Detail-Informationen

Autor

Text: Svenja Siegert

Bilder: Bernd Arnold

verfasst am

12.03.2013

im Heft

journalist 3/2013

faz.net: Unaufgeregtheit gehört zum Konzept.
Bilder: Bernd Arnold

faz.net

Die vielen Köche und der Brei

Faz.net ist ein bisschen wie die FAZ: konservativ, pluralistisch, unaufgeregt.
Das könnte der Seite jetzt zugute kommen. Trotzdem muss faz.net aufpassen, dass die Konkurrenz nicht davonläuft.

Warten auf Gottes Hammer. So umschreibt Spiegel Online die Stimmung an diesem Samstagmorgen. Gesternabend rauschte ein rund 50 Meter dicker Asteroid an der Erde vorbei, in der Nacht zuvor war über Russland eine Feuerkugel am Himmel explodiert. Während Spiegel Online frühmorgens Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Gefahr aus dem All gibt, schläft faz.net noch. "Die im Dunkeln sieht man nicht", so die Schlagzeile auf der Homepage. Statt Gesteinsbrocken am Himmel hat der Text einen Rockerclub in Frankfurt zum Thema. Ein Text, der heute auch auf Seite vier in der Zeitung steht. Seit gestern Abend – Stunden vor dem Vorbeirauschen von 2012 DA14 – hat sich in Sachen Asteroiden-Berichterstattung zumindest auf der Startseite nichts mehr getan.

"Unaufgeregtheit gehört zum Konzept", sagt Kai N. Pritzsche. Der 52-Jährige sitzt in seinem Büro im ersten Stock des Redaktionsgebäudes der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Seit zehn Jahren leitet er als verantwortlicher Redakteur die Onlineredaktion. Um ihn herum: Raufaser, dunkelgraue Auslegeware, Rollcontainer, abgehängte Decken, an denen Neonröhren hinter Gittern hängen. Auf den ersten Blick mag faz.net bieder und vielleicht sogar langweilig wirken, konservativ eben – wie die gedruckte Mutter auch. Doch die Seite ist besser als ihr Ruf.

Was das Magazin Stern gerade erst als neue Strategie angekündigt hat, ist bei der FAZ längst Realität: das Zusammengehen von Print und Online. "Wir leben eine Einmarkenstrategie und fühlen uns auch als Frankfurter Allgemeine Zeitung", sagt Pritzsche. Der Onlinenewsroom im ersten Stock wirkt regelrecht ausgestorben. Die meisten Onlinejournalisten sitzen im Haus verteilt bei den Zeitungsredakteuren direkt in den Ressorts – und sind von dort aus an der Website zugange.

Das war nicht immer so. Wie bei anderen großen Verlagen startete auch faz.net als eigenständiges Projekt, in einer eigenen Gesellschaft, in einem eigenen Gebäude. Das war im Jahr 2001. Die Idee damals: faz.net sollte zu einer Art mobilem Büro für die klugen Leute im Netz werden. Hier gab es alles: vom E-Mail-Dienst bis zum virtuellen Fitnesstrainer. Die Erwartung war groß, das hineingesteckte Geld viel. Dann kam der Crash. Der Verlag musste seine Geschäftsidee überdenken – und dockte die Seite wohl eher aus der Not heraus schon damals an die Zeitungsredaktion an.

9.45 Uhr, Onlinekonferenz: "Es ist nicht so, als würden wir ständig Grabenkämpfe darüber führen, wer den Aufmacher bekommt."

Inzwischen bespielt jedes Zeitungsressort seine Rubrik auf der Website. Das Wissenschaftsressort kommt sogar ganz ohne die Hilfe von Onlinejournalisten aus Pritzsches Team aus. "Unser Modell funktioniert nur, wenn wir die Unterstützung aus den Zeitungsressorts haben", sagt Pritzsche, der mit rund 30 fest angestellten Onlinern zurechtkommen muss. Zum Vergleich: Bei Spiegel Online arbeiten viermal so viele, bei süddeutsche.de ähnlich wenige. Um die Zeitungsredakteure fit zu machen, hat faz.net vor eineinhalb Jahren ein komplett neues Redaktionssystem bekommen. Pritzsche sagt, er bringe unerfahrenen Zeitungsredakteuren in einer halben Stunde bei, eigenständig Texte online zu publizieren.

Dass sich jedes Zeitungsressort um seine kleine Online-Ressortschwester kümmert, ist typisch FAZ. So teilen sich auch die fünf FAZ-Herausgeber die inhaltliche Verantwortung für die fünf Zeitungsbücher. Einen Chefredakteur gibt es nicht – nicht für die Zeitung und nicht für die Website. Die einzelnen Ressorts müssen sich mit den Onlineredakteuren vom Dienst (RvD) jeden Tag aufs Neue einigen, welche Vorstellungen sie vom Aufmacherthema auf der Startseite haben. Klappt das nicht, greift Redaktionsleiter Pritzsche ein. Sonst hält er sich aus dem Tagesgeschäft weitgehend raus.

Faz.net spielt damit, ein paar Regeln des Internets aufzubrechen

Und so sieht die Startseite dann auch nach Kompromiss aus: kleinteilig, Blöcke statt Listen, der Aufmacher kleiner als man es von anderen Homepages gewöhnt ist. "Wir sehen nicht aus Versehen ein bisschen nach Zeitung aus", sagt Pritzsche. "Wir sind nun mal überzeugt, dass es an einem Tag nicht nur das eine wichtige Thema aus dem einen Ressort gibt." Faz.net spielt damit, ein paar Regeln des Internets aufzubrechen. Das ist gewöhnungsbedürftig. "Aber nur für den Schnellleser", findet Pritzsche. Eine Zeitungsseite lese man auch nicht wie eine Liste.

Jedes Ressort redet mit? Die Tagesplanung und die Startseite als Ergebnis eines Dialogs unter Nachrichtenjournalisten und Feuilletonisten? "Es ist nicht so, als würden wir ständig Grabenkämpfe darüber führen, wer den Aufmacher bekommt", sagt Patrick Bernau, Onlineredakteur im Wirtschaftsressort. Aber verderben viele Köche nicht ganz gerne den Brei? "So zu arbeiten, das bringt Vielfalt, und das ist das, was uns als FAZ ausmacht."

Es scheint, als sei die viel beschriebene Zweiklassengesellschaft aus textschrubbenden Onlinern und den besser verdienenden Edelfedern zumindest bei der FAZ Vergangenheit. Immerhin gehören die Onlinejournalisten ganz offiziell zur Redaktion und sind schon seit 2007 nicht mehr in eine eigene GmbH ausgegliedert. Auch beim Gehaltsniveau gibt es keinen Unterschied. Die FAZ bezahlt nach Tarif. Egal wen. "Aus Sicht vieler Zeitungsmacher bleibt Online dennoch ein Stiefkind", sagt ein ehemaliger Redakteur.

Es gibt Tage, da ist die kleine Kopfzeile auf der Titelseite der Zeitung das einzige Indiz dafür, dass es faz.net überhaupt gibt. Hinweise auf Diskussionen oder Hintergründe im Netz tauchen nur manchmal und wenn, dann vereinzelt auf – im Vergleich dazu wimmelt es bei der Süddeutschen Zeitung vor Webhinweisen nur so. Auch im Impressum der FAZ taucht die Onlineredaktion nicht auf. Mit Ausnahme eines Journalisten: Patrick Bernau.

"Wir spielen so sauber, wie man es von einer FAZ erwartet."

Bernau leitet seit fast einem Jahr die Wirtschafts- und Finanzberichterstattung der Website. "Verantwortliche Redakteure", wie sie bei der FAZ heißen, gibt es für die Website mit Ausnahme des Redaktionsleiters sonst nicht. Vielleicht taucht Bernau aber auch deshalb im Impressum auf, weil er vorher für die Sonntagszeitung gearbeitet hat. Einmal erste Klasse, immer erste Klasse. In jedem Fall bleibt es eine Besonderheit, dass ein Printredakteur bei einer überregionalen Tageszeitung ganz offiziell die Seiten wechselt.

Ein bisschen Abgeschlossenheit in der Onlinewelt

Bernau koordiniert nicht nur sein Onlineressort, er schreibt auch für die Zeitung – genauso wie Zeitungsredakteure ihm Beiträge für die Website liefern. 100 Texte veröffentlicht faz.net jeden Tag. Vor allem in den Ressorts Finanzen, Wirtschaft, Politik. Das ist etwas mehr als süddeutsche.de schafft. Dennoch kommt faz.net weniger schlagzeilig, weniger aktuell daher. Auf Uhrzeitenangaben neben den Artikeln verzichtet man gleich ganz. Wahrscheinlich aus gutem Grund. Auf manchen Unterseiten passiert tagelang nichts. Etwa im Reiseteil oder in der Rubrik Mode. Die Meldung vom vorbeigezogenen Asteroiden stand bereits um 0.30 Uhr auf der Seite. Versteckt im Gesellschaftsressort – nicht auf der Startseite.

Will man es positiv formulieren, dann liefert faz.net ein bisschen Abgeschlossenheit in der sich immer schneller drehenden Onlinewelt. Eine Seite, die man schaffen kann, eine, bei der es ganz oben auf der Startseite gleichzeitig um die Berlinale, einen Bombenanschlag in Pakistan, die Linkspartei und die deutsche Rüstungsindustrie gehen kann. Angenehm unaufgeregt. Manchmal wirkt faz.net aber auch langweilig. Etwa beim Plagiatsskandal um Annette Schavan. Während als Seitenaufmacher den ganzen Tag eine dpa-Meldung über das Vertrauen der Bundeskanzlerin in ihre Ministerin nachzulesen war, hat süddeutsche.de nicht nur die Gründe für das Vertrauen längst analysiert, sondern sich schon auf die Suche nach Nachfolgern gemacht.

"Wir versuchen nicht, der Schnellste, sondern der Verlässlichste zu sein", sagt Kai Pritzsche. Deshalb bremse seine Redaktion auch manchmal ganz bewusst. "Damit vermeiden wir die eine oder andere Aufregung. Manche mögen das langweilig finden. Ich glaube aber, dass unsere Leser gerade das schätzen."

3,4 Millionen Leser erreicht faz.net laut Arbeitsgemeinschaft Online Forschung im Dezember. Von den Onlineportalen der großen Zeitungen und Nachrichtenmagazine kommt nur die Frankfurter Rundschau mit fr-online.de auf weniger Besucher. Spiegel Online erreicht fast dreimal so viele, süddeutsche.de fast doppelt so viele. Noch im Jahr 2004 hatte Pritzsche angekündigt, süddeutsche.de einholen zu wollen. Keine Chance. Stattdessen ist mittlerweile auch Zeit Online mit rund fünf Millionen Lesern an ihm vorbeigezogen.

Wie wäre es mit einem Reichweitenspielchen?

Das hat Gründe. Bei Zeit Online sind die recht naheliegend: Kein anderes Nachrichtenportal in Deutschland veröffentlich so viele Texte. Und von den anderen haben viele einfach geschummelt, getrickst und nachgeholfen. Doch Faz.net ist kein Mitläufer und irgendwie auch eine ehrliche Haut. Slideshows statt Klickstrecken, Außenpolitikanalysen statt Busenblitzer, Überschriften und Teaser versprechen nichts, was die Texte nicht halten, Republishing – einen Beitrag für Google mehrfach veröffentlichen – ist bei faz.net tabu. Die Jungs aus Frankfurt sind wahrscheinlich die einzigen, die noch nie Lust auf Reichweitenspielchen hatten. "Wir spielen so sauber, wie man es von einer FAZ erwartet", sagt Kai Pritzsche. Und die Leser kommen wieder: Drei von vier Lesern schauen regelmäßig auf der Seite vorbei.

Kai N. Pritzsche, Redaktionsleiter: "Wir können nicht die Energie, die wir in die digitalen Medien stecken, jedes Jahr verdoppeln. Wir müssen einen Weg finden, dass uns all diese Einzelaktionen nicht auffressen."

Kai Pritzsche spricht ein bisschen wie seine Website: angenehm unaufgeregt. Es scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen, dass die anderen Nachrichtenportale davonzulaufen drohen – obwohl er weiß, dass er seine Seite bei Google trotzdem besser aufstellen muss. Dennoch lohne es sich nicht, den anderen hinterherzuhecheln. Reichweite als Währung funktioniere für Nachrichtseiten nicht mehr. Im Januar haben sich handelsblatt.de, süddeutsche.de, Zeit Online und faz.net zusammengetan. Sie vermarkten ihre Werbeplätze bei IQ Media jetzt gemeinsam. "Vergleichen Sie unsere Reichweite mit t-online oder bild.de: Da sind wir chancenlos – und da werden wir auch nie hinkommen. Egal wie gut wir sind", sagt Pritzsche. Also setze man als Verkaufsargument auf den Wert Qualität – die Qualität der Inhalte und die der Leser.

Zwar ist Werbung nach wie vor die wichtigste Einnahmequelle von faz.net. Sie ist aber neben Stellenmarkt, E-Paper und Archiv nur eines von vielen Standbeinen. Auch bei der Frankfurter Allgemeinen geht es derzeit vor allem um ein Thema: die Paywall – oder wie man in Frankfurt sagt: das Online-Abo.

Hier könnte sich auszahlen, dass die FAZ mit meinfaz.net von Anfang an eine Leser-Community aufgebaut hat. Rund 200.000 Menschen nutzen diesen Bereich derzeit. meinfaz.net-Nutzer können nicht nur Texte kommentieren, sondern auch ihren Lieblingsautoren und anderen Nutzern folgen. Seit dem Relaunch im Oktober 2011 hat sich laut Pritzsche die Zahl der Leserkommentare verdoppelt bis verdreifacht. Allein die bieder daherkommende Schavan-Meldung kam nachmittags schon auf mehr als 160 Kommentare. Die gleiche Meldung auf Spiegel Online nur auf knapp 50. Ein FAZ-Blog der Kunstfigur Don Alphonso über das Kreuz mit dem konservativen Leben hat es inzwischen auf insgesamt fast 90.000 Kommentare gebracht. Weg vom Klickgeschäft, hin zur Nutzerbindung. Das ist die Idee, die hinter Online-Abomodellen steckt. Und diesen Weg geht faz.net nicht erst seit gestern.

"Pay muss sein!"

Einen Zeitplan gibt es angeblich nicht, man will auch hier nichts überstürzen, sondern in FAZ-Manier lieber drei- als zweimal über das richtige Modell nachdenken. Nur so viel: "Pay muss sein!", sagt Pritzsche. Das klingt nicht danach, als würde sich in absehbarer Zeit etwas in Sachen Online-Abos bei der FAZ tun.

Die Letzten werden die Ersten sein? "Wir sind nicht gerade berühmt dafür, als Erste loszupreschen", sagt Pritzsche. "Wir lassen gerne ein bisschen Zeit verstreichen und denken intensiv darüber nach, was wir tun. Das ist manchmal besser, als später wieder drei Schritte zurückzugehen." Auch was Innovationen im Onlinejournalismus angeht, macht faz.net nicht gerade von sich reden. Dennoch gibt es auch hier mehr als nur Zeitungstexte und Agenturmeldungen. Interaktive Grafiken, fürs Web aufbereitete Daten, neue Darstellungsformen wie den Faktencheck, die den Leser bei der Recherche miteinbinden. Selbst Liveticker gibt es auf der Seite. "Nur weil wir nicht 'Datenjournalismus' über für das Web aufbereitete Daten schreiben, heißt das nicht, dass wir keinen Datenjournalismus machen", sagt Patrick Bernau aus dem Wirtschaftsressort. Auch das sei eben FAZ.

Pritzsche bleibt auf dem Teppich. Auch seine Redaktion hat die Sparbemühungen im Haus zu spüren bekommen. Immerhin gab es keine Entlassungen, wenn auch der ein oder andere freie Blogautor dran glauben musste. "Wir können nicht die Energie, die wir in die digitalen Medien stecken, jedes Jahr verdoppeln. Wir müssen einen Weg finden, dass uns all diese Einzelaktionen nicht auffressen." Neben der Paywall stehen noch die Apps für Android und Windows-8-Nutzer an. Auch faz.net in der Mobilversion bietet längst nicht das, was Pritzsche sich vorstellt.

Eine weitere Baustelle: die sozialen Medien. Pritzsche weiß, dass er das Thema unterschätzt hat. "Das sind wir zu zögerlich angegangen. Da hätten wir früher mit starten müssen." Derzeit kümmern sich die einzelnen Redakteure in den Ressorts um die Kanäle Facebook, Twitter und Google Plus. "Die einen bedienen es besser, die anderen gar nicht", sagt Pritzsche. Eigene Social-Media-Redakteure gibt es nicht. Auch hier würde Pritzsche gerne nachbessern.

Die im Jahr 2012 drei meistverbreiteten Texte auf Twitter waren dennoch faz.net-Texte. Das geht auch ohne Social-Media-Redakteur, es braucht nur gute Texte.

Die Autorin

Svenja Siegert arbeitet als Redakteurin beim journalist. Hier geht es zu ihrem Twitter-Kanal.

 

Die März-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Die große Unbekannte. Wie sieht es hinter der Fassade der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus?

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

13.03.2013 12:27

Sonja Zöller

Ist das (unten) nicht der Don, der die F.A.Z. gerne alt aussehen lässt? Erstaunlich was sich die alte Tante alles bieten lässt!

13.03.2013 09:49

Anita Haas

Die Schweizer unter den Zeitungen ;*)

13.03.2013 09:43

Don Alphonso

Es wäre mir enorm wichtig zu betonen, dass ich mit diesem Herrn Pritzsche und seinem Treiben nicht das Geringste zu tun habe, und er auch nichts mit mir. Ich bin beim Feuilleton angesiedelt, und bin auch ausgesprochen froh darüber.

13.03.2013 09:26

Klaus Mueller

Leider ist die Kommentarfunktion bei den Bloggern des FAZ-net seit drei Wochen (nach einem "Relaunch") so was von mies geworden ... Viele haben's gemerkt, aber es wird nicht verbessert, sondern nur "verschlimmbessert"; man hat den Eindruck, hier geht es keineswegs um Qualität (wie zuvor), sondern nur noch um Klicks.

 
Anzeige: 1 - 4 von 4.