
Rund 600 aktive Journalisten gibt es in der Bundespressekonferenz - journalist-Autor Ronnie Grob war drei Tage lang einer von ihnen
Bundespressekonferenz
Mütze ausziehen und keine Fragen stellen
Mittwoch, 19. Mai 2010
Die Beantwortungsmaschine
Am Osteingang der Bundespressekonferenz (BPK) begrüßt der Portier herzlich ein offenbar bekanntes Gesicht. Mich aber blickt er finster an, als ich ihm mehrfach sage, dass ich zur Bundespressekonferenz möchte. "Ja, aber an welche Konferenz denn?", will er wissen. Erst als ich die ausgedruckten Akkreditierungsunterlagen finde, hellt sich sein Gesicht etwas auf, und er führt mich zur Büroleiterin Roswitha Kreutzmann. Dass ich fünf Minuten zuvor problemlos durch den Westeingang hineingekommen bin und mir bereits einen Überblick verschafft habe, sage ich ihm nicht. Mit dem Segen von Frau Kreutzmann darf ich mich in eine bereits eröffnete Konferenz setzen. Aber nur, wenn ich die Mütze ausziehe und keine Fragen stelle.
Gernot Heller, Reuters, will wissen, was hinter der Eilbedürftigkeit zum Rettungsschirm steckt, warum der Bundesrat Sondersitzungen einlegen soll, ob es denn Marktunsicherheiten gebe. Eine Frage zum Fall Jemen: "Gibt es einen neuen Stand zu den Geiseln?" Sprecher Andreas Peschke wiederholt, was Außenminister Guido Westerwelle am Abend zuvor schon sagte. Nein, zu den weiteren vermissten Geiseln gebe es keine neuen Informationen. Er spricht leise und gedämpft. Das Mitgefühl mit den Entführten wird so spürbar. Weitere Nachfragen werden nicht gestellt.
Nach der Auflösung der Konferenz bittet Regierungssprecher Ulrich Wilhelm eine Schulklasse und eine Gruppe internationaler Blogger, die zuvor als Gäste die hintersten Reihen besetzt hatten, nach vorne zu einem informellen Gespräch "unter drei". Er erklärt seine Tätigkeit im Zusammenhang mit der Institution Bundespressekonferenz und beantwortet dann Fragen eines Schülers zur Dauer des Zivildiensts und Fragen eines nigerianischen Bloggers zu deutschen Firmen in seinem Land. Gibt seinem Erstaunen Ausdruck, dass heute keine Frage zum Atomprogramm im Iran gefallen sei. Und erklärt, das hänge mit der Ausdünnung der Redaktionen zusammen. Nicht jede Redaktion habe noch Spezialisten für jedes Themengebiet - nur die Großen: Spiegel, Süddeutsche, FAZ und die Öffentlich-Rechtlichen.
Die Regierung macht den Eindruck einer gut geölten, nahezu perfekt funktionierenden Maschine in eigener Sache. Einer Maschine, die auch mehrteilige Fragen ungerührt aufnimmt, sie bearbeitet und dann ernsthaft beantwortet - natürlich ohne im Idealfall je in Bedrängnis zu geraten. In wenigen Sekunden, als wäre vom Staat nichts anderes zu erwarten. Nichts, wofür es nicht eine vernünftige Erklärung gäbe. Doch: Ist das überhaupt gewünscht von Medien, die vermehrt auf Politzirkus setzen? "Jede Bemerkung zur Sache wird sofort für oder gegen Personen gewertet, am liebsten gegen die Führung", sagte der abtretende hessische Ministerpräsident Roland Koch jüngst dem Spiegel.
Donnerstag, 20. Mai 2010
Finger wie Raketen
Fünf TV-Kameras, elf Fotografen und rund 30 Journalisten erwarten die Familienministerin, die je nach Zeit und Medium Köhler oder Schröder heißt. Heute heißt sie Schröder, Kristina, Dr. Sie betritt, begleitet von den Experten Bert Rürup und Eberhard Wille, den Raum um 12:01 Uhr, was von den seit Minuten am Podium wartenden Fotografen mit begeistertem Klicken aufgenommen wird. "Frau Minister", "zu uns", "noch mal rüber bitte", rufen sie ihr zu. Um 12:02 wünscht BPK-Sitzungsleiterin Antje Sirleschtov vom Tagesspiegel einen schönen guten Tag. Die Fotografen nehmen Abstand und verziehen sich in die erste und zweite der mittleren Stuhlreihen und hören mit dem Klicken auf.
"Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass wir unsere Probleme immer mit mehr Geld lösen", sagt die Ministerin, so ist es am nächsten Tag in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen. Eine Viertelstunde lang erläutert sie ihren Entwurf zur Familienpflegezeit. Beim Erklären zeigt sie immer wieder den ausgefahrenen, aber angewinkelten Zeigefinger, wie das von Außenminister Westerwelle bekannt ist (wobei dieser dazu jeweils den Arm im Takt der Argumente hoch und runter bewegt). Sobald Schröder den Finger mal streckt oder andere Gesten macht, geht die Kadenz der Fotoklicks hoch.
Zur Familienpflegezeit berichten dann die meisten Zeitungen nichts, einen kurzen Artikel dazu finde ich in der Financial Times Deutschland. Auf Seite 6 der Süddeutschen Zeitung findet sich kein Foto von Schröder, sondern eine Zeichnung, die sie mit etwas naivem Blick, großen Lippen und Knopfohrringen zeigt. Eingeklemmt zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer an den Knöcheln aufeinandertreffenden Fäuste ist ein kleiner Buggy zu sehen, auf dem ein Männlein ohne Nase sitzt, der einen ungewöhnlich gemusterten Pulli trägt.
Daneben steht ein ausführlicher Artikel mit dem Titel "Das Küken macht Flugversuche". Um die Familienpflegezeit geht es darin nur am Rande, dem Autor Stefan Braun ist die "überbordende Gestik" aufgefallen - beinahe jeder ihrer Sätze werde von “mächtigen Handbewegungen" begleitet, "wie ein Teenager, der, weil er besonders wichtig sein will, seine Eltern nachmacht". Und so geht es weiter: "Schröder liefert wenige altkluge Sätze, aber sehr viele altkluge Gesten. Sehr lange ausgestreckte Zeigefinger, sehr weit ausgestreckte Arme, sehr resolut wegschiebende Handflächen. Alles Gesten, die immer zwei Nummern zu groß sind gemessen an ihrer zierlichen Statur und in ihrer derzeitigen politischen Bedeutung. Es sind diese Momente, die einen daran erinnern, dass die Bundestagsabgeordnete doch sehr früh und sehr schnell Karriere gemacht hat."
So kann man das offenbar sehen. Auf mich wirkte die Ministerin eher so, als wolle sie nichts mehr als natürlich wirken, als wolle sie nicht nach Anleitung ihrer PR-Leute funktionieren, als wolle sie sich nicht verbiegen für die Fotografen oder Journalisten. Doch offenbar erwarten die das von ihr. In einem Spiegel-Artikel, der einen Besuch von Schröder in einer Kindertagesstätte dokumentiert, wird ein Fotograf mit den Worten zitiert: "Jetzt hat sie doch tatsächlich keinen einzigen Kinderkopf getätschelt." Und was, wenn sie hätte?
Ist es der Politiker, der maßlos eitel, populistisch und nicht sachorientiert ist? Oder wird er vom Journalist nur so dargestellt? Was für einen Mehrwert haben die unzähligen Bilder von Schröder für den Medienkonsumenten? Ist es nicht die Gier der Presse nach einem möglichen Fehltritt, nach einer unvorteilhaften Pose, nach einem überflüssigen Wort, die eine Politikerin zu einer unnahbaren, scheinbar seelenlosen Rhetorikmaschine macht? Das ihn alles Eigene, Persönliche, jede menschliche Unsicherheit tief in sich verschließen lässt? Ist es nicht inkonsequent und auch unfair, nach markigen Worten zu gieren, nur um diese, wenn sie denn fallen, auf das Schärfste zu verurteilen? Die in der Spitzenpolitik gewählten Worte sind unter ständiger Beobachtung der Regierungsmaschine und der Medienmaschine, was zu seltsamen
Auswüchsen führt. Man kann es doch nur als Irrsinn bezeichnen, wenn Kanzlerin Merkel den Rücktritt von Bundespräsident Köhler “auf das Allerhärteste” bedauert, wie sie das Ende Mai getan hat.
Neben mir kämpft eine Kamerafrau mit angestrengter Miene mit der Arretierung des Stativs. Zwei Journalisten stellen je eine Frage und verlassen dann gemeinsam den Raum. Jetzt kniet kommentarlos ein Mann vor mir, das Mikrofon seiner Kamera weist ihn aus als Mitarbeiter für das Erste. Er filmt ein paar Sekunden an mir vorbei in die hinterste Besucherreihe, aus der zuletzt gemurmelte Diskussionen zu vernehmen waren. Vorne spricht Professor Dr. Dr. h.c. Bert Rürup von betriebsspezifischem Humankapital, von Wertkonten und der Kreditausfallversicherung. Alle anwesenden Journalisten schreiben auf einem Spiralblock. Neben einem Kameramann bin ich der einzige mit Laptop im Saal. In den vier Tagen, an denen ich die Bundespressekonferenz besuche, sehe ich nicht einen Journalisten mit einem Laptop.
Freitag, 21. Mai 2010
Wasser unter fruchtlosen Bäumen
12 Uhr, Regierungspressekonferenz, anwesend sind elf Journalisten, kein Fotograf, zwei Kameras. Termine der Kanzlerin werden bekanntgegeben und mehrere Themen gestreift. Schon nach 13 Minuten gibt es keine weiteren Fragen. Die rund 15 Regierungsvertreter packen ihre Dokumente zusammen und gehen. "Ich hätte noch viel zu erzählen gehabt!", sagt einer der Sprecher beim Rausgehen zu einer Kollegin. Eine Journalistin, die mehrere Fragen zum Sparpaket stellte, ärgert sich in der Kantine: "Diese Pressekonferenzen sind ja so gähnend leer jeweils". Vermutlich sitzt wieder ein Großteil der Mitglieder im Büro und schaut via Fernseher zu. Seit es diesen Service gibt, kommen weniger Journalisten in das von den Architekten Nalbach + Nalbach gestaltete Gebäude. Es wurde im April 2000 nach zwei Jahren Bauzeit fertiggestellt. Inhaber ist die Allianz-Gruppe.
Im großen Innenhof stehen vier fruchtlose Bäume, Bucida Buceras, schwarze Olive. Eine breite Treppe führt hinauf ins Glashaus der Journalisten und Sprecher. Man hat sich bemüht um warme Farben: Am Boden liegt ein hellroter Teppich, das im Gebäude verwendete Holz ist von der Hemlock-Tanne, und im Hintergrund der Politiker scheint ein ausgeklügeltes Blau, das sie im idealen Kontrast erscheinen lässt. Unter der Treppe werden zu fairen Preisen Caesar Salad, Fisch und Reis, Kaffee und Teilchen angeboten. Gestalterischer Höhepunkt ist der Wassergraben zwischen Hof und Bar, der mit einzelnen, freistehenden Quadersteinen besetzt ist. Die leuchteten früher auch mal, vor allem aber sind sie leicht zu verpassen, wenn man nicht darauf achtet. Roswitha Kreutzmann hat mehr als einen nassen Fuß gesehen: "Da latscht regelmäßig jemand rein, vielleicht einmal im Jahr".
Per Internet sind die Pressekonferenzen der Regierung, anders als etwa in der Schweiz, noch nicht zu sehen. Aber es mache ja durchaus Sinn, wenn die Leute vor Ort seien, sagt Werner Gößling vom ZDF, schwarzer Anzug, rote Krawatte mit schwarzen Querstreifen, Brille mit Goldrand, grau melierte Haare. Er ist BPK-Vorsitzender seit 2003 und wird 2011 nicht mehr kandidieren. Und gewisse Diskussionen ließen sich eben von Mensch zu Mensch am besten lösen. Außerdem habe ein Sprecher, zu dem man persönlichen Kontakt pflege, immer mal mehr Informationen. Mit den seit den 70er Jahren zugelassenen TV-Kameras hätten die Regierungssprecher an Bedeutung eingebüßt. "Die Minister und Regierungschefs wollen das selber machen. Und bei den TV-Stationen ist immer alles darauf ausgerichtet, einen O-Ton der wichtigen Minister und der Kanzlerin zu haben." Auch wenn der Sprecher des Außenministeriums die Journalisten um 11:30 Uhr unterrichtet, so tritt der Außenminister um 13 Uhr nochmals selbst vor die Mikrofone. "Im Fernsehen müssen sie die Nachrichten so gestalten, dass der Zuschauer sie ansieht. Da brauchen sie auch abwechslungsreiche Beiträge. Wenn hochrangige Leute auftreten, dann haben die Zuschauer das Gefühl, das sei wichtig." Zu Artikeln, die der Bundespressekonferenz eine schwindende Bedeutung attestieren, sagt Gößling: "Solche Zeitungsartikel gab es schon in den 50er Jahren zu lesen. Das ist ein Missverständnis: Die wichtigen Entwicklungen haben sich weder früher noch heute hier ereignet."
Epilog
Auf dem Karussell
Der Name Bundespressekonferenz ist irreleitend. Es handelt sich nicht um eine Institution der Bundesregierung (das ist das Bundespresseamt), sondern um einen Zusammenschluss von Hauptstadtkorrespondenten, die gemäß Statuten Deutsche sein müssen und ihre Tätigkeit hauptberuflich ausüben. Geändert wird der Name vorerst nicht – der letzte Versuch zur namentlichen Emanzipation mit einem Bindestrich (Bundes-Pressekonferenz) setzte sich nicht durch und wurde wieder rückgängig gemacht. Die Jahre nach der Gründung am 11. Oktober 1949 in Bonn wurde noch eifrig geraucht. Zuerst überall, auch auf dem Podium. Dann in Teilbereichen des Saals. Dann nur noch vor der Tür. Und seit einiger Zeit gar nicht mehr. Werner Gößling steht auf und greift sich einen Stuhl in der Zimmerecke. "Sehen Sie, das ist ein Originalstuhl aus Bonn, hier hinten an der Lehne ist der Aschenbecher montiert, für den Hintermann."
Im Mitgliederverzeichnis finden sich von Nayhauß-Cormòns, Mainhardt Graf von (freier Journalist) über Bannas, Günter (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bis zu Wollschläger, Karin (KNA Katholische Nachrichten-Agentur) rund 900 Personen, die einen Monatsbeitrag von 20 Euro (freie Journalisten) oder 30 Euro (angestellte Journalisten) bezahlen. Aktiv seien rund 600, sagt Gößling, etwa so viele wie gewählte Parlamentarier. Dagegen steht die geschätzte Zahl der Lobbyisten in Berlin: 5.000. Auf ein aktives Bundespressekonferenz-Mitglied, auf einen Parlamentarier treffen also rund acht Lobbyisten.
Die Politiker, die Journalisten, die Lobbyisten. Sie sind nur ein kleiner Ausschnitt des Volks. Ein vergleichsweise privilegierter Haufen, der von Anlass zu Anlass hetzt und zwischendurch in Hinterzimmern entspannt. Die Dynamik zwischen ihnen bestimmt jedes einzelne Leben in Deutschland und auch anderswo. Journalisten setzen Politiker auf das Personalkarussell und lassen es immer schneller drehen, mit Gewinnern heute und Verlieren morgen. Politiker, die angeblich Gesten machen "wie ein Teenager, der, weil er besonders wichtig sein will, seine Eltern nachmacht". Politiker, die meinen, Wähler gewinnen zu können, indem sie ihnen Luftballone schenken. Politiker, die meinen, alles regeln zu können, wenn nur genügend Geld vorhanden ist. Doch was kann ein Mensch, dem die Rente gekürzt wurde, mit Gewinnern und Verlierern in der Spitzenpolitik anfangen?
Die Tradition, dass Politiker mehrmals wöchentlich zu einer Konferenz eingeladen werden, die sich durch ihre Mitglieder trägt und so finanziell unabhängig und ideologisch breit abgestützt ist, kann nur als wertvoll und erhaltenswert bezeichnet werden. Die Frage ist, wie sich die Institution dem Medienwandel gegenüber verhalten wird. Und wie sie sich entwickelt unter dem zunehmenden Druck von Kosten, Klickzahlen und Auflage, unter dem Verlage stehen. Noch steht die BPK wie ein großer grauer Block im Parlamentsviertel. Darum herum stehen die Journalisten, die Bundespolitik als Seifenoper inszenieren. Und die Bürger, die das mit Aufmerksamkeit belohnen.
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