Detail-Informationen

Autor

Thomas Öchsner

verfasst am

14.01.2015

im Heft

journalist 1/2015

Link zum Thema

  • GWA-Herbstmonitor 2014: Befragung zum Mindestlohn für Praktikanten weiter
Weil Verlage keinen Mindestlohn zahlen wollen, müssen sich Praktikanten auf Absagen einstellen. (Bild: journalist)

Mindestlohn für Praktikanten

Generation zu teuer

"Bereits zugesagte Praktika für das Jahr 2015 haben wir bedauerlicherweise absagen müssen." Der Grund ist offensichtlich: Er heißt Mindestlohn. Vor allem für Quereinsteiger mit Hochschulabschluss wird es jetzt schwieriger, ein Redaktions- oder Agenturpraktikum zu bekommen. Die Folge: Wer in die Medienbranche einsteigen will, muss sich früher darum kümmern.

Wenn man Christopher Pramstaller fragt, wie viele Praktika er schon gemacht habe, muss der 31-Jährige einen Moment nachdenken. Dann sagt er "neun" und wundert sich selbst ein bisschen, wie viele es geworden sind. Pramstaller ist schon beim Hessischen Rundfunk und bei der Sächsischen Zeitung aufgeschlagen. Er hat bei Zeit, bei dpa, bei süddeutsche.de hineingeschnuppert und ist dabei zu der Erkenntnis gekommen: "Drei Monate sind für ein Praktikum ausreichend." Das sei Zeit genug, um einen Eindruck von der Redaktion zu gewinnen, die Arbeitsweise dort kennenzulernen und eigene Beiträge unterzubringen. "Was soll denn nach drei Monaten noch dazukommen?", fragt er sich. Ein noch längeres Praktikum sei allenfalls für den Arbeitgeber interessant, weil dieser dann eine angelernte Arbeitskraft billig einsetzen könnte.

Der Absolvent der Hamburger Henri-Nannen-Schule weiß, wovon er spricht. Im Durchschnitt hat er in den Redaktionen 400 Euro im Monat verdient, und bestenfalls gab es Zeilengeld obendrauf.

Doch nun kommt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro, der teilweise auch für Praktikanten gilt. Und der sorgt schon jetzt dafür, dass sich Verlage sowie PR- und Werbeagenturen ebenso wie Pressestellen genau überlegen, welchen Praktikanten sie wie lange in Zukunft beschäftigen werden. Natürlich geht es dabei auch um Geld: Denn einen Mindestlohn für Praktikanten will eigentlich kaum einer zahlen.

Schluss mit der Generation Praktikum

Was Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) durchgesetzt hat, ist eine kleine Revolution: Wer eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat, muss als Praktikant vom 1. Januar 2015 an einen Stundenlohn von mindestens 8,50 Euro erhalten. Das sind im Monat rund 1.400 Euro brutto. Nahles wollte endlich Schluss machen mit der Generation Praktikum. Auch Praktika, die länger als drei Monate dauern, sind mit dem Mindestlohn zu vergüten – und das vom ersten Tag an, heißt es im Bundesarbeitsministerium.

Für Pflichtpraktika, die in einer Schul-, Ausbildungs- oder Studienordnung vorgesehen sind oder der Orientierung bei der Berufs- und Studienwahl dienen, sind die 8,50 Euro dagegen nicht fällig. Zumindest solange eine Voraussetzung erfüllt ist: Diese Schnupperphase darf nicht länger als drei Monate dauern. Neu ist auch der Anspruch auf einen schriftlichen Praktikumsvertrag, in dem zum Beispiel die Lern- und Ausbildungsziele, die Arbeitszeit und die Vergütung festgeschrieben sind.

So einen Vorschriften-Mix hat es noch nie gegeben. Es stellt sich deshalb die Frage: Wie reagieren die Arbeitgeber in der Medienbranche darauf?

Was sagen die Medienkonzerne?

Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, warnte schon im Juli 2014: Manche Verlage hätten bislang mehrmonatige oder halbjährige Orientierungspraktika für junge Leute mit abgeschlossenem Studium angeboten, "die sich erst einmal nach dem für sie richtigen Job umschauen wollten". Diese Praktika seien bei den Praktikanten sehr gesucht und beliebt gewesen. Wolff befürchtet, "dass die Verlage je nach ihrem Bedarf solche Praktika verkürzen oder weniger Plätze anbieten".

Der journalist hakte bei mehreren Medienkonzernen nach. In den Redaktionen von Burda (Bunte, Focus, Freundin) kommen zum Beispiel zehn Bewerber auf eine Praktikumsstelle. Unter ihnen seien häufig Hochschulabsolventen, und auch in Zukunft werde es keine generelle Regel geben, junge Leute mit abgeschlossenem Studium nicht mehr zu nehmen, heißt es im Verlag. Es sei aber davon auszugehen, "dass diese Praktikumsplätze abnehmen werden", sagt eine Burda-Sprecherin und fügt hinzu: "Bereits zugesagte Praktika mussten wir nicht streichen, da wir vorausschauend eingestellt haben."

Burda bot bislang wochenweise Schülerpraktika und bis zu sechsmonatige Vorbereitungspraktika an. Die meisten dauerten drei Monate. Der Konzern will auch in Zukunft Orientierungs- und Pflichtpraktika nicht generell auf drei Monate beschränken. Die Sprecherin geht aber davon aus, dass die längeren Praktika insgesamt deutlich abnehmen werden, was man bei Burda offenbar nicht so schlimm findet: "Wir sind uns sicher, dass Nachwuchsjournalisten auch in dreimonatigen Praktika viel lernen werden", heißt es bei dem Münchner Verlag.

Kein Mindestlohn für Bauer-Praktikanten

Bei der Bauer Media Group (Bravo, Closer, Cosmopolitan) fällt die Antwort noch eindeutiger aus: Der Medienkonzern zählte bislang für eine Praktikumsstelle im Durchschnitt 50 Bewerbungen. Trotzdem will das Unternehmen künftig weder für Hochschulabsolventen noch für Studierende zwischen Bachelor und Master Praktikumsstellen anbieten. "Bereits zugesagte Praktika für das Jahr 2015 haben wir bedauerlicherweise absagen müssen", teilt eine Sprecherin mit. Der nicht genannte Grund ist offensichtlich: Bauer will Praktikanten keinen Mindestlohn zahlen. Deshalb will der Konzern auch Orientierungspraktika auf drei Monate beschränken. Es könnten sich aber weiter Auszubildende und Studierende für ein Praktikum von mehr als drei Monaten bewerben, "solange es sich um ein vorgeschriebenes Pflichtpraktikum handelt", heißt es bei Bauer Media.

Im ZDF sieht das Personalreferat dem Mindestlohn gelassen entgegen. Für Orientierungs- und Pflichtpraktika war bei dem Fernsehsender bereits in der Vergangenheit eine Höchstdauer von zwei Monaten vorgesehen. Für Hochschulabsolventen und Kandidaten zwischen Bachelor und Master gab es überhaupt keine Praktika, "es sei denn, es handelte sich um Pflichtpraktika im Rahmen einer weiteren Ausbildung", teilt ein ZDF-Sprecher mit. Insofern hat das ZDF keinen Handlungsbedarf.

Axel Springer (Bild, Welt, N24) will dagegen auch in Zukunft Hochschulabsolventen die Möglichkeit bieten, Erfahrungen im Verlag zu sammeln. "Richtig ist natürlich, dass wir mit höheren Kosten rechnen – soweit es sich nicht um Pflichtpraktika handelt", sagt eine Sprecherin.

Ab 2015 überhaupt keine Praktikanten mehr

Andere Arbeitgeber in der Medienbranche wollen oder können nicht so viel Geld ausgeben: "Viele Geisteswissenschaftler, Lehrer und andere Akademiker bekommen nach dem Studium nicht die Stelle, die sie wollen. Medien sind als Ausweg dann sehr begehrt", sagt Willi Schreiner, Vorsitzender des Verbands Bayerischer Lokalrundfunk. Private Rundfunksender könnten es sich aber nicht leisten, denjenigen, die nach einem Studium mal in einen Radiosender hineinschauen wollten, gleich den Mindestlohn zu zahlen. Schreiner befürchtet, dass es künftig schwieriger wird, Stellen zu besetzen. "Man stellt ungern einen Volontär ein, wenn man ihn oder sie nicht kennt."

Die kleine Umfrage zeigt schon: Was bislang in vielen Verlagen gang und gäbe war – Hochschulabsolventen als Praktikanten und damit als billige Mitarbeiter zu beschäftigen – dürfte künftig die Ausnahme bleiben. So sieht es auch der Praktikums-Sammler Pramstaller: "Wer über ein Praktikum in den Journalismus einsteigen will, muss dies in Zukunft wahrscheinlich in vielen Fällen früher tun oder über eine Journalistenschule oder ein Volontariat in den Beruf hereinkommen."

Auch junge Leute, die später einmal in einer PR-Agentur oder einer Pressestelle arbeiten wollen, müssen sich wohl umorientieren. Die Sympra GmbH, eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit mit Sitz in Stuttgart und Büros in Berlin und München, kündigte bereits im Juli 2014 an, ab 2015 überhaupt keine Praktikanten mehr beschäftigen zu wollen.

"Praktikanten als günstige Arbeitskraft"

Praktikanten seien bislang "drei, besser für sechs Monate" gekommen. Kürzere Zeiträume hätten sich für beide Seiten nicht bewährt, weil die Praktikanten die Möglichkeit bekommen sollten, zum Beispiel gute Texte zu schreiben, auf Termine zu gehen oder an Besprechungen teilzunehmen, um ihr theoretisches Wissen mit praktischen Erfahrungen zu ergänzen. Einen Mindestlohn von 8,50 Euro statt der üblichen 500 bis 700 Euro könne Sympra aber nicht bezahlen. Dies sei nur möglich, "wenn wir den Praktikanten als günstige Arbeitskraft einsetzen, der möglichst viele Arbeiten erledigt, die wir weiterberechnen können, und der ansonsten die Botengänge und das Kaffeekochen übernimmt", schreibt Veit Mathauer, einer der Geschäftsführer von Sympra, im Unternehmensblog.

Andere Agenturen wollen nicht so weit gehen. Die Mehrheit scheint jedoch davon überzeugt zu sein, dass es bald weniger Praktikantenstellen gibt. Dies ergab der GWA Herbstmonitor 2014, für den Inhaber beziehungsweise Geschäftsführer von Kommunikationsagenturen befragt werden. Danach rechnen 65 Prozent der Befragten mit weniger Praktikumsstellen in der Branche. Treffen würden diese Streichungen vor allem Quereinsteiger, also etwa Geisteswissenschaftler, die keinen berufsspezifischen Studiengang absolviert haben.

Um wie viele Stellen es dabei geht, weiß keiner. Es dürften allerdings etliche sein: Immerhin machen 16 Prozent aller Akademiker nach dem Studium noch ein Praktikum. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Boris Schmidt von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung im Jahr 2011 vorgelegt hat. Im Durchschnitt dauerten demnach solche Praktika 4,8 Monate. Vier Prozent erstreckten sich sogar über mehr als sechs bis zu neun Monaten, und neun Prozent über mehr als neun Monate.

Einstiegschance oder Ausbeutungssystem?

Erschweren also die Mindestlohn-Vorschriften für Praktikanten den Einstieg in den Journalismus? Oder helfen sie, Schluss zu machen mit der Generation Praktikum in der Medienbranche?

Für Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), ist der Fall klar: "In vielen Medienunternehmen war es bis zum Mindestlohngesetz üblich, Praktikanten über längere Zeiträume in den Redaktionen einzusetzen. Bei schlechter oder gar keiner Bezahlung mussten manche von ihnen journalistische Aufgaben übernehmen. Das ist nicht der Sinn des Praktikums", sagt er. Der Einstieg in den Journalistenberuf werde deshalb nicht durch die neuen Regeln erschwert, "sondern durch fehlende Jobs im Journalismus".

In den Verlagen wird dies teilweise anders beurteilt: Bauer Media sieht sich beim Besetzen von Praktikumsstellen eingeschränkt durch das Gesetz, gerade bei Hochschulabsolventen. "Auch Praktika nach dem Studienabschluss werden derzeit sehr stark zur grundsätzlichen Orientierung genutzt, da während des Studiums aufgrund der starken Verschulung der Studiengänge kaum noch Zeit bleibt, Einblicke in die Berufswelt zu erhalten", sagt die Unternehmenssprecherin. Der Mindestlohn erschwere den Berufseinstieg von jungen Leuten nun erheblich. Auch in der Pressestelle des Springer-Verlags wird das Gesetz kritisch gesehen: "Die staatliche Vorgabe geht in vielen Fällen an der betrieblichen Praxis vorbei. Gerade für den journalistischen Nachwuchs ist die Absolvierung möglichst vieler Praktika von besonderer Bedeutung."

Das Gesetz wird aber nichts daran ändern, dass ein Praktikum in vielen Verlagen weiter die Brücke für eine spätere Festanstellung sein wird. Zum Beispiel bei Burda. "Wir besetzen sehr häufig Stellen für Berufsanfänger mit ehemaligen Praktikanten", heißt es in dem Unternehmen. Praktika könnten auch bei der Vorbereitung auf ein späteres Volontariat an der Burda-Journalistenschule oder eines Traineeprogramms helfen. Und dabei werde es bleiben.

So war es auch bei dem Praktikanten Pramstaller. Nach seinen Schnupperwochen in der Onlineredaktion der Süddeutschen Zeitung (für die auch der Autor tätig ist), arbeitete Pramstaller am Newsdesk bei süddeutsche.de. Dort hat er seit Jahresanfang auch einen ersten festen Job als Social-Media-Redakteur.

Über den Autor

Thomas Öchsner arbeitet in der Berliner Parlamentsredaktion der Süddeutschen Zeitung.

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Titelthema: Endlich Wochenende! Spiegel, Focus, SZ, taz: Verlage setzen auf den Samstag

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

29.06.2015 19:49

Erika Kißner

Sie schreiben bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro bekommt man ca. 1.473 Euro. Ich habe hin und her gerechnet, ich komme nur auf 1.360 Euro.
8,50 Euro x 8 Std./Tag = 68 €
x 5 Tage = 340 Euro x 4 Wochen = 1.360,- Euro
Wie kommen Sie auf 1.473 Euro brutto?
MfG
Erika Kißner

 
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