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Autor

Ralf Geißler

verfasst am

02.11.2010

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Michael Spreng: "Spiegel Online bestimmt den Takt"

Dieser Text ist auch in der November-Ausgabe des journalists erschienen.

Viele Skandale, die über Tage die Medienagenda bestimmten, sind schon kurze Zeit später wieder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden.

Medienskandale

Manege frei!

Horst Köhlers Rücktritt, Margot Käßmanns Alkoholfahrt und Thilo Sarrazins Thesen. Immer schneller erklären Journalisten ein Ereignis zum Skandal. Auf der Jagd nach dem nächsten Hype bleiben die wirklichen Aufreger am Ende folgenlos.

Vielleicht sollte Thilo Sarrazin einfach mal Eva Herman anrufen. Die ehemalige Tagesschau-Sprecherin kennt sich aus mit schrägen Thesen und ihren Folgen. 2007 hatte sie ein Buch über Familienpolitik geschrieben, wochenlang die Schlagzeilen dominiert und sich von Politikern, Kollegen und Vorgesetzten beschimpfen lassen. Heute interessiert sich niemand mehr für Eva Herman. Jeder Hype endet einmal. 

Aber vielleicht freut sich Sarrazin auch noch zu sehr, dass ihm ein Bestseller geglückt ist. Von seinem Buch Deutschland schafft sich ab sind mittlerweile 1,1 Millionen Exemplare gedruckt worden. Noch nie hat es hierzulande wegen ein paar unbelegter Behauptungen auf 465 Seiten Papier so viel Aufregung gegeben. 600 Journalisten drängten in die Bundespressekonferenz, als die Bertelsmann-Tochter DVA das Werk Ende August vorstellte. Evelyn Roll von der Süddeutschen Zeitung begann ihren Artikel über die Veranstaltung mit der naheliegenden Frage: "Ist ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen?"

In gewisser Weise sind viele Journalisten Sarrazin auf den Leim gegangen. Obwohl sie wussten, dass kaum einer in Deutschland die Kunst des Marketings durch Tabubruch so gut beherrscht wie er, analysierten, hinterfragten und deuteten sie seine Thesen bis ins Detail. Dabei hatte der SPD-Politiker schon früher mit Begriffen wie "Kopftuchmädchen" und der Behauptung, ein Hartz-IV-Empfänger könne sich für 3,76 Euro am Tag "völlig gesund, wertstoffreich und vollständig ernähren", gezielt Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ohne dass man seine Aussagen besonders ernst nehmen musste. Seinen Erfolg verdankt Sarrazin der medialen Skandalisierung seiner Person, die er mit gezielten Provokationen selbst herbeigeführt hat. 

Seine Behauptung, bildungsferne Schichten würden ihre mangelnde Intelligenz vererben, musste auf Widerspruch stoßen und so sein Buch bekannter machen. Am Ende aber hat auch der Provokateur die Wucht der Empörungswelle unterschätzt. Es hörte einfach nicht mehr auf. Die Debatte um Thilo Sarrazin zeigt, dass mediale Hypes noch größer, schneller und aufgeregter verlaufen können, als es Medienprofis für möglich halten. 

"Immer wieder führt ein neuer Akrobat seine Tricks vor. Man staunt, aber durchschaut nichts."

Wenn in wenigen Wochen die Jahresrückblicke geschrieben werden, kommen alle Aufreger von 2010 noch einmal zur Sprache. Die Plagiatsvorwürfe gegen die junge Schriftstellerin Helene Hegemann, der Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler, die Alkoholfahrt der Bischöfin Margot Käßmann, das Unglück bei der Loveparade in Duisburg, die Konflikte um Stuttgart 21. Abgesehen vom schwäbischen Bahnhofsprojekt stellt Sarrazins Buch alle anderen Themen in Sachen medialer Aufmerksamkeit in den Schatten.

Außer den Apothekenzeitungen kam kein Blatt ohne ihn aus. Der Focus schaffte es, das prominente SPD-Mitglied in nur einer Ausgabe in sieben Texten zu thematisieren. Fast jede Redaktion, jede Talkshow und jedes Comedy-Format griff Sarrazin auf. Trotzdem hatten im Verwertungskampf einige das Gefühl, zu kurz zu kommen. 

So soll Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo bedauert haben, dass im Buchvorabdruck seines Magazins ausgerechnet jene Passagen fehlten, in denen Sarrazin seine fragwürdige biologistische Argumentation zur Erblichkeit der Intelligenz entwickelt (siehe auch S. 24-29). Und die Zeit hatte unter der Überschrift "Anleitung zur Menschenzucht" eine Kritik des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel an Sarrazin veröffentlicht und angekündigt: "Eine Entgegnung erfolgt an gleicher Stelle." Das Versprechen blieb uneingelöst, weil der Kritisierte keine Woche warten wollte. Stattdessen polterte Sarrazin schon zwei Tage später in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurück: "Die SPD-Spitze kann nicht lesen."

Wer nicht täglich mehrere Zeitungen studierte, wusste spätestens Mitte September nicht mehr, wer was wann wo über Sarrazin gesagt hatte. Ein Eindruck, der zunehmend bei Themen entsteht, die Journalisten und Politiker ganz fürchterlich aufregend finden. Wirklichen Durchblick haben am Ende nur noch die Nachrichtenredakteure, die sich tagein, tagaus mit dem Thema beschäftigen. Bei vielen anderen bleibt das Gefühl zurück, einer Zirkusvorstellung beizuwohnen. Immer wieder führt ein neuer Akrobat seine Tricks vor. Man staunt, aber durchschaut nichts. 

"In welchem Maße der Skandalisierte am Ende seiner dramatischen Darbietung nachhaltig geschädigt bleibt, hängt vor allem von seinen Schauspielkünsten und seiner Medienkompetenz ab."

Skandale gibt es seit Jahrhunderten. Der Begriff stammt vom altgriechischen Scándalon und bezeichnete ursprünglich das Stellhölzchen einer Tierfalle. Wird es berührt, schnappt die Falle zu und man sitzt buchstäblich im Käfig – zum Gespött des Publikums. Dabei kann es sich, wie Thilo Sarrazin gezeigt hat, auch um einen goldenen Käfig handeln.

Philosophen und Soziologen haben die Bedeutung von Skandalen für das Zusammenleben von Menschen hervorgehoben. Am Skandal justiert eine Gemeinschaft ihre ethischen Maßstäbe, Normen und Grenzen neu. Je größer die Aufregung ist, desto klarer zeichnen sich Tabus ab. 

In Deutschland darf ein Parteivorsitzender keine schwarzen Kassen führen. In den USA sollte ein Präsident nicht mit seiner Praktikantin schlafen. Und hier wie dort schadet es der Kirche, wenn sie ihre Schützlinge missbraucht und das nach Jahren noch leugnet. "In welchem Maße der Skandalisierte am Ende seiner dramatischen Darbietung nachhaltig geschädigt bleibt, hängt vor allem von seinen Schauspielkünsten und seiner Medienkompetenz ab", sagt der Hamburger Skandalforscher Steffen Burkhardt.

Skandale können wie reinigende Gewitter wirken. So stärkte die Spiegel-Affäre 1962 die Pressefreiheit. Aufreger wie der Flick-Parteispendenskandal 1982 und die Amigo-Affäre elf Jahre später führten zu Rücktritten von Politikern. "Groß angelegte Skandaldramen zeigen überfällige Umbruchsprozesse an", sagt Burkhardt. Journalisten, die Unerhörtes enthüllen, können deshalb Geschichte schreiben. Oftmals kompensieren sie mit ihrer Skandalberichterstattung die Defizite anderer Institutionen im Staat und wirken als vierte Gewalt. Aber gilt das für jeden, der lautstark "Skandal" ruft? 

"Womöglich bleiben viele mediale Aufreger auch deshalb folgenlos, weil Journalisten so oft daneben lagen."

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der medialen Aufreger derartig erhöht, dass viele mittlerweile folgenlos bleiben. Zwar ist Horst Köhler Ende Mai unter großem Medienecho als Bundespräsident zurückgetreten, doch seine Motive blieben unklar. Nicht minder intensiv berichteten Journalisten über die Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg. Doch auch hier weiß niemand, wer für das Unglück die Verantwortung trägt. Die Frage verschwand von den Titelseiten, weil Thilo Sarrazin darauf Platz nahm. 

Der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger hat 2001 vorgerechnet, dass fünf bis zehn Prozent aller gesellschaftlichen Missstände zum Skandal werden. Allerdings bezweifelte er, dass mit ihnen immer die Wahrheit ans Licht kommt. "Die Wahrheit geht während des Skandals in einer Welle krass übertriebener oder gänzlich falscher Darstellungen unter", meint Kepplinger. "Die Oberhand gewinnt sie erst, wenn der Skandal zu Ende und die Flut der anklagenden Berichte verebbt ist." 

Mit einigen Jahren Abstand staunt das Publikum oft, warum es sich einst so aufgeregt hat. Trotz BSE essen die Deutschen heute wieder unbesorgt Rindfleisch. Sie tanken seit der An-Land-Entsorgung der Ölplattform Brent Spar wieder bei Shell und fahren durch den Wald, der nach den apokalyptischen Szenarien der 80er Jahre längst verschwunden sein müsste. Weiß eigentlich noch jemand, wie ansteckend die Lungenseuche SARS ist?

Womöglich bleiben viele mediale Aufreger auch deshalb folgenlos, weil Journalisten so oft daneben lagen. Als Super-GAU des deutschen Skandaljournalismus gilt Sebnitz. Nahezu alle Zeitungen hatten vor zehn Jahren berichtet, in der sächsischen Kleinstadt sei ein Kind von Neonazis in einem Freibad vor den Augen sämtlicher Badegäste ertränkt worden. Der "rassistische Mord" erwies sich letztlich als tragisches Unglück. Der Junge hatte einen Herzfehler und war deshalb ertrunken. 

"Vor lauter Hyperventilieren fehlt uns oft die Kraft, unsere Aufreger zu Ende zu denken."

An Sebnitz zeigt sich das Grundproblem sämtlicher Skandale. In Momenten größter Aufregung ist die Orientierung an den Kollegen besonders groß. Dann zählt das Wort des Ressortleiters manchmal mehr als die Einschätzung des Korrespondenten vor Ort. Denn Ersterer kennt die Schlagzeilen der Konkurrenz und sieht auf seinem Computer die Eilmeldungen blinken. Letzterer kennt nur die nüchterne Realität.

Für Kepplinger sind Skandalisierer eher Künstler als Analysten. Im vergangenen Jahr wurde erst die Schweinegrippe zum Skandal, dann die Impfung dagegen, weil sie angeblich voller Nebenwirkungen steckte. Im aufgeregten Durcheinander der medienaffinen Experten verschwammen die medizinischen Wahrheiten. In diesem Jahr ist der Impfstoff gegen das H1N1-Virus in der klassischen Grippeschutz-Impfung enthalten. Kaum jemanden scheint das zu interessieren.

Vor lauter Hyperventilieren fehlt uns oft die Kraft, unsere Aufreger zu Ende zu denken. Langfristig kann das nur zum Verdruss führen – in der Öffentlichkeit, bei den Medien und in der Politik. Denn die Erwartung des Publikums, die Mächtigen mögen doch etwas unternehmen, steigt im gleichen Maße, wie Journalisten Themen mit Bedeutung aufladen. Doch diese Erwartung müssen die Verantwortlichen nicht selten enttäuschen, denn in der kurzen Zeitspanne, in der sich ein Skandal noch in den Medien hält, lässt sich kein Gesetz zimmern. Zumindest kein vernünftiges. 

Vor sieben Jahren hat es die damalige Bundessozialministerin Ulla Schmidt (SPD) trotzdem versucht. Die Bild-Zeitung hatte damals das Leben des Sozialhilfeempfängers Rolf J. zur Titelgeschichte gemacht, der in Florida wohnte und vom deutschen Staat monatlich 1.425 Euro überwiesen bekam. "Abkassieren in Deutschland" hieß eine der Schlagzeilen, und der Tenor lautete: Schmarotzer machen es sich auf Kosten deutscher Steuerzahler unter Palmen gemütlich.

Als immer mehr Zeitungen das Thema aufgriffen, brachte Schmidt eilig ein Gesetz in den Bundestag ein. Es gestattete den Ämtern, nur noch in Ausnahmefällen Sozialleistungen an Deutsche im Ausland zu zahlen. Rolf J. und einige 100 weitere Betroffene mussten umziehen. Die Kosten für Möbeltransport und Wohnungssuche, die der Steuerzahler übernahm, dürften die Einsparungen auf Jahre aufgezehrt haben. Zudem waren die meisten Betroffenen nicht in Florida, sondern in Osteuropa oder Asien zu Hause, wo sie bis dahin oft billiger gelebt hatten als in der Bundesrepublik.

"Der öffentliche Pranger verliert seine abschreckende Wirkung, je öfter man ihn zeigt."

Insofern kann man von Glück reden, dass Sarrazins Thesen kein eiliges Gesetz zur Folge hatten. Über sein Buch wurde deutlich länger diskutiert als über viele andere Aufreger, weil sich die einheitliche Meinung der Medien schließlich teilte. Nach den Vorabdrucken in Spiegel und Bild machten Journalisten aus den sachlich oft falschen Behauptungen des Bundesbankvorstands einen Skandal. Dieser Haltung schlossen sich noch vor der Buchveröffentlichung auch SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel und Kanzlerin Angela Merkel an. Ihre Aussage, das Buch sei "nicht besonders hilfreich", war nicht besonders hilfreich im Bemühen der Wenigen, die es als das abhandeln wollten, was es war: ein thesenstarker, aber mit groben Fehlern behafteter Text, von denen es viele gibt.

Nach Merkels Äußerung versuchten konservative Medien, die Skandalisierer zu skandalisieren. Sie verteidigten den Autor nach dem Motto: Sarrazin mag übertrieben haben, aber man müsse in Deutschland ja noch sagen dürfen ... Das Argument, man spreche Tabus aus, hat schon Guido Westerwelle geholfen, wochenlang Schlagzeilen zu machen, auch wenn ihm seine Schmähkritik an Hartz-IV-Empfängern am Ende eher schadete.

Mit dem öffentlichen Auftreten der Sarrazin-Unterstützer mündete der Skandal in einen publizistischen Konflikt, der weitere Wochen gärte, bis Bundespräsident Christian Wulff das Thema am Tag der Deutschen Einheit noch einmal aufkochte mit seiner Bekundung, auch der Islam gehöre zu Deutschland. 

Dass das viele Gerede irgendwann in einer modernen Integrationspolitik mündet, können nur noch unerschütterliche Optimisten glauben. Bei Sarrazin kam zum Vorschein, was der Journalist Heribert Prantl einmal den Kikeriki-Journalismus nannte: ein aufgeregtes Krähen, das die sachlichen Stimmen, die es auch gab, übertönte.

Früher musste man ein paar Millionen unterschlagen, an einer Sex-Orgie teilnehmen oder seinen Konkurrenten vergiften, um einen Skandal auszulösen. Heute reicht es, ein Buch zu schreiben, ein paar läppische Bonusmeilen zu verjuchteln oder seinen Dienstwagen nach Spanien nachkommen zu lassen. "Die Allgegenwart des Skandals in mittlerweile allen Sphären deutet auf eine Moralisierung aller Lebensbereiche hin", schreiben der Wissenschaftler Bernhard Pörksen und der Journalist Jens Bergmann.

Womöglich ist es langfristig aber genau andersherum. Gut vorstellbar, dass die permanente Empörung irgendwann demoralisiert. Der öffentliche Pranger verliert seine abschreckende Wirkung, je öfter man ihn zeigt. "Das Sensationelle ist zum Produkt von Routinen geworden", sagt der Trierer Soziologe Michael Jäckel. Damit steige die Desensibilisierung in der Bevölkerung. Die Ur-Funktion des Skandals geht verloren. 

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

19.11.2010 11:21

Suzan Gronemeier

Endlich gut analysierender Klartext. Danke für den sehr guten Artikel.
Zudem bin ich froh, mit meiner Bewertung des Hypes nicht alleine zu sein.

04.11.2010 12:31

David Lojewski

Ein sehr gelungener Text, der das Mediengeschehen und schlampige Vorgehen einiger "Journalisten" konkret analysiert. Eigentlich müsste man den Text jeder Bild-Zeitung beilegen, damit deren Leser auch mal zur Vernunft kommen.

04.11.2010 10:58

M. H.

Der Wald ist deswegen nicht verschwunden, weil die Politik (und die Verbraucher) die Industrie (und LKW/Autofahrer) dazu gezwungen haben, Schwefel und ähnliche früher ungefiltert rausgeblasene Schadstoffe aus den Abgasen zu entfernen. Ich persönlich mag es, dass man Luft heutzutage auch in Städten ganz gut atmen kann und sowohl saurer Regen als auch Smogalarm nicht mehr vorkommen.

03.11.2010 10:51

Martin Morscheid

Ein sehr, sehr guter Text. Endlich mal eine sachlich-ausgewogene Bestandsaufnahme dieses urmenschlichen Problems, statt der Feuilleton-üblichen Skandaliserung des Skandals.

 
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