Detail-Informationen

Autor

Svenja Siegert

verfasst am

03.08.2015

im Heft

journalist 8/2015

If it cares it shares – "Soziale Netzwerke sind unser Zuhause", sagt ze.tt-Teamleiter Sebastian Horn.
Bild: Jan Zappner

Distributed Content

Die 3. Stufe

Nach Bild will auch Spiegel Online noch im August Texte direkt bei Facebook einstellen. Dabei sind Instant Articles nur ein Puzzleteil einer Entwicklung, die gerade erst am Anfang steht. Egal ob Facebook, Snapchat oder Apple News: Redaktionen gehen nicht mehr nur dahin, wo ihr Publikum ist – sie lassen ihre Inhalte jetzt dort.

Gleich ruft Facebook an. Torsten Beeck spielt am Schnürsenkel seiner Chucks, die Espresso-Tasse ist leer. Am Ende der anderen Leitung wird kein Pressesprecher sitzen, sondern ein echter Produktentwickler. "Es ist das erste Mal, dass wir tatsächlich einen partnerschaftlichen Austausch mit Facebook haben", sagt Beeck, Social-Media-Chef beim Spiegel. Bei dem Telefonat wird es um Instant Articles gehen. Mal wieder. Spiegel Online will noch im August nach Bild als zweite deutsche Redaktion damit starten, will wie New York Times und Buzzfeed komplette Texte direkt bei Facebook posten. Ohne lange Ladezeiten und umständliche Links. Details müssen noch geklärt werden. Von Urheberrecht bis Zählpixel – "die Liste der offenen Fragen ist lang".

Die Ankündigung von Redaktionen, mit Facebook zusammenarbeiten zu wollen, hat eine Diskussion losgetreten. Es geht um die Rolle von Facebook als neues Medienunternehmen neben den Bild- und Spiegel-Redaktionen dieser Welt. Dabei sind Instant Articles nur ein Puzzleteil einer Entwicklung, die gerade erst am Anfang steht.

Beispiel Snapchat. Snapchat ist in den USA unter Teenagern genauso wichtig wie Facebook – und wächst schneller als alle Konkurrenten. Bereits heute stellen elf Medienunternehmen von Cosmopolitan über National Geographic bis MTV ihre Inhalte dort ein. Keine Links, keine Ladezeiten.

Beispiel Apple News. Die neue App, eine Art virtueller Gratiskiosk, ist in den USA Mitte Juni gestartet. Gut 50 Titel waren zum Start dabei, darunter New York Times, Wired und Economist. Allein die New York Times stellt jeden Tag 30 Artikel kostenlos ein. Keine Links, keine Ladezeiten.

Und das ist nur der Anfang. Wenn Facebook und Apple damit beginnen, ganze Inhalte zu schlucken, wird Google nicht lange auf sich warten lassen.

Journalismus findet zunehmend auf anderen Plattformen statt. In sozialen Netzwerken wie Facebook, Snapchat und WhatsApp, bei Kiosken wie Apple News und Blendle und vielleicht auch bei Aggregatoren wie Google News. Neusprech: Distributed Content. Oder anders gesagt: Medienunternehmen beliefern Technologieunternehmen mit Inhalten, geben den Vertrieb ihrer Produkte ab. Distributed Content wird die Medienlandschaft weiter verändern. Mit Folgen für den klassischen Internetauftritt, für einzelne Inhalte und für das Geschäftsmodell.

Beim Thema Distributed Content gibt es drei Stufen

  • Stufe 1 – sozusagen die Vorstufe: Redaktionen reißen ihre Inhalte auf anderen Plattformen an und verlinken auf die eigene Website. Also das Prinzip Twitter. Und zu großen Teilen das, was auf Facebook gerade passiert. Längst Alltag in den Redaktionen.
  • Stufe 2: Inhalte landen nicht nur auf der eigenen Website oder App, sondern eins zu eins auf anderen Plattformen. Also ein Text bei Blendle, ein Video bei YouTube oder ein Instant Article bei Facebook oder Apple News.
  • Stufe 3: Redaktionen produzieren Inhalte speziell für andere Plattformen und spielen sie genau dort aus. Native Journalism, wenn man so will, oder Social-only-Journalism. Hieran probieren sich neue Start-ups, Seiten wie Buzzfeed – und im Ansatz auch Projekte wie heute+ vom ZDF.

Der Grund für die Entwicklung überrascht nicht: Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit mit Facebook und WhatsApp auf ihrem Smartphone und immer weniger Zeit im Internetbrowser. In den USA wächst der Newskonsum über Facebook und Twitter in der Bevölkerung unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildungsstand und Einkommen. Die Folge: Viele steuern die Nachrichtenseiten – vor allem mobil – gar nicht mehr direkt an.
Mobil bekommen nur noch zwei große Nachrichtenmedien den überwiegenden Teil ihrer Besucher über die Startseite: Spiegel Online und bild.de. Stattdessen kommen die User über Google oder Links aus sozialen Netzwerken. Oder bleiben einfach fern. Neue Medienmarken wie die Huffington Post Deutschland erreichen schon nur noch drei Prozent ihrer Leser über die Mobil-Homepage.

Journalisten müssen künftig nicht nur dahin gehen, wo das Publikum die meiste Zeit verbringt, sondern ihre Inhalte gleich mitbringen. Und: Technologieunternehmen befeuern diese Entwicklung. Unternehmen wie Facebook wissen, dass sie bessere Inhalte brauchen, um ihre Nutzer bei Laune zu halten. Das zeigen schon Ankündigungen wie Twitter Lightning, die neue Explore-Funktion von Instagram und Snapchat-Story – in allen Fällen wollen soziale Netzwerke Bilder, Videos und Tweets von Live-Events bündeln und besser abbilden. Netzwerkeigener Nachrichtenjournalismus. Und Apple? Apple braucht Inhalte, um mit Apple News iPhone und iPad attraktiver zu machen.

Hört man sich in deutschen Medienunternehmen um, herrscht eine positive Grundstimmung. Schließlich sieht ein Instant Article besser aus als die mobilen Webseiten aller Verlage zusammen. Manch ein Onlinechef ist geradezu erleichtert: Endlich realisierten Apple und Co, wie wertvoll Journalismus sei.

Wenn Redaktionen mit ihren Inhalten hingehen, wo die Zielgruppe ihre Zeit verbringt, gibt es also zwei Strategien. Erstens: Inhalte anteasern und das Publikum auf die eigenen Webseiten locken (Stufe 1). Oder komplette Inhalte gleich dort lassen, in der Hoffnung, neue und mehr Leute anzusprechen und bestenfalls die Marke unter Menschen bekanntmachen, die keine Ahnung haben, ob so ein Spiegel samstags oder montags erscheint (Stufe 2 und 3). Deutschland ist Stufe-1-Land, das jetzt Stufe 2 ausprobiert.

Auch Spiegel-Mann Torsten Beeck ist ein Stufe-1-Mann. Wie in allen anderen Redaktionen, mit denen der journalist gesprochen hat, ist für Spiegel Online Facebook der wichtigste externe Kanal. Oberstes Ziel von Torsten Beeck: "Reichweitenmaximierung für spiegel.de." Und deshalb wird konsequent auf die eigene Website verwiesen, mit Themen, die Facebook-User am meisten interessieren. Ziel ist es, noch mehr solcher Themen direkt im Social Web aufzuspüren. Daraus werden dann Inhalte gemacht, diese Inhalte landen auf Spiegel Online und dann wieder bei Facebook mit Link auf Spiegel Online. Reichweitenmaximierung also. Darunter sind auch Inhalte, die niemals auf der Startseite von Spiegel Online landen würden – weil sich der typische Stammleser nicht dafür interessiert.

Das ist Stufe-1-Logik.

Damit hat Torsten Beeck mit seinem Social-Media-Team, als er noch bei Bild war, die Reichweite von bild.de in die Höhe getrieben. In diese Reichweitenlogik passen auch Instant Articles. Denn fast alle Texte, die Beeck bei Facebook einstellen will – und er will 70 Prozent von Spiegel Online dort einstellen! –, sind eins zu eins Spiegel-Online-Texte, die auf die vielen Facebook-extra-Features verzichten. "Das ist quasi Spiegel Online. Gleicher Inhalt, gleiche Vermarktung, gleiches Zählpixel", sagt Beeck. "Es sieht gut aus, lädt schnell. Aus Nutzersicht also nur Vorteile, für uns keine Nachteile." Torsten Beeck glaubt, dass die meisten Nutzer gar nicht merken werden, dass der Text jetzt bei Facebook und nicht bei Spiegel Online liegt. Lädt halt schneller. Sieht gut aus. Mehr nicht.

Auf Stufe 3, also Inhalte speziell für Facebook zu erstellen, wird sich Spiegel Online nicht einlassen. "Facebooks Interesse wird es langfristig sein, exklusive Inhalte zu bekommen", sagt Beeck. "Das ist für uns völlig uninteressant." Denkbar sei allerdings, ein eigenes Newsformat für YouTube zu entwickeln. Oder für Instagram von der Fashion Week in New York zu berichten oder eine Snapchat-Story von Rock am Ring.

Wenn man wissen will, wie Stufe 3 aussieht, lohnt ein Blick auf drei US-Medien, die die Logik der journalistischen Webseiten, wie wir sie kennen, komplett infrage stellen. Zwei davon sind reine Videoprojekte. Hier ist Distributed Content längst im Gange.

  • AJ Plus. Seit einem Jahr produziert der Al Jazeera-Ableger aus San Francisco kurze Videos und spielt sie via App und Social Media aus. Auch das Format ist angepasst: schnelle Schnitte und Untertitel. Die Videos funktionieren meist auch ohne Ton. Auf Facebook liegen die Abrufzahlen gern mal im sechsstelligen Bereich.
  • Reported.ly. Das Global-News-Projekt von Ebay-Gründer Pierre Omidyar ist ein gutes halbes Jahr alt. Das Konzept: "Wir wollen Native Journalism machen." Zum Start gab es nicht mal einen eigenen Internetauftritt. Mit 15.000 Twitter-Followern und 4.000 Facebook-Fans hält sich der Erfolg von Reported.ly noch in Grenzen.
  • NowThis. Motto: "See it first, share it first." Rund 50 Videos produziert das New Yorker Start-up jeden Tag. Politik, viel Buntes, Sport, Wissenschaft. Die Videos landen in der eigenen App sowie auf Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter, Vine, Kik, WeChat und YouTube. Auch hier schnell Schnitte und Untertitel. Zu den Investoren gehört seit Ende 2014 auch Axel Springer. Allein auf Facebook hat NowThis mehr als eine Million Fans. NowThis hat zwar einen eigenen Internetauftritt – da stehen allerdings nur drei bildschirmfüllende Sätze: "Homepage. Even the word sounds old. Today the news lives where you live."

Nachrichten leben, wo du lebst. Oder wie Sebastian Horn sagt: "Soziale Netzwerke sind unser Zuhause." Uns, das ist das Team von ze.tt. Einer neuen Onlinemarke aus dem Zeit-Verlag. Sebastian Horn ist 31 Jahre alt, hat bis 2013 die Community von Zeit Online aufgebaut und war zuletzt beim Berliner Start-up Sourcefabric. Dort entwickelte er unter anderem ein Liveblogging-Tool für Redaktionen. Jetzt also wieder Zeit-Verlag. Als Teamleiter von ze.tt. Die Seite als "ein neues Online-Angebot für junge Leser" zu umschreiben, wie es die Pressemittelung des Verlags tut, trifft es allerdings nicht ganz.

"ze.tt ist mehr als nur eine Website", sagt Horn. Auch hier wird es Stufe-3-Inhalte geben, Texte und vor allem Fotos und Videos, die nur oder zumindest zuerst auf sozialen Netzwerken laufen. Facebook, Twitter, YouTube, Instagram, WhatsApp. “Wir werden mit Formaten direkt auf den Plattformen experimentieren.“ Zielgruppe: Menschen vom Schulabschluss bis zum ersten Jobwechsel. Also die Facebook-Dauer-Checker, die Nachrichten auch via Messenger und WhatsApp austauschen. "Mit ze.tt wollen wir auch Menschen erreichen, die nicht mehr die Startseiten klassischer Nachrichtenportale aufrufen." Bis Ende des Jahres soll das ze.tt-Team auf zehn Mitarbeiter anwachsen. Die Themen? Gesellschaft, Kultur und Wissen. Von Liebe über Alltag und Ernährung bis hin zu Dingen wie Gerechtigkeit. Das Geschäftsmodell? Bannerwerbung, Videovermarktung – und Native Ads. Also Anzeigen, die nach Journalismus aussehen.

Wie in der analogen Welt gibt es drei Möglichkeiten, mit Distributed Content Geld zu verdienen: Werbung, Vertrieb und eher indirekt übers Marketing.

  • Werbung. Klassisches Beispiel ist YouTube. Aber auch Snapchat, Facebook und Apple News bieten im Tausch gegen Inhalte Einnahmen aus der Werbung an. Mal komplett, mal zumindest eine Beteiligung. Dabei lockt Facebook nicht nur Verlage ins Format Instant Article, auch Videoproduzenten will Facebook künftig an Werbeeinnahmen beteiligen. Dass man mit Werbung auf Facebook schon jetzt Geld verdienen kann, zeigt bild.de. Der Vermarkter Axel Springer Media Impact verlangt laut Preisliste 33.500 Euro für vier Facebook-Posts und die Einbettung eines Werbevideos auf der Bild-Fanseite.

    Gerade Medienmarken ohne eigene Website werden um solche gesponserten Beiträge nicht herumkommen. Auch Unternehmen wie Buzzfeed und Vice, die bereits Inhalte ausschließlich über Social Media ausspielen oder es zumindest planen, sehen in Native Ads eine Einnahmequelle. Journalismus, Content, Werbung. All das wird weiter verschwimmen, als es das im Social Web sowieso schon tut.
  • Vertriebseinnahmen als Geldquelle sind das Geschäftsmodell von Onlinekiosken wie Blendle oder Pocketstory. Viel spannender ist der Versuch von Verlagen, ihre Pay-Produkte aus dem Netz auch in soziale Netzwerke zu überführen. "Wir wollen für unsere Arbeit ja von immer mehr Lesern entlohnt werden", sagt Stefan Plöchinger, Onlinechef der Süddeutschen. Auch Plöchinger spricht gerade mit Facebook über die Möglichkeit, Texte der Süddeutschen via Instant Article zu verbreiten. "Wenn Facebook es uns möglich macht, nach zehn Autorentexten pro Woche unser SZ-Plus-Aboangebot zu zeigen statt des Textes, wie auf der normalen Webseite, dann klingt das gut", sagt er. "Schafft Facebook das nicht, ist die Sache für uns deutlich schwieriger." Auch Springer arbeitet mit Facebook an einer Möglichkeit, die eigene Paywall ins Social Web zu bringen: "Der Leser, der Bild-Plus-Artikel auf Facebook lesen möchte, wird dafür künftig im gleichen Umfang bezahlen müssen wie auf bild.de", kündigte Springer-Manager Christoph Keese an. Angeblich arbeitet Facebook auch an einem Modell, damit Blogger, freie Journalisten und andere ihre Texte direkt auf der Plattform verkaufen können.
  • Marketing. Dieser Punkt ist klassisch für Stufe-1-Denke. Es geht schlicht darum, Werbung für die eigene Medienmarke zu machen. "Wenn ein User auf Facebook oder auf einem U-Bahn-Screen liest, dass die Queen angeblich tot ist, soll er auf Spiegel Online nachschauen, ob da was dran ist", sagt Torsten Beeck. "Homepage-Traffic ist also zum Teil auch Social-Media-Traffic."

    Anderes Beispiel, wie Markentransfer funktionieren kann: Die New York Times hat in das Start-up Keywee investiert. Keywee findet potenzielle Digitalabonnenten auf Facebook – indem es einem genau die Texte anzeigt, die perfekt zu den eigenen Interessen passen (Targeting). Irgendwann stößt man gegen die Bezahlschranke von nytimes.com – und abonniert.

Die Strategie der Medien: zweigleisig fahren

Beim Thema Markentransfer sieht Thilo Büsching ein Problem. Er glaubt nicht daran. Im Gegenteil. "Die Distribution von Premiuminhalten an die amerikanischen Quasi-Monopole Apple oder Facebook entkernt die Verlagsmarken und beschleunigt den Niedergang des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens", sagt der Professor für Medienmanagement an der Hochschule Würzburg. Und rät Verlagen dringend ab, ihre Inhalte auf Drittplattformen zu verteilen.

Die Strategie der Medienunternehmen: zweigleisig fahren. Die Annahme: Die loyalen Leser bleiben auf den eigenen Websites und Apps und zahlen bestenfalls dafür – der Rest, die jungen, wird über andere Kanäle erreicht. Vor allem gratis, refinanziert über Anzeigeneinnahmen – mit Werbeeffekt auf das Pay-Produkt. Das erinnert stark an den Onlinejournalismus der Nullerjahre: Die Stammleser zahlen weiter fürs Zeitungsabo, der Rest bekommt Gratisnews online – mit Werbeeffekt auf das Printprodukt. Der Unterschied diesmal: Facebook macht im Jahr 40-mal mehr Umsatz als die komplette Spiegel-Gruppe.

Und so können es sich die meisten Medienunternehmen von Augsburger Allgemeine über DuMont bis hin zu Zeit Online durchaus vorstellen, Inhalte exklusiv für Drittplattformen zu produzieren (siehe Umfrage). Einzige Einschränkung: das Thema Geld. "Ich glaube, niemand kann es sich mehr leisten, eine solche Möglichkeit kategorisch auszuschließen", sagt Sascha Borowski, Onlinechef der Augsburger Allgemeinen. "Tatsache ist aber, dass wir zum einen unsere Inhalte monetarisieren müssen und wollen, und zum anderen eine durchaus starke und wertvolle Marke besitzen. Insofern sollte ein solcher Schritt wohlüberlegt sein."

“Wir haben alle ein komisches Bauchgefühl“

Gelingt der Markentransfer? Lassen sich Werbe- und Vertriebseinnahmen finden? Nicht die einzigen Fragen, mit denen sich Redaktionen beschäftigen, wenn Inhalte dort hingehen, wo die Zielgruppe ist. Auch medienethische Fragen spielen eine Rolle. Egal ob Facebook, Apple oder Blendle – sie entscheiden, welche Inhalte Nutzer zu sehen bekommen. Vorausseilender Gehorsam bei Rechtsstreitigkeiten – auch solche Entscheidungen liegen nicht mehr allein in den Händen der Redaktion. Die Gatekeeper-Funktion und die Unabhängigkeit der traditionellen Medien verschwindet vielleicht nicht ganz. Aber sie wird kleiner. Es ist nicht so, dass das den Redaktionen nicht klar ist.

"Wir haben alle ein komisches Bauchgefühl, weil wir die Hoheit über unsere Inhalte haben wollen", sagt etwa Stefan Plöchinger. Torsten Beeck sieht es pragmatisch: "Wir haben uns mit Facebook geeinigt, Teaser-Bilder möglichst nippelfrei zu halten." Im Inhalt macht Spiegel Online, was es will. "Wenn wir dort nackte Femen-Aktivistinnen zeigen wollen, tun wir das. Und wenn Facebook dies zensiert, ist das das Ende der Kooperation."

Wir probieren es mal und lassen es dann vielleicht wieder? "Ich denke, dass es kein unverbindliches Testen gibt", sagt Lars Wienand, künftiger Social-Media-Chef in Funkes neuer Zentralredaktion. "Das kommt mir blauäugig vor." Was er mit blauäugig meint? Wenn die großen Medienhäuser Instant Articles testen, werden sich die Nutzer daran gewöhnen. Werden vielleicht nur noch Texte lesen, die schneller laden und schicker aussehen. Mit ihrem Test stoßen Verlage eine Entwicklung an, die sich kaum noch aufhalten lässt. "Stoppen lassen wird sich das nicht, weil es genügend Partner gibt, die mitmachen", sagt Lars Wienand.

Noch kritischer sieht es ein etwas ratloser Mathias Müller von Blumencron, Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen. "Werden wir vom unabhängigen Journalisten zum Contentisten für Facebook und Apple und sicherlich dann bald auch Microsoft und Google?", fragte er bei einem Vortrag im Juni. "Die Sprache und Anordnung von Information wird von Softwareprotokollen geprägt, nicht von Redakteuren und ihren medialen Regeln, ihrer medialen Ethik." Und weiter: "Zum ersten Mal in über 15 Jahren an der digitalen Medienfront bin ich doch etwas ratlos."

Anders die taz. Online-Redaktionsleiterin Rieke Havertz hat entschieden, nicht auf Facebook aufzuspringen. "Technologieunternehmen interessieren sich nicht für Journalismus oder hochwertigen Content, sondern für Gewinnmaximierung und Anzeigenumfeld", sagt sie. "Natürlich bietet Qualitätsjournalismus die Chance, dieses Anzeigenumfeld aufzuwerten und neue User zu erschließen und damit mehr Daten, die sich dann wiederum vermarkten lassen." Der Content sei daher für die Unternehmen wohl eher ein Vehikel, ein genuines Interesse an Journalismus halte sie für unwahrscheinlich. Havertz’ Schlussfolgerung: "Grundsätzlich sind wir immer offen für neue Ideen und Projekte, wir werden uns dafür aber nicht komplett Dritten unterwerfen."

Mit dem Verlust der Gatekeeper-Funktion ist es schließlich nicht getan. Auch die Inhalte selbst verändern sich – ohne dass Facebook oder Apple direkt etwas damit zu tun hätten. Stichwort: Buzzfeedisierung. Es gibt inzwischen Unternehmen, die sich nur damit beschäftigen, wie ein journalistischer Inhalt aussehen muss, damit er viral geht. Und da wäre noch das Problem mit der Facebook-Blase. Wenn Redaktionen wie Spiegel Online, bild.de und auch ze.tt nur noch konsequent analysieren, was die Trendthemen ihrer Nutzer im Social Web sind, könnten andere Relevanzkriterien auf der Strecke bleiben. "Klar analysieren wir trending topics", sagt ze.tt.-Teamleiter Sebastian Horn. "Davon kann man nur profitieren. Das heißt aber nicht, dass wir als Journalisten die Entscheidung aus der Hand geben, über welche Themen wir berichten."

Wenn jemand wie Facebook Medienunternehmen mit Angeboten überrollt, heißt das auch immer, dass einige das Nachsehen haben werden. Beispiel Snapchat: Gerade mal elf Medienmarken haben zurzeit die Möglichkeit, Artikel dort direkt auszuspielen. Beispiel Instant Articles: New York Times, Buzzfeed, National Geographic, Spiegel, Bild. Keine Rhein-Zeitung, keine taz, kein Trierischer Volksfreund. Nutzer werden sich an den neuen Nachrichtenkonsum gewöhnen. Ein Digital Gap könnte sich unter den Verlagen auftun. "Ich glaube nicht, dass wir bei Facebook ganz oben auf der Abtelefonierliste stehen", sagt Alexander Houben, Chef vom Dienst beim Trierischen Volksfreund.

Was nun? Gutes Facebook? Böses Facebook? Wie auch immer. Klar ist, der Nachrichtenkonsum gerade von jungen Erwachsenen hat sich geändert und wird sich weiter ändern. Distributed Content ist eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt.

Anita Zielina, Chefredakteurin Neue Produkte bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), plädiert für weniger Emotionalität bei dem Thema. Für sie gibt es drei Kriterien, wie sie eine Plattform bewertet, auf der ihre Inhalte landen. Erstens: Wie wird der Inhalt präsentiert? Zweitens: Kann ich Geld damit verdienen? Drittens: Wie viel Einfluss habe ich auf meine Inhalte? Ihre Kriterien zeigen, warum sich die Diskussion um Distributed Content und Native Journalism an Facebook auflädt. Bei Blendle und YouTube können Medienunternehmen viel leichter drei Häkchen setzen. "Wir müssen Facebook nicht gern haben, und wir müssen es nicht hassen", sagt Zielina. "Wir müssen lediglich einen Weg finden, von dieser neuen Medienlandschaft zu profitieren." Auch sie will einen Versuch mit der NZZ bei Facebook und Snapchat wagen.

Über die Autorin

Svenja Siegert ist journalist-Redakteurin und beschäftigt sich vor allem mit dem digitalen Wandel. Twitter-Kanal: @ssvenjaa, E-Mail: siegert(at)journalist.de

Die August-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Wir ziehen um. Das Publikum ist auf Facebook, Instagram, YouTube, Snapchat. Und die Redaktionen? Schicken jetzt ihre Inhalte hinterher.

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Adding an entry to the guestbook

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.