In eigener Sache

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Autor

Monika Lungmus

verfasst am

08.10.2013

im Heft

journalist 10/2013

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  • 25. Juni 2013: Wie stellen Sie sich das Tarifsystem vor? weiter

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Onlinejournalisten

Auf Augenhöhe

In vielen Verlagen sind Onliner immer noch Journalisten zweiter Klasse. Das passt nicht in die moderne Medienwelt. Der Deutsche Journalisten-Verband fordert die Integration in den Tarif. Manche Redaktionen gehen mit gutem Beispiel voran.

Es ist nicht besser geworden. Viele Onlineredakteure fühlen sich noch immer "wie das fünfte Rad am Wagen", wie Thomas Mrazek, der Vorsitzende des Bundesfachausschusses Online im Deutschen Journalisten-Verband (DJV), die Lage beschreibt. Ein wesentlicher Grund ist, dass Onliner, oft in tariflosen Tochterfirmen ausgegrenzt, meist schlechter bezahlt werden als Redakteure, die für Zeitungen oder Zeitschriften arbeiten. Die "Minderbezahlung" trage, so Mrazek, "zu Unzufriedenheit und Unfrieden bei".

Eine aktuelle DJV-Umfrage unter freien und fest angestellten Onlinern deutet in eine ähnliche Richtung. Die Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, wirft aber ein Schlaglicht auf die Situation und Stimmung der Betroffenen. So gab immerhin mehr als die Hälfte der rund 250 Teilnehmer an, sich hinsichtlich des Gehalts als Journalist zweiter Klasse zu fühlen. Mehr als ein Drittel klagt über mangelnde Wertschätzung beziehungsweise Unterstützung der Kollegen, die nicht für den Onlinebereich arbeiten. Fast ein Viertel vermisst zudem die Wertschätzung von Vorgesetzten. Kein gutes Ergebnis, bedenkt man, dass die Branche auf eine digitale Zukunft zusteuert.

Thomas Mrazek hält ein Umdenken in den Verlagen für dringend erforderlich. Die Verlage müssten endlich Innovationen fördern und entsprechend in Personal investieren; es gebe viele motivierte und bestens ausgebildete Journalisten, die gerne in den Verlagen zeigen würden, was sie können – wenn man sie nur ließe. "Es bedarf in den Medienhäusern einer Unternehmenskultur, in welcher alle Medienkanäle gemeinsam fortentwickelt werden."

Weil eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die Onliner missachtet werden, nicht in die moderne Medienwelt passt, hat der DJV die Integration der Onliner in den Tarif gefordert. Der journalist stellt Redaktionen vor, die bei der Gleichbehandlung von Online- und Printredakteuren mit gutem Beispiel vorangehen. Es geht also.

Ein Teil des Ganzen

Bei der Stuttgarter Zeitung sind die Onliner schon lange keine ausgegrenzte Minderheit mehr. "Bei uns werden alle Redakteure nach Zeitungstarif bezahlt", sagt Online-Ressortleiter Tobias Köhler. "Ich glaube, dass wir, was die Wertschätzung der Onliner betrifft, weiter sind als viele andere Verlage." Köhler meint damit auch die Anerkennung der Printkollegen. "Wir werden nicht mehr als Fremdkörper wahrgenommen."

Dass das so ist, liegt auch an der Unterstützung durch die Chefredaktion. "Sie hat von Anfang an deutlich gemacht, dass Online Teil des Ganzen ist, dass die Stuttgarter Zeitung nicht nur als gedrucktes Medium relevant ist, sondern alle Kanäle bespielt werden müssen", sagt der 41-Jährige. Online und Print, so sieht Köhler es, ergänzen sich. "Seit eineinhalb Jahren arbeiten wir hier medienkonvergent. Alle Projekte werden jetzt crossmedial geplant."

Als Tobias Köhler im Jahr 2009 begann, die heute sechsköpfige Onlineredaktion (fünf Planstellen) aufzubauen, war das keineswegs so. Online galt damals als Anhängsel, mit dem die Printredakteure nicht viel am Hut hatten. Inzwischen heißt die Devise nicht nur Online first, sondern längst binden die Printleute ihre Onlinekollegen auch aktiv mit ein und fragen, was man denn noch zusätzlich zu der Geschichte im Netz machen könne. "Sie fordern unsere Mitarbeit regelrecht ein", sagt Köhler.

Entscheidend für das vergleichsweise gute Klima ist, dass man bei der Stuttgarter Zeitung versucht hat, alle Redakteure auf dem Weg in die Digitalwelt mitzunehmen. So gab es beispielsweise Schulungen für alle Redakteure im Haus. "Wir haben versucht, auf alle Sorgen der Kollegen einzugehen", sagt Tobias Köhler.

Natürlich läuft auch bei der Stuttgarter Zeitung nicht alles rund, weil nicht alle Zeitungsredakteure so mitmachen wie gewünscht. Klar: Jede Geschichte, die sie online aufbereiten sollen, bedeutet Mehrarbeit, die sich mancher sparen will. Auf Dauer aber werde sich das einspielen. Köhler ist da ganz zuversichtlich.

Tobias Köhler
Online-Ressortleiter, Stuttgarter Zeitung

Zwei Teams im Einklang

Die Onliner der Süddeutschen Zeitung sind zwar in einer tariflosen GmbH angestellt, werden aber im Prinzip nicht schlechter gestellt als die Zeitungsredakteure. "Wir bezahlen seit 2012 jeden Kollegen auf Tarifniveau", erklärt Stefan Plöchinger, der seit 2011 Chefredakteur von süddeutsche.de ist und diese Gehaltsanhebung der Onliner initiierte.

Tarifniveau heißt nicht Tarif. Plöchinger erklärt, dass es für die mittlerweile 30 fest angestellten Onliner ein Gehaltssystem gibt, das auch einen Tantiemen-Anteil enthält, "bei dem man in guten Jahren üblicherweise über das Tarifniveau kommt". Die Tantieme hänge "zu einem großen Teil an persönlichen Entwicklungszielen, zu einem kleineren Teil an einem realistischen Mix aus Geschäftszielen". Stefan Plöchinger schätzt dies "inzwischen mehr als das normale Tarifsystem, weil die Tantieme bedeutet, dass wir Zielgespräche mit allen Redakteuren führen". So entstehe für jeden Redakteur ein Anreiz, sich über die eigene Entwicklung Gedanken zu machen und die auch einzufordern. "Ein so strukturiertes Reden, was man persönlich an Zielen in einem Jahr erreichen will und soll und wie Chefs dabei unterstützen können", sei sehr zu empfehlen.

Was immer man darüber denkt: Seitdem die Onliner der Süddeutschen auf Tarifniveau bezahlt werden, "ist auch die Zweite-Klasse-Debatte bei uns versandet", wie Plöchinger meint. Er glaubt, dass die Onliner künftig auch woanders mehr Anerkennung finden werden. "Fast alle wissen doch inzwischen, dass Wachstum heute vor allem in digitalen Medien stattfindet und es dafür Experten in den Redaktionen braucht."

Bei der Süddeutschen gibt es für Print und Online jeweils eigene Teams. "Wir legen Wert darauf, dass wir Spezialisten für jeden der beiden Bereiche haben", so Stefan Plöchinger. "Wir erarbeiten eine gemeinsame Planung und publizieren unsere tagesaktuellen Geschichten in Print und Online, wo immer sie hingehören." Ausnahme seien etwa die exklusiven Autorenstücke, von denen man erwarte, dass die Leser dafür bezahlen. "Spätestens mit Paid Content", so Plöchinger, "wird sich auch diese Entwicklung auflösen."

Stefan Plöchinger
Chefredakteur, süddeutsche.de

Hoch angesiedelt

Bei vielen Printjournalisten hat Online immer noch das Image eines Schmuddel-Journalismus, der nur aus Bildergalerien und Blaulichtmeldungen besteht. "Die Onliner werden auch deshalb oft nicht für voll genommen", sagt Torsten Maier vom Main-Echo. "Und manche Verlagsverantwortlichen versuchen, bei den Onlinern am Gehalt zu sparen."

Anders sieht es beim Main-Echo aus. Alle Mitarbeiter des Onlineteams sind vom Ursprung her Zeitungsredakteure, die nach Tarif bezahlt werden. Torsten Maier, seit Januar der Onlinechef, ist auch für die Nachrichtenredaktion verantwortlich und zudem Mitglied der Chefredaktion. Das zeigt, dass Online beim Main-Echo hoch angesiedelt ist. "Wer Onliner schlechter bezahlt, spart am falschen Ende", sagt Maier. "Ein Verlag sollte kein falsches Signal setzen, wenn er den Weg in die Digitalwelt finden will."

Als Torsten Maier im Jahr 2008 zum Main-Echo kam, gab es lediglich einen weiteren Kollegen, der für die Website zuständig war. Entsprechend dürftig war das, was online passierte. Maier brachte Schwung in den Laden. Er trommelte dafür, dass die Onlineredaktion personell aufgestockt wurde. Und er kämpfte auch für eine Aufwertung in den Köpfen der Kollegen. Heute gebe es nur noch wenige, die Online infrage stellen.

Seitdem der Onlinechef auch die Nachrichtenredaktion leitet und Mitglied der Chefredaktion ist, ist die Onlineredaktion wieder geschwächt. Die Arbeitsbelastung im Team ist entsprechend hoch, man ist schließlich an 365 Tagen im Jahr online. Allerdings gab es vor kurzem eine Neuorganisation im Haus; die Ressortstruktur wurde aufgebrochen, ein Newsroom eingerichtet, in dem neben den Blattmachern auch die Onliner und Mitarbeiter der Grafikabteilung sitzen. Viele Aufgaben aus dem Onlinebereich seien jetzt zu den Printredakteuren gewandert. "Die Onliner sollen künftig auch mehr Zeit für eigene Geschichten haben", sagt Maier. Sein Ziel: das multimediale Denken und Arbeiten im Haus noch stärker verankern.

Torsten Maier
Onlinechef und Mitglied der Chefredaktion, Main-Echo

Technisch geschult

"Wir erfahren in unserem Haus sehr viel Wertschätzung", sagt Christian Hiersemenzel von den Kieler Nachrichten, die alle vier Redakteure des kürzlich gebildeten Onlineteams nach dem Zeitungstarif bezahlen – natürlich auch den Volontär, der das kleine Team verstärkt. "Bei uns gibt es keine Parallelgesellschaften, so wie in manchen anderen Häusern, wo Onliner keine Chance haben, sich auf Stellen in anderen Ressorts zu bewerben", fügt der Teamleiter hinzu.

"Online ist keine Hexerei", meint Christian Hiersemenzel, "sondern ureigenes journalistisches Handwerk. Das kann jeder Printredakteur; er braucht dazu nur eine spezielle technische Schulung." Bei den Kieler Nachrichten betreuen die Onlineredakteure nicht nur die Website, sondern auch andere digitale Angebote – wie etwa den KN-CollegeBlog, die Facebook-Seite und neuerdings auch die KN-Sonntag-App, die Mitte September gestartet ist. Zuarbeit der Printkollegen ist selbstverständlich.

Die Digitalabteilung, davon ist Hiersemenzel überzeugt, müsse eine hohe Akzeptanz im Haus haben. Dass das bei den KN der Fall ist, sieht man daran, dass das Onlineteam direkt der Chefredaktion unterstellt ist, von der es für die weiteren Schritte in die Digitalwelt auch die nötige Unterstützung erhält. Philosophie des Hauses sei eine hohe Durchlässigkeit zwischen Online- und Printbereich. "Wir sehen uns als Ganzes", sagt der 46-jährige Teamleiter. "Kurze Drähte sind das A und O."

Die Zusammenarbeit funktioniere prinzipiell gut, aber sie sei kein Selbstläufer; die Onliner müssten immer wieder aktiv werden. "Wir sind erst am Anfang eines Prozesses", sagt Hiersemenzel. Es sei auch nicht jeder Kollege von Online first begeistert. Denn im konkreten Alltag heißt dies, dass ein Artikel eben schon am Samstag abgeliefert werden muss, nicht erst am Sonntag, wenn für die Montagsausgabe produziert wird.

Dass Onliner in anderen Häusern schlechtere Konditionen haben, kann Hiersemenzel nicht verstehen. "Für mich ist die Bezahlung nach Tarif eine Selbstverständlichkeit. Die Onliner leisten schließlich die gleiche hochwertige Arbeit wie die Printredakteure."

Christian Hiersemenzel
Leiter Online, Kieler Nachrichten

Es misst sich am Gehalt

Früher waren die Onliner des Handelsblatts eher ein Anhängsel der Printredaktion. Als Oliver Stock im Jahr 2011 die Chefredaktion von Handelsblatt Online übernahm, änderte sich das schlagartig. Stock baute das Team zu einer eigenständigen Redaktion aus. Der Mitarbeiterstamm vergrößerte sich auf heute 60 fest angestellte Redakteure. Die Aufgaben sind ebenfalls gewachsen; die Onliner kümmern sich nicht nur um die Website. Stock formuliert es so: "Früher war Online das fünfte Rad am Wagen, heute ist Online die Antriebswelle, ohne die das Gefährt nicht rollt."

Handelsblatt Online
ist zu einer eigenen Marke geworden. Die online gestellten Printartikel sind hinter einer Paywall verschwunden, die Onliner dafür stärker in die journalistische Arbeit eingestiegen. "Ebenso wie Exklusivgeschichten im Handelsblatt zu lesen sind, gibt es Exklusivgeschichten bei uns", sagt Oliver Stock. "Die Onliner berichten mit dem gleichen journalistischen Aufwand wie die Printkollegen. Dadurch haben wir einen ganz anderen Stellenwert im Haus bekommen."

Die Trennung in Online- und Printredaktion ist für Stock "nicht in Stein gemeißelt". Aber um die neue Arbeitsweise zu etablieren, sei es das richtige Konzept gewesen. Das Internet verlange eigene journalistische Formen und Erzählweisen, Handelsblatt Online habe ein anderes Publikum als die Zeitung. Dennoch arbeitet man auch zusammen. "Wir verzahnen Print und Online sehr eng miteinander", sagt Oliver Stock, "um so die Möglichkeit zu schaffen, diese Trennung auch wieder aufzubrechen." Der Online-Chef kann sich beispielsweise vorstellen, künftig themenorientierte Teams zu bilden.

Die Arbeitsbelastung der Onliner ist – wie überall – hoch. "Manche sagen", so Stock, "sieben Onlinejahre sind wie ein Printjahr." Dass die Onliner nach Tarif bezahlt werden, ist für den Chef von Handelsblatt Online daher keine Frage. "Alles andere wäre auch Quatsch. Denn letztlich macht sich die Wertschätzung ja auch am Gehalt fest."

Oliver Stock
Chefredakteur, Handelsblatt Online

Die Autorin

Monika Lungmus arbeitet als Redakteurin beim journalist. Hier geht es zu ihrem Twitter-Kanal.

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