Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

05.09.2011

im Heft

journalist 9/2011

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Mehr zum Thema

  • Weggestreikt – In dieser Woche beginnen die Urabstimmungen zu dem Tarifergebnis, auf das sich der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger mit den Gewerkschaften DJV und dju in ver.di geeinigt hat.
  • Umfrage: Was ist Journalismus heute noch wert?
  • Umfrage: Werden Journalisten zu gut bezahlt?
  • Initiativen – Nachwuchsjournalisten starten die Facebook-Aktion Herzblut
  • Vier Beispiele: Diese Einschnitte könnten auf Journalisten zukommen
  • Nächste Runde: Die Tarifverhandlungen gehen weiter
  • Abgehängt – In der dritten Tarifrunde haben die Zeitungsverleger ihre Pläne für künftige Berufseinsteiger konkretisiert.

Nicht nur mit Bannern machten Redakteure während des Tarifstreits auf sich aufmerksam ...

Tarifrunde Zeitungen

Zurückgeschaut

Fast ein Jahr zogen sich die Verhandlungen um einen neuen Tarifvertrag für Tageszeitungsredakteure hin. In dieser Zeit gingen Redakteure auf die Straße, Verlage begingen Tarifflucht und Nachwuchsjournalisten formierten sich in sozialen Onlinenetzwerken. Eine Nachlese.

Gekündigt

Am 24. Juni 2010 kündigt der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger den Manteltarifvertrag für die Tageszeitungsredakteure zum Jahresende. Er reagiert damit noch am selben Tag auf die fristgemäße Kündigung des Gehaltstarifs, die von den Gewerkschaften ausgesprochen wird.

Erste Tarifrunde

Sie findet am 14. September 2010 in Berlin statt. Die Verleger fordern tarifliche Einbußen, ohne sie konkret zu benennen, zudem eine gemeinsame Verhandlung von Mantel- und Gehaltstarifvertrag.

Erste Demonstration

Auf dem DJV-Verbandstag im November 2010 ziehen die rund 300 Delegierten unter dem Motto "Unsere Arbeit ist mehr wert" durch die Essener Innenstadt, um auf die schwierigen Verhandlungen mit den Verlegern aufmerksam zu machen.

Konkrete Forderungen

In der dritten Tarifrunde am 8. Dezember 2010 legen die Verleger erstmals konkrete Zahlen auf den Tisch. Nach Berechnungen der Gewerkschaften bedeuten sie eine Verschlechterung von mindestens 25 Prozent für Neueinsteiger. Die Verleger fordern für sie die Einführung eines zweiten Tarifwerks. Darin enthalten: eine neue Berufsstaffel, abgesenkte Gehälter, Kürzung des Urlaubs- und Weihnachtsgelds, Begrenzung auf 30 Urlaubstage, Heraufsetzung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden, eine Halbierung des Arbeitgeberanteils fürs Presseversorgungswerk. Für die Altbeschäftigten sollen Urlaubs- und Weihnachtsgeld ebenfalls zusammengefasst werden. Die bisherige Regelung zur Altersversorgung soll für sie zunächst drei Jahre lang unverändert gelten. Die Forderung der Gewerkschaften nach einer Gehaltserhöhung von vier Prozent lassen die Verleger unbeantwortet.

Auf der Flucht

Während der Tarifverhandlungen verlassen immer mehr Verlage die Tarifbindung: Ende 2010 teilen Südkurier und Harz-Kurier den Wechsel in die OT-Mitgliedschaft mit. Zudem wird bekannt, dass die Bremer Zeitungen AG (Weser-Kurier, Bremer Nachrichten) bereits seit 2005 nur noch OT-Mitglied ist. Weitere Tarifflüchtlinge: der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (u.a. Flensburger Tageblatt), Leipziger Volkszeitung und Dresdner Neueste Nachrichten (beide Madsack), Trostberger Tagblatt (Alois Erdl) und die Nordwest-Zeitung. Über den Umweg der Aufspaltung in tariflose Firmen verlassen Schwarzwälder Bote und Harke die Tarifbindung. Bei der Verlagsgruppe Saarbrücken geht die Sache glimpflich aus: Ein Haustarif sichert nun die Tarifkonditionen.

Streik-Höhepunkt

3.000 streikende Journalisten, Drucker und Verlagsangestellte auf dem Römerberg: Die zentrale Kundgebung am 9. Juni in Frankfurt am Main ist Höhepunkt des Widerstands. Zeitgleich laufen Protestaktionen in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.

Eklats

Noch bevor die für den 23. Februar angesetzte vierte Tarifrunde in Köln beginnt, verlassen die Verleger das Verhandlungsgebäude. Journalisten hatten den Weg zum Verhandlungssaal mit DJV-Plakaten ausgelegt, die Fotos von Redakteuren zeigen sowie den Slogan: "Guten Journalismus nicht mit Füßen treten". Die Verleger reisen beleidigt ab. Einen weiteren Eklat gibt es am 12. Mai in Bremen, wo sich die Streikenden auf dem Gelände des Pressehauses von Weser-Kurier und Bremer Nachrichten versammeln und DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken eine Rede hält. Vorstandschef Ulrich Hackmack verweist die Anwesenden des Betriebsgeländes und erteilt auch dem DJV-Chef einen Platzverweis.

Die Drucker

Am 28. Juni einigen sich die Tarifparteien auf ein Ergebnis für die rund 160.000 Beschäftigten der Druckindustrie. Zuvor waren die Drucker gemeinsam mit Journalisten und Verlagsangestellten auf die Straße gegangen. Anfang Mai hatte für sie die Friedenspflicht geendet. Auch nach dem Abschluss solidarisieren sich die Drucker mit den Redakteuren. So legen Mitarbeiter der Frankfurter Societäts-Druckerei am 17. August ihre Arbeit zeitweise nieder.

Initiativen

Am 2. Mai startet der Fachausschuss Junge des DJV Baden-Württemberg eine Onlinepetition, später formulieren Redakteure der Südwest Presse und der Neuen Württembergischen Zeitung "Sieben Ulmer Thesen", in denen sie auf die Bedeutung der Presse für die Demokratie hinweisen. Volontäre des Schwäbischen Tagblatts machen in einem offenen Brief klar, warum sie sich an dem Streik beteiligen, und Redakteure desselben Blatts veröffentlichen auf Facebook einen Brief an die nicht-streikenden Kollegen. Jungjournalisten in Lübeck und Rostock starten die Facebook-Aktion Herzblut, und der Bamberger Journalist Daniel Stahl sammelt 1.728 Unterschriften von Journalistenschülern und Nachwuchsautoren, die er dem BDZV übergibt. Die Licht-Installation Worte sind wertvoll, von bayerischen Journalisten erfunden und zunächst an Häuserwände in Augsburg geworfen, wandert danach auch nach Stuttgart und Mannheim.

Urabstimmung

Mit großer Mehrheit sprechen sich die DJV-Mitglieder bei den regionalen Urabstimmungen für die Ausweitung der Streikaktionen aus: 98,6 Prozent in Baden-Württemberg, 98,5 Prozent in Nordrhein-Westfalen, 98,8 Prozent in Bayern und 100 Prozent in Hessen.

Streikzeitungen und Blogs

In Anlehnung an die Namen ihrer Zeitungen verteilen die Journalisten Streikzeitungen wie den Leser-Kurier (Bremen), den Streikkurier (Konstanz), den Streik-Morgen (Mannheim) und den Streik-Boten (Schwarzwald). Zudem entstehen zahlreiche Streik-Blogs – etwa beim Schwäbischen Tagblatt und der Neckarquelle oder bei der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten sowie der Südwest Presse.

Für die Ohren

Nicht nur mit Trillerpfeifen und Rasseln machen die Streikenden auf sich aufmerksam. Am 2. August gibt es in Mannheim ein Streikkonzert mit vielen regionalen Musikern und internationalen Klängen. Auch Soulmusiker Xavier Naidoo singt mit für faire Tarifverträge. In Dortmund begleitet die Rockband Chris and the poor boys einen "Streikzug" von Redakteuren, in Stuttgart beteiligen sich 70 Journalisten an einem Streikchor. In Bremen sorgt eine Samba-Gruppe für heiße Rhythmen.

Abgrenzung

Der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, Joachim Hauck, distanziert sich am 17. August in einem Kommentar ausdrücklich von der "Betonfraktion im Arbeitgeberlager". Ihr sei es zuzuschreiben, dass die Redakteure ihr "unantastbares Grundrecht der Arbeitnehmer" wahrnehmen und streiken. Auch die Nürnberger Nachrichten seien betroffen, obwohl man hier die Zwei-Klassen-Gesellschaft in Redaktionen ablehne und davon überzeugt sei, dass Qualität ihren Preis habe.

Zuwachs

Während des Streiks verzeichnen die Landesverbände etliche Neueintritte – vor allem in den großen Landesverbänden. So verzeichnet etwa der DJV Baden-Württemberg allein für die Zeit vom 1. Juni bis 1. August 59 Neu- oder Wiedereintritte.

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