In eigener Sache

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Autor

Monika Lungmus

verfasst am

03.06.2013

im Heft

journalist 6/2013

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  • 4. Juli 2011: "Mit Herzblut" weiter

In der Parkposition: Viele junge Journalisten sind nur auf Zeit angestellt.

Arbeitsverträge im Journalismus

Generation Befristung

Zeitverträge sind auch in der Medienbranche zum Normalfall geworden. Das belastet vor allem Volontäre, so sie überhaupt das Glück haben, nach ihrer Ausbildung übernommen zu werden. Die Arbeitgeber versprechen sich mit Befristungen eine größere Flexibilität. Doch geht die Rechnung am Ende auf?

Ein Dauerjob ist wie ein Sechser im Lotto. Das weiß Eva-Maria. Nach dem Volontariat hatte ihr der Verlag zunächst einen Halbjahresvertrag angeboten, dann unterschrieb sie den nächsten Halbjahresvertrag. Ihr jetziges Arbeitsverhältnis ist auf ein Jahr befristet. Wie es danach weitergeht, ist offen. Fest steht nur, dass sie derzeit für 2.600 Euro brutto im Monat deutlich mehr als die vertraglich vereinbarten 40 Wochenstunden arbeitet. 60 Stunden pro Woche seien es mindestens, sagt die junge Journalistin, die nicht erkannt werden will. Für die Mehrarbeit bekommt sie keinen zusätzlichen Cent. Denn Überstunden seien vertraglich mit dem Gehalt abgegolten. "Ein Depp, wer so etwas unterschreibt", sagt Eva-Maria. Aber sie habe keine Wahl.

Prekäre Arbeitsverhältnisse sind auch in der Medienbranche längst Normalität. "Es ist die Pest der modernen Arbeitswelt", schimpft Wolfgang Zauner vom Bayerischen Journalisten-Verband (BJV), dem das Thema schon seit Jahren am Herzen liegt. Zauner ist Vorsitzender der BJV-Fachgruppe Betriebsratsarbeit und betont: Früher habe ein befristet eingestellter Mitarbeiter noch gute Aussichten auf einen Dauerjob gehabt. Heute sei das keineswegs mehr so. "Ich kenne Leute, die haben seit zehn Jahren nichts anderes als befristete Arbeitsverträge", sagt Zauner. "Ein Riesenproblem."

Betroffen sind vor allem Berufsanfänger. "Zuerst bibbern sie darum, nach dem Volontariat bleiben zu dürfen, und dann bangen sie von Befristung zu Befristung um ihre Anstellung", beschreibt Kathrin Konyen die Situation. Die freie Journalistin, die sich seit 2011 im Bundesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) engagiert, gehört selbst zur "Generation Befristung", kennt die Probleme hautnah aus eigener Anschauung. Kaum einer der jungen Kollegen traue sich beispielsweise noch, eine Familie zu gründen. "Studien haben auch schon belegt, dass der Druck, der durch befristete Arbeitsverhältnisse entsteht, auch Auswirkungen auf die Gesundheit hat."

DJV-Tarifexpertin Gerda Theile schätzt, dass mittlerweile 90, vielleicht sogar 95 Prozent der Neueinstellungen bei Verlagen erst einmal befristet erfolgen. Möglich macht dies das Teilzeit- und Befristungsgesetz. Danach können Arbeitgeber neue Mitarbeiter für eine Dauer von bis zu zwei Jahren befristet einstellen, ohne dass sie dafür einen Grund angeben müssen. Sie können diese Mitarbeiter sogar weiterhin mit Zeitverträgen beschäftigen, wenn etwa gerade eine Schwangerschafts- oder Krankheitsvertretung gesucht wird. Liegt ein Sachgrund vor, dann sind auch mehrere aufeinander folgende Zeitverträge möglich.

Flexible Reserve

Die Arbeitgeber schöpfen ihre gesetzlichen Möglichkeiten offensichtlich aus. Seit Inkrafttreten des aktuellen Gesetzes im Jahr 2001 ist die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse in Deutschland von 1,7 auf 2,7 Millionen gestiegen. Der Anteil liegt damit bei 9,6 Prozent. Für DJV-Referentin Gerda Theile ist das auch Ausdruck des Zeitgeists: "Die Arbeitgeber sehen sich nicht mehr in einer sozialen Verpflichtung gegenüber ihren Arbeitnehmern. Sie wollen sich eine flexible Reserve an Mitarbeitern halten, die sie billig und problemlos wieder loswerden können, wenn sie nicht mehr gebraucht wird."

Theiles Appell an die Verleger: "Stockt den Stellenplan auf!" Befristungen hält sie angesichts der dünn besetzten Redaktionen für nicht gerechtfertigt. Hört man sich in den Häusern um, erfährt man allerdings, dass hier gerade das Gegenteil passiert. Frei werdende Stellen, so lautet dort die Ansage, sollen möglichst nicht wieder besetzt werden. Bei der Neuen Westfälischen (NW) in Bielefeld etwa werden bis Jahresende 2013 etliche Redakteure in Rente oder Altersteilzeit gegangen sein. Sie sollen nicht ersetzt werden. Und wenn, dann wird wohl nur befristet eingestellt, mutmaßt Jeanette Salzmann, die Betriebsratsvorsitzende. "Das ist ein großes Ärgernis", sagt sie. "Denn wir sehen, dass uns der Nachwuchs fehlt." Die Redaktion sei überaltert; es fehle der Input junger Leute. Die Chefredaktion wollte sich nicht dazu äußern.

Das gilt auch für die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) in Kassel, die seit 2008 dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger nur noch als Mitglied ohne Tarifbindung (OT) angehört und bei der es ebenfalls heißt: Jede frei werdende Stelle kommt auf den Prüfstand. "Wir hoffen aber, dass möglichst viele Stellen erhalten bleiben", sagt die Betriebsratsvorsitzende Ulrike Weinmeister. "Denn wir brauchen auch junge Redakteure, um eine junge Zeitung zu machen." Bei der HNA erhalten Volontäre, so sie denn überhaupt das Glück haben, übernommen zu werden, in aller Regel einen auf ein oder zwei Jahre befristeten Vertrag. Wer sich bewähre, könne sich aber durchaus Hoffnung machen, eine Daueranstellung zu bekommen.

Bei der NW werden erst einmal alle Volontäre nach der Ausbildung vier Monate lang weiterbeschäftigt. Der Vorteil: Werden sie nach ihrem befristeten Redakteursverhältnis arbeitslos, erhalten sie zumindest ein höheres Arbeitslosengeld, als sie es als Volontäre bekommen hätten. Zudem kann man sich aus einer Redakteursstelle heraus besser bewerben.

Also lieber befristet als gar nichts? Bei der Bremer Tageszeitungen AG (Btag), die den Weser-Kurier und die Bremer Nachrichten herausgibt, werden die Ex-Volos bei einer Leiharbeitsfirma angestellt, an der der Verlag beteiligt ist. Die Leihredakteure verdienen nicht nur wesentlich weniger als die langjährig beschäftigten Tarifkollegen, sie müssen sich zudem bei der Einstellung mit Fristverträgen begnügen. Das sei jedenfalls bislang so gewesen, berichtet die Betriebsratsvorsitzende Ruth Gerbracht.

Angepasst statt selbstbewusst?

"Die Situation ist fatal", sagt Gerbracht. "Die Bezahlung der Kollegen ist unwürdig. Sie bekommen bei einer 40-Stunden-Woche anfangs 2.400 Euro, und nach Ablauf der sechsmonatigen Probezeit sind es gerade mal 2.700 Euro. Würde man die 14 Leihredakteure, die hier auf Planstellen sitzen, aus dem Haus abziehen, dann würde hier alles zusammenbrechen. Das wäre eine Vollkatastrophe."

Zwar erreicht der Arbeitgeber mit den Befristungen größtmögliche Flexibilität und kann – wie etwa im Fall der Btag – sogar noch Personalkosten sparen, wenn er die Möglichkeiten der Tarifflucht ausreizt. Aber schaut man näher hin, tun sich Verlage, die ihren Nachwuchskräften keine berufliche Perspektive bieten, nicht wirklich einen Gefallen: Bindungen an das Haus können durch die Befristung jedenfalls nicht entstehen. Gute Leute schauen sich schnellstens nach attraktiveren Angeboten um und gehen, bevor sie eine unsichere, dazu noch schlecht bezahlte Redakteursstelle antreten. Schon heute klagen manche Verlage über die abnehmende Zahl qualifizierter Volontariatsbewerber.

Zudem: Ist es für den Journalismus wirklich förderlich, wenn sich der Nachwuchs, aus Angst, vielleicht den Job zu verlieren, brav und angepasst zeigt? Wenn, wie DJV-Bundesvorstandsmitglied Kathrin Konyen in ihrem Umfeld beobachtet hat, sich "Kollegen immer weniger trauen, den Mund aufzumachen und ihre Rechte einzufordern"? Braucht nicht gerade die Branche selbstbewusste, kritische Leute, die sich nicht scheuen, auch mal beim Chefredakteur anzuecken? Ariane Funke, Vorsitzende des DJV-Bundesfachausschusses Junge, ist jedenfalls überzeugt, dass sich Angst, Druck und Stress negativ auswirken. Die Kreativität der Branche leide, wenn Befristungen zur Regel werden. "Denn Kreativität braucht Mut, Freiheit – und Zeit. Keine Befristung."

Befristete Jobs gibt's auch bei den Rundfunksendern. Die Befristungen haben hier aber wie etwa beim NDR und beim WDR in fast allen Fällen einen Sachgrund. Beim NDR, wo die Befristungsquote bei etwa neun Prozent liegt, geht es oftmals um Vertretungen – etwa bei Elternzeit, Krankheit oder zeitlich befristeten Auslandseinsätzen von Reportern.

Beim WDR, wo ebenfalls neun Prozent der Belegschaft einen Zeitvertrag haben, sind viele Befristungen dem Umstand geschuldet, dass man den Beschäftigten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen will. Der WDR zeigt sich daher besonders großzügig, wenn unbefristet angestellte Mitarbeiter von Vollzeit auf Teilzeit umsteigen wollen. Am Ende der Kette sitzen dann die Kollegen, die mit befristeten Arbeitsverträgen ausgestattet sind und die restlichen Arbeitszeiten auffangen.

Anders ist die Situation bei Infonetwork, dem Redaktionsdienstleister der RTL-Mediengruppe. "Es gibt hier eine ausufernde Zahl von Zeitverträgen. Denn jeder, der hier neu eingestellt wird", sagt Betriebsratsvorsitzender Frank Hippéli, "bekommt eine Befristung." Es gebe Kollegen, die seien schon seit zehn und mehr Jahren befristet. Immerhin hat der Betriebsrat inzwischen erreichen können, dass sich die Quote der Befristungen von rund 60 Prozent auf etwa 46 Prozent reduziert hat. "Das ist ein schöner Erfolg", sagt Hippéli. "Aber von einer befriedigenden Situation sind wir noch weit entfernt."

"Befristet lebt man zweitklassig"

Die Geschäftsführung begründet ihre Personalpolitik regelmäßig damit, dass sie Flexibilität brauche. In den Arbeitsverträgen beruft sie sich darauf, dass es sich um programmgestaltende Mitarbeiter handele. Und die kann der Sender bei Bedarf aus Gründen der Meinungsvielfalt leichter auswechseln. Warum aber, fragt sich Frank Hippéli, werden dann ausgerechnet fast alle CvD und Redaktionsleiter, also jene Mitarbeiter, die das Programm viel stärker beeinflussen als ein normaler Redakteur, unbefristet eingestellt? "Das ist von der Logik nicht nachvollziehbar." Der Betriebsrat möchte transparente Kriterien für eine Befristung. "Wir wollen keine Ewigkeitsbefristungen."

Befristungen sieht Hippéli auch als gesellschaftliches Problem. Der Zusammenhang zwischen niedriger Geburtenrate und der Zunahme der Zeitjobs sei wissenschaftlich belegt. Zudem werde die innerbetriebliche Demokratie ausgehebelt. "Wer um seine Vertragsverlängerung bangen muss, der engagiert sich doch nicht im Betriebsrat", meint Hippéli.

"Als Befristeter lebt man zweitklassig", zitiert er einen Kollegen. Eva-Maria kann das nur bestätigen. Zufrieden ist sie mit ihrer Lebenssituation jedenfalls nicht. "Langfristig werde ich mich wohl von meinem Traumberuf verabschieden müssen."

Die Autorin

Monika Lungmus arbeitet als Redakteurin beim journalist. Hier geht es zu ihrem Twitter-Kanal.

 

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

17.05.2013 11:53

Herr Kleitos

Man muss auch die positiven Aspekte beleuchten: So verringert sich die Distanz der Medien bzw. der Journalisten zum Rest der Bevölkerung und die Berichterstattung über und für Letztere gewinnt so an Authentizität.

15.05.2013 14:35

JJ Preston

Herr Heim, Sie haben am Ende Ihres letzten Satzes ein Wort vergessen. Es muss heißen: "... und die anderen, welche sich auf das Spiel einlassen MÜSSEN."

Falls Sie nicht wissen, was ich meine, fahren Sie mal in der Mittagspause zu einer Spezialbuchhandlung an Ihrer nächstgelegenen Uni, kaufen Sie sich das SGB III, nehmen Sie sich zwei Abende Zeit, einen guten Merlot und genießen Sie die Lektüre. Ich möchte Ihnen dabei insbesondere den Paragraphen 159 ans Herz legen sowie das vierte Kapitel, erster Abschnitt. Wirklich hochgradig interessant und viel besser als Stephen King!

15.05.2013 11:23

Ingo Koecher

Befristungen sind kein journalistisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Hinzu kommt, dass gerade im Printbereich viele glauben, aber keiner weiß, wo die Entwicklung hingehen wird, wie Details insbesondere Abrechnungsmodelle in Zukunft aussehen könnten. Hier mal etwa weitergedacht: http://bit.ly/14mFyu6

15.05.2013 10:58

Oliver Heim

Leider, und dies gilt für alle Arbeitsverhältnisse: Es gehören immer zwei zur Ausbeutung dazu. Die einen, welche die miesen Verträge anbieten, und die anderen, welche sich auf das Spiel einlassen.

15.05.2013 09:07

Clemens Sorge

Immer diese Verallgemeinerungen ... Ständige Befristungen betreffen eben nicht eine ganze "Generation", sondern sehr oft diejenigen, die hauptberuflich darüber in den Medien jammern können.

Es kann mir doch keiner sagen, dass er Journalistik studiert hat, um viel Geld zu verdienen oder einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.

 
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