Guido und die FDP auf dem Nachrichtenkarussell seine Runden dreht und immer wieder vorbeischaut, ist ja irgendwo verständlich.
Was aber an Apple so wichtig ist, dass Sie eigentlich fast täglich einen Artikel bekommen, erschließt sich mir nicht. Direkte Konkurrenten wie Google und MS sind zwar auch häufiger zu lesen, aber nicht in der Frequenz.
Und außerhalb der Computerbranche fällt die spezifische Unternehmensberichterstattung gleich noch mal um ganze Faktoren ab.
04.04.2011 17:01
Bei SPIEGEL ONLINE gibt es Themenseiten für sehr viele Unternehmen, zum Beispiel Google, Facebook, HTC, Nokia ... für viele Betriebssysteme z.B. Android, Windows, Windows Phone 7... Für viele Politiker, für jede Partei, für Autoren, Regisseure, Tierarten ... Insgesamt sind es über 8.000 Stück. Eine ganze Menge davon werden mit ähnlicher Frequenz bestückt. Sind das alles "Mini-Ressorts"?
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