Detail-Informationen

Autor

Max Ruppert und Julius Reimer

verfasst am

14.04.2011

im Heft

journalist 4/2011

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Mehr zum Thema

Link zum Thema

  • Hier geht es zum GuttenPlag-Wiki

 

 

Bild: GuttenPlag-Wiki, [M] journalist

Die GuttenPlagger brauchten lediglich zwei Wochen, bis der Verteidigungsminister seinen Rücktritt bekanntgeben musste. Die Farben Rot und Schwarz stehen im Wiki für Fundstellen. Weiße Bereiche sind offenbar plagiatsfrei.

Guttenplag-Wiki

Der Ex-Minister und sein Schwarm

Das GuttenPlag-Wiki hat gezeigt, wie die Schwarmintelligenz im Netz die Berichterstattung beeinflussen kann. Allerdings birgt der journalistische Umgang mit solchen Wikis auch Risiken, denn oft ist unklar, wer dahintersteckt. Die Auswertung einer Onlinebefragung auf den Seiten des GuttenPlag-Wikis gibt erstmals Aufschluss über den anonymen Schwarm der Plagiate-Jäger.

Er ist ein aufmerksamer und umsichtiger Mann. Hauke Janssen ist oberster Fact-Checker beim Spiegel und promovierter Volkswirt. Gerade hat der 52-Jährige die anstrengende Arbeit mit den WikiLeaks-Dokumenten hinter sich und will die ruhigere Zeit nutzen für eine Arbeitsgruppe. Die Journalisten in seiner Abteilung sollen überlegen, wie sie das Social Web besser beobachten und Entwicklungen frühzeitig erkennen können. Doch kaum hat sich die Arbeitsgruppe zusammengesetzt, schwappt schon die nächste Wiki-Welle herüber: Im Minutentakt werden neue Plagiatsstellen aus der Doktorarbeit des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg ins Internet gestellt. 

Nach einer dpa-Vorabmeldung von Dienstagabend und einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung fangen erste Blogger an, Plagiate zu suchen. Es werden so viele Stellen gefunden, dass sie gemeinsam dokumentiert werden sollen. Die Blogger vernetzen sich im GuttenPlag-Wiki, das am Donnerstag, den 17. Februar seine kritische Masse erreicht. Janssen muss reagieren und beruft gleich die nächste Arbeitsgruppe ein: eine Task-Force von fünf bis sechs Fact-Checkern, die sich zwei Tage lang nur mit Guttenbergs Dissertation und der Plagiatejagd im Internet beschäftigen. Für Janssen ist schnell klar: "Das entwickelt eine große Kraft, einen 'Wumm', da können wir nicht mithalten. Ich kann nicht sagen, alle Mann auf Guttenberg, der Rest ist egal. Wir mussten uns ja auch noch um die anderen Geschichten im Heft kümmern." 

Aus der Redaktion kommt immer wieder die Frage, ob die Dokumentations-Spezialisten nicht schneller sein können, ob nicht eigene Zahlen genannt werden können, aber auf einen Wettbewerb will sich Janssen nicht einlassen: "Das hätte keinen Sinn gehabt, weil die Zahlen ein paar Minuten später schon überholt waren", sagt er rückblickend.

Quelle: TU Dortmund

Auf GuttenPlag aufmerksam geworden ...

Es wäre jedenfalls ein Wettbewerb mit einem Unbekannten, denn kein Journalist konnte wissen, wer hinter dem unüberschaubaren Schwarm steckt, verteilt über den deutschsprachigen Raum, mit Millionen von Seitenabrufen. Dennoch vertrauten viele Medien dem GuttenPlag-Wiki quasi blind, indem sie es als Anlass und Quelle für ihre Berichterstattung nahmen. Spiegel Online verlinkte zum GuttenPlag-Wiki, die Tagesschau filmte die Internetseite ab. "Die Vorgehensweise von GuttenPlag schien mir so professionell und zuverlässig zu sein, dass ich keine Bauchschmerzen hatte, das mit Nennung der Referenz in unseren Sendungen zu verwenden", sagte ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke dem journalist

Zum ersten Mal bekommen die anonymen Internetaktivisten jetzt ein Gesicht. Die Ergebnisse einer Onlinebefragung im GuttenPlag-Wiki, durchgeführt in der heißen Phase vom 20. bis 22. Februar, beschreiben die Recherchekraft aus dem Netz genauer.

Eine junge, gebildete Netzgemeinschaft ging dort zu Werke: Das Durchschnittsalter liegt bei rund 38 Jahren, mehr als 60 Prozent haben einen Hochschulabschluss, fast jeder Fünfte trägt sogar einen Doktortitel, was anscheinend besonders zur Plagiatssuche motiviert:

"Bin selbst Akademiker, empfinde es als beschämend, dass in der Wissenschaft offenbar mit zweierlei Maß gemessen wird."


So ähnlich wie dieser Befragte drücken es viele aus. Und: Der typische Plagiatsjäger ist männlich, nur knapp 18 Prozent der 1.034 Antwortenden waren Frauen.

Die Arbeit der Netzaktivisten hat die bisher unbekannte, kommerzielle Wiki-Plattform Wikia.com über Nacht bekannt gemacht. Am 1. März twittert Wikia-Deutschland-Manager Tim Bartel: "Das #GuttenPlag Wiki hat nun 10 Millionen Seitenabrufe seit seines Bestehens. Herzlichen Glückwunsch!" Auch der Mitgründer von Wikia.com und Wiki-Übervater Jimmy Wales wird darauf aufmerksam und twittert: "Huge traffic @Wikia: defense minister accused of plagiarism; community documents."

Spiegel-Dokumentationschef Janssen entscheidet, sich trotzdem auf die eigene Recherchestärke zu verlassen. Er besorgt die Dissertation, und seine Task-Force prüft das Werk. Auch jene Stellen, die schon im GuttenPlag-Wiki dokumentiert sind. Andere Redaktionen, besonders in den Onlinemedien, haben dazu keine Zeit. Bis Freitag, 18 Uhr, hatten die Dokumentations-Journalisten des Spiegels 62 Plagiatstellen in Guttenbergs Promotionsschrift gefunden und verifiziert, der Schwarm im Netz hatte zu diesem Zeitpunkt schon 180 Stellen entdeckt, wie der Spiegel in seiner Titelgeschichte "Doktor der Reserve" ganz offen zugab.

Während die Spiegel-Leute essen und schlafen müssen, geht die Arbeit des Schwarms rund um die Uhr weiter. Allerdings in einer Art Zwei-Klassen-Gesellschaft: Der Großteil der Befragten, rund 86 Prozent, schaute bei GuttenPlag nur vorbei, um sich zu informieren, manchmal um zu kommentieren oder seine Empörung über eine besonders dreiste Plagiatsstelle loszuwerden. Daneben bildet sich offenbar ein harter Kern von 143 GuttenPlaggern, die sich tatkräftig beteiligen und mehrere Aufgaben übernehmen: Knapp ein Drittel dieses Kerns kümmert sich in einem Chat um Aufgabenverteilung und Organisation, etwa genau so viele kategorisieren die gefundenen Plagiatsstellen danach, ob es sich um Komplett-, Übersetzungs- oder andere Plagiate handelt. Und 114 Aktive suchen selbst nach Plagiaten in Guttenbergs Dissertation. Nach Internet-Maßstäben ist das der für Wiki-Phänomene typische kleine, harte Kern. Im Vergleich zum traditionellen Journalismus aber ein Heer von anonymen Fact-Checkern, mit einem weiteren Kreis von Begutachtern und Aufsehern, die ein Gespräch über Inhalte und Darstellung aufrechterhalten und teilweise mehr als zwölf Stunden am Tag am Wiki arbeiten. Welche Redaktion soll da mithalten können? GuttenPlag-Organisator Plagdoc beschreibt das Verhältnis zu den Journalisten als Symbiose: "Wir waren Ressource für Journalisten, aber Journalisten haben uns auch Anstöße zum Suchen gegeben."

Netz-Jagd auf Guttenbergs Plagiate als Zukunftsmodell?

Die Spiegel-Geschichte zeigt auch für Hans Leyendecker deutlich, wie sich der Journalismus verändert. Er dachte, im Wettkampf um Recherche und Investigatives werde der Spiegel am Ende wieder sagen, wie alles wirklich ist, wie viele Stellen es genau sein würden. Doch diesmal läuft es anders. Ende Februar spricht der Redakteur der Süddeutschen Zeitung vor dem Kulturausschuss des Bundestags zum Thema "Zukunft des Qualitätsjournalismus". Die Berichterstattung rund um Guttenberg sei schon ein Blick in diese Zukunft: "Diejenigen, die von den Möglichkeiten her am stärksten sind, sind nicht mehr so stark, wie das, was eine Internetgemeinde bei einem Thema gemeinsam verändern kann", so der Recherchespezialist. "Eine Netzgemeinde tat sich zusammen und sagte, das sind öffentliche Quellen, und da machen wir uns mal ran". Für Leyendecker hat dieses Schwarmphänomen Modellcharakter.

Auch ARD-Mann Kai Gniffke weiß, dass seine Redaktion mit diesen Phänomenen weiterhin umgehen muss: "Natürlich dachten wir vielleicht vor fünf Jahren noch, User-generated-Content kommt überhaupt nicht infrage. Heute sehen wir das anders. Wir haben Strukturen geschaffen, die einen verantwortlichen Umgang mit solchen Quellen erlauben." Die Netzaktivisten sehen GuttenPlag auch schon als eine Art Modell: 41 Prozent des weiteren Kreises der GuttenPlagger wollen weiterhin zusammen auf Plagiatssuche gehen, in Dissertationen oder anderen wissenschaftlichen Arbeiten. Vom "harten Kern" wollen sogar fast drei Viertel weitermachen.

 

Quelle: TU Dortmund

Parteipräferenzen der GuttenPlagger

Dabei birgt das Modell der Kollaboration Risiken: Geben Journalisten ihre Kernkompetenz, nämlich Recherche und Verifikation, aus der Hand? Kann man den Wiki-Informationen trauen? Welche Motive haben die Organisatoren? Fragen, die auch Hauke Janssen umtreiben, seitdem das Schwarmphänomen so einen "Wumm" entwickelt hat. "Das nächste ist, dass sich diese Dinge ganz hervorragend für Kampagnen eignen", sagt der Spiegel-Mann. "Das hat man bei der Pro-Guttenberg-Bewegung auf Facebook gesehen." In dem sozialen Netzwerk hatten Zehntausende dem Ex-Verteidigungsminister offen den Rücken gestärkt und damit politisch motiviert gehandelt. Und bei GuttenPlag? War es eine Kampagne der Linken gegen den politischen Gegner, wie einige vermuteten? Ganz so einfach scheint es nicht zu sein; das legen zumindest die Daten der Umfrage nahe.

Die Plagiatsjäger sollten ihre politische Orientierung durch eine selbst gewählte Reihenfolge der Parteien zum Ausdruck bringen. Dabei vergeben die befragten GuttenPlagger den ersten Platz an die Grünen, den zweiten an die SPD. Auf den hinteren Plätzen landen fast gleichauf CDU/CSU und die Linke. Beim "harten Kern" der Aktiven kommt die Linke noch knapp vor den Konservativen auf Platz vier, bei den Passiven knapp hinter den Christdemokraten auf Platz fünf. Das politische Spektrum der GuttenPlagger ist zwar grün-bildungsbürgerlich dominiert, aber eine linke Kampagne ist hier nicht erkennbar.

Auffällig ist eher das hohe Ansehen der Piratenpartei unter den Netzaktivisten. Sie landet auf Platz drei, also mitten zwischen den etablierten Parteien. Dies weist nochmal darauf hin, dass es sich bei der GuttenPlag-Gemeinde um Netz- und Technikbegeisterte handelt, die selbst die Initiative ergreifen, wenn es etwas zu verändern gilt.

Dazu passt auch, dass jeder fünfte GuttenPlagger auf die Frage, warum er beim Schwarm mitmacht, von sich aus die Faszination für das Werkzeug Wiki nennt. Ein Befragter macht deutlich, wie sich hier Internet-Enthusiasmus mit der Begeisterung über eine basisdemokratische Mitmach-Möglichkeit verbindet:

"GuttenPlag ist gelebte Demokratie."


Die politische Motivation ist zwar angesichts der Parteipräferenzen nicht von der Hand zu weisen, allerdings verschmilzt sie in vielen Fällen mit persönlichen und wissenschaftlichen Motivlagen. Jeder Zweite aus dem "harten Kern" gab an, auch aus Abneigung gegen die Person Guttenberg mitzumachen oder aus Empörung darüber, dass dieser die Plagiate trotz bereits vorliegender Beweise noch leugnete:

"Auslöser für meine direkte Beteiligung war die bis dato relativ laxe Art des Verteidigungsministers, mit den Vorwürfen umzugehen."


Am häufigsten nannten die Befragten allerdings ein anderes Motiv: 64 Prozent wurden aktiv, weil sie den Ruf der Wissenschaft und die Aussagekraft eines Doktortitels erhalten wollen. So sorgt sich ein besonders Aktiver:


"Wenn wir so ein Plagiat durchgehen lassen, dann entwertet das den Doktortitel komplett."


Die Hauptgründe für das Engagement bei GuttenPlag waren also wissenschaftliche und politische sowie die Figur und das Verhalten von Karl-Theodor zu Guttenberg in dieser Affäre. Dazu kommt Neugier, an dieser Bewegung teilzunehmen. 

Ein anderer Kritikpunkt hingegen bleibt: Die Wiki-Organisatoren aus dem harten Kern verweigern bis heute die Transparenz, die sie selbst vom Ex-Minister und von der Prüfungskommission der Uni Bayreuth forderten. Sie beharren auf ihrer Anonymität. So auch PlagDoc

"Ich gehe davon aus, dass ich deutliche Nachteile erfahren würde, wenn Teile der Presse, der Politik oder der Öffentlichkeit von meinem Engagement erfahren."

An diese Bitte haben sich die Journalisten in der Berichterstattung gehalten. Zu Recht? Spiegel-Fact-Checker Hauke Janssen sagt dazu: "Das ist eine andere Mentalität im Netz, da wird mit Pseudonymen und Nicknames gearbeitet. Auch darauf müssen wir uns einstellen." Man kann das aber auch hinterfragen: Müssen die Organisatoren nicht irgendwann ihr Visier hochklappen, wenn auf der anderen Seite ein Minister mit seinem Namen und seiner Person in der Öffentlichkeit steht? Warum und von wem befürchten die GuttenPlag-Initiatoren Nachteile, wenn doch die gesamte deutsche Wissenschaftslandschaft hinter ihnen steht?

Auch wenn das Internet den Sturz von Guttenberg sicherlich beschleunigt hat – die Bedeutung der traditionellen Medien ist immer noch ungebrochen. Das lässt sich an den Daten der Onlinebefragung ablesen: Mehr als 27 Prozent der Befragten sind erst über Tagesschau, heute, Süddeutsche Zeitung, den Spiegel oder andere Medien auf GuttenPlag aufmerksam geworden, weitere 32 Prozent über das Online-Angebot eines dieser etablierten Medien. Nicht mal jeder Fünfte erfuhr durch ein neues Medium, etwa ein Blog oder ein soziales Netzwerk, vom GuttenPlag-Wiki.

Die GuttenPlag-Initiative hat somit eins gezeigt: Ein neuartiges Zusammenspiel von etablierten Medien mit Schwarmphänomenen wie Wikis und Facebook-Communitys entsteht. Dabei verschiebt sich auch die Rolle des Zuschauers oder Nutzers. Denn wer selbst an einem Thema aktiv beteiligt ist und die Nachrichten mit beeinflussen kann, nimmt sie auch anders wahr. Regeln für den journalistischen Umgang mit Schwarmbewegungen im Netz schälen sich erst heraus, Erfahrungen gibt es kaum. Wikipedia, WikiLeaks und jetzt GuttenPlag-Wiki – das ist wohl erst der Anfang.

Die Autoren

Max Ruppert und Julius Reimer arbeiten am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Sie führten vom 20. bis 22. Februar eine Onlinebefragung von GuttenPlag-Nutzern durch und werteten 1.034 Fragebögen aus.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

17.04.2011 13:29

PP Prometheus

Waffengleichheit? Offenes Visier? Sind wir hier bei Reiterspielen in einer fränkischen Burg? Können Sie vielleicht erklären, was sich an der Aussagekraft einer text- und quellenkritischen Analyse dadurch ändert, dass man Rosse und Reiter nennt, die diese Analyse kollaborativ erstellt haben? Wird ein Plagiatsnachweis dadurch verifizierbar, dass da Prof. Dr. Hartmann von Aue drunter steht? Nein. Dieser Teil der Analyse Ihrer Analyse geht vollständig am Thema vorbei. Die Pflicht eines kritischen Journalismus besteht in diesem Fall darin, die Belastbarkeit transparent dokumentierter Textnachweise zu prüfen, nicht darin, einen Showdown zwischen Rossen und Reitern zu inszenieren.

15.04.2011 12:48

Max Ruppert

@Meriten4 Lau: Es gibt das Prinzip der Waffengleichheit. Eine interessante Frage ist, inwieweit eine öffentliche Person wie KTZG dieses Recht in einer solchen Auseinandersetzung hat. Der eigentliche Punkt ist aber der Umgang der Journalisten damit: Wenn sie nicht wissen, wer dahinter steckt, oder das nicht sagen dürfen, ist das schon ein journalistisches Problem. Und darum geht es z.T. in unserem Artikel! Unbestritten, dass Wikis anscheinend ihre eigenen Gesetze haben ...

14.04.2011 21:27

Meriten4 Lau

Zu fordern, dass die Aktiven – insbesondere der Organisator – ihre Namen veröffentlichen, zielt vollkommen an Inhalt, Ausrichtung und Aufgabe des Wikis vorbei. Einzelne Personen haben hier gar nicht die Macht, die eine persönliche Identifikation erfordern würde. Der Vergleich mit Guttenberg hinkt deswegen: Dieser hat sich als Person zur Wahl gestellt und ist als solche mit Macht ausgestattete Person auch Verteidigungsminister gewesen.

 
Anzeige: 1 - 3 von 3.
 
Viavision