ARD und ZDF
Die können auch anders
Genre: Dokusoap, Sender: ZDF Neo
Die Promi-Pauker, Hochzeitsfieber, Plan B

Bild: ZDF / Frank W. Hempel
Themen aus der Mitte der Gesellschaft – nach denen angelt sonst nur die Kanzlerin in ihren Parteitagsreden. Und seit vergangenem November auch der digitale Spartenkanal ZDF Neo. Dort hat man es sich zur Aufgabe gemacht, Dokusoaps zu produzieren, die fair mit ihren Protagonisten umgehen und Themen aufgreifen, die in den Nachrichten sonst selten vorkommen. Ein hervorragendes Beispiel dafür war "Der Straßenchor", für das ein Kamerateam Berliner Obdachlose bei einer Chorgründung begleitete. Im Frühjahr mussten sich Heide Simonis, Gülcan Kamps und Michael Andrack als "Promi-Pauker" beweisen – und halfen so, die üblichen Lehrerklischees zu brechen. Aber das war’s dann leider auch schon mit den lobens werten Beispielen.
Was ZDF Neo sonst an Eigenproduktionen über den Sender schickt, ist oft bloß hastig zusammengeschnittener Unsinn. In "Hochzeitsfieber!" prahlen fünf junge Frauen um die Wette, wer das tollste Kleid und die dickste Torte ausgesucht hat. In "Plan B" besucht ein weiblicher Job-Coach namens Jo B. Nolte Menschen, die sich (zum Beispiel) mit einem Hawaii-Massage-Studio selbstständig machen wollen, und gibt ihnen den Tipp, mal darüber nachzudenken, wie viel Geld sie zurückgelegt haben, bevor sie die Ladeneinrichtung kaufen. Hochzeit und Selbstständigkeit seien wichtige Themen aus der Zielgruppe der 25- bis 49-Jährigen, an die sich das ZDF wendet, argumentiert man beim Sender. Leider ist der Umsetzung häufig aber doch anzusehen, dass das ZDF die Dokusoaps für seinen Junge-Leute-Kanal aus der Kaffeekasse bezahlt. Dann guckt man doch besser wieder "Raus aus den Schulden".
Genre: Castingshow, Sender: Das Erste
Unser Star für Oslo

Bild: NDR / ProSieben / Willi Weber
Geht doch: "Die ARD war mit der Ausstrahlung des Finales so jung wie nie. Bei den unter 49-Jährigen hatten wir über 20 Prozent Marktanteil – das jüngste Programm an diesem Abend", freute sich ARD-Programmdirektor Volker Herres im Gespräch mit Welt Online über den Eurovision Song Contest – und schien selbst noch ein bisschen überrascht. Er hat aber recht: Die vorher im Senderverbund so kritisch ge sehene Zusammenarbeit mit Stefan Raab und ProSieben, war die richtige Entscheidung. "Unser Star für Oslo" war ernsthaft, aber nicht unironisch; bunt, aber nicht laut; unterhaltsam, aber nicht um jeden Preis. In jedem Fall gehörte die Show zu den herausragendsten Programmen, die das Erste den jungen Zuschauern in den vergangenen Jahren zu bieten hatte – und genau da liegt das Problem. Denn so sehr sich ARD und ProSieben auch um ein gemeinschaftliches Auftreten bemühten: Die Show trug unverkennbar Raabs Handschrift. So war es gewollt, so war es gut, aber die Dauerlösung für eines der größten Probleme der ARD wird das nicht sein.
Genre: Talk, Sender: ZDF Info
Kavka

Bild: ddp / Steffi Loos
Warum sollen eigentlich immer nur Parteivorsitzende, Generalsekretäre und Wissenschaftler gesellschaftsrelevante Themen im Fernsehen debattieren? Was ist denn mit allen anderen, die auch was zu sagen und keine Lust haben, bei "Anne Will" aufs Betroffenensofa gesetzt zu werden? Ganz einfach: Die gehen zu Markus Kavka. Zweimal ist dessen Experimentaltalk bisher im Spartensender ZDF Info gelaufen, und wahrscheinlich lässt man sich mit der nächsten Sendung exakt so viel Zeit, dass die wenigen Zuschauer, die dabei waren, schon wieder verdrängt haben, dass es plötzlich eine Sendung gab, in der es um Themen ging, die wirklich was mit ihrem Leben zu tun haben: Muss man mitten in der Krise schon froh sein, überhaupt einen unterbezahlten Job zu erledigen, der die Existenz sichert? Liegt es am Internet, dass jungen Leute kaum noch auf die Straße gehen, um zu protestieren?
So durcheinander und überfrachtet die ersten Ausgaben auch gewesen sein mögen – das ZDF hat bewiesen, dass es möglich ist, dort eine Sendung zu machen, die aufzugreifen versucht, was sonst Alltagsgespräch am Arbeitsplatz oder in der Kneipe ist. Fortsetzung folgt? Die Entscheidung soll im Mai getroffen werden.
Genre: Infotainment, Sender: Eins Plus
Wissenswerk

Bild: SWR / Melanie Grande
Es ist ein Fluch. Die ARD stürzt sich auf alles, was auch nur entfernt nach Wissensvermittlung aussieht – und macht eine Show draus. Wie das unglaublich schiefgehen kann, demonstriert seit Anfang März die Low-Budget-Produktion "Wissenswerk" im Spartensender Eins Plus, in der Moderatorin Kathy Weber und Comedian Vince Ebert "frech, temporeich und kontrovers" Comedy mit Alltagswissen verknüpfen sollen. Deshalb erklären sie unter anderem, dass jeder im Jahr 214 Eier isst, warum Glühwürmchen leuchten, woher die Milch ihre Farbe hat und dass Männer am Tag 546 Wörter weniger reden als Frauen.
Schöne Kindersendung? Soll aber für Erwachsene sein. Im Vergleich mit "Wissenswerk" gleicht jede "Sendung mit der Maus" einer wissenschaftlichen Abhandlung. "Innovativ und zugleich anspruchsvoll" findet der SWR-Fernsehdirektor die von seinem Sender in Auftrag gegebene Wissenshow, bei der die Moderatoren die Zuschauer fit machen wollen, "um bei der nächsten Party im Smalltalk so richtig gut zu sein". Mal ehrlich? Auf Partys, bei denen Gäste prahlen, was sie in einem ARD-Spartenkanal gesehen haben, möchte man doch lieber nicht eingeladen werden.
Genre: Unterhaltungsshow, Sender: Das Erste
Krömer – Die internationale Show, Inas Nacht

Bild: rbb / Daniel Porsdorf
Witzig sein im Ersten? Das funktioniert. Es ist nicht der generationenübergreifende, massenkompatible Humor, den man als Moderator einer Samstagabendshow beherrschen muss (obwohl das bei der Verpfl ichtung von Guido Cantz als Nachfolger Frank Elstners bei "Verstehen Sie Spaß" keine Rolle gespielt hat). Aber wer in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit einer kuscheligen Gästerunde und Mut zum Nonsens auf Sendung geht, kann darauf gut und gerne verzichten. So wie Kurt Krömer und Ina Müller. Beide haben es mit ihren Shows aus den dritten Programmen ins Erste geschafft. Das wird viel zu oft übersehen, wenn es um die Innovationskompetenz der ARD geht.
Zwar ist man offensichtlich nur noch dann mutig, wenn es draußen schon lange dunkel geworden ist. Aber Hauptsache, es geht – so wie bei "Krömer – Die internationale Show", in die der Gastgeber nur Promis einlädt, die er selbst gut findet und gerne mal veräppeln mag, und bei "Inas Nacht", wo weniger veräppelt und mehr gesungen und getrunken wird. Beide Sendungen sind Ausnahmebeispiele dafür, dass die Dritten sehr wohl noch als Entwicklungs labor funktionieren, in dem sich weniger massenkompatible Moderatoren ausprobieren können.
Genre: Vorabendquiz, Sender: Das Erste
Das Duell im Ersten

Bild - ARD / Thorsten Jander
Im Ersten ist der Vorabend, wo zwischen den Sendungen Werbung läuft, seit Jahren für Soaps reserviert, und vor der "Tagesschau" läuft seit 2001 "Das Quiz mit Jörg Pilawa" (der im Herbst zum ZDF wechselt und ersetzt werden muss). Zwischendrin hat sich die ARD lange Zeit Platz für preisgekrönte junge Serien wie "Berlin, Berlin" und "Türkisch für Anfänger" gegönnt, die tatsächlich eine Alternative zum Einerlei der Privaten waren. Bevor er sich in den Halbruhestand verabschiedete, hat Programmdirektor Günter Struve diese Nische noch schnell wegradiert.
Nach dem gescheiterten Telenovela-Versuch "Eine für alle" hielt man es im vergangenen Jahr für eine gute Idee, auf dem 18.50-Uhr-Sendeplatz künftig auf fi ktionale Programme zu verzichten – und stattdessen noch ein Quiz zu zeigen. "Das Duell im Ersten" heißt der Lückenfüller, in dem Moderator Florian Weber alberne Spielchen ansagen muss – eine Beleidigung für jeden Kindergeburtstag. Kürzlich gewann ein Kandidat 20.000 Euro, weil er auf einem Bild Michel aus Lönneberga erkannte, den Vornamen der derzeitigen Landwirtschaftsministerin wusste, Wolfgang Petrys Hit "Wahnsinn" zu Ende texten konnte und im Spiel "Ich packe meinen Koffer" besser war als seine Kontrahentin. Von innovativer Unterhaltung ist das so weit entfernt wie Dieter Bohlen von einer Karriere als Klassik-Komponist.
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