Detail-Informationen

Autor

Ralf Geißler

verfasst am

05.09.2010

im Heft

journalist 9/2010

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Hier geht es zu Pantelouris' Livereportage

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Eine ausführliche Analyse von Christian Bartels zu neuen Formaten im Netz lesen Sie in der September-Ausgabe des journalists.

Ein Best-of an Darstellungsformen finden Sie hier.

 

Warum starb Susan Waade? Michalis Pantelouris hat auch nach intensiver Recherche keine Antwort auf diese Frage.

Michalis Pantelouris

Der gläserne Reporter

Der Blogger und Journalist Michalis Pantelouris hat in Griechenland den Tod einer deutschen Sängerin recherchiert und seine Arbeit permanent im Internet dokumentiert. Dramaturgisch ist er mit seiner "Live-Reportage" gescheitert. Trotzdem lässt sich aus dem Projekt etwas lernen.

Die Geschichte beschäftigt ihn immer noch. Auch Wochen später in seinem Büro in Hamburg, an diesem Konferenztisch, auf dem so viel Papierkram liegt, dass man nicht sagen kann, wie eigentlich die Tischplatte aussieht. Michalis Pantelouris blickt auf seinen Laptop. "Mir ging diese Recherche wirklich nahe", sagt der 35-Jährige. "Ich habe mich beruflich noch nie so lange mit einem Menschen auseinandergesetzt." 

Auf seinem Bildschirm ist ein verschwommenes Polizeifoto zu sehen. Es zeigt ein Wohnzimmer in Athen. Die Fensterläden sind geschlossen. Vor der Couch steht auf einer Kiste ein Schachspiel, das akkurat aufgebaut zu sein scheint. Genau lässt sich das nicht erkennen. Pantelouris muss immer wieder in die Mitte des Fotos gucken. Dort hängt eine Tote von der Decke. Sie hat sich selbst umgebracht oder wurde in diesem Zimmer aufgehängt, um einen Mord zu vertuschen. "Das ist die Frage", sagt Pantelouris. Das ist seine Geschichte. 

Rund zwei Wochen lang hat der freie Journalist und Blogger die Todesumstände der jungen Frau recherchiert, die Susan Waade hieß und in Berlin geboren wurde. Als 25-Jährige war sie nach Griechenland gezogen, um dort Sängerin zu werden. Pantelouris hat einige Lieder von ihr auf seiner Festplatte gespeichert. Er klickt auf den Titel "Ein Schiff wird kommen" und eine sanfte Altstimme erfüllt sein Büro. "Susan singt akzentfrei griechisch", sagt Pantelouris bewundernd. "Und wenn sie deutsch singt, klingt sie wie Melina Mercouri."

Der Sommer, in dem die Athener Polizei Susan Waade tot in der Wohnung ihres Ex-Freundes fand, liegt drei Jahre zurück. Die griechischen Beamten waren sich damals sicher, dass sie sich selbst getötet hatte. Nicht glauben wollte das dagegen ihre Mutter in Berlin. Marion Waade wendet sich seit 2007 an jeden, der auch nur entfernt mit Griechenland zu tun hat, und erzählt von ihren Zweifeln. Sie vermutet, dass der Ex-Freund in den Tod ihrer Tochter verstrickt ist. Ende April schrieb sie auch Pantelouris. 

"Sie war so hartnäckig" 

"Natürlich war ich skeptisch", sagt er. "Es konnte sein, dass da einfach nur eine Mutter ist, die über den Verlust ihrer Tochter nicht hinwegkommt. Aber sie war so hartnäckig, dass ich sie besucht habe, als ich ohnehin in Berlin war." Der Journalist ließ sich überzeugen, dass die Todesumstände zumindest seltsam anmuten. Die Tochter soll sich im Sitzen erhängt haben. Die Eltern erfuhren von dem Tod erst, als der Ex-Freund sie bereits auf einem Athener Friedhof hatte beerdigen lassen. Eine Umbettung scheiterte bis heute. Computer und Tagebücher der jungen Frau sind verschwunden. 

Pantelouris waren die Merkwürdigkeiten eine Recherche wert. Aber an wen verkauft man so eine Geschichte? Er konnte schlecht ein Exposé anbieten, in dem stand, er werde einen Mord aufklären. Das war ja völlig offen, im Grunde sogar unwahrscheinlich. Und so überlegte er sich eine Form, die noch kein Journalist vor ihm versucht hatte: "Ich wollte eine Live-Reportage im Internet schreiben. Die Idee war: Alles, was ich herausfinde, schreibe ich auf und stelle es mit meinen recherchierten Dokumenten ins Netz. Die Leser können es kommentieren, und ihre Anmerkungen fließen in meine Arbeit ein." So entstand vom 20. Juli bis 4. August für neon.de die Reihe "Warum starb Susan Waade?"

Druckt man alle Teile nebst Kommentaren aus, quellen mehr als 110 Seiten aus dem Drucker. Um es höflich zu formulieren: Die Lektüre ist eine Herausforderung. Die Seiten lesen sich wie ein schön formuliertes Rechercheprotokoll, wie das "Making of" für eine große Reportage. Nur die Reportage fehlt. Es gibt keine abschließende, szenisch geschriebene Geschichte. Stattdessen jede Menge behördliche Dokumente, Videoaufzeichnungen mit Hinterbliebenen und Dutzende überwiegend kritische Kommentare.

"Die Kritik ist mir unglaublich wichtig"

Viele Leser warfen Pantelouris schon nach seiner Ankündigung des Projekts auf neon.de Pietätlosigkeit vor. Einer mahnte später: "Was du als Experiment bezeichnest, ist für die Familie Waade eine Art Rettungsboot. Eine Hoffnung, die du vertrittst." Ein anderer fand den Umfang des veröffentlichten Materials zu groß. Journalisten sollten doch Komplexität reduzieren. "Ich will dem Bäcker auch nicht dabei zusehen, wie er die Brötchen backt." 

Pantelouris lehnt in seinem Bürostuhl und wiegt den Kopf. "Die Kritik ist mir unglaublich wichtig, um daraus zu lernen", sagt er. Vielleicht werde er noch einen abschließenden Text für das Neon-Magazin schreiben. "Wenn es den Eltern gelingt, ihre Tochter umzubetten und auf einem deutschen Friedhof beerdigen zu lassen, wäre das ein passender Anlass." Allerdings sei die ausführliche Dokumentation gerade der Kern seines Experiments gewesen. Größtmögliche Offenheit bei der journalistischen Arbeit finde er wichtig. Er will eine Art gläserner Reporter sein.

"Journalisten werden verachtet weil sie ihre Leser verachten" 

Seit eineinhalb Jahren betreibt Pantelouris ein launiges Medienblog unter print-wuergt.de. "Wir arbeiten in einem der meistgehassten Berufe in diesem Land", sagt er. "Journalisten werden verachtet, weil sie ihre Leser verachten. Wenn wir unsere Arbeit transparent machen, können wir das vielleicht ändern." Während seiner Recherchen in Griechenland suchte er tagsüber nach Dokumenten, Experten und Zeugen. Nachts schrieb er seine Texte für neon.de und antwortete auf Leserkommentare. Als jemand an seinem Profilbild herumnörgelte, bot Pantelouris an, gemeinsam ein neues auszusuchen. "Man muss jeden Leser ernst nehmen", sagt er. "Es sind unsere Kunden." Er klingt fast demütig.

Geboren wurde Michalis Pantelouris am 13. September 1974 als Sohn eines griechischen Konsulatsmitarbeiters und einer Lehrerin. Er wuchs in Hamburg auf, besuchte die Waldorfschule, brach ein Jura-Studium ab und absolvierte schließlich die Deutsche Journalistenschule in München. Sein erster Job: Polizeireporter beim Hamburger Abendblatt. Später arbeitete er als Redakteur bei der Illustrierten Max, als Chefreporter beim Männermagazin FHM, als Textchef beim Konkurrenten GQ und entwickelte für verschiedene Verlage Zeitschriften. 

Bei keinem Arbeitgeber blieb Pantelouris länger als zwei Jahre. Seine berufliche Rastlosigkeit steht im Widerspruch zu seiner privaten Beständigkeit. "Ich bewege mich in meiner Freizeit fast nur hier im Kiez", sagt er und schlendert durchs Hamburger Schanzenviertel. Ein Kumpel hupt ihm hinterher. Ein Bettler bekommt von Pantelouris einen Euro zugesteckt. Beim Italiener um die Ecke steht plötzlich sein Schwiegervater neben ihm und spendiert ein Mittagessen. Zum Espresso erzählt Pantelouris, dass er sich an der Schule seiner Tochter im Elternrat engagiere und seine Katze Willy Brandt heiße. "Ich denke sozialdemokratisch. Das kann auch jeder wissen."

"Kein Journalist ist objektiv"

Er hält nicht viel vom Gerede über journalistische Objektivität. In dem berühmten Satz des "Tagesthemen"-Moderators Hanns Joachim Friedrichs, nach dem sich ein Journalist nicht gemein machen dürfe mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, sieht er ein Missverständnis. "Kein Journalist ist objektiv", sagt Pantelouris. "Das ist auch nicht schlimm. Wichtig ist, dass jeder Journalist transparent arbeitet, dass seine Haltung klar ist."

Während seiner Recherchen haben ihm einige Leser vorgeworfen, er habe sich von Marion Waade einspannen lassen. Er gehe an die Todesumstände ihrer Tochter nicht unvoreingenommen heran. Pantelouris bestreitet das. "Ich habe im Auftrag der Toten gehandelt, die noch leben könnte." Doch wer seine Geschichte liest, kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass er stärker nach Anhaltspunkten für die Mord- als für die Selbstmordtheorie gesucht hat. Aber sollte man ihm das vorwerfen?

"Ich habe unterschätzt, wie wenig man wirklich allen zeigen kann" 

Pantelouris hat mit seiner Herangehensweise ja vor allem Transparenz versprochen. Doch ausgerechnet dieses Versprechen löste er nur zum Teil ein – aus Rücksicht auf Familie Waade. Er machte keineswegs alle Recherchen öffentlich. Private Fotos, Dokumente mit zum Teil intimen Informationen und Mitschnitte von Interviews blieben auf seinem Laptop. "Ich habe unterschätzt, wie wenig Material man wirklich allen zeigen kann", räumt Pantelouris ein. 

Man könnte auch sagen, er hat sich mit der Kombination aus dem Thema und seinem Anspruch selbst eine Falle gestellt. Nicht einmal eine Boulevardzeitung könnte eine tragische Familiengeschichte recherchieren und dabei alles veröffentlichen. Völlige Transparenz verträgt sich nicht mit einem so privaten Fall. Bei einem anderen, für die Öffentlichkeit bedeutsameren Thema hätte der Ansatz vermutlich besser funktioniert. "Mag sein", sagt Pantelouris. "Aber die Idee zu diesem Format kam mir ja gerade, nachdem ich mit der Mutter gesprochen hatte."

Marion Waade ist mit seiner Arbeit zufrieden. "Noch nie bin ich einem so anständigen Reporter begegnet", sagt sie. Rund 50 Journalisten haben schon mit ihr über den Tod ihrer Tochter gesprochen. Genau weiß sie es nicht mehr. "Aber fast alle haben mich enttäuscht." Sie erzählt von Boulevardzeitungen, die ihr Schicksal für eine reißerische Story missbraucht hätten, sie schimpft über die Super Illu, die das Foto einer wichtigen Zeugin ungefragt gedruckt habe, und sie kritisiert die Berliner Morgenpost, die nicht drangeblieben sei am Thema. Im Gegensatz zu Pantelouris.

"Uns ging es nicht um Quoten" 

Tatsächlich fand er heraus, dass eine Staatsanwältin am Landgericht von Athen eine Zeugenaussage nachträglich so zurechtgebogen hatte, dass sie zur Selbsttötungstheorie passt. Außerdem ermittelte Pantelouris, wie sich das Alibi des Ex-Freundes leicht überprüfen ließe. Der Mann will zum Todeszeitpunkt auf einer Fähre gewesen sein. Die Passagierliste existiert noch. Die Staatsanwaltschaft in Griechenland müsste sie nur anfordern. Ob sie das machen wird, ist offen.

Insgesamt haben weniger als 10.000 Leser pro Tag Pantelouris’ Live-Recherche angeklickt. Das ist nicht sehr viel, wenn man bedenkt, dass das Projekt bei neon.de auf der Startseite verlinkt war. "Uns ging es nicht um Quoten", sagt Neon-Chefredakteur Timm Klotzek. "Der Reiz bestand darin, die journalistische Arbeit mit einem direkten Feedback-Kanal zu verbinden und daraus zu lernen." Eine Bilanz will Klotzek aber nicht ziehen. Dafür sei es zu früh. 

Wer sich durch das Leser-Feedback kämpft, sieht schnell, wie nützlich und schwierig so eine Live-Kommentierung sein kann. Einerseits gelang es Pantelouris, viele Kritiker davon zu überzeugen, dass er nicht hemmungslos im Privatleben einer unglücklichen Familie herumschnüffelt. Dabei half ihm die Mutter, die selbst kommentierte. Daraus ergab sich andererseits ein Problem. Eine Reportage lässt sich schwer schreiben, wenn die Protagonisten permanent ihre Entstehung bewerten.

"Als Detektiv wäre ich gescheitert" 

"Ich finde es gut, dass sich die Neon-Redaktion auf das Experiment eingelassen hat", sagt Pantelouris, "obwohl von vornherein klar war, dass der Ausgang offen ist". Die Frage "Warum starb Susan Waade?" kann er bis heute nicht beantworten. Das ist auch das größte dramaturgische Problem seiner Geschichte, deren Überschrift durchaus Hoffnungen auf eine Antwort geweckt hat. 

"Ich bin mir inzwischen zu 80 Prozent sicher, dass sie Selbstmord beging", sagt Pantelouris. "Wenn es Mord war, dann müsste es ein perfekter Mord gewesen sein." Aber schon in den ersten Stunden nach Susan Waades Tod seien von den Behörden viele Fehler gemacht worden. Die Pannen hätten sich über die Jahre fortgesetzt. Er könne die Zweifel der Mutter deshalb verstehen – und ihr leider keine Gewissheit geben. "Als Detektiv wäre ich gescheitert", sagt Pantelouris. "Aber ich bin ja kein Detektiv." 

Genau genommen ist Pantelouris in letzter Zeit vor allem Medienentwickler. So hat er für den Bauer-Verlag 2007/2008 ein grünes Lifestyle-Magazin entworfen, das unter dem Namen Ivy nur zwei Testausgaben erlebte. Zuletzt leitete er für den Axel-Springer-Verlag die Gründungsredaktion der Welt am Sonntag kompakt für Nordrhein-Westfalen. Mitte September erscheint sein erstes Buch. "Werde das, was zu Dir passt" soll Jugendlichen helfen, den richtigen Beruf zu finden. "Es gibt Dutzende Bücher, die 45-Jährigen raten, ihrer Motivation auf den Grund zu gehen, aber keines für Jugendliche", sagt Pantelouris.

"Danke, dass Sie mich kritisieren"

Er steht wieder in seinem Büro an der Schanzenstraße, das er sich mit drei Kollegen teilt. An der Wand hängt das Porträt von Chesley Sullenberger – jenem Piloten, der am 15. Januar 2009 einen Airbus auf dem Hudson-River in New York notwasserte. Es war der Tag, an dem Pantelouris und seine Kollegen beschlossen, in Hamburg zusammenzuarbeiten. Ihre Firma nannten sie nach dem Helden des Tages: Chesley Medienproduktion. "Die Anfangsbuchstaben aus unseren vier Vornamen hätten nur die Worte Koma oder Amok ergeben. Das fanden wir unpassend", sagt Pantelouris und lacht zum ersten Mal.

Am Vormittag hat wieder Marion Waade bei ihm angerufen. Sie sorgt sich um seine Karriere, weil er so viel Häme nach dem Griechenland-Projekt einstecken musste. "Aber eine Karriere im eigentlichen Sinne habe ich ja nicht", sagt Pantelouris. Er versucht, bescheiden zu klingen. Am Abend setzt er sich an seinen Computer und schreibt einen neuen Eintrag für sein Blog. Es geht noch einmal um die Reaktionen auf seine Recherche. Die Überschrift lautet: "Danke, dass Sie mich kritisieren."

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

10.09.2010 17:10

Mikis Pagos

Wichtig für Medienarbeiter ist es, in die Medien zu gelangen. Das ist gelungen. Glückwunsch. Das Ergebnis aber ist eher dürftig, der Erfolg fragwürdig. Wem ist mit der Sache gedient? Für die Mutter wollte Pantelouris eine Art Hilfs-Sherlock Holmes spielen und Polizeiarbeit leisten. Da ist er gescheitert. Und die Leser witterten eine Story, eine Mischung aus kriminellen Ingredenzien und intimen Enthüllungen. Und das alles live. Er spielte mit der Lust auf das Leben der anderen und tat es unter dem Deckmantel der Transparenz. Für meine Begriffe ist das ebenso geschmacklos wie überflüssig.

 
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