Detail-Informationen

Autor

Svenja Siegert

verfasst am

01.03.2016

im Heft

journalist 3/2016

Exklusive journalist-Umfrage

NAHEZU JEDE ZWEITE ZEITUNGSREDAKTION SCHRÄNKT ONLINE-KOMMENTARE EIN

Eine journalist-Umfrage zeigt: Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben 27 von 66  befragten Zeitungsredaktionen die Kommentarfunktion auf ihren Websites eingeschränkt.

Die Fälle häufen sich von Monat zu Monat. Vor allem Lokalzeitungen stellen Onlineforen ein oder lassen bei einzelnen Artikeln keine Kommentare mehr zu. Die Begründung: Der Ton – vor allem rechter Kommentare – ist aggressiver geworden, teilweise strafrechtlich relevant. Die Folge: Der Moderationsaufwand ist kaum noch zu bewältigen. Der journalist wollte es genauer wissen und hat im Februar 2016 alle Tageszeitungsvollredaktionen angeschrieben. Hier das Ergebnis:

Von 119 angeschriebenen Tageszeitungen haben sich 66 Redaktionen zurückgemeldet – gut die Hälfte aller Vollredaktionen. Tatsächlich dürfte die absolute Zahl also bei deutlich mehr als 27 Redaktionen liegen.

Der journalist hat die Redaktionen gebeten, ein paar Anmerkungen zum Hintergrund ihrer Entscheidung zu machen. Die Antworten zeigen:

a) Einige Redaktionen haben bereits gegengesteuert – und lassen wieder mehr Kommentare zu

Beispiel Rheinische Post. rp-online.de sah sich im Herbst 2015 gezwungen, die Kommentarfunktion bei Artikeln zur Flüchtlingskrise zu sperren. Auch hier lag der Grund in der Überlastung der Redakteure, "die von morgens bis abends damit beschäftigt waren, Hetzkommentare und andere strafbare Inhalte von unseren Seiten zu entfernen",  schrieb Redaktionsleiter Rainer Leurs damals im Redaktionsblog. Inzwischen habe man eine Lösung gefunden, so Leurs gegenüber dem journalist: "Wir haben in der Folge die Technik unserer Kommentarplattform als auch die Art der Moderation umgestellt, seither ist die Funktion wieder offen und wir sammeln gute Erfahrungen."

Andere Redaktionen setzen auf mehr Personal. Zum Beispiel der Weser-Kurier, der in der Umfrage angibt, zu den Redaktionen zu gehören, die auf Facebook nicht mehr jedes Thema posten. Inzwischen habe man Ressourcen freigemacht, und so landen die umstrittenen Themen wieder bei Facebook.

b) Einige Redaktionen sehen keinen Ausweg: ohne Debattenkultur, keine Debatte

Beispiel Sächsische Zeitung. Chefredakteur Uwe Vetterick sagt: "Natürlich ist das Kuratieren von Kommentaren auch eine Frage von Ressourcen. Viel wichtiger ist für uns aber etwas anderes: Durch die Kommentarfunktion möchten wir den Diskurs zu wichtigen gesellschaftlichen Themen befeuern vor allem in Stadt und Region. Leider haben wir feststellen müssen, dass ein beträchtlicher Teil der Diskutanten am Diskurs kein Interesse hat, sondern vor allem daran, Andersdenkende verbal zu verletzen. Dies aber war nie der Sinn unseres Forums. Wenn wir die Hoffnung hätten, den Forum-Charakter durch geschicktes Moderieren wahren zu können, würden wir die dafür notwendigen Ressourcen auch einsetzen. Leider ist dies zur Zeit nicht der Fall, aber wir geben die Hoffnung nicht für ewig auf."

Ähnlich beschreibt es Mathias Müller von Blumencron von faz.net:

"Wir sperren einzelne Themen bereits seit Jahren für Diskussionen. Aber nicht wegen der Flut rechter Kommentare, sondern wegen der hohen Anzahl von feindseligen und hasserfüllten Kommentaren zu einzelnen Themen, die kein Interesse an einer Debatte erkennen lassen, sondern an reiner Konfrontation und Provokation. Das Problem hat in den vergangenen zwei Jahren zugenommen. Auch bei diesen Themen gibt es allerdings Ausnahmen, wenn wir bewusst mit unseren Lesern in die Debatte steigen."

c) Einige Redaktionen lassen sich nicht unterkriegen – trotz geringer Ressourcen

Beispiel Trierischer Volksfreund. Thomas Zeller, Leiter Crossmedia, schreibt:

"Sollten sich Redaktionen aus Angst vor radikalen, manchmal ekelhaften Kommentaren selbst zensieren? Ich finde nein. Ich habe noch keine Redaktion erlebt, die aus Angst vor überzogenen Leserreaktionen auf die Berichterstattung über beispielsweise Flüchtlingsthemen verzichtet hat. Das ist gut so, und sollte uns auch im Social-Media-Bereich inspirieren. Wenn wir kritische Themen auf Facebook posten, sind möglichst viele Kollegen mit im Boot. Zunächst weisen wir auf unsere Kommentarregeln hin, danach werden die Kommentare von der Onlineredaktion und/oder dem Autoren moderiert. Macht das immer Spaß? Nicht wirklich, aber es gehört zu unserem Job. Wenn wir die Inhalte nicht auf Facebook posten, machen das unsere Nutzer in ihren Timelines. Nur dort haben wir dann kaum mehr die Möglichkeit, auf eskalierende Diskussionen zu reagieren."

Die Umfrage ist Teil der aktuellen journalist-Titelgeschichte über die Hetze im Netz und den Umgang von Journalisten und Redaktionen damit. journalist-Autor Stefan Plöchinger, Digitalchef der Süddeutschen Zeitung, erklärt darin das Erfolgsprinzip Erregung und macht klar: "Die öffentliche Debatte zu moderieren, ist ein Kern unseres Jobs." Online gibt es den Text bei Blendle für 0,99 € zu lesen.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

03.03.2016 19:11

Klaus Lehmann

Zweifellos gibt es die strafrechtlich relevanten Hass- und Hetzkommentare, ich glaube aber nicht an deren inflationäre Zunahme, höchstens vielleicht als Reaktion auf immer weiter beschnittene Kommentarfunktionen. Ich denke vielmehr, dass sie den Redaktionen als willkommener Vorwand dienen, bei missliebigen Themen, bei denen man dezent oder brachial an der Wahrheit und Realität vorbeischreibt, die erwartbaren Gegenreaktionen auszublenden.

Die Medien haben diese Eskalationsspirale selbst in Gang gesetzt, mittels gleichgeschalteter bisher nie dagewesener Hetze, tendenziöser, verunglimpfender und diffamierender Berichterstattung haben sie nicht nur das Qualitätsprädikat "Lügenpresse" reichlich verdient, sondern den medialen Gegensturm der empörten Bürger erst entfacht, dem man nun mittels eilig geschlossener Kommentarfunktionen zu entgehen versucht. Es wird nichts nutzen, das Porzellan ist zerschlagen, die Glaubwürdigkeit zerstört.

Die Menschen wenden sich angewidert ab.

04.03.2016 20:24

Dirk Seehoff

Ich würde sagen ein Hauptproblem ist die Software. Genauer gesagt die "Disqus-ForenSW", die von den meisten Redaktionen genutzt wird. Die ist so unübersichtlich und wenig skalierbar, dass eine vernünftige Moderation praktisch unmöglich ist. (Ein gutes Programm verwendet z.B. Heise.de , aber soweit ich weiß, ist das ein selbstgemachtes Programm).

05.03.2016 11:42

Oliver Sommer

Ich erinnere mich genau, was der Sperrung der Online-Kommentare bei der SZ vorausging. Es war die Ukraine-Krise und der Versuch, die Deutungshoheit zu bewahren. Immer wieder wurden die Schreibenden der SZ von, vielleicht besser informierten, Lesern korrigiert. Auf nahezu allen Feldern konnte man mitverfolgen, wie die leider unsauber recherchierten Artikel genüßlich zerlegt wurden.

Manchmal wurde auch nur die Agenturmeldung als eigene Arbeit verkauft und man konnte den selben Text auf zig verschiedenen Seiten bzw. bei zig verschiedenen Zeitungen lesen. Und dazu kam, und kommt immer noch, dass Artikel plötzlich die Meinung eines Schreibenden enthielt, gleichsam zum Kommentar wurde.

Aufgabe der Zeitung ist es, Informationen zu liefern, aufgrund derer sich die Leser ihre eigene Meinung bilden können. Hier sei an Hajo Friedrichs erinnert, der meinte: "Das hab' ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören."

Das war bei der SZ schon lange nicht mehr der Fall, man muss auch nur an jüngste Interviews erinnern, wo es nicht darum ging, nur mit einer Person zu reden, sondern sie bloßzustellen, am Besten noch in die rechte Pack-Ecke abzudrängen. Und ich rede hier nicht nur von Frauke Petry. Auch die Disqus-Software tut ihren Teil, indem sie harmlose Anmerkungen einfach löscht, weil sie irgendeines dieser Schlüsselwörter enthält.

Ich würde nicht unbedingt von Hetze, Wut oder Hass sprechen, sondern von einem durchaus legalen Widerstand der Lesenden gegen die Schreibenden. Wer an der Front kämpft, also als Journalist tagtäglich draußen ist und berichtet, wird sich jegliche Form der Beeinflussung verkneifen, denn er muss sich rechtfertigen und dabei dem Leser in die Augen schauen. Wer nur die Agenturmeldungen abschreibt, hat nichts zu fürchten. Außer, dass die Auflage sinken wird und irgendwann sein Blatt in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

13.03.2016 10:27

Iris Ludwig

Was Herr Sommer oben schreibt, ist absolut richtig. Es ist bedenklich und undemokratisch, dass in Deutschland immer mehr Online-Zeitungen ihre Kommentarfunktion einstellen. Ich habe mich grundsätzlich nur dort informiert, wo Lesermeinungen zugelassen wurden. Nicht nur in der Flüchtlingspolitik, sondern auch bei anderen strittigen Themen berichten dt. Medien zunehmend unkritisch, um es vorsichtig auszudrücken. Von den peinlichen ö/r Medien ganz zu schweigen - dort scheint man oft direkt aus dem Kanzleramt zu senden. Der Begriff Lügenpresse ist vielleicht überzogen, aber zunehmend nachvollziehbar. Für wen schreiben die Journalisten eigentlich? Für die Kollegen & Politiker - oder für die Leser & mündigen Bürger, die das Ganze finanzieren ?

29.03.2016 17:46

Ole Kortmann

Traurig, aber betreffende "Journalisten" müssen sich eine Teilschuld hiervon einräumen. Die Schlagzeilen werden nicht umsonst immer aggressiver. Die Kassen klingeln gut. Ich hoffe, dass dieses Problem vor allem Herr Zuckerberg in den Griff bekommt. So macht es ja keinen Spaß mehr.

 
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