In eigener Sache

Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

31.01.2013

im Heft

journalist 2/2013

Die Betriebsräte versuchen, aus der schwierigen Situation bei G+J das Beste herauszuholen. (Bild: dapd/Philipp Guelland)

Gruner+Jahr

Was ist großzügig?

Bei den Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien läuft das große Aufräumen. Impulse und Börse Online sind verkauft, Capital wird in Berlin weitergeführt. Der Betriebsrat hat für die betroffenen Journalisten schon einiges durchsetzen können. Doch bei den Verhandlungen über die Höhe der Abfindungen könnte es schwierig werden.

Richtig verdaut haben sie den Schock noch nicht. Auch wenn die meisten Redakteure der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien nach dem schwarzen Freitag, dem letzten Erscheinungstag der Financial Times Deutschland (FTD), wie immer an ihre Arbeitsplätze gingen, um – wenn man sie nicht nach Hause schickte – für eines der Magazine weiter zu arbeiten. Mitte Januar, gut einen Monat später, herrscht in der Belegschaft noch immer Unsicherheit: Wie geht es weiter? Bekomme ich noch einen Job? Wie hoch wird die Abfindung sein? "Man fühlt sich wie in einer Blase", beschreibt eine Redakteurin die Stimmung im Haus.

Die Situation ändert sich täglich. Und der Betriebsrat, der seit Anfang Dezember mit Unterstützung des DJV-Landesverbands Hamburg über einen Sozialplan verhandelt, hat alle Hände voll zu tun, um die Kollegen möglichst schnell sozial abzusichern. Die Magazine Impulse und Börse Online hat G+J inzwischen verkauft. Für die Redakteure, die zu den neuen Firmen wechseln, gibt es bereits Regelungen. Ebenso für jene, die nicht wie die meisten zum 1. Februar freigestellt sind.

Letzteres gilt vor allem für die Redakteure, die mit Steffen Klusmann das wirtschaftlich erfolgreichste und älteste Wirtschaftsmagazin des Verlags, Capital, für eine Übergangsphase weiterproduzieren sollen – solange, bis der Relaunch des Magazins abgeschlossen ist. Weil sie bei der Jobsuche im Nachteil gegenüber ihren Kollegen sind, hat der Betriebsrat für sie mit der Geschäftsführung einen finanziellen Ausgleich vereinbart: Sie erhalten einen Bonus, der je nach Arbeitseinsatz maximal das Doppelte ihres Gehalts betragen kann.

Der zum neuen Capital-Chefredakteur berufene Horst von Buttlar wird parallel zur Produktion der "alten" Capital ein neues Konzept entwickeln. Der Journalist, der für die FTD das Ressort Agenda leitete, gilt in der Belegschaft als kreativer Kopf. Die Juni-Ausgabe soll bereits seine Handschrift tragen. In Berlin, wo Capital künftig seinen Sitz hat, hat man nach journalist-Informationen 18 der 35 Mitarbeiter angeboten, mit ins neue Team zu wechseln. Wie groß das Team letztlich sein wird, ist noch unklar.

Die Frankfurt-Frage

Für die Mitarbeiter, die zu den neuen Eigentümern von Impulse und Börse Online wechseln, hat der Betriebsrat ebenfalls passable Lösungen vereinbaren können. Impulse hat der bisherige Chefredakteur Nikolaus Förster im Rahmen eines Management-Buy-outs übernommen. Börse Online hat der Blattmacher und Verleger Frank-Bernhard Werner gekauft. Werner gehörte in den 80er Jahren zum Gründungsteam des Magazins; 2010 übernahm er die Zeitung Euro am Sonntag und das Magazin Euro vom Axel-Springer-Verlag. Beide Titel werden in München in einer Gemeinschaftsredaktion produziert, und Werner setzt auch mit dem Erwerb von Börse Online auf Synergien. Er ist optimistisch, Börse Online kostengünstiger herzustellen als Gruner+Jahr. Sollte das Magazin allerdings nicht profitabel sein, räumte er gegenüber dem journalist ein, sei eine Einstellung nicht ausgeschlossen.

Werner hat sich verpflichtet, bis zu zehn Mitarbeiter aus dem Frankfurter G+J-Team zu übernehmen, das Börse Online hauptsächlich betreut hat. Er führte bereits Einzelgespräche mit Kollegen. Viele von ihnen sind erst vor vier Jahren mit ihren Familien von München in die Mainmetropole gezogen – G+J hatte damals den Standort München dichtgemacht, um Börse Online in die neue Gemeinschaftsredaktion zu überführen.

Schon weil ein erneuter Umzug die bisherige Lebensplanung infrage stellt, hätte es die Belegschaft in Frankfurt lieber gesehen, wenn Stefanie Burgmaier den Zuschlag bekommen hätte. Die Börse-Online-Chefin hatte sich – ebenso wie ihr Kollege Förster – für ein Management-Buy-out interessiert. Insider berichten, dass Burgmaier beabsichtigte, in Frankfurt zu bleiben und einen Großteil der rund 40 Mitarbeiter mitzunehmen. G+J entschied sich für Werner, weil dessen Konzept "sowohl finanziell als auch konzeptionell tragfähiger" gewesen sei.

Kündigungsschutz und Umzugsgeld

Wie viele Mitarbeiter das Angebot von Frank-Bernhard Werner letztlich annehmen, war bei Redaktionsschluss noch nicht klar. Etliche der 20 Redakteure, mit denen er gesprochen habe, hätten sich zumindest interessiert gezeigt, sagte Werner dem journalist. Die Bedingungen für den Wechsel sind zumindest nicht schlecht: Bis zum 30. Juni 2014 dürfen die Redakteure nicht gekündigt werden. Zudem sollen sie eine Umzugspauschale von 10.000 Euro sowie die Hälfte der Abfindung bekommen, deren Höhe aber noch nicht feststeht.

Auch die studentischen Hilfskräfte, die in der Honorarbuchhaltung, als IT-Kräfte oder im Leserservice gearbeitet haben, gehen nicht leer aus. Ende 2012 hatten sie mit einer Protest Times auf ihre Lage aufmerksam gemacht. Bis zum Ende der Kündigungsfrist werden sie nun weiter bezahlt. "Das ist ein Erfolg", sagt Betriebsrat Falk Heunemann. "Wir haben intensiv verhandelt, und der Arbeitgeber hat sich hier auch fair verhalten."

Nun erwarten auch die rund 110 freien Journalisten, dass Gruner+Jahr sich erkenntlich zeigt. Für viele war der Verlag der wichtigste, für manche sogar der einzige Geldgeber. Im Gegensatz zu den Festangestellten haben die Freien aber nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld. Entsprechend hoch sind ihre Erwartungen. Die Freien, oft mit einem Rahmenvertrag ausgestattet, der ihnen eine bestimmte Summe pro Monat als Honorar garantierte, wollen wie ihre fest angestellten Kollegen im Sozialplan berücksichtigt werden und pochen auf eine Abfindung.

Doch gerade was die Abfindungen betrifft, könnten sich die Verhandlungen als schwierig erweisen. Zwar hatte Gruner+Jahr gegenüber den Mitarbeiten eine großzügige Lösung angekündigt, doch was darunter zu verstehen ist, wird offenbar auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite unterschiedlich interpretiert.

Überfüllter Arbeitsmarkt

Ein Abfindungsangebot von einem Bruttomonatsgehalt pro Beschäftigungsjahr, wie es derzeit im Raum steht, ist nicht unanständig. Aber die Belegschaft will sich damit nicht zufriedengeben. "Wir finden, dass damit nicht die besonderen Leistungen der Mitarbeiter berücksichtigt werden", sagt Heunemann. "Viele von uns haben ein untertarifliches Gehalt bezogen. Und weil G+J-Wirtschaftsmedien erst vor wenigen Jahren gegründet wurde, können alle auch nur wenige Beschäftigungsjahre vorweisen." Die Folge: Die Betroffenen können allenfalls mit Kleinstbeträgen rechnen.

Hinzu kommt die schwierige Arbeitsmarktlage – gerade für Wirtschaftsjournalisten. "Es ist ja nahezu aussichtslos, einen neuen Job im Journalismus zu finden", sagt Sarah Speicher-Utsch, Betriebsrätin in Frankfurt, wo man auch sorgenvoll auf die Entwicklung bei der Frankfurter Rundschau schaut. In Hamburg sieht die Lage kaum besser aus. Allein rund 250 feste Mitarbeiter der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien sind hier von der Abwicklung betroffen.

Stefan Endter, Geschäftsführer des DJV-Landesverbands Hamburg, kämpft daher nicht nur für eine großzügige Abfindung. Er setzt sich auch für die Einrichtung einer Transfergesellschaft ein. Vereinbart hat man bislang lediglich eine Transferagentur, die den Betroffenen innerhalb der Kündigungsfrist ein individuelles Profiling anbietet – als Basis für ihre weitere Berufsorientierung. Für junge Kollegen, die sich noch Chancen ausrechnen, ist das eine gute Sache. Ältere Kollegen, deren Jobaussichten gegen null tendieren, bräuchten aber eine Transfergesellschaft. "Sie fallen so ein Jahr später in die Arbeitslosigkeit", erklärt Betriebsrat Heunemann.

Doch die Verhandlungen zu diesem Thema verlaufen zäh. "In Teilbereichen haben wir akzeptable Lösungen erreichen können", resümiert DJV-Mann Endter. "Aber ob Gruner+ Jahr tatsächlich seine Versprechen einlöst, muss sich erst noch zeigen."

Update, 6. Februar 2013

Nach Angaben des Betriebsrats sind die Sozialplanverhandlungen für die rund 350 Mitarbeiter der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien vorerst gescheitert. Knackpunkt war das Abfindungsangebot der Arbeitgeberseite. Der Betriebsrat hat daher die Einigungsstelle angerufen. Dabei handelt es sich um ein gesetzliches Verfahren, bei dem ein Arbeitsrichter zwischen den Parteien schlichtet.

Mehr zum Thema

Warum der neue Impulse-Chef seine Mitarbeiter am Gewinn beteiligen möchte, lesen Sie in der Februar-Ausgabe des journalists.

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