Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

04.07.2011

im Heft

journalist 7/2011

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Links zum Thema

  • Hier geht es zur Facebook-Seite der Herzblut-Journalisten.
  • Nachwuchsjournalisten haben einen offenen Brief an ihre Zeitungsverleger geschrieben. Auf openpetition.de rufen Sie Gleichgesinnte auf, ihre Forderungen zu unterstützen.

Nachwuchsjournalisten

Mit Herzblut

Studium, Praktikum, Volontariat – und danach Pauschalist mit der vagen Hoffnung auf einen befristeten Redakteursvertrag. Junge Journalisten blicken in eine unsichere Zukunft. Auf Facebook erheben einige jetzt ihre Stimme.

Man muss schon mit Herzblut dabei sein, um trotz der miserablen Verhältnisse in diesem Beruf weiter zu machen. Marga zum Beispiel hat von ihrem Arbeitgeber bislang nur befristete Verträge erhalten. Erst vor kurzem unterschrieb die junge Journalistin einen weiteren Zeitvertrag. Tarifkonditionen gibt es für sie nicht: kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld, keine Sonderzahlungen. Und das bei einer 50-Stunden-Woche. Mindestens.

Junge Leute wie Marga gibt es im Printjournalismus inzwischen zuhauf. Unter dem Druck, nicht ins Prekariat abzurutschen und ein irgendwie geregeltes Einkommen zu haben, arbeiten sie auch unter schlechten Konditionen. Für faire Tarifverträge zu streiken – das trauen sie sich oft nicht. Der Job ist zu unsicher, die Perspektive zu ungewiss. "Dabei würden doch genau wir gern für unsere Rechte kämpfen!", betont Marga, deren Namen wir aus guten Gründen geändert haben. "Schlimm ist auch, dass einige ältere Kollegen gar nichts von unseren miesen Verträgen wissen", erzählt sie, "und uns junge Journalisten manchmal schief angucken, wenn wir nicht mit ihnen streiken."

Nadine geht es nicht besser. Sie arbeitet zwar auf einer unbefristeten Redakteursstelle, aber ihr Gehalt liegt unter dem Einstiegstarifgehalt eines Redakteurs im ersten Jahr. Dabei kann sie, das Volontariat und die freie Mitarbeit mitgerechnet, inzwischen auf gut zehn Jahre Berufserfahrung blicken. Eine "Untertarif-Jungredakteurin" nennt sie sich. Eine automatische Gehaltserhöhung gebe es für sie nicht. "Es ist nicht nur die Zahl auf meinem Gehaltszettel, die mich traurig macht. Sondern auch die Botschaft, die darin mitschwingt: dass meine Arbeit weitaus weniger wert sein soll als die der älteren Kollegen." Nadine ist verzweifelt, einerseits würde sie ihren Job lieber heute als morgen aufgeben, andererseits hat sie auch große Angst, ihn zu verlieren. "Ich habe nichts anderes gelernt, bin für nichts anderes qualifiziert."

Unter Chef-Beobachtung

Susanne hatte mehr Glück. Zwar ist ihr Redakteursvertrag befristet. "Aber ich werde nach Tarif bezahlt", sagt sie im Gespräch mit dem journalist. Auch Susanne will anonym bleiben. Zu groß ist die Angst vor beruflichen Nachteilen. Aber protestiert gegen den Dumpingtarif hat sie trotzdem – nicht offiziell als Streikteilnehmerin. Sie hat das anders gedeichselt – so wie viele Volontäre, Pauschalisten und befristet eingestellte Jungredakteure, die sich gerade bei Streiks einer starken Beobachtung aus der Chefetage ausgesetzt fühlen. Für Susanne war es jedenfalls wichtig, mit auf die Straße zu gehen: "Ich möchte nicht, dass andere für mich die Kastanien aus dem Feuer holen", sagt sie.

Auch Karsten hat gestreikt und faire Tarifverträge verlangt. "Mit dem Gehalt, das die Verleger uns künftig zahlen wollen, könnte ich keine Familie ernähren", meint er. "Tut es einer Zeitung gut, wenn vielleicht künftig nur noch Singles in dem Beruf arbeiten?", fragt er sich. Schon heute sei der Beruf für viele nicht mehr lukrativ genug. Etliche Jungjournalisten schauten sich nach einer attraktiveren Alternative um, etwa im PR-Bereich. Das spüren die Verlage längst; viele klagen bereits über die abnehmende Qualität der Bewerber. Karsten sagt dazu: "Ich glaube nicht, dass sich die sinkenden Abo-Zahlen mit sinkender Qualität bekämpfen lassen."

Karsten gehört zu jenen 20 Jungjournalisten der Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung, die vor kurzem die Aktion Herzblut gestartet haben. Unter dem Motto "Herzblutjournalisten für ein faires Gehalt" haben die Aktivisten auf Facebook eine Plattform eingerichtet, mit der sie auch junge Leute erreichen wollen, die eigentlich nichts mit der Medienbranche zu tun haben. "Wir wollen keine Kampfplattform sein", sagt Karsten, "sondern lediglich sachliche Informationen weitergeben und andere Jungjournalisten dazu animieren, ihre Meinungen auszutauschen und über eigene Erfahrungen zu berichten."

Mehr als 150 sogenannte Fans zwischen Schleswig-Holstein und Bayern haben sich inzwischen an die Facebook-Gruppe angedockt. Auch Michael, Anfang 30, abgeschlossenes Volontariat – und Pauschalist. Wie alle anderen will auch er nicht erkannt werden. Seit einem Jahr wartet er auf eine Redakteursstelle. Das ist im Vergleich zu anderen geradezu jungfräulich – manche befänden sich schon sieben Jahre oder länger in der Warteschlange, erzählt er. 

"Wir haben studiert, Praktika absolviert, ein Volontariat abgeschlossen, wir arbeiten mehr und länger als die älteren Kollegen, kennen uns mit der neuen Technik aus, sind flexibler, schieben Spätdienste und nehmen bereitwillig auch unpopuläre Termine wahr" – doch das alles zähle offenbar nicht. "Wir sind schon jetzt nicht verwöhnt", sagt Michael, "und haben keinerlei Aussicht, jemals das Gehalt der älteren Kollegen zu erreichen." Setzten sich die Verleger mit dem Dumpingtarif durch, sei der Journalistenberuf nur noch reizvoll, wenn man in der oberen Klasse mitspiele. "Dann ist das nur noch was für Edelfedern."

"Man beginnt zu zweifeln"

Nicht wenige haben sich innerlich längst damit abgefunden, dass sie auch künftig unter prekären Arbeitsbedingungen leben müssen. Man richtet sich ein. Andere sind frustriert, weil sie ihre Arbeit nicht gewürdigt sehen. Die fehlende Perspektive bremst ihren Elan, der Idealismus geht flöten. "Man ist ja inzwischen Mitarbeiter zweiter Klasse", sagt Mark, der sich nach seinem Volontariat jahrelang als freier Mitarbeiter und mit befristeten Verträgen durchschlug, bevor er einen Redakteursvertrag bekam. "Das zehrt auch am Selbstbewusstsein. Man beginnt, an sich selbst zu zweifeln, wenn man sich permanent ungerecht behandelt fühlt."

Der Job sei zu anspruchsvoll, als dass weitere Einschnitte gerechtfertigt wären, meint Mark. "Wir jungen Journalisten müssen unsere Stimme erheben." Und Herzblut sieht er als ein geeignetes Forum. "Wir sind das Herz der Zeitung", haben die Macher auf der Facebook-Seite notiert. "Wir warten zehn Jahre auf eine Festanstellung." Trotzdem: "Wir lieben unseren Job, und deshalb sind wir unser Geld wert!" Noch gibt es diese Herzblut-Journalisten. Nur wie lange noch?

Nadine denkt inzwischen darüber nach, einen neuen Beruf zu erlernen. "Ein Unternehmen sollte in seine Zukunft investieren. Wer die Zeitung retten will, braucht motivierte Mitarbeiter, die noch Feuer haben. Motiviert bin ich schon lange nicht mehr." Dabei habe sie ihren Beruf mal sehr geliebt. Es sei wie das Ende einer Beziehung: "Wenn man zu oft betrogen, belogen und für dumm verkauft worden ist, schmeißt man die größte Liebe irgendwann hin."

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

08.07.2011 02:19

Tino Höfert

Wie passend, dass sich der wichtigste Bundesverband für junge Nachwuchsjournalisten genau diesem Herzblut verschrieben hat.

Aus dem Leitbild der Jugendpresse Dtl. (die sich schon seit Jahren für junge Journalisten und deren Belange einsetzt): "Wir vermitteln journalistisches Handwerk und machen Medien mit Leidenschaft."

Interessant zu wissen ist hierzu auch, dass die Jugendpresse bereits 2010 (also vor den jetzigen Tarifverhandlungen) auf den Jugendmedientagen in München ein Kommunique mit sehr ähnlichen Postionen veröffentlicht hat: http://blog.jugendmedientage.de/2010-10-18/irgendwas-bleibt/

04.07.2011 17:04

Stefan Heijnk

Es gibt dazu übrigens auch eine Online-Petition, an der sich jede(r) beteiligen kann. Titel: Offener Brief von Nachwuchsjournalisten an die deutschen Zeitungsverleger.

http://www.openpetition.de/petition/online/offener-brief-von-nachwuchsjournalisten-an-die-deutsc[..]

Ich unterstütze diese Petition und bitte auch um Retweets via Twitter: Petition junger Journalisten für angemessene Bezahlung. http://t.co/fxLvMLK #petition

 
Anzeige: 1 - 2 von 2.
 
Viavision
Viavision