Detail-Informationen

Autor

Text: Jan Söfjer;

Bilder: Svea Pietschmann

verfasst am

17.05.2011

im Heft

journalist 5/11

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  • Die Wächterpreis-Gewinner der vergangenen Jahre listet die Website anstageslicht.de. Seit 2004 werden die Gewinner-Geschichten dort vollständig dokumentiert.
Sechs Reporter, ein Fall: Selten bestimmte ein Thema die Gespräche in der Morgenpost-Redaktion so sehr wie der Kindesmissbrauch am Canisius-Kolleg.
Bild: Svea Pietschmann

Berliner Morgenpost

Eine unendliche Geschichte

Am Berliner Canisius-Kolleg nahm einer der größten Skandale des vergangenen Jahres seinen Anfang: der systematische sexuelle Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche. Die Berliner Morgenpost machte die Vorfälle öffentlich. Das Reporterteam berichtet noch heute über Opfer und Folgen – und erhält am kommenden Mittwoch, den 18. Mai, den Wächterpreis der Tagespresse. Die Geschichte einer Recherche.

Einen Tag bevor die Medienwelle über die Republik hinweg rollt, sitzt Joachim Fahrun in seinem Wohnzimmersessel. Der 44-jährige Chefreporter der Berliner Morgenpost ist krankgeschrieben. Es ist Vormittag. Frau und Kinder sind schon außer Haus, Fahrun liest Zeitung, da empfängt sein Smartphone eine Mail von einem Arbeitskollegen – im Anhang ein Brief von einem Informanten. Fahrun liest und denkt: "Jetzt ist es raus!"

Der Brief ist von Pater Klaus Mertes, dem Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, ein katholisches Gymnasium unter Trägerschaft des Jesuitenordens. Es ist eine der renommiertesten Schulen der Hauptstadt. Verfassungsrichter, Senatoren, Wissenschaftler: Viele Karrieren haben hier ihren Anfang genommen. Das Canisius-Kolleg ist eine Institution, der Hort für den Nachwuchs des gehobenen Bürgertums. Und jetzt das: sexueller Missbrauch. Nicht als Einzelfall, sondern systematisch, über Jahre hinweg.

Mertes hat den Brief an rund 600 Schüler der Abiturjahrgänge 1977 bis 1983 geschickt. Er bittet stellvertretend für das Kolleg die Opfer um Entschuldigung, er spricht von tiefen Wunden, die Biografien ganzer Jahrzehnte verdunkelten, von einer Beauftragtenstelle, an die sich Missbrauchsopfer wenden könnten, er stellt kirchliche Strukturen infrage. Mertes schreibt, er möchte "durch diesen Brief dazu beitragen, dass das Schweigen gebrochen wird".

Mertes weiß, dass sein Brief Folgen haben wird, aber erst nach Monaten wird er die ganze Wucht der Welle verstehen, die er ausgelöst hat. Nicht nur für das Canisius-Kolleg. Nach und nach kommt heraus, dass es auch an anderen Einrichtungen im Land systematischen Missbrauch gegeben hat. Unter anderem im Kloster Ettal, bei den Regensburger Domspatzen, bei den Limburger Domsingknaben, im Jesuitenkolleg in Sankt Blasien, im Bonner Jesuiten-Aloisius-Kolleg, aber auch in der Odenwaldschule, einem Vorzeigeinternat der Reformpädagogik. Nach und nach erfährt die Öffentlichkeit von mehreren hundert Opfern. 

Am 27. Januar 2010 ist das alles noch weit weg. Der Reporter Joachim Fahrun ruft seinen Kollegen Jens Anker an. Anker, 45, arbeitet seit mehr als zehn Jahren für die Berliner Morgenpost und damit wie alle seine Kollegen auch für die Welt-Gruppe. Anker verlässt gerade das Haus und ist auf dem Weg zur U-Bahn, als Fahrun ihn erreicht: "Jetzt geht es los."

Bild: Svea Pietschmann

 

"Gerüchte um die Missbrauchsfälle gab es schon lange" – Chefreporter Joachim Fahrun erhielt den entscheidenden Beleg für die erste Morgenpost-Geschichte zum Fall: das Entschuldigungsschreiben des Paters.

Wenn man heute mit den Reportern spricht, hat man nicht das Gefühl, dass der Brief von Pater Mertes sie damals überrascht hat. Fahrun sagt: "Die Gerüchte um die Missbrauchs-Geschichten im Canisius-Kolleg gab es schon sehr lange. Sie kursieren seit Jahrzehnten im Umfeld der Schule." Bislang fehlte der letzte Beleg. "Nach dem Brief von Pater Mertes konnten wir alles, was wir wussten, alle Kontakte, die wir hatten, sofort aktivieren und die Hintergründe der Geschichte recherchieren." Anker sagt: "Die neue Dimension war, dass ganze Jahrgänge angeschrieben wurden, dass es ein Massenphänomen war, dass der Missbrauch systematisch stattgefunden hat und dass die Kirche das nun nicht mehr weggedrückt, sondern von sich aus einen neuen Umgang mit dem Thema fand."

In der Morgenpost-Redaktion sitzt Polizeireporter Michael Behrendt, 42, bereits an seinem Schreibtisch. "Komm mal mit", sagt sein Lokalchef. In kleiner Runde treffen sich alle mit dem Chefredakteur Carsten Erdmann. Bei den Informanten – unter ihnen der Redaktion bekannte Missbrauchsopfer – wurde sich rückversichert, ob die Fälle nun wirklich öffentlich gemacht werden sollen. Sie sollen. Die Betroffenen sind einverstanden. Behrendt kontaktiert Pater Mertes. Dieser hatte den Brief nur an Canisius-Absolventen geschickt, nicht aber an die Presse. Doch Mertes gibt sofort bereitwillig Auskunft. Behrendt ist vom Mut des Paters beeindruckt.

Daniel Müller, 29, hat an diesem Abend Spätdienst. Er hat noch vor kurzem im Haus volontiert, die Axel-Springer-Journalistenschule besucht. Nun liest er Texte gegen und produziert. Es ist die letzte Druckausgabe für diesen Tag, in der auch der Canisius-Text erscheinen soll. Der Chefredakteur entschied sich dagegen, den Text wie üblich, vorher online zu stellen und an die Agenturen zu geben. Ein Print-Scoop. Selbst viele Morgenpost-Redakteure erfuhren von der Meldung erst aus ihrer Zeitung. Daniel Müller denkt sich: "Meine Güte, das wird explodieren." Heute sagt er: "Das hatte so wahnsinnig viel Sprengkraft. Das hat mich betroffen gemacht, mich berührt, da schluckt man erst mal, obwohl ich weder aus Berlin komme, noch das Kolleg vorher kannte." 

Am nächsten Morgen, dem 28. Januar 2010, steht im Titel der Morgenpost: "Canisius-Kolleg: Missbrauchsfälle an Berliner Eliteschule". Unterzeile: "Rektor spricht von ,systematischen Übergriffen’ und bittet Ex-Schüler um Entschuldigung". Die Presse in Deutschland hat ein neues Thema. Die Medienwelle rollt los.

Uta Keseling, 45, arbeitet seit 2009 im lokalen Reportageressort der Morgenpost. Sie erhält um halb acht am Morgen den Auftrag, zum Kolleg zu fahren, um mit Schülern zu reden, um herauszubekommen, wie die Eltern reagieren, ob gar welche ihr Kind abmelden. Vor allem aber soll sie Pater Klaus Mertes treffen. "Keiner konnte absehen, was passiert, wenn die Meldung in die Welt kommt ", sagt Keseling.

Bild: Svea Pietschmann

 

"Wer einmal den Makel hat, sich an Kindern zu vergreifen, wird ihn nie wieder los. Deswegen müssen wir ganz genau hinschauen" – 
Polizeireporter Michael Behrendt (r.) war der Erste, der mit einem der Missbrauchsopfer sprach. Jens Anker kennt ehemalige Canisius-Schüler. Sie sind in seinem Alter.

Es ist ein verschneiter Donnerstag. Vor der Schule warten schon Reporter, Fernsehübertragungswagen werden aufgebaut. Die Schüler wissen noch von nichts. Keseling findet die Szenerie ein wenig gespenstisch. Dann trifft sie Mertes in seinem warmen Büro und fragt ihn, was er nun erwartet. Er sagt: "Gar nichts, ich weiß nicht, was passieren wird. Ich bin Mitglied der Täterorganisation. Ich kann das nicht weiter bestimmen." Es ist eine Aufforderung an die Medien. Denn Mertes hat ein Ziel: das Schweigen zu brechen. Dennoch überrascht ihn offensichtlich die Wucht der Berichterstattung. Eilig wird eine Vollversammlung in der Sporthalle einberufen, um Lehrer und Schüler aufzuklären. "Es gab eine extreme Anspannung", sagt Keseling. Die Offenheit wird begrüßt, doch manche Schüler fürchten, das Canisius-Kolleg werde nun als "Vergewaltigerschule" abgestempelt. Die schulische Direktorin Gabriele Hüdepohl sagt einige Tage darauf den Morgenpost-Reportern: "Unsere Schüler haben vor allem das Interesse, möglichst schnell zum Schulalltag zurückzukehren." Viele fragten sich aber auch: Wer sind die Täter und was passiert mit ihnen?

Auf Antworten warten auch die Reporter und Kamerateams, die schon bald in einem Mehrzweckraum der Schule an kleinen Tischen sitzen. Pressekonferenz. Einer der beiden Haupttäter war der Schule bereits bekannt, der andere noch nicht. Chefreporter Fahrun sagt: "Da wurde Mertes erst klar, dass er jetzt was sagen und konkreter werden muss, um zu verhindern, dass alle Ex-Jesuitenlehrer, die vom Alter her ins Raster passen, verdächtigt werden." 

Bereits vor 16 Jahren hörte der Pater die ersten Gerüchte. Vor fünf Jahren offenbarte sich ein Schüler ihm gegenüber. Der Tagesspiegel fragte Mertes einmal, warum er das Thema Missbrauch so energisch verfolge. Er sagte daraufhin: "Ich habe selbst erlebt, wie es ist, wenn Vertrauen missbraucht wird. Seitdem bin ich hellhörig. Ich weiß, wie alleine man sich fühlt, wenn alle im Umfeld wegschauen."

Der Erste, der mit einem Missbrauchsopfer des Canisius-Kollegs sprach, war Polizeireporter Michael Behrendt. Zwei Tage nach der ersten Geschichte beschrieb er, wie das 47-jährige Opfer noch heute darunter leide, was ihm an der Schule angetan worden war. Der Mann sagte, er habe Drogenprobleme und auch seine Sexualität sei gestört: "Wir mussten uns immer wieder entblößen und berühren lassen." Einer der Haupttäter, Peter R., habe auf Kosten der Seelen der Jugendlichen gelebt. 

Anne Klesse, 34, hat sich innerhalb des Morgenpost-Reporterteams um die Mediatorin des Jesuitenordens, die Rechtsanwältin Ursula Raue, gekümmert. Klesse hat sie gleich an den ersten Tagen getroffen. "Raue hat wie Mertes schnell gemerkt, dass sie die mediale Wucht unterschätzt hat", sagt Klesse. Als Mediatorin war Raue die erste Ansprechperson für Missbrauchsopfer. Klesse ruft sie jeden Tag an, fragt, wie viele Opfer sich gemeldet haben, was geplant ist. Der Reporterin wird aber auch schnell klar, "dass man viel Rücksicht auf die Opfer nehmen muss. Andere Zeitungen haben sich mehr auf einzelne Opfergeschichten konzentriert, wir haben die Missbrauchsfälle eher im Gesamtkontext betrachtet." Die Reporter waren sich einig, dass man Opfer nicht an die Öffentlichkeit zerren dürfe. 

Die Mediatorin Raue, eine eloquente Dame, sagte zu Anne Klesse im Interview: "In den Gesprächen jetzt wurde immer wieder deutlich, welch große Rolle die Scham spielt. Die Übergriffe beschäftigen die Opfer bis heute." Aber viele hätten bis jetzt mit niemandem darüber gesprochen. Bei Kindern und Jugendlichen sei das Schamgefühl stark ausgeprägt. "Viele haben auch Schuldgefühle, sie denken: Ach, irgendwie habe ich ja auch mitgemacht. Die Opfer sind unsicher, auch über ihre eigenen Gefühle. Was alle gesagt haben: Die Situationen hätten sie damals als eklig und unangenehm empfunden." 

Die Zahl der bekannten Opfer steigt kontinuierlich an. Zwei sollen sich das Leben genommen haben. Nach Feierabend abzuschalten, empfindet die Reporterin als schwierig. "Das Thema hat mich auch zu Hause noch verfolgt." Ihr Kollege Jens Anker kennt Leute, die an der Schule waren. Er sagt: "Die Opfer sind in meinem Alter. Wenn ich zum falschen Zeitpunkt an der falschen Schule gewesen wäre ..." 

Bild: Svea Pietschmann

 

"Keiner konnte absehen, was passiert, wenn die Meldung in die Welt kommt" – Uta Keseling arbeitet seit 2009 im lokalen Reportage-Ressort der Morgenpost. Sie erhält den Auftrag, zum Kolleg zu fahren, um mit Schülern zu reden.

Das Morgenpost-Team nimmt sich schließlich der beiden Haupttäter an und versucht herauszubekommen, warum sie damals nicht aus dem Verkehr gezogen worden sind. Beide Pädagogen haben noch lange Jahre weiter unterrichtet und auch an anderen Lehranstalten Schüler sexuell belästigt und misshandelt.

Polizeireporter Michael Behrendt erinnert sich, wie er zum Haus des früheren Religionslehrers und Jesuitenpaters Peter R. gefahren ist. Wie er an die Adresse gekommen ist? Polizeireporter-Geheimnis. Es standen allerdings schon etliche Journalisten vor dem Haus. Behrendt sagt, er recherchiere seit Jahren intensiv zum Thema sexueller Missbrauch von Kindern sowie dem europaweiten organisierten Handel. "Bei diesem Thema ist besondere Sorgfalt nötig. Wer einmal den Makel hat, sich an Kindern zu vergreifen, wird ihn nie wieder los, deswegen müssen wir ganz genau hinschauen." Und man müsse den mutmaßlichen Tätern in jedem Fall die Chance geben, selbst zu Wort zu kommen. Die Journalisten warten. "Wir dachten, die Wohnung sei leer, aber dann kam er raus und ist ins Taxi gestürmt." Bis heute streitet R. alles ab. Der frühere Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S. hingegen gab seine Schuld zu. Er lebt heute in Chile. Gegenüber dem Spiegel sagte er: "Es ist eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe." Daran sei "nichts zu entschuldigen". So oder so sind alle Taten, die die Männer damals begangen haben, mittlerweile verjährt.

Drei Monate recherchiert die Morgenpost akut an dem Fall – abgeschlossen ist er bis heute nicht. Uta Keseling sagt: "Ich bin lange bei der Morgenpost, aber ich habe noch nie erlebt, dass im Haus über ein Thema so lange und übergreifend gesprochen wurde." Ein halbes Jahr nach dem ersten Artikel macht das Team eine Bestandsaufnahme, erstellt ein Dossier, berichtet nach wie vor. Noch immer melden sich Opfer. Daniel Müller erzählt, wie er vergangenen Sommer mit der Mediatorin sprach und sie ihm berichtete, dass sich ein Mann bei ihr gemeldet habe, der erst jetzt zum ersten Mal von all dem erfahren habe. Der Mann habe im Auto gesessen und Radionachrichten gehört und plötzlich habe er sich erinnert, dass auch er missbraucht worden sei. Müller sagt: "Selten wird über die Auswirkungen auf die Familien gesprochen. Wir haben mit Angehörigen von Betroffenen geredet, die gesagt haben: Das hat auch unsere Kinder traumatisiert, weil der Vater damit nicht umgehen konnte."

Am 31. März 2011 gibt die Stiftung Freiheit der Presse bekannt, dass das Team der Berliner Morgenpost für seine Berichterstattung über die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg mit dem ersten Platz des Wächterpreises der Tagespresse ausgezeichnet wird. Anne Klesse, Uta Keseling, Joachim Fahrun, Daniel Müller, Michael Behrendt und Jens Anker hätten das gesellschaftliche Bewusstsein dafür geschärft, "solche Vorgänge unter keinen Umständen hinzunehmen", so die Jury. Die Reporter sagen, es sei nicht mehr in jeder Redaktion selbstverständlich, dass sich so ein großes Team über so einen langen Zeitraum mit einem Thema beschäftigen könne. Mehr als 60 Texte sind bisher entstanden. Am 18. Mai nimmt die Gruppe im Frankfurter Römer den Preis entgegen. 

Natürlich haben Klesse, Keseling, Fahrun, Müller, Behrendt und Anker auch angestoßen und gefeiert, als sie von ihrer mit 12.000 Euro dotierten Auszeichnung erfuhren. Aber die Freude war stiller, nachdenklicher, als es in solch einem Moment üblich wäre. Jens Anker sagt: "Dieser Preis ist eine tolle Auszeichnung für das gesamte Team. Doch die Freude wird natürlich dadurch getrübt, dass den Opfern noch nicht geholfen wurde."

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

17.05.2011 15:42

Lilly Maier

Ich freue mich sehr, dass die Berliner Morgenpost, bzw. die RedakteurInnen mit dieser Auszeichnung bedacht werden. Es ist eine Anerkennung für ihre Courage und ihre Integrität. Denn so viele ihrer KollegInnen wenden sich beim Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder lieber ab ("Das Thema ist durch", "Das will doch niemand lesen") oder skandalisieren Einzelfälle in unseriöser Art und Weise. Also: Glückwunsch und Danke für Ihren Einsatz!

17.05.2011 13:59

Heinz Laumen

Der Bericht iat super. Die meisten Reporter machen sich in die Hosen wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Schauen Sie mal bei Google: "Heimkind" oder "Heimkind Heinz". Das war damals so wie heute. Es ändert sich nicht. Es ist aber gut zu wissen, dass es noch anständige Reporter gibt.

 
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