Detail-Informationen

Autor

Simon Feldmer

verfasst am

13.09.2011

im Heft

journalist 9/2011

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Links zum Thema

  • 15. September 2011: "DAB-Plus-Senderabschlatung wegen Großevent wahrscheinlich" (digitalfernsehen.de)
  • 2. September 2011: "Polizei dreht Digitalradio in Dortmund ab" (radioszene.de)

Wahrzeichen wie der Kölner Fernsehturm versorgen die Hörer mit DAB+.

DAB+

Alles auf Anfang

Seit Anfang August versuchen sich die ersten Hörfunksender an DAB+. Gelingt es diesmal, dass die Deutschen ihre alten Küchenradios gegen Digitalgeräte eintauschen? Private und öffentlich-rechtliche Anbieter hoffen auf nichts Geringeres als eine neue Ära im Hörfunk. Einer der Vorreiter ist DRadio Wissen. Ein Besuch in Köln.

Einladend wirkt sie nicht gerade, die Eingangshalle des Deutschlandfunks in Köln. Weiße Wände, wenige Fenster, Neonröhren. Damit es nicht ganz so trübe aussieht, wenn die kreativen Köpfe des Senders Richtung Schreibtisch gehen, hängen Bilder an den Wänden. Historische Dokumente der Radiotechnik. Das Foto eines Saba-Modells von 1932, das aussieht wie ein Rollkoffer aus dunklem Holz. Daneben Philips- und Grundig-Geräte aus den 50ern, wuchtig wie Wohnzimmerkommoden. Sie verströmen den Charme einer Zeit, in der Radios noch krachten und knarzten, aber für viele Menschen die entscheidende Informationsquelle waren.

Die Digitalradio-Empfänger, die sich die Menschen im Smartphone- und Tablet-PC-Zeitalter kaufen sollen, hängen hier noch nicht. Vielleicht sollte der Hausmeister auch noch ein bisschen warten. Denn obwohl Radiomacher und -hersteller den am 1. August gestarteten Standard DAB+ als Beginn einer neuen Epoche feiern, haben viele Menschen davon noch gar nichts mitbekommen.

Immer wieder hat der Deutschlandfunk in den vergangenen Wochen über DAB+ berichtet. Doch selbst Dietmar Timms Tochter hat der Sendestart kalt erwischt. Ihr Vater, Programmchef bei Deutschland Radio Wissen, bekam einen verdutzten Anruf von ihr, als sie gerade in der Küche stand und vergeblich am Knopf ihres Digitalradio-Empfängers drehte. Weshalb sie DRadio Wissen nicht mehr hören könne, wollte sie wissen. Die Antwort: Sie muss sich mal wieder ein neues Radiogerät kaufen. Denn über DAB wurde DRadio Wissen zum 1. August abgeschaltet. Das Programm wird nun über DAB+ ausgestrahlt – was alte DAB-Geräte nicht empfangen können.

Alles recht kompliziert mit dieser neuen Radioepoche, mag sich die Tochter vielleicht gedacht haben. Man weiß es nicht genau. Denn wenn Timm diese Anekdote erzählt, merkt man schnell, dass der 62-jährige Rundfunkjournalist zwar mit der nötigen Ironie auf die bisherigen Digitalisierungsversuche der deutschen Radiolandschaft blickt. Doch den gerade angelaufenen Neustart, den will er eigentlich nicht kleinreden. Ganz im Gegenteil: "Das ist schon ein Riesenprojekt", sagt der DRadio-Wissen-Chef.

Ein bisschen mehr Internet im Radio

Seit gut drei Monaten arbeitet ein eigenes Projektbüro, angesiedelt beim SWR in Baden-Baden, an der Vermarktung des kryptischen Kürzels DAB+. DAB steht für Digital Audio Broadcasting, das + für die zusätzlichen Möglichkeiten, die der neue Standard gegenüber dem seit den 90er Jahren vor sich hindümpelnden DAB bieten soll. Größere Programmvielfalt, Begleittexte und sogar Videos soll es geben. Ein bisschen mehr Internet im Radio – bis hinein ins Display des Auto- und Küchenradios.

Ob die Menschen das wirklich brauchen, ist derzeit schwer zu sagen. Bislang zumindest wollte nur eine überschaubare Zahl Radio auch digital erleben. Selbst dem alten Standard wohlgesonnene Verfechter bezweifeln, dass mehr als 500.000 DAB-Empfänger in deutschen Haushalten stehen. Wahrscheinlich sind es weniger.

Bild: dapd/Eckehard Schulz

 

 

Hörfunk mit Display ...

... bieten die neuen Empfangsgeräte des digitalen Radio-Standards DAB+.

 

 

Nun soll sich alles ändern. DRadio-Wissen-Chef Timm will dafür sorgen, dass die Verkaufszahlen endlich steigen. Dafür nehmen die neuen Vorreiter einiges in Kauf. Im Funkhaus in Köln-Raderthal haben sie ein wenig die Nase gerümpft, dass sie nun zusammen mit Anbietern wie dem Bibelsender Radio Horeb für den neuen Digitalradiostandard Marketing machen müssen. Sogar das schöne Alleinstellungsmerkmal, mit Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur die einzigen bundesweiten Radioprogramme ausstrahlen zu dürfen, ist seit diesem Sommer definitiv Geschichte. Nun sendet die stolze Senderfamilie zusammen mit dem Fußballkanal 90elf, Energy und Kiss FM, neu konzipierten Programmen wie Absolut Radio oder Radio Bob und eben den frommen Horeb-Predigern über ein gemeinsames bundesweites Sendenetz.

Vor allem für DRadio Wissen, das auch gut anderthalb Jahre nach seinem Start noch oft wie ein Progamm für Akademiker klingt, ist der neue Anlauf eine große Chance. Denn während Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur mit gemeinsam fast zwei Millionen Hörern wohl kaum große Sprünge machen werden, könnte die flächendeckende Verbreitung per DAB+ dem jüngsten Ableger durchaus einen Schub verpassen.

Ohne UKW-Frequenz war DRadio Wissen bislang ein ambitioniertes, frei von jeglichem marktwirtschaftlichen Druck produziertes Angebot in der digitalen Nische – zu empfangen über DAB (alt), Satellit und Internet. Von 1,2 Millionen monatlichen Streaming-Abrufen im Netz berichtet Timm. Da viele Nutzer mehrfach pro Tag streamen, schließt der Radiomann, der fast sein gesamtes Berufsleben im Deutschlandfunk verbracht hat, daraus auf knapp 10.000 Internethörer am Tag. Darüber hinaus hat die elfköpfige Redaktion samt der 80 freien Mitarbeiter keinen blassen Schimmer, wer ihnen zuhört, wenn sie sieben Minuten über den Sound der Stechmücken sprechen, sich auf die Suche nach grünen Mobilitätskonzepten in Amerika machen oder einem Vortrag über die Kultur des Erinnerns fast eine Stunde Sendezeit freiräumen.

In guten Stunden ist der Sender deutlich mehr als eine vertonte Wissensseite aus der Zeitung. Von Popkultur bis Medienkritik, von Webschau bis Geisteswissenschaft – die junge Zielgruppe kann sich hier bilden und inspirieren lassen. Bald dürfen auch die Macher des Hamburger Webradios Byte.FM zweimal im Monat bei DRadio Wissen ihre Platten auflegen. Im Gegenzug liefern die Kölner ihnen Nachrichten. Es ist auch diese Kultur der modernen Radioverlinkung, die DRadio Wissen besonders macht. Vieles, was irgendwie irgendwo im medialen Raum schwebt, wird hier in einer speziellen Mischung gebündelt und aufbereitet. Die Beitragslänge von rund drei Minuten zum Sendestart hat sich auf sieben bis acht Minuten verlängert. Die Hörer wollten es so. Im Frühjahr recycelte der Sender – ebenfalls auf Anregung der Hörer – die Musiksendung Nightflight mit dem früheren Rockpalast-Moderator Alan Bangs.

Wer all das verfolgen, jedoch nicht ständig den Computer dafür laufen lassen wollte, tat sich in der Vergangenheit oft schwer. Über digitales Kabel? Digitalen Satellit? DAB-Empfänger? Blickt man mit Timm und Deutschlandradio-Sprecher Dietmar Boettcher vom Funkhaus aus über die Flachdachbauten in Köln-Raderthal, bekommt man das Gefühl: Die beiden sind ein bisschen stolz, dass ihre Hörer sich in den 20 Monaten seit Sendestart so viel Mühe gegeben haben, um DRadio Wissen zu empfangen.

Umso ärgerlicher für den Stammhörer, dass er nun durchs Raster fällt, weil die DAB-Übertragung abgeschaltet wurde – anders als bei Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, die weiter zusätzlich über DAB senden. Wenigstens kann sich Timm mit dem Satz trösten: "Wir wissen ja nicht, wie viele Hörer jetzt traurig sind, weil wir keine Hörerzahlen haben." Doch auch das könnte sich bald ändern. Bisher erfasste die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (ag.ma) grundsätzlich keine Digitalprogramme. Doch insbesondere die privaten Anbieter dürften sich nun um die Aufnahme in die Reichweitenerhebung bemühen. Sie brauchen Zahlen, damit Werbekunden buchen. Nur so kann sich das Engagement vielleicht rechnen.

Um die Verbreitung auf die Beine zu stellen, mussten vor allem die Privaten in Vorleistung treten. In harten Verhandlungen stritten sie mit den Öffentlich-Rechtlichen und dem von Finanzinvestoren gesteuerten technischen Dienstleister Media Broadcast um eine akzeptable Kostenteilung. Es kam zur Einigung – und damit zu einer "schönen Renaissance für deutsche Fernsehtürme", wie Timm sagt. Denn es sind Wahrzeichen wie der Turm am Alex in Berlin und die Fernsehtürme in Hamburg, Stuttgart oder München, über die aktuell knapp 50 Millionen Hörer mit DAB+ rein technisch erreicht werden können.

Bis 2015, sagt Boettcher, sei eine flächendeckende Versorgung mit DAB+ realistisch. Wenn die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) dem Deutschlandfunk weitere Mittel bewilligen soll, muss das auch gelingen. Denn zusätzliches Geld aus dem Gebührentopf macht die Kommission vom Erfolg des Projekts abhängig. Dementsprechend groß sind die Anstrengungen aller Beteiligten – und das gegenseitige Wohlwollen in dieser Frage. So lobt der dem anspruchsvollen Wort durch und durch verpflichtete Radiojournalist Timm den Fußballsender 90elf, weil der über DAB+ am Samstagnachmittag gleichzeitig alle Bundesliga-Spiele als Vollreportage überträgt. Von der Digitalisierung, so Timm, würden alle profitieren, die Hörer und die Anbieter. "Es wäre geradezu absurd, wenn in einer digitalisierten Welt ausgerechnet das Radio analog bleiben würde."

Auch 90elf-Geschäftsführer Christoph Kruse glaubt lieber an das Gute. Er lobt das Ziel aus, mittelfristig vier bis fünf Millionen Hörer pro Spieltag mit 90elf zu erreichen. Aktuell sind es etwa zwei Millionen. Als Zugpferd für DAB+ eignet sich der Fußballkanal der norddeutschen Radioholding Regiocast also allemal. Allein schultern möchte aber auch Kruse die Verantwortung nicht: "Es geht um die Stärkung der Programmvielfalt. Im digitalen Radio werden viele Menschen Sender hören, die sie so noch nicht kannten, von den ARD-Jugendradiowellen bis hin zu komplett neuen privaten nationalen Radiomarken."

Verlängertes Formatradio reicht nicht aus

Neben dem bundesweiten DAB+-Sendenetz befinden sich auch sogenannte regionale Multiplexe im Aufbau. Bis zum 1. Dezember wollen alle ARD-Anstalten ihre Programme auch in DAB+ ausstrahlen. Welche Privatanbieter sich an der regionalen Verbreitung beteiligen, steht noch nicht fest. Rundfunkpolitisch wegweisend ist jedoch, was 90elf-Mann Kruse "ein bisschen Normalität im deutschen Radio" nennt. Nationale Radiomarken seien in anderen Ländern schließlich die Regel. Im deutschen Rundfunkstaatsvertrag ist ein bundesweites Privatradio hingegen nicht vorgesehen. Die Lizenz für Programmmarken wie Radio Bob (Regiocast) und Absolut Radio (Oschmann-Gruppe) war nur möglich, weil alle Länder und Landesmedienanstalten sie in einer konzertierten Aktion verabschiedeten. Kruse hofft nun auf neue Geschäftsmodelle für Privatsender.

Ob daraus etwas wird, hängt jedoch eher von den Inhalten als von den technischen Möglichkeiten ab. Ein einfaches Verlängern der Formatradiowelt mit ihren Frühstückskaffeekalauern und "besten Hits aller Zeiten" ins Digitale dürfte für lukrative neue Geschäfte nicht ausreichen. Hört man sich durch die gestarteten Digitalprogramme, bekommt man zumindest ein Gespür dafür, dass es schon jetzt Radioveranstalter gibt, die das verinnerlicht haben.

Ein Sender wie Absolut Radio etwa, auf dem Songs laufen, die man zwar kennt, aber definitiv schon lange nicht mehr gehört hat, wäre in der alten Radiowelt so nicht angetreten. Heute spricht Absolut-Programmchef Christian Lang über eine starke Social-Media-Vernetzung und seine Online-first-Strategie. Ein bundesweites Reporternetz möchte er aufbauen. Aktuelle Beiträge in Wort, Ton und Bild sollen dann zuerst im Netz gespielt werden – und erst im Anschluss im linearen Programm.

Bis wann seine Gesellschafter mit diesem Modell Geld verdienen wollen, kann Lang nicht sagen: "Das hängt stark davon ab, wie schnell sich die neuen Radiogeräte durchsetzen." Die gibt es ab 50 Euro im Handel – als Autoradio, CD-Radio und mit iPod-Docking-Station, meist kombiniert mit der Möglichkeit, weiter UKW und Webradio zu empfangen. Einige Geräte verfügen heute schon über Displays für Texte und Filme, wie eine Übersicht des SWR auf digitalradio.de zeigt. Außerdem soll die Klangqualität der neuen Radiogeneration besser sein.

Auch ein Sender wie DRadio Wissen ist ohne zeitunabhängiges Nachhören, ohne Apps, weiterführende Links ins Internet und Facebook-Seite in den Augen seiner Macher nicht mehr denkbar. "Schon gar nicht, wenn man junge Hörer binden will", sagt Programmchef Timm. Aber was bedeutet das für jenes Radio, das man aus UKW-Zeiten kennt? "Gutes erfolgreiches Radio muss den Spagat zwischen Verlässlichkeit und Überraschung schaffen." Für lineares Programm werde sich das nie ändern, glaubt Timm. Er hat, bevor er den Auftrag bekam, den neuen Sender aufzubauen, lange Jahre die Online-Aktivitäten des Deutschlandfunks geleitet. Die Anfänge des User-generated-Contents, die ersten Podcasts – Timm saß vor dem Bildschirm und versuchte, Schritt zu halten. Er verfolgte aber auch, wie sich die Neugierde manchmal schnell wieder legte. "Dass Hörer selbst an Audiodateien basteln, kommt nicht mehr so oft vor. Da siegt dann schon wieder die Konsumhaltung", so Timm.

Inhalte sind gefragt

Mit dem Wunsch nach passiver Berieselung sollte man das aber nicht verwechseln. Die Podcast-Welle interpretiert Timm als eine Bewegung "pro Wort". Das sei eine Gegenbewegung zum Formatradio gewesen. Sie dauert bis heute an: Bei den Deutschlandradio-Sendern zählte man 2010 zwölf Millionen Abrufe von Audiodateien. Gegenüber 2009 hat sich die Zahl verdoppelt. Inhalte sind gefragt – gerade in einer digitalen Welt, in der Radio und Internet weiter verschmelzen. Eigentlich eine gute Nachricht für ein Programm wie DRadio Wissen.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

04.11.2011 20:30

Stefan B

Damit ist DAB tot und DAB+ wird floppen.
Ich habe gerade versucht herauszufinden, warum ich auf meinem DAB Küchenradio keinen Deutschlandfunk mehr empfange. Es ist unfassbar, erst durch diesen Beitrag hier erfahre ich, dass sich dradio entschieden hat DAB ohne plus nicht mehr zu bedienen. Glauben die allen Ernstes ich kaufe mir jetzt ein neues Radio? Und in drei Jahren gibts dann DAB++?

21.09.2011 11:07

Wolfgang Steuhl

DAB und DAB+ interessieren die Leute nicht. Das ist gut für die Propagandisten, weil der Gebührenzahler zumeist gar nicht mitbekommen hat, wie viele Zwangsgebührengelder mit diesen Projekten schon verbraten worden sind. Es ist natürlich auch schlecht für sie, weil ihren Marketing-Beteuerungen ("Radio der Zukunft" und dergleichen) kaum jemand glaubt. Geschätzte 90 Prozent der Leute, die Radio hören, sind mit Qualität und Angebot auf UKW zufrieden. Wer mehr will, hat sich längst dem Satelliten- und vor allem dem Internet-Radio zugewandt. Der Traum der DAB-Propagandisten, sie würden alsbald den UKW-Funk zugunsten ihres Spielzeugs abschalten können, ist einfach nur tragikomisch.

 
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