Detail-Informationen

Autor

René Martens

verfasst am

06.09.2011

im Heft

journalist 9/2011

Beim FC St.Pauli sind Berichte von außerhalb des Pressebereichs unerwünscht. (Bild: ddp/Philipp Guelland)

Pressefreiheit

Abseits der Fans

Hausrecht oder Pressefreiheit? Mehrere Bundesligavereine versuchen, mit strikten Vorgaben in ihren AGB Einfluss darauf zu nehmen, wer aus ihrem Stadion berichtet.

"Gefangener der Sitzplatz-Polizei." So lautete vor einigen Wochen der Titel eines Artikels bei Spiegel Online. Mike Glindmeier, Vizechef des Sportressorts, beschrieb darin, welche Erfahrungen er als zahlender Besucher im Stadion des FC St. Pauli mit einer älteren Sitzplatznachbarin machte. Diese habe ihr Recht zum Sitzen bis zum Äußersten verteidigt. "Man hat stets das Gefühl, dass sie einem gleich ein Schlüsselbund in bester Paukermanier an den Kopf wirft, sobald man aufsteht."

Mittlerweile wäre so ein Text nicht mehr zulässig. In den im Sommer verabschiedeten Ticket-AGB des FC St. Pauli heißt es in Abschnitt 7.1.: "Der Aufenthalt im Stadion zum Zwecke der medialen Berichterstattung über die Veranstaltung ist nur mit Zustimmung des FC St. Pauli und in den für Medienvertreter besonders ausgewiesenen Bereichen zulässig." Unter 7.2 ist bei Zuwiderhandlungen eine Vertragsstrafe von "höchstens 3.000 Euro" festgelegt.

Nicht alle Profiklubs verwenden solche Formulierungen, aber viele: der Deutsche Meister Borussia Dortmund, der 1. FC Kaiserslautern, der Zweitligist Eintracht Frankfurt. Vorbild sind die AGB für Länderspiele des DFB. De facto wird damit die Pressefreiheit beschnitten, denn selbstverständlich muss ein Journalist das Recht haben, sich privat – bei einem Stadionbesuch ja sogar als zahlender Kunde – an jedem beliebigen Ort aufzuhalten und darüber zu schreiben.

Wer aus dem Stadion berichtet, hat sich zwar in aller Regel "in den für Medienvertreter besonders ausgewiesenen Bereichen" aufgehalten. Es kommt aber immer wieder zu Begebenheiten, die sich von der Pressetribüne aus nicht gut verfolgen lassen. Zu Beginn der neuen Saison etwa hatte ein Mitarbeiter von 1899 Hoffenheim bei einem Spiel im Gästeblock ein Lärminstrument platziert, um unliebsame Gesänge gegnerischer Fans zu übertönen. Hätte sich ein Journalist in dem Block befunden, wäre er der ideale Berichterstatter gewesen. Allerdings: Gemäß Paragraf 8 der Hoffenheimer AGB hätte der Klub den Artikel genehmigen müssen.

Benno H. Pöppelmann, Justiziar des Deutschen Journalisten-Verbands, sagt, mit solchen Regeln versuchten Vereine, so weit wie möglich zu kontrollieren, wer über sie berichte. Dass die Klubs glauben, auf der sicheren Seite zu sein, führt er auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) in Sachen Hörfunkrechte zurück (Az. KZR 37/03). Dabei geht es inhaltlich zwar um das Recht von Vereinen, von Privatradios Geld für die Berichterstattung zu verlangen. Von Belang für Print- und Onlinejournalisten dürfte aber sein, dass der BGH dem Hausrecht des Veranstalters eine enorme Bedeutung einräumt. Im Juni dieses Jahres bestätigte das Bundesverfassungsgericht dieses Urteil, als es eine Verfassungsbeschwerde des Klägers Radio Hamburg nicht zur Entscheidung annahm.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

07.09.2011 15:18

Rainer Barg

@Peter Alsob:

Oh doch. Zum Beispiel in den USA. Versuche mal, dort ein Journalistenvisum zu einem unbequemen Thema zu bekommen.

07.09.2011 12:58

Lars Friedrich

So ganz habe ich das jetzt auch nicht kapiert, was ein "privater Journalist" sein soll. Der private Journalist darf, was der gemeine Bürger auch darf. Der nicht-private Journalist darf in mancher Hinsicht mehr und in mancher Hinsicht weniger. So ist es schon immer gewesen.

Wenn sich der Journalist vorbehält, journalistisch tätig zu werden, kann er nicht den "Privatstatus" verlangen, nur weil's gerade besser passt. Nach der Logik wäre ja ein freier Journalist, dessen Artikel aber dann niemand kaufen will, ebenfalls gar nicht als Journalist anwesend gewesen. Der Journalist trägt das Risiko, dass nichts berichtenswertes (oder nichts verkaufenswertes) passiert, das macht ihn aber dann doch nicht rückwirkend zum Nicht-Journalisten.

07.09.2011 11:22

Claus Hornung

@Thorsten Dewi,

Ja. Du stehst auf dem Schlauch.

Pressefreiheit ist ein Grundrecht. Ob bezahlt wird oder nicht, hat damit nichts zu tun. Umgekehrt ist Journalist auch kein geschützter Beufsname.

Darum kannst ja auch Du zur Zeitung gehen und über irgendetwas schreiben, was in deinem Verein passiert ist. Aber du könntest eben auch hingehen und sagen: Heih, gestern stand in der Fußgängerzone Angela Merkel neben mir und sagte "Griechenland müsste man bombardieren." Auch, wenn der letztgenannte Fall nicht wahrscheinlich ist - er macht doch wohl sehr deutlich, dass es nicht sein darf, dass sich eine Bundeskanzlerin dir das verbieten dürfte mit dem Argument: "Sie sind ja kein hauptberuflicher Journalist" oder: "Sie haben mir nicht gesagt, dass Sie Journalist sind."

Grundsätzlich sollen Akkreditierungen und Pressebereiche Journalisten helfen, MEHR zu können und zu dürfen als reguläre Besucher eines Stadions/einer messe/eines Konzerts.

Es ist grotesk, dass zunehmend versucht wird, daraus eine Einengung zu machen.

Über die Einreise in fremde Länder:
Stimmt - Diktaturen wollen wissen, ob Journalisten in ihre Staaten einreisen, und was sie dort vorhaben. Das ist für mich ein Argument GEGEN die Vereine.

(Ach ja: Im Nachklapp des 11. September haben die USA auch so eine Regelung eingeführt - was das über die USA aussagt, mag jeder selbst entscheiden.)

07.09.2011 11:07

René Martens

@Torsten Dewi: Wenn ich mir eine Karte für die Oper oder das Theater kaufe, kann mir auch niemand verbieten, hinterher eine Glosse über die Verhaltensauffälligkeiten des Publikums zu schreiben. Es ist doch völlig normal, dass man als Journalist privat etwas erlebt, was sich später als berichtenswert herausstellt - und das kann natürlich auch in einem Fußballstadion der Fall sein.

@Arik: Darüber, dass der Aspekt wichtig ist, sind wir uns natürlich einig. Es hätte aber den Rahmen des Artikels gesprengt, wenn man dieses Fass auch noch aufgemacht hätte.

07.09.2011 10:28

Peter Alsob

@Torsten: zu deinem ersten Punkt: ACK. Was die Einreise in andere Länder angeht: das ist (soweit ich weiß) in demokratischen Staaten nicht notwendig.

07.09.2011 09:10

Torsten Dewi

Vielleicht habe ich da bloß was nicht verstanden, aber der Kernsatz dieses Beitrages erschließt sich mir nicht: "De facto wird damit die Pressefreiheit beschnitten, denn selbstverständlich muss ein Journalist das Recht haben, sich privat – bei einem Stadionbesuch ja sogar als zahlender Kunde – an jedem beliebigen Ort aufzuhalten und darüber zu schreiben."

Wenn er darüber schreibt (gegen Geld, allem Anschein nach), ist er nicht privat im Stadion. Das gilt ja auch in größerem Maßstab: In viele Länder kann man als Journalist nicht einreisen, wenn man keine Genehmigung für die Reportage hat. Es hebelt die ganzen Grundlagen aus, wenn ich sagen kann; "Ja-haaa! Ich bin aber als Privatmann hingefahren und bin dann erst quasi hinterher zum Autor mutiert!"

Oder stehe ich auf dem Schlauch?

06.09.2011 15:18

Arik Heuth

Der Auseinandersetzung zwischen Journalisten und Sportverbänden möchte ich nicht in die Parade fahren (dafür halte auch ich sie für zu wichtig). Allerdings ist es imho nötig zu erwähnen, dass der FC St. Pauli sich auf den Protest von Bloggern hin dazu entschlossen hat, seine AGB zu überarbeiten:

7.1 Der Aufenthalt im Stadion zum Zwecke der medialen Berichterstattung über die Veranstaltung (Fernsehen, Hörfunk, Internet, Print, Foto) ist nur mit Zustimmung des FC St. Pauli und in den für Medienvertreter besonders ausgewiesenen Bereichen zulässig. Davon ausgenommen ist das Recht, Bilder, Beiträge oder Berichte in Medien ohne kommerziellen Charakter wie Fanclubseiten, Fanblogs oder Fanzines zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung von Bildern, Beiträgen oder Berichten auf sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook, Google Plus, Twitpic, Flickr oder ähnlichem ist erlaubt, solange sie nicht zu kommerziellen Zwecken erfolgen.

... sodass privates Berichten aus dem Millerntor explizit erlaubt bleibt.

(vgl. http://stpauli.nu/supporters-in-action/millerntor-bloggen-erlaubt)

 
Anzeige: 1 - 7 von 7.