Detail-Informationen

Autor

Jan Söfjer

verfasst am

27.01.2011

im Heft

journalist 11/2010

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Mehr zum Thema

Eine Reihe nützlicher Links zu Datenquellen, Beispielen und Techniken zusammengestellt von der dpa finden Sie hier.

 

 

Bild: Jan Zappner

Christoph Dernbach verantwortet den Datenjournalismus bei der dpa.

Datenjournalismus

Vom Keller in den Newsroom

Spätestens seit dem Wikileaks-Coup gilt Datenjournalismus als der neue Recherchetrend in Deutschland. Einziger Vorreiter im Land ist die dpa. Doch selbst bei der großen Agentur sind die Mittel begrenzt.

Der deutsche Datenjournalismus startet im Keller, in einem Raum, den manche mit der Leitstelle eines Atomkraftwerks vergleichen. Überall Zettel an den Wänden, zwei Bildschirme, neue Macs – im Juli 2007 nicht der Standard bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Hamburg. Vier Redakteure gehören zum Team, ein halbes Jahr später schon fünf, fast alle um die 30, den Newsroom durchqueren sie mit schnellen Schritten und bleiben nur stehen, um sich Automatenkaffee zu ziehen. Manchmal kommen sie auch durchs Kellerfenster rein. Das geht schneller. Die Kollegen fragen sich: Was passiert da unten überhaupt, wo früher die Onliner saßen? Eine komische Truppe, die Computer befragt, um Themen zu finden, das Akte-X-Team der dpa.

Was die dpa dort erstmals in Deutschland redaktionell etabliert, ist in Amerika schon ein alter Hut. Datenjournalismus, data driven journalism, computer assisted reporting (CAR). Viele Wörter, die nur eins bedeuten: Daten beschaffen und mit Excel und Access auswerten, um so journalistische Themen zu finden.

"Ein Großteil der dpa-Geschichten, die wir schreiben, ist planbar, Terminjournalismus", sagt Christoph Dernbach. "Am Beginn der Überlegungen stand daher die Frage: Wie können wir uns von diesen vorgegebenen Terminen abkoppeln und unsere eigenen Geschichten entwickeln?" Dernbach hatte das Datenjournalismus-Team bei dpa damals gemeinsam mit Thorsten Matthies und Andreas Meyer ins Leben gerufen. Heute ist Dernbach Chefredakteur und Geschäftsführer von dpa infocom, der Multimediatochter des Unternehmens, Leiter des dpa-Ressorts Netzwelt, das sich mit Technik und Neuen Medien beschäftigt, und er ist Geschäftsführer von dpa infografik, zu der das Datenteam heute gehört. 

Dernbach, 49 Jahre, kräftige Statur, Bart, lehnt sich im Stuhl zurück und sagt, er sei durch die Verbindung von Daten und Journalismus sozialisiert worden, schon Ende der 80er Jahre, als er im dpa-Landesbüro Stuttgart volontierte. "Bei der Europawahl 1989 schmuggelte ich meinen privaten Atari ST in den Landtag. Wir konnten damit die erste computergestützte Aufbereitung der Wahl machen und haben Analyse-Ergebnisse erarbeitet, noch bevor der Landeswahlleiter sie hatte." Vielleicht war das die Geburtsstunde des Datenjournalismus in Deutschland.

Daten haben im Journalismus schon immer eine Rolle gespielt, man stelle sich nur mal Sportberichterstattung ohne Tabellen vor. Doch ins öffentliche Bewusstsein rückte der Datenjournalismus in Deutschland erst im Sommer 2010: als Julian Assange 77.000 geheime Dokumente zum Afghanistankrieg auf seiner Internetplattform Wikileaks veröffentlichte. Vorab gab er die Akten an drei Redaktionen: an den britischen Guardian, die amerikanische New York Times und an den Spiegel. Alle drei werteten die Daten aus und hatten am Ende das gleiche Fazit, die gleiche Titelgeschichte: Der Krieg in Afghanistan ist schmutziger, verlustreicher und hoffnungsloser als die westlichen Regierungen zugeben. 

Der Guardian machte mit den Daten aber noch mehr – online. Auf interaktiven Karten und Grafiken lässt sich genau nachvollziehen, wann wo Taliban-Sprengfallen explodierten, wie viele Soldaten in welchem Monat ums Leben kamen und einiges mehr. Die New York Times hingegen hat die Militärsprache übersetzt. Geheime Papiere können online betrachtet werden. Fährt man mit der Computermaus über eine militärische Abkürzung oder einen Fachbegriff, von denen es nur so wimmelt, erscheint die Übersetzung, die Bedeutung dahinter. "TF 2-2 detained a total of 8X pax to include the 1X wounded INS from earlier predator hellfire strike" heißt dann: "Das Taskforce-Team 2-2 hat acht Personen festgenommen, einschließlich einem Rebellen, der von einer Preadator-Hellfire Boden-Luft-Rakete verletzt worden war.&qu

Eine neue Dienstleistung

In Großbritannien, den USA und auch in Dänemark ist Datenjournalismus nichts Neues. In den USA gehört er gar zu den drei Informationssäulen: people, paper, data. Auch Lars-Marten Nagel war mit dem Datenjournalismus noch nicht in Berührung gekommen, bevor er 2005 im Rahmen seines Leipziger Journalismusstudiums ein Auslandsjahr an der Missouri School of Journalism in der Stadt Columbia machte. Sein Diplom, das wusste er schon, wollte er später über einen Vergleich des investigativen Journalismus in Deutschland und den USA machen. "Da kam ich am Datenjournalismus gar nicht vorbei", sagt der 29-jährige dpa-Redakteur. "Die Amerikaner haben schon auf großen Kästen mit grünen Bildschirmen angefangen, sich Datensätze anzusehen." 

Heute gehört das fest zur journalistischen Ausbildung dazu: ein Semester nur Access, eines nur Excel, Mapping (Ergebnisse auf Karten veranschaulichen) und Scraping (Daten mit Programmen aus Websites auslesen). "Das wird dort sehr systematisch gelehrt", sagt Nagel. In einem Praktikum bei Cox Newspaper, in der Abteilung für CAR konnte er dann sein Wissen vertiefen. Nach dem Studium verhalf ihm diese Kompetenz zu seiner ersten Festanstellung. Er kam bei dpa zu den jungen Leuten in den Keller.

Schon 2004 haben sie sich bei dpa mit CAR beschäftigt, auf Initiative des damaligen Leiters der Wirtschaftsredaktion, Thorsten Matthies, der heute Vertriebsleiter der Nachrichtenagentur ist. Nach ersten vergeblichen Versuchen, CAR ins Tagesgeschäft der klassischen Nachrichtenredaktionen einzubauen, fiel 2007 die Entscheidung, eine Projektredaktion aufzubauen, die themen- und ressortübergreifend Daten recherchiert, analysiert und aufbereitet. 

Am 1. Juli 2007 nahm das CAR-DataReporting-Team seine Arbeit auf. Thorsten Matthies leitete es parallel zu seiner Wirtschaftsredaktion; im Juli 2008 löste Andreas Meyer ihn ab, der seit September dabei und zuvor Ressortleiter in der dpa-Dokumentation war. "Die Unterstützung für das Projekt war im Hause von Anfang an sehr groß", sagt Meyer. Trotz all der Kosten für die Redakteure und Rechner. Viele Kunden zeigten sofort großes Interesse an dem neuen journalistischen Ansatz. "Wir konnten ein Dutzend Zeitungshäuser als Entwicklungspartner gewinnen, mit denen wir das Produkt vor dem Markteintritt intensiv getestet und optimiert haben", sagt der 47-Jährige. 

Die dpa versuchte also nicht nur, ein neuartiges Rechercheteam zu gründen, sondern auch eine Dienstleistung an den Mann zu bringen. Das Ergebnis heißt RegioData. Regionalisierte und veranschaulichte Daten. Auf Karten ist etwa zu sehen, wo die meisten Blitze einschlagen, die meisten Selbstständigen arbeiten oder die meisten Luft verschmutzenden Unternehmen sitzen. Zu den Rohdaten und Grafiken erhalten RegioData-Kunden einen zusammenfassenden Text. "Damit geben wir unseren Kunden einerseits abdruckfähiges Material an die Hand, andererseits aber auch eine Basis für weitere vertiefende Recherchen in ihrer Region", sagt Meyer. Dreimal die Woche ein sogenanntes Dossier, "das war die Pflicht", sagt Lars-Marten Nagel.

Die Kür aber hat den Datenjournalismus berühmt gemacht: Recherchen mit offenem Ausgang. "Die meisten Journalisten glauben, sie müssten vorher schon eine These haben und dann anfangen zu recherchieren", sagt Nagel. Dass es auch andersherum geht, habe er in den USA gelernt. Kommilitonen "spielten mit Daten herum", wie Nagel das nennt, filterten sie, sortierten sie um. Plötzlich entdeckten sie bei der Recherche in einer Datenbank mit Bootsunfällen, dass nicht etwa an den amerikanischen Küsten, sondern in Missouri mitten im Land die meisten Unfälle passierten. Wie konnte das sein? Sie bekamen heraus, dass es in dem Bundesstaat gesetzlich verboten ist, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, außer auf dem offenen Wasser. Jugendliche fuhren also mit Booten auf Flüsse und Seen und betranken sich. Dabei passierten die Unfälle. 

Ohne Roboter nicht möglich

Seinen eigenen Scoop, wie die Amerikaner sagen, hat Nagel auch schon gefunden. Wobei er betont, dass es immer Teamarbeit sei – ein Roboterprogramm etwa, das aus Websites Daten herausholt, könnten nur Programmierer bauen. Eines Tages kommen sie im Hamburger Keller auf die Idee, sich anzusehen, wie viele Bundestagsabgeordnete auf der sogenannten Lobbyliste stehen. Mit einer Suchabfrage vergleichen sie die beiden Listen. 100 Namen bleiben übrig. Viele Abgeordnete sind Mitglied bei gemeinnützigen Organisationen, aber auf einmal steht da: Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik und Förderkreis Deutsches Heer. Beides Vereine, die der Rüstungslobby nahe stehen. Fünf Bundestagsabgeordnete von SPD und FDP waren dort zum Teil seit Jahren als ehrenamtliche Präsidiumsmitglieder tätig. Angegeben hatten sie das nicht. 

Es bleibt nicht die einzige brisante Story. Als das Team recherchiert, wer Agrarsubventionen bekommt, stoßen sie häufiger auf große Konzerne als auf Bauernhöfe. Sogar Gefängnisse, Kirchen und eine Surfschule bekamen Geld, sagt Nagel. "Diese Recherche wäre nicht ohne Roboter möglich gewesen, da auf normalem Wege immer nur ein winziger Bruchteil der Daten zu bekommen war", sagt Nagel. 

Immer wieder können die dpa-Redakteure Politiker überführen. Ursula von der Leyen, damals Familienministerin, freute sich, dass von dem Elterngeld viele Arbeitnehmer profitierten. Stimmt gar nicht, findet dpa heraus. Unter den Empfängern waren auch viele Studenten. "Der vorgekaute Brei interessiert uns nicht. Wir koppeln uns von der vorgegebenen Interpretation der Daten ab", sagt Christoph Dernbach. Doch "die größte Schwierigkeit ist es, an brauchbare Rohdaten zu kommen. Entweder rücken die Behörden sie nicht heraus oder die Daten liegen so auf Webservern verstreut, dass man nur mit automatisierten Suchabfragen an sie herankommt". Oft sagten Behörden auch, sie hätten die Daten nicht vorliegen, wollten Geld dafür oder behaupteten, die Herausgabe der Daten gefährde die Sicherheit Deutschlands. Wie in dem Fall mit den Brücken. 

dpa möchte untersuchen, in welchem Zustand die Brücken im Land sind. Das Bundesverkehrsministerium sagt, Terroristen könnten die veröffentlichten Daten ausnutzen. "Wer Brücken sprengen möchte, braucht dafür keinen dpa-Report", sagt Dernbach. Nun klagt dpa gegen das Verkehrsministerium auf Herausgabe der Daten. Dernbach ist der Meinung, dass der Ruf nach Datenschutz häufig ein Ablenkungsmanöver sei, weil die Behörden keine Transparenz wollten. In den USA geben die Behörden alles raus. Allerdings stellen sie dort auch schon mal Vorbestrafte mit Foto für alle einsehbar ins Internet. Diskriminierung in der Nachbarschaft ist die Folge. Dernbach differenziert. Zumindest die Presse müsse mehr Daten bekommen, was dann veröffentlicht werde, sei eine andere Sache. Nagel sagt es noch drastischer: "Man muss mit der verbreiteten Vorstellung brechen, alles, was in Amtsstuben passiert, sei geheim. Politiker und Beamte sollten für jeden Steuer-Euro, den sie ausgeben, auch eine Quittung vorlegen können."

Möglichkeiten verschenkt

Im Juli zog die Deutsche Presse-Agentur nach Berlin um. In das Axel-Springer-Hochhaus. Der neue Newsroom ist 150 Meter lang, mehr als 3.300 Quadratmeter groß (plus weitere 500 Quadratmeter für Vertrieb und Geschäftsführung) und hat mehr als 260 Arbeitsplätze. Vorher war die dpa-Zentrale auf Frankfurt am Main, Berlin und Hamburg verteilt. Mit dem Umzug endet auch die CAR-Projektphase. Andreas Meyer übernimmt die Entwicklung und Einführung des neuen dpa-Redaktionssystems, einen eigenen Leiter für die Abteilung DataReporting gibt es nicht mehr, die Redaktionsleiterin von dpa infografik, Katharina Klink, betreut nun RegioData mit. Lars-Marten Nagel wechselt nach Nürnberg in den schreibenden Dienst. Von den fünf Redakteuren bleiben drei übrig.

Er hätte etwas Neues gebraucht, sagt Nagel. Nach ein paar Jahren wiederholten sich die Themen. Denn die Alltagsarbeit, RegioData, war immer die Pflicht, die Kür lief nebenbei. Wo ist das Bruttoinlandsprodukt am größten? In welchem Bundesland, in welchem Landkreis leben die meisten Kinder? Nagel wollte wieder mehr schreiben. Zum Datenjournalismus komme er nun nur noch selten, aber das Thema sei ihm wichtig, mehr Journalisten müssten zumindest wissen, was man damit machen könne.

Andreas Meyer sagt, er sei optimistisch, was die Entwicklung des Datenjournalismus in Deutschland angehe, auch wenn sich nur eine kleine Schar von Journalisten dieser Disziplin verschrieben habe. "Im Zuge der Anstrengungen einiger Medienhäuser, stärker auf investigative Recherche zu setzen und dafür eigene Teams aufzustellen, wird auch die Analyse von Daten als wichtige Quelle an Bedeutung gewinnen", sagt Meyer. Dernbach beklagt, viele Zeitungen würden sich noch nicht besonders für Rohdaten interessieren, sondern sich mit den fertigen Grafiken begnügen. Nagel findet, vor allem die Onlineredaktionen würden Möglichkeiten verschenken. 

Der österreichische Wissenschaftler und Medienberater Andy Kaltenbrunner hat an einer europäischen Studie zu Newsrooms mitgearbeitet. Gegenüber derStandard.at sagte er, Crossmediajournalisten arbeiteten schon jetzt mehr als ihre Offlinekollegen und seien in Folge dessen unzufriedener mit ihrer Arbeitssituation. Wenn aber derzeit nicht mal genug Geld für neue Online- und Crossmediajournalisten vorhanden ist, woher soll dann das Geld für Datenjournalisten kommen? Wie es scheint, wird der data driven journalism noch für eine ganze Weile nicht aus dem Keller des Recherchejournalismus herauskommen.

 

Dieser Text erschien auch gedruckt in der November-Ausgabe des journalists.

 

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

28.01.2011 13:19

Jan Söfjer

Die Vorspann-Formulierung "einziger Vorreiter" ist von mir. Das "einzige" hätte ich aber weglassen können. So oder so kenne ich aber keine zweite Redaktion, die ein Car-Team hat, wie es die dpa hat bzw. hatte.

27.01.2011 18:13

Christoph Dernbach

@Herbert Onken Die dpa nimmt für sich auch gar nicht den Anspruch, "einziger Vorreiter" zu sein. Dieser für uns eher peinliche, weil falsche Superlativ stammt – wenn ich das richtig mitbekommen habe – noch nicht einmal vom Autoren der Geschichte, sondern von der journalist-Redaktion.

Der Datenjournalismus bei dpa geht aber schon darüber hinaus, statische Infografiken auf der Basis von CAR zu erstellen.

27.01.2011 17:42

Herbert Onken

Ob dpa infocom wirklich "einziger Vorreiter" ist, ist zu bezweifeln. Statische Infografiken zu erstellen – aufgrund Datenrecherche (CAR) - ist an sich nicht das, was gemeinhin als data-driven-journalism gilt (siehe die erwähnte "Kür").

27.01.2011 17:02

Dr. Carsten Wieland

Korrektur: Die dpa ist nicht in das Axel-Springer Hochhaus gezogen, sondern in die Axel-Springer Passage. Diese liegt nebenan. Hier sitzen auch eine Reihe von Fremdfirmen, die mit dem Axel-Springer Verlag nicht verbunden sind wie eben dpa.

 
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