Detail-Informationen

Autor

Simon Feldmer

verfasst am

08.04.2014

im Heft

journalist 4/2014

iTunes für Texte? Die Verlage haben kein Interesse daran. Jetzt entwickeln es andere. (Bild: journalist)

Bezahlmodelle

Abo, nein danke!

Bezahlmodelle im Netz sind nach wie vor ein Politikum – von der lokalen Boulevard- bis zur überregionalen Abonnementzeitung. Wer sich bewegt, wird beobachtet. Keiner will einen Fehler machen. Die einen schauen beim anderen ab. Herausgekommen sind vor allem Abomodelle. Warum eigentlich? Warum gibt es immer noch kein funktionierendes Micropayment-System? Eine Art iTunes für journalistische Texte? Den Verlagen scheint es nur um ihre Stammleser aus dem Aboprintzeitalter zu gehen. Auf der Strecke bleibt das Nachwuchspublikum. Wenn es nach einem Münchner Start-up geht, könnte sich das schon bald ändern.

Neue Geschäftsideen verkauft man besser mit einer netten Story drumherum. Und so holt auch Cosmin-Gabriel Ene zu einer kleinen Geschichte aus, damit seinem Zuhörer die Geburtsstunde seines Start-ups Laterpay vielleicht etwas besser im Kopf bleibt: Beim Sushi-Essen in Moskau fiel Ene, einst Mitgründer des Musiksenders Deluxe Music, demnach ein, wie das Bezahlen etwas simpler, überzeugender organisiert werden könnte. Das Bezahlen von digitalen Inhalten, versteht sich. "Im Restaurant bekommt man auch zuerst sein Essen und zahlt hinterher. Das hat mit Vertrauen zu tun", sagt der 39-Jährige und blickt in die kleine Runde im Nebenzimmer des Großraumbüros mit Isar-Blick in München. Erst lesen lassen, dann kassieren. Laterpay. Alles klar.

BR-Moderator und Blogger Richard Gutjahr sitzt Ene gegenüber, Christian Hasselbring, einst bei Tomorrow Focus, Springer und zuletzt Geschäftsführer von stern.de, ebenfalls. Hasselbring hat jetzt auf seiner Laterpay-Visitenkarte Business Development stehen. Gutjahr (auch als Autor für den journalist tätig) ist zuerst großer Laterpay-Fan geworden und dann journalistischer Berater des Start-ups. Auf der anderen Seite der Glastrennwand arbeiten Programmierer an ihren Bildschirmen, die von Island über Argentinien bis Österreich zusammengezogen wurden, um die letzten Feinheiten aufzusetzen. "Für die Entwicklung des Systems brauchen wir echte Brains", sagt Laterpay-Gründer Ene in bestem Start-up-Sprech.

Ein patentiertes Tracking-Verfahren ist die Basis. Mehr als zwei notwendige Klicks sollen die Leser beim Kauf von Inhalten nicht nerven auf den Seiten, die auf das Laterpay-Modell setzen. Bis auf niedrige fünf Cent kann man den Preis pro Artikel festlegen. Laterpay gibt an, 85 bis 90 Prozent des Betrags auszuschütten. Sonst übliche Transaktionsgebühren liegen oft deutlich höher, bei 30 Prozent und mehr. Bezahlt werden muss mit einer der gängigen Methoden wie Lastschrift, Kreditkarte oder Paypal erst dann, wenn der Leser bei verschiedenen Angeboten, die mit Laterpay arbeiten, alles in allem fünf Euro zusammengelesen hat. Dann wird ihm eine Rechnung zugemailt, die aussieht wie der Verbindungsnachweis eines Handyanbieters. Auf der Rechnung steht, wann er was gelesen hat. Hört sich alles gut an. Allein: Enes Ansatz passt eigentlich so gar nicht in die Zeit, zumindest nicht in die der Zeitungsverlage. Die ticken gerade ganz anders.

Das rechnet sich einfach nicht

Die Verlage, die in die digitale Bezahlwelt starten, haben in den seltensten Fällen ein sogenanntes Pay-per-use-Modell im Gepäck. 10, 20, 50 Cent pro Artikel – das rechne sich einfach nicht, so die häufige Antwort. Micropayment sei längst gescheitert, sagen Verlagsmanager. Dass der Einzelverkauf statt eines starren Abos, das aus der Papier- in die Digitalwelt überführt werden soll, dem Leseverhalten junger Menschen, die mal hier vorbeikommen, mal dort einen empfohlenen Artikel lesen, vielleicht stärker entgegenkommen könnte, bestreiten zwar nur wenige. Spricht man mit Medienmanagern und ihren Beratern, wird jedoch schnell klar, dass sie eher an andere Leserschichten denken, wenn sie über Bezahlmodelle im Netz nachdenken: an ihre Stammleser. Zu denen zählt, vorsichtig formuliert, der Lesernachwuchs meist nicht unbedingt.

Alexander Kahlmann von der Unternehmensberatung Schickler, die Verlage bei der Einführung von Bezahlmodellen berät, sagt: "Die Menschen, also auch die User, werden älter. Das wird Auswirkungen auf die Pricing-Modelle haben." Mit anderen Worten: Die Älteren sind das Modell Abonnement gewohnt, also sollen sie ihre Abos auch bekommen. Steven Neubauer, bis vor kurzem noch McKinsey-Berater und seit Februar Leiter Marketing und Produkte bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), sagt: "Natürlich ist auch die wachsende Zahl der über 50-Jährigen im Netz eine relevante Zielgruppe für uns." Die NZZ, die im Herbst 2012 ihre Bezahlschranke eingeführt hat, gibt aktuell 17.000 Digitalabos an, bei 862.000 Unique Usern auf der Seite nzz.ch. Heißt: Jeder 50. Besucher der Seite zahlt regelmäßig dafür. Die Zahl ist ordentlich. Im üblichen Rahmen. Das Abo um Micropayment-Angebote zu erweitern, schließt Neubauer zwar nicht aus, aber: "Da ist noch nichts spruchreif."

Viele Medienmacher geben sich überzeugt, dass Leser bereit seien, für journalistische Inhalte im Netz Geld auszugeben. Jeder vierte Internetnutzer in Deutschland habe schon einmal für redaktionelle Online-Angebote bezahlt, hat der Hightech-Verband Bitkom im Januar vermeldet. Aus solchen Umfragen schöpfen Verlagsstrategen Hoffnung. Was aber noch lange nicht heißt, dass es im großen Stil dazu kommen wird. Und schon gleich gar nicht, dass nun plötzlich digitale Einzelverkaufs-Modelle vor dem Durchbruch stehen. Oder Laterpay. Oder andere Micropayment-Anbieter. Doch zumindest die Diskussion über den besten Weg wird gerade wieder ein bisschen variantenreicher.

Die Angst vor dem Reichweitenverlust im Netz ist groß

Die digitale Revolution und die Medien: Bezahlmodelle liegen im Trend, sind aber nach wie vor ein großes Politikum – von der lokalen Boulevard- bis zur überregionalen Abonnementzeitung. Wer sich auf dem digitalen Geschäftsfeld bewegt, wird genau beobachtet. Keiner will hier einen Fehler machen. Die Angst vor dem Reichweitenverlust im Netz ist groß. Weshalb die Münchner Abendzeitung, obwohl ihr das Wasser auf allen Ebenen bis zum Hals stand (siehe journalist 14/04), es nicht mit einem Bezahlmodell im Netz versucht hat, kommentierte Verleger Johannes Friedmann in der Süddeutschen Zeitung (SZ) so: "Das kann sich die AZ nicht leisten, da vorzupreschen auf dem Münchner Markt, auf dem es im Internet zwei andere Boulevardzeitungen größtenteils gratis gibt." FAZ-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron wollte eigentlich Anfang des Jahres erste Ansätze eines Bezahlmodells präsentieren. Bis heute ist davon nichts zu sehen. Bei stern.de heißt es auf die Frage nach Paid-Content-Plänen nur kurz: "Nein, das steht aktuell nicht im Fokus." Bei Zeit Online ebenso wenig. "Auch das Wirtschaftsressort hat schon immer das Auslandsressort mitfinanziert. Mischkalkulationen im Zeitungsgeschäft sind nichts Neues", sagte Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner bei einem Medienforum in München.

Beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger rechnet man damit, dass bis Ende des Jahres "weit über 100 deutsche Zeitungen" eine Bezahlschranke errichtet haben werden. Die SZ wird im Laufe des Jahres mit einer "filigranen" Lösung, wie es in München heißt, dabei sein: einem noch nicht näher beschriebenen Club-Modell. DuMont und Funke wollen starten. Viele schauen auf Springer, viele auf die New York Times, die zuletzt das Monatskontingent der kostenlos lesbaren Artikel auf Desktop und Smartphone auf zehn heruntergesetzt hat. Ab dem elften Artikel muss man Abonnent werden. Oder man lässt es eben.

Auch beim deutschen Marktführer unter den klassischen Nachrichtenseiten wird in den nächsten Monaten der Hebel umgelegt. Spiegel und Spiegel Online wachsen stärker zusammen. Spiegel-Texte werden zum Premiuminhalt auf Spiegel Online, für den man bezahlen muss, wenn man mehr als vier oder acht Texte im Monat lesen will. Die Anzahl der kostenlosen Artikel vor der Schranke ist noch nicht final geklärt. "Im Laufe des kommenden Jahres wird die Bezahlwelt sichtbar werden", sagt Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner. 2015 wolle man einen großen Schritt weiterkommen.

Wolfgang Büchner, Spiegel-Chefredakteur:
Bild: Jan Zappner

Noch wird im Spiegel-Hochhaus in Arbeitsgruppen unter der Leitung von Rüdiger Ditz, jetzt geschäftsführender Redakteur des Spiegels, gewerkelt. Das Angebot soll ausgebaut werden. Büchner berichtet von drei Schwerpunkten, die von tiefergehenden Recherchemöglichkeiten für Leser zu bestimmten Spiegel-Themen bis hin zum Austausch der Leser mit der Redaktion reichen. Neu klingt irgendwie anders. Aber nachdem die Spiegel-Online-Gratiskultur 20 Jahre lang die Nachrichtenlandschaft im Netz geprägt hat, ist die Umstellung dennoch ein Schritt, der auffallen wird.

Der Druck von im Printgeschäft wegbrechenden Umsätzen ist groß genug. Die Alternativen zum Inhalteverschenken rücken in den Vordergrund. Bislang ist nur keine Lösung in Sicht, mit der man aus der Printwelt bekannte Redaktionen mit 100, 200 oder mehr Journalisten bezahlen könnte. Zeitungs-Apps mit individualisierten Inhalten gibt es längst, so mancher digitale Zeitungskiosk ist bereits gescheitert. Es werden ständig neue Ideen auf den Markt gespült, um die wegbrechenden Printerlöse im Netz wenigstens ein klein wenig aufzufangen.
Über ein iTunes oder ein Spotify für Verlage wird auf Kongressen und Podien gerne gesprochen. Sie sind aber nirgendwo in Sicht. Und wohl auch nicht wirklich gewollt, weil in den großen Zeitungs- und Zeitschriftenhäusern jeder lieber sein eigenes Geschäft macht.

Oliver Stock, Chefredakteur von Handelsblatt Online, könnte der Idee trotzdem grundsätzlich etwas abgewinnen: "Ein iTunes für Verlage wird eher von außen kommen – und nicht aus der etablierten Verlagswelt. Eigentlich müsste es auch global sein. Damit so etwas gelingt, müsste sehr viel Kraft und Marktmacht dahinterstehen." Die Analogie zur Musikwelt passt allerdings vielleicht ohnehin nicht zum Nachrichtengeschäft. "Einen Musiktitel hört man sich in der Regel öfter an, einen Artikel liest man einmal", sagt Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers, der als einer der wenigen ein Einzelverkaufs-Modell mit anbietet, ohne auch nur von einem kleinen Erfolg sprechen zu wollen. Trägt sich so. Mehr aber auch nicht.

In der Praxis geht's eben doch meist ums Abo

Auch das Handelsblatt, das mit Handelsblatt Live seit gut einem Jahr eine Bezahl-App füllt, die jeden Tag mit einem exklusiven Aufmacher rausgehen soll, schweigt sich zu den Umsätzen im Digitalgeschäft aus. Handelsblatt-Online-Chefredakteur Stock sagt aber, dass seine Redaktion im vergangenen Jahr in die schwarzen Zahlen gekommen sei. "Und das ohne Inhalte aus der Zeitung, allein aus eigener Kraft", so Stock. 70 Leute arbeiten bei Handelsblatt Online. Seit November 2013 haben die Düsseldorfer auch ein eigenes Kaufhaus im Netz stehen. Kaufhaus der Weltwirtschaft wurde es hochtrabend genannt. Einzelartikel, Dossiers und E-Books, basierend auf Handelsblatt-Geschichten, liegen dort in der Auslage – die Themen reichen von Uli Hoeneß bis Krim-Krise. Besser laufen Nutzwertthemen wie Die zehn größten Anleger-Irrtümer für 1,99 Euro oder Clever sparen für den Ruhestand für 5,99 Euro. Bücher, Wein und Kunst gibt es obendrauf. Für Radierungen aus der Handelsblatt Art Cologne Edition 2013, ein 2er Set Kirschen und Kuchen, kann der Handelsblatt-Kaufhaus-Besucher schon mal 3.400 Euro hinlegen. Stock: "Wir verkaufen unsere Inhalte auch über neue Wege."

Für 24 Stunden konnte man im Februar bei der Chicago Sun-Times als erster US-Zeitung Geschichten im Netz mit Bitcoins und Tweets bezahlen. In den Niederlanden startet diesen Monat ein Soziales Medien-Netzwerk namens Blendle. Rund 40 Zeitungen und Magazine seien dabei, die auch in einem typischen niederländischen Zeitungskiosk zu finden seien, sagt Mitgründer Marten Blankesteijn. Gerne würde Blendle auch nach Deutschland gehen. Erste Termine mit Verlegern seien vereinbart, sagt Blankesteijn. Bei Blendle zahlt man über ein Prepaid-Konto für einzelne Artikel (etwa zwischen 10 und 80 Cent), die dem Leser von anderen Nutzern empfohlen werden oder die er über die Blendle-Suchmaschine findet. Abonnenten können ihre Zeitung über den Dienst auch digital kostenlos weiterlesen. So will man verhindern, dass Verlage Abonnenten verlieren. Nutzer, die viele Artikel einer bestimmten Zeitung bei Blendle abrufen, sollen vom Netzwerk ein Angebot für ein Abo zugeschickt bekommen. Einiges an Blendle könnte deutschen Verlegern gefallen. Eines aber sicher nicht: Der Dienst behält 30 Prozent pro Transaktion für sich ein.

Potenzielle Nachwuchsleser, die meist ohne feste Bindung an eine Zeitungsmarke oder eine Infoquelle aufwachsen, könnten sich vielleicht lieber auf Blendle-, Laterpay- oder Bitcoin-Modelle einlassen als auf klassische Abonnements. Auch in deutschen Verlagen wird hier und da (etwa beim Spiegel für das digitale Archiv) über ergänzende Micropayment-Ansätze nachgedacht. In der Praxis stricken aber fast alle weiter an ihren digitalen Abo-Varianten, von denen sie sich höhere Erlöse erhoffen. Das wird wohl dazu führen, dass derjenige, der gerne zwei oder drei Zeitungen im Netz verfolgen will, in Zukunft eben zwei oder drei oder mehr Abos abschließen muss.

Hoch im Kurs stehen Freemium und Metered-Varianten

Die Umsätze mit digitalen Bezahlinhalten, zu denen man auch E-Paper und Tablet-Versionen rechnen muss, sind nach wie vor überschaubar – wohl auch deshalb meist Verschlusssache. Hinter vorgehaltener Hand ist eher vom "Downgraden" die Rede, also davon, mit digitalen Abo-Paketen einen Teil der ehemaligen Printleser zumindest als zahlende Leser im Netz zu halten. Ein Verlagsmanager formuliert es so: "Die meisten Besucher auf den Seiten sind Gelegenheitsnutzer, die stört eine Schranke eher nicht. Stammleser kann man mit einer Paywall zumindest verärgern." Offiziell bekommt man aus den Medienhäusern solche Sätze nicht freigegeben.

Für Unternehmensberatungen wie Schickler, die auf diese Modelle spezialisiert sind, oder Dienstleister wie Piano Media aus der Slowakei ist dieser Gleichmarsch gerade ein gutes Geschäft. Piano Media etwa war im Mai 2011 mit einem nationalen Bezahlmodell in der Slowakei gestartet, an dem sich die meisten Verlage im Land beteiligten, in der Hoffnung, mit einem einheitlichen Dienst die digitalen Leser zu Kunden zu machen. Auch in Slowenien (Anfang 2012) und Polen (September 2012) gelang Piano das noch jeweils auf nationaler Ebene. In anderen Ländern nicht mehr. Piano Media sprang auf den Abo-Zug auf und verkauft jetzt eine Plattform für Metered-Systeme.

Von der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ), die im Januar loslegte, bis zum Tages-Anzeiger aus Zürich, der Ende März startete: Freemium und Metered-Varianten stehen hoch im Kurs. Bei Freemium (Bild Plus, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Südkurier) ist das Angebot weiter frei zugänglich. Zahlen muss nur, wer in die ausgelobten Premiumsegmente vordringen will. Beim Metered-Modell (NZZ, Augsburger Allgemeine, Welt), das von der New York Times kultiviert wurde, muss man nach einer bestimmten Anzahl an Artikeln zahlen, wenn man weiterlesen will. Kostenpflichtig wird es in der Regel ab 20 Artikeln im Monat.

Oliver Stock, Chefredakteur Handelsblatt Online:
Bild: Frank Beer

Tages-Anzeiger-Verlagsleiter Marcel Tappeiner, der auf die Metered-Variante setzt, sagt: "Einzelverkauf im Netz führt zu deutlich geringeren Erlösen und entspricht nicht dem Leseverhalten. Die Leser orientieren sich auch im Internet stark an bekannten Medienmarken und wollen nicht für jeden Artikel einen eigenen Check-up-Prozess durchlaufen." Dass in der Regel wohl nur drei Prozent der Unique User – diese Zahl hört man in Verlagen immer wieder – über die 20 Artikel im Monat hinaus etwas lesen und dafür auch bezahlen wollen, sieht Tappeiner nicht so. Beim Tages-Anzeiger würden 15 Prozent der Unique User (am Tag sind es rund 195.000) auf mehr als 20 Artikel im Monat kommen. Tappeiner behauptet nicht, dass die auch nach der Einführung der Bezahlschranke alle im selben Ausmaß mitlesen werden. Er geht aber von mehr als drei Prozent aus. Reichweitenverluste erwartet der Verlagsleiter kaum – er verweist auf Beispiele wie die NZZ, die nach einer Delle nach der Einführung des Metered-Modells wieder zulegen konnte.Beim Piano-Media-Kunden Neue Osnabrücker Zeitung gibt es allein vier verschiedene Digitalangebote – von der Smartphone-App für 4,95 Euro im Monat bis zum Premium-Paket inklusive iPad mit einer Mindestlaufzeit von 24 Monaten für 33,90 Euro monatlich, was genau dem Preis eines Monatsabonnements der NOZ in Papierform entspricht. Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke spricht von "15.000 digitalen Kunden". Da sind E-Paper- und Tablet-Leser mitgerechnet. Genaue Zahlen will Geisenhanslüke nach drei Monaten gelebter Bezahlwelt nicht nennen. Er sagt aber: "Die Zahlen bestätigen unsere Annahmen." Sind es mehr als drei Prozent der Stammleser auf der Seite, die über die 20-Artikel-Schwelle kommen? Aus regelmäßigen Nutzern zahlende zu machen, das sei die Kunst, sagt Geisenhanslüke dazu. Das funktioniere, wenn man für "unterschiedliche Nutzungsverhalten morgens, mittags und abends unterschiedliche Angebote" mache. 35 Prozent der Artikel werden bei der NOZ mittlerweile auf dem Tablet oder dem Smartphone gelesen.

In Osnabrück gibt man sich im Umbruch ganz besonders selbstbewusst. Im vergangenen Jahr wurden laut Geisenhanslüke 14 zusätzliche Redakteursstellen geschaffen. "2016 wollen wir das erfolgreichste regionale Medienhaus Deutschlands sein", sagt er. Neben der neuen Digitalstrategie sollen Internetportale wie die Pferdebörse ehorses.de und TV- und Radiobeteiligungen mithelfen. Micropayment spielt auf diesem Weg aktuell keine Rolle.
Bei Laterpay in München kennt man diese Haltung in Zeitungshäusern natürlich schon länger. 2011 lagen unterschriftsreife Verträge mit drei großen Verlagen vor. Mit vielen weiteren hatten Ene und sein Kompagnon Jonas Maurus verhandelt. Unter anderem bei stern.de war man kurz davor, ein Pay-per-use-Modell einzuführen. Doch dann schwenkten die Hamburger wieder um. Der Zugang zum Nachrichtenportal blieb kostenfrei.

So einfach wie das Liken auf Facebook

Der damalige stern.de-Geschäftsführer Hasselbring ging dann selbst als Leiter Business Development zu Laterpay, wo man sich im vergangenen Jahr von der Idee verabschiedete, als Dienstleister für Verlage aufzutreten. Nun soll der Dienst mit frischen Investoren und einer Anschlussfinanzierung von drei Millionen Euro einen neuen Anlauf nehmen – als Self-Service-Plattform, mit der unter anderem Blogger und freie Journalisten für ihre Texte Klein- und Kleinstbeträge verlangen können. Um die Einstiegshürde niedrig zu halten, sei eine Rückgabe-Option für einzelne Inhalte eingebaut worden, berichtet Ene. Geld-zurück-Garantie bei Nichtgefallen? Auch beim niederländischen Start-up Blendle ist das Programm. Beide Dienste betonen, dass Missbrauch nicht möglich sei: Man verfolge genau, wie häufig ein Nutzer das Entgegenkommen in Anspruch nehme. Dennoch: Ob die Idee vielen Journalisten gefällt? Es ist zumindest mal etwas wirklich Neues.

Richard Gutjahr will mit seinem Blog nun die Vorhut geben und hat sich für den Marsch ein paar schöne Sätze zurechtgelegt: "Ich will ein Bezahlsystem, das so einfach ist wie das Liken auf Facebook." Es müsse endlich etwas passieren, um mit journalistischer Arbeit im Netz wenigstens ein kleines bisschen Geld verdienen zu können. Das Problem daran: Ein kleines bisschen wird nicht reichen.

Über den Autor

Simon Feldmer arbeitet als Medienjournalist in München.

Die April-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Bezahlen im Netz. Taugt iTunes als Vorbild? Und: Warum Verlage immer noch nichts vom Thema Micropayment wissen wollen.

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

08.04.2014 17:25

Friedhelm Czislik

Jedes Bezahlmodell im journalistischen Bereich scheitert daran, dass es zu wenige Menschen gibt, die diesen Artikel wirklich WIRKLICH benötigen. Man liest diese Artikel gerne, weil man Zerstreuung braucht oder Unterhaltung wünscht. Aber das meiste, was so geschrieben wird (auch bei Spiegel Online) ist nett, aber nicht notwendig. Ich würde dafür niemals etwas bezahlen. Ob ich es weiß oder nicht weiß, spielt letztlich keine Rolle. Was Journalisten produzieren, ist nice-to-have. Mehr aber auch nicht.

09.04.2014 09:41

Stephan Goldmann

Ein schöner Artikel, ich finde nur das Wort "Inhalteverschenken" völlig deplatziert. Es suggeriert wieder einmal die böse Gratiskultur im Web. Beim Privatfernsehen wird zum Beispiel nicht vom Inhalteverschenken gesprochen, obwohl das Prinzip das gleiche ist: Die relevanten Einnahmen werden durch Werbung generiert oder Nebenprodukte wie Gewinnspiele mit kostenpflichtiger Rufnummer. Zudem suggeriert "Inhalteverschenken" wieder einmal, dass die großen Einnahmen im Print durch den Verkaufspreis zustande gekommen wären. Was natürlich nicht stimmt. Denn meist deckte dieser gerade Vertrieb, Kiosk und Druck - und diese Posten fallen im Internet restlos weg. Die Redaktionen dagegen haben sich schon immer durch Kleinanzeigenteile (Immobilien, Jobs, etc.) oder durch TKP-Werbung finanziert. So wie es jetzt auch im Internet passiert.

Ansetzen könnte man beim Planen für die Zukunft, neben den Bezahlmodellen, vielleicht auch einmal bei dem Preisverfall der Werbung im Internet. Da sehe ich tatsächlich ein großes Problem.

09.04.2014 15:29

Peter Hubschmid

Im Zusammenhang mit dem Starren auf die Reichweiten, frage ich mich, wann Google endlich mit dem einseitigen Bevorzugen von Focus Online aufhört und etwas gegen deren "Vollspammen" der Suchergebnisse und das ständige Neueinliefern identischer Artikel bei Google-News unternimmt? Teilweise werden da alte Artikel alle 4 Minuten mit leicht veränderter Überschrift oder anderem Datum in die Google-Dienste reingedrückt und Google (welche die größte Rechenpower und die besten Algorithmen zur Erkennung von Inhalten und Spam haben) sind scheinbar zu doof oder zu ignorant, das zu erkennen oder zu blocken.

Es kann weder im Sinne und im Interesse von Google, noch von deren Nutzern sein, wenn journalistisch hochwertige Inhalte ständig verlieren und man nur durch technische Tricksereien ein Abo auf die besten Spitzenplätze bei den Suchergebnissen von Google bekommt. Damit entwertet Google seinen Ruf, die Zuverlässigkeit und Neutralität seiner Dienste und schadet auch insgesamt dem Journalismus.

Die Manipulationen der Suchergebnisse und das Missbrauchen von Google-News durch Republishing ist Google seit mindestens 2 Jahren bekannt:

https://productforums.google.com/forum/#!topic/news-de/AOLvI9LqC3Q
xoomix: http://bit.ly/Iy2fGj
journalist: http://bit.ly/1kqHXA4

Laut Aussagen von Google-Mitarbeitern wollte man sich der Sache annehmen. Tatsächlich hat Google nichts dagegen unternommen. Welche Bedeutung allein diese technischen Tricks haben, haben die letzten Zahlen gezeigt, bei denen die die Einzelimpressions und Bounces teilweise sogar an Spiegel-Online vorbeiziehen konnten. Die Visits, also langfristigen und nachhaltige Besuche nicht einmal die Hälfte der von Spiegel-Online haben, was nochmal verdeutlicht, dass der "Erfolg" von Focus allein auf zufällige Einzelbesuche über Google-Treffer basiert.

11.04.2014 21:03

Olaf Jansen

@Friedhelm Czislik
Sorry, aber dein Argument macht nun wirklich keinen Sinn. Außer Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf ist nämlich so ziemlich alles im Leben nur nice to have. Was sind denn für dich zum Beispiel Bezahlinhalte in Online-Games? Oder Musik? Oder Filme? Nichts davon braucht man wirklich. Und trotzdem lässt sich damit viel Geld verdienen.

13.04.2014 14:10

Jan Gesthuizen

Die Ignoranz der großen Verlage gegenüber Micro-Payment und verlagsübergreifenden Bezahlmodellen schadet ja nicht nur ihnen selbst. Man muss auch mal an all die kleinen Verlage denken, die allein keine Möglichkeit haben, etwas wirklich vernünftig aufzusetzen. Da fehlt es einfach an der nötigen Manpower und den finanziellen Möglichkeiten. Daher sind kleine Verlage darauf angewiesen, dass die großen etwas ordentliches vorlegen, an das man sich ranhängen kann. Aber daran besteht wohl kein Interesse ...

 
Anzeige: 1 - 5 von 5.