Buntegate
"Frau Riekel steht alleine da"
journalist: Sie haben mit Ihrer Geschichte über Recherchemethoden der Bunten gesellschaftliche Diskussionen ausgelöst. Wenn ich die Reaktion der Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel richtig verstanden habe, dürfte ich jetzt in Ihrem Privatleben wühlen und darüber berichten.
Hans-Martin Tillack: Genau diese Auffassung von Frau Riekel teilen wir nicht. Nicht bei jedem, der im Licht der Öffentlichkeit steht, gibt es das Recht der Presse, sich das Privatleben vorzunehmen. Da gibt es höchstrichterliche Urteile bis hin nach Straßburg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Sie sind aber doch schon eine Person des öffentlichen Lebens, nachdem die belgische Polizei vor sechs Jahren wegen des Verdachts von Schmiergeldzahlungen Ihr Büro durchsucht hat, was sich später als haltlos erwies.
Damals habe ich mich auch öffentlich geäußert zu Dingen in Brüssel, die diese Razzia betrafen. Und ich war sehr dankbar, dass ich sehr viel Unterstützung bekommen habe von Kollegen aus ganz Europa. Die haben über den Fall berichtet, aber eben über diese berufliche Situation und die politischen Hintergründe dieses Falls. Darum ging es und nicht um mein Privatleben.
Inwiefern sind Politiker anders? Müssen die mehr erdulden als Sie?
Politiker, die Verantwortung tragen für unser Gemeinwesen, die bindende Regeln für uns alle erlassen, die das von uns gezahlte Steuergeld verwalten, müssen – was ihre Amtsführung angeht – in der Tat Rechenschaft vor der Öffentlichkeit ablegen. Zu unserem Beruf als Journalisten gehört, dass wir genau hingucken, was so ein Amtsträger tut. Aber eben als Amtsträger.
Patricia Riekel sagt, sie habe auch genau hingeguckt.
Sie hat genau hingeguckt auf das Privatleben von Franz Müntefering und nur darauf. In den Berichten über Müntefering ging es nicht um seine Amtsführung, sondern ausschließlich um sein Privatleben. Hinterher hat sie nachgeschoben, es gebe da auch noch berufliche Verwicklungen. Das hat aber keine Rolle gespielt in den Berichten. Da ging es ganz offensichtlich allein darum, den Voyeurismus mancher Leute zu befriedigen.
Wie sind Sie auf die Geschichte aufmerksam geworden?
Der Anstoß kam ironischerweise ebenfalls aus dem Burda-Verlag, vom Focus. Die hatten Ende November vorigen Jahres geschrieben, dass Oskar Lafontaines Privatleben mit üblen Methoden ausspioniert wurde. Das hat uns elektrisiert. Dazu kam dann etwas Reporterglück. Ich hatte einige Wochen vorher einen Hinweis bekommen auf die Firma CMK, die angeblich für Redaktionen Politiker systematisch ausspäht. Da wussten wir, wo wir suchen müssen.
"Dazu kam dann etwas Reporterglück."
Sie haben dem Focus nicht allein vertraut.
Bei Recherchen kann man nie auf das vertrauen, was andere schreiben. Wenn man etwas Neues schreiben möchte, muss man über die Archivrecherche hinausgehen.
Der Focus hat das Thema nicht weiterverfolgt?
Darüber kann ich nur spekulieren. Was soll ich dazu sagen? Als herauskam, dass die Bunte hinter solchen Rechercheoperationen stand, haben wir uns auch gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass es ausgerechnet im Focus thematisiert wurde. Es kann natürlich sein, dass da auch noch andere Detektive oder Rechercheure für andere Auftraggeber unterwegs waren.
Was haben Sie getan, als Sie die Hinweise hatten, dass CMK in der Mitte des Geschehens steht?
Wir haben versucht, Leute zu finden, die etwas sagen können über die Arbeit der CMK. Das haben wir ja auch geschafft.
Wie findet man solche Leute?
Es ist auch ein Stück Glück dabei. Bei einer anderen Recherche hatte ich jemanden kennengelernt, der mir einen Hinweis auf CMK gab. Die Erfahrung zeigt, dass es immer gut ist, in Bewegung zu sein, sich zu tummeln.
Wann wussten Sie, dass es eine heiße Geschichte wird?
Als wir erstmals auch Kopien von internen Unterlagen aus der Firma CMK hatten.
Wie überprüft man solche Unterlagen? Die CMK hat schon bezweifelt, dass sie echt sind.
Die CMK hat doch einen Zickzackkurs hingelegt. Sie hat in einer Erklärung eingeräumt, dass die Methoden stattgefunden hätten, aber das seien bloß zwei freie Mitarbeiter gewesen. In der nächsten Presseerklärung sagten sie dann, vielleicht seien die Unterlagen gefälscht, wir sollten sie ihnen mal vorlegen. Natürlich haben wir alles, was wir an Aussagen aus diesen Unterlagen gezogen haben, verifiziert. Zum Beispiel ging es da um Observationen von Treffen zwischen Oskar Lafontaine und Parteifreunden aus der Linkspartei. Ein Kollege mit guten Beziehungen zur Linkspartei hatte die Gelegenheit, den persönlichen Timer eines der Teilnehmer dieser Treffen anzuschauen. Da konnten wir sehen: Jawohl, die Treffen gab es. Dann gab es Informationen über einen Hausbootbesitzer, der von CMK-Mitarbeitern wegen der Installation einer Kamera angesprochen worden war, aber den Unterlagen zufolge im Frühjahr 2008 drei Wochen auf den Kanaren war. Wir haben den Hausbootbesitzer ausfindig gemacht, und er hat sich erinnert, dass zwei Männer bei ihm waren mit dem Ansinnen, eine Kamera aufzustellen, und, jawohl, er war damals auf den Kanaren im Urlaub. Die Angaben in diesen Observationsprotokollen stimmten und konnten gar nicht gefälscht sein.
Beim Stern muss man nach den berühmten Hitler-Tagebüchern doppelt misstrauisch sein. Das alte Trauma.
Da haben Sie recht. Deshalb mussten wir besonders vorsichtig sein. Wir haben ja nicht nur das gemacht, wir haben ja auch den CMK-Chef Stefan Kießling in die Redaktion eingeladen. Er hat sich dann selbst damit gebrüstet, dass er die Identität von Michelle Schumann, der heutigen Frau Müntefering, enthüllt hat. Er hat Details seiner Arbeitsweise erzählt. Dann haben wir die Bunte schriftlich konfrontiert. Die Bunte hat uns Angaben, die wir bis dahin nur mündlich hatten, bestätigt, nämlich dass sie zu bestimmten Zeitpunkten Aufträge erteilt hatte, das Privatleben von Franz Müntefering zu recherchieren. Auch hier passten die Angaben unserer Augenzeugen. Das war dann natürlich eine ganz andere Basis.
Sie haben Stefan Kießling ins Stern-Büro eingeladen und ihn im Unklaren darüber gelassen, worum es geht. Er habe sich vielleicht einen Auftrag erhofft, schreiben Sie. Ist das koscher?
Das ist eine Methode, die im Einzelfall mal möglich sein muss, weil er sich andernfalls vielleicht nicht geäußert hätte. Ich war selbst nicht bei dem Gespräch dabei, ich war damals unterwegs. Kießling hat aber auch nicht gewünscht, dass dieses Gespräch vertraulich stattfindet. Die Chance, darum zu bitten, hätte er gehabt.
Die Unterlagen, die Sie von der CMK haben, enthalten auch Summen von Abrechnungen. Ist das nicht gestohlenes Material?
Gestohlen wäre das Material, wenn es Originale wären. Das kennen wir aus der Debatte um die Steuer-CDs. Es ist keine Hehlerei, wenn es allein darum geht, dass man Daten bekommt. Das ist ein Unterschied, ob jemand Unterlagen physisch mitgenommen hat oder ob nur die Informationen in Ihren Besitz gelangen. Das haben wir doch gerade von der Kanzlerin gelernt.
Waren Sie sich dessen auch schon vor der Steuer-CD-Debatte sicher?
Unsere Rechtsabteilung war zu jedem Zeitpunkt unserer Recherche eingeschaltet. Das ist doch klar.
"Dazu äußern wir uns nicht."
Wie versichert man sich der Glaubwürdigkeit der Informanten? Die haben in diesem Fall ja einen durchaus wechselhaften Ruf.
Einer der beiden früheren CMK-Mitarbeiter, André Plath, hat eine derart wechselvolle Vorgeschichte, dass er selbst schon mehrfach Gegenstand von Berichterstattung wurde. Das haben wir uns schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt angeschaut. Aber selbst wenn seine Vorgeschichte wechselvoll ist, bleibt die entscheidende Frage: Stimmt das, was Plath sagt? Die Angaben, die er gemacht hat, haben sich immer wieder verifizieren lassen, nicht zuletzt durch Aussagen der Bunten und von Kießling selbst, dem CMK-Chef. Das letzte Beispiel, über das wir berichtet haben, war das Treffen mit dem Industriellen Wendelin von Boch, das im September 2008 im CMK-Büro stattgefunden hatte. Als Beleg dafür hatten wir nur die Aussagen von Thomas Walther und André Plath, und Herrr von Boch hat uns die Aussagen bestätigt. Insofern ist André Plath sicherlich eine Person, die schon mal zu Recht in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist, aber das Entscheidende war, dass die Aussagen, die er gemacht hat, verifizierbar waren. Und die Frage nach seinem Leumund müssen sich zuallererst die Firma CMK stellen und sicherlich auch die Bunte. Für die hat er ja gearbeitet.
Ist da in irgendeiner Weise Geld geflossen?
Dazu äußern wir uns nicht.
Sie haben anlässlich der Vorfälle in Brüssel gesagt, Sie hätten noch nie etwas für Informationen bezahlt.
Das habe ich nicht gesagt. Ich habe sogar bei der Polizei in Brüssel gesagt, dass wir durchaus im Einzelfall Informationshonorare zahlen, dass wir dabei aber natürlich die Gesetze beachten. Ich würde niemals jemandem, der im öffentlichen Dienst ist, etwas bezahlen, auch nicht über Umwege. Ich habe hier in Berlin erlebt, dass mir ein Bundesbediensteter Informationen angeboten hat und Geld dafür wollte. Ich habe gesagt: Das geht nicht. Dann meinte der Mann: Könnte man das nicht an eine dritte Person leiten? Das geht aber nicht. Wir brechen keine Gesetze, aber das Zahlen von Informationshonoraren ist kein ungewöhnliches Mittel und im Prinzip nicht illegal. Das heißt aber nicht, dass wir es in diesem Fall angewendet haben.
Der Verdacht kam auf, weil einer der beiden Informanten später von anderen Reportern etwas forderte.
So stand es im Hamburger Abendblatt.
Aufwandsentschädigungen sind generell erlaubt?
So ist die Rechtslage.
Nach Ihrem Bericht hat die Bunte 242.000 Euro für das Jahr 2008 an CMK gezahlt. Sind solche Summen üblich?
Das sind irre Beträge. Das hat alle überrascht. Die Bunte hat diese Summe einmal bestätigt, dann hat sie nachgeschoben, dass das über mehrere Jahre geflossen sei. Es ist auf jeden Fall ziemlich viel. Freie Fotografen können normalerweise nicht diese Honorare erwarten.
Gibt es noch andere Agenturen, die mit den Methoden der CMK arbeiten?
Ich habe noch von keiner anderen ähnlichen Agentur gehört. Und ich wüsste nicht, dass wir irgendwelche Agenturen mit Recherchen beauftragen. Ich mache meine Recherchen lieber selbst.
Sie stehen mit Ihrer Glaubwürdigkeit für die Geschichte ein?
Ich kann auch entlassen werden, wenn ich etwas falsch mache.
Ist das, was Sie ermittelt haben, gerichtsfest?
Wir haben das durch unsere Rechtsabteilung prüfen lassen und sind auf der sicheren Seite. Bisher wurde auch nur allgemein mit rechtlichen Schritten gedroht. Die Bunte hat auch noch nicht gesagt, was eigentlich falsch sein soll an dem Artikel. Insofern sind wir da sehr gelassen.
Frau Riekel nennt den Artikel „eine fragwürdige Veröffentlichung“. Ist das ein Lob für Sie?
Keiner erwartet, dass sie diesen Artikel lobt, oder?
"Die Debatte war so eindeutig, dass es für die Bunte, glaube ich, nicht so einfach wird, derartige Praktiken fortzuführen."
Was hat Ihre Geschichte bewirkt?
Das Interessante ist doch, dass Frau Riekel in der Debatte sehr alleine dasteht. Keiner der Experten und Zeitungen hat sie unterstützt. Wir hatten in den vergangenen Jahren so einen schleichenden Prozess, an dessen Ende das Privatleben von Politikern ein ganz normaler Gegenstand von Berichterstattung wurde. Durch unsere Veröffentlichung ist es gelungen, diese Frage noch einmal zu problematisieren.
Ist das eine nachhaltige Debatte? Oder machen wir in einem halben Jahr wieder so weiter wie bisher?
Der Konkurrenzdruck der Medien in der Krise ist groß und damit natürlich auch die Versuchung, irgendwelche Storys zu veröffentlichen, die man für sexy hält. Die Debatte war aber so eindeutig, dass es für die Bunte, glaube ich, nicht so einfach wird, derartige Praktiken fortzuführen. Allerdings hat die Bunte öffentlich immer noch nicht erklärt, dass die Zusammenarbeit mit CMK beendet wird.
Wie weit sind wir noch von einer Boulevard-Stasi entfernt?
Einer der Mitarbeiter, die bei der CMK Aufträge der Bunten abgearbeitet haben, war ja früher beim Stasi-Wachregiment „Feliks Dzierzynski“. Ich glaube, wir alle haben ein Recht auf ein Privatleben, solange wir keine Rechte verletzen. Das sollten auch Politiker haben, solange ihr Privatleben nicht kollidiert mit ihrem Mandat und dem, was sie amtlich tun.
Wäre Riekels Privatleben ein Thema?
Mich interessiert es nicht.
Was haben Sie über Ihren eigenen Berufsstand gelernt?
Ich fand es schon sehr beruhigend, dass in der Debatte unsere Meinung breit geteilt wurde, dass es beim Eindringen in die Privatsphäre von Politikern Grenzen gibt.
Legen Sie dem Stern damit für die eigenen Recherchen auch Fesseln an?
Natürlich haben wir damit Kriterien gesetzt, die wir nicht verletzen können. Aber wir haben auch in der Vergangenheit private Affären von Politikern nicht publik gemacht, die diese vertraulich gehalten haben.
Wie wichtig ist Misstrauen bei solch einer Geschichte?
Es hält an, bis die Geschichte gedruckt ist. Weil theoretisch immer etwas schiefgehen kann, muss man immer bis zum letzten Moment so sorgfältig wie möglich arbeiten.
Ist die Geschichte schon am Ende?
Wir gehen einer Reihe von weiteren Hinweisen nach.
Können Sie ausschließen, dass von einem der umliegenden Dächer eine Kamera auf Ihr Büro gerichtet ist?
Ich bin nicht paranoid und will es auch nicht werden. Aber nach dieser Geschichte wäre niemand sehr klug beraten, der so etwas tun würde.
Dieses Interview erschien auch in der April-Ausgabe des journalists.
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