Detail-Informationen

Autor

Jan Söfjer

verfasst am

31.01.2011

im Heft

journalist 2/2011

Mehr zum Thema

Warum Journalist und Medienberater Thomas Knüwer Onlineredakteure für Content-Knechte hält, lesen Sie hier.

Bild: imago

Onlineredakteure

Textschrubber oder Edelfeder?

Mitte der 90er Jahre gingen die ersten Redaktionen in Deutschland online. Lange wurden Onlinejournalisten als Redakteure zweiter Klasse gesehen. Wie steht es heute um sie? Können sie inzwischen ihren Zeitungskollegen auf Augenhöhe begegnen? Ein Streifzug durch sechs Redaktionen zwischen Elbe und Bodensee.

Dass er nie wieder etwas mit einigen Printredakteuren und Ressortleitern zu tun haben würde. Dass er die – tatsächlichen oder selbsternannten – Edelfedern nie wieder nach einem Text würde fragen müssen oder nach ihrem Einverständnis, ein Thema machen zu dürfen. Diese Gedanken waren das Schönste, als er in der Onlineredaktion kündigte. Die Geringschätzung, mit der die Magazinredakteure die "Kostenlosjournalisten" behandelten, die Demütigungen, die Skepsis, das Desinteresse – all das hatte nun ein Ende.

Wer sich unter Onlineredakteuren in Deutschland umhört, der hört solche Sätze. Er hört aber auch ganz andere. Sätze, die von einem guten Miteinander zwischen Print und Online zeugen – von Wertschätzung. Onlineredakteure erhielten etwa oft Respekt für das, was sie leisten. Auf den ersten Blick ist das ein unauffälliger Satz, auf den zweiten der Schlüssel zum Thema. Denn die unterschwellige Botschaft lautet: Wir sehen, dass ihr euch im Hamsterrad dreht, kaum zum Schreiben kommt und dafür auch noch viel schlechter bezahlt werdet als wir. Tauschen möchten wir nicht, aber ihr habt unseren Respekt – und unser Mitleid. 

Es war Mitte der 90er Jahre, als die ersten Onlineredaktionen im Land mit ihren Seiten ins Netz gingen. Lange wurden Onlinejournalisten als Redakteure zweiter Klasse gesehen. Nicht von allen, aber von vielen. Wie sieht es im Jahr 2011 aus? Sind Onliner immer noch zweite Wahl? Und wovon hängt das ab?

Durchlauferhitzer

Der Fahrstuhl im Spiegel-Gebäude endet im elften Stock. In den zwölften Stock, wo früher Rudolf Augstein residierte und heute der große Konferenzraum ist, führt nur eine enge Treppe. Wer hier hoch möchte, braucht Ellenbogen. Durch die Glasfassade haben die Spiegel-Redakteure einen Blick über Hamburg und im Geiste über die ganze Welt. Die Redakteure von Spiegel Online trifft man hier nicht. Sie sitzen in einem anderen Gebäude. 

„Das zwiespältige Verhältnis, das traditionelle Redakteure gegenüber Onlinekollegen hatten, resultierte oft eher aus Fremdheit, aus organisatorischer Distanz, als aus Geringschätzung", sagt Lorenz Lorenz-Meyer, einer der ersten Onlinejournalisten in Deutschland. Schon 1995 arbeitete er für Spiegel Online, von 1996 bis 1999 als Redakteur. Lorenz-Meyer sitzt in seinem Büro in der Hochschule Darmstadt. Es ist dunkel draußen, Schnee fällt unaufhörlich. Wenn der Professor für Onlinejournalismus über die Zeit damals erzählt, schildert er weder, wie er von den gestandenen Spiegel-Redakteuren belächelt wurde, noch dass er nicht für voll genommen wurde. Lorenz-Meyer fällt nichts Böses ein. Im Gegenteil. „Viele haben uns durchaus respektiert", sagt er. "Ich erinnere mich, dass ich 1998 mit einem erfahrenen Spiegel-Printjournalisten, Helmut Sorge, losgeschickt wurde, um in einem Londoner Luxushotel den technischen Leiter von Microsoft, einen der wichtigsten Männer nach Bill Gates, zu interviewen.“ Alles sei auf Augenhöhe abgelaufen. Jeder habe die gleiche Arbeit gemacht. Das Interview erschien im Blatt als großes Spiegel-Gespräch.

Wenn man sich heute in der Spiegel-Online-Redaktion umhört, sagen die Redakteure über die Printkollegen: "Es gibt eine große Wertschätzung füreinander." Schon Mathias Müller von Blumencrons Wechsel vom Blatt auf den Chefposten Online und danach an die Spitze des Blatts zeige das. Auch andere Onlinekollegen seien zum Magazin gewechselt. Spiegel Online hat sich viel Renommee aufgebaut. Heute ist es das Nachrichtenleitmedium im Internet schlechthin. Das konnte es werden, weil die Mitarbeiter-KG, die die Mehrheit am Spiegel-Verlag hält, auch in schlechten Zeiten zu Spiegel Online gestanden hat und von Beginn an eine eigene Marke aufbauen wollte. Mehr als 100 Redakteure arbeiten mittlerweile für Spiegel Online. 

Die Spiegel-Redakteure sind stolz auf die Website und haben keine Scham, für sie zu schreiben. Im Gegenzug können Onliner auch fürs Magazin schreiben. Trotz allem seien es zwei getrennte Welten, heißt es. Die Art zu arbeiten eine völlig andere. Für eine Recherche liest ein Spiegel-Redakteur gerne alle wichtigen Bücher, die es zum Thema gibt. Für die 100 Texte, die ein Onlineredakteur neben all den aufgebohrten Agenturtexten pro Jahr schreiben muss ("Es gibt einen enormen Druck"), hat er im Schnitt zwei bis drei Stunden. Wer dennoch Muße hat, kann die zahllosen aufgeregten Lesermails beantworten. Mehr für den Spiegel können da die iPad-Redakteure schreiben, die offiziell beim gedruckten Spiegel – im Ressort Gesellschaft – angestellt sind, auch, wenn sich das bald ändern soll.

"Spiegel Online ist ein gut geölter Motor, der auf Hochleistung läuft", sagt ein Redakteur. Die Konditionen seien gut. Die Redakteure erhielten wohl das höchste Gehalt in der Branche. Allerdings haben sie in der Spiegel-Gruppe "tendenziell niedrigere Gehälter als ihre Printkollegen", sagt Spiegel-Online-Chefredakteur Rüdiger Ditz. "Das ist schon dadurch bedingt, dass die Redaktion von Spiegel Online insgesamt jünger ist als die des Spiegels und die meisten Onlinemitarbeiter weit weniger Dienstjahre haben." All zu viele Jahre werden die meisten auch nicht ansammeln. "Hier werden die Leute nicht alt. Schon gar nicht im Politikressort", sagt ein Onliner. Aber es kämen immer wieder genug junge neue Leute in den Durchlauferhitzer.

Getrennte

Über die gedruckte Presse sagt man oft, sie habe mehr Intellekt. Sie sei geistreicher, ruhiger und überlegter als die Presse im Internet. Keine Zeitung verkörpert diese Werte stärker als die Zeit. Wer ein Gefühl für die Würde dieses Blatts bekommen möchte, sollte sich den Backsteinbau am Speersort unweit des Hamburger Hafens ansehen. Draußen knattert die Flagge des Verlags unter blauem Himmel, drinnen schlucken die Teppiche fast jedes Geräusch in den langen weißen Fluren, in denen man so selten jemandem begegnet. Viele Büroräume wirken leer. Der von Feuilletonchef Jens Jessen etwa, in dem schwere Ledersessel für die Ressortkonferenzen stehen. Es sitzt scheinbar nie jemand in ihnen. Eine vermeintliche Geisterredaktion, die nur ab und an, dafür aber umso heftiger zum Leben erwacht. Im Aufenthaltsraum etwa, gleich neben Jessens Büro. Zumindest einmal am Tag kommen ein paar Redakteure vorbei und hauen sich mit großem Getöse die Bälle am Tischkicker um die Ohren. Nicht etwa nach Feierabend, sondern eher am späten Mittag. Aufenthaltsräume am Arbeitsplatz haben ja meist etwas Absurdes, weil niemand wagen würde, sie außerhalb der Pause zu nutzen. Der Chef könnte denken, man habe nichts zu tun. Von den Onlinern sieht man dann auch eigentlich nie jemanden am Kicker stehen. Ihre Arbeitsweise – im Minutentakt – ist das Gegenteil der Arbeit der Printredakteure. Unter dem Diktat der Stechuhr könnte die gedruckte Zeit nicht entstehen. Gedanken brauchen Zeit, Raum und Ruhe. 

"Bei Online war es immer sehr lebendig, da war immer Stimmung und Atmosphäre", sagt ein ehemaliger Zeit-Online-Redakteur. "Die Aufmerksamkeit für Online war zuletzt aber in stärkerem Maße vorhanden als in den Jahren zuvor. Auch eine Solidarität mit der Onlineredaktion." Gleichwohl blieben die Printredakteure nicht ganz vorbehaltlos gegenüber der Website. Es gebe Ängste, weil man nicht weiß, wohin es mit der Medienlandschaft geht, ob bald alles nur noch online sei und was aus der Qualität der Zeit werde. Denn die ist immer noch unangetastet. Der Ehemalige sagt: "Zeit Online hat nicht das gleiche Renommee wie das gedruckte Blatt. Das hatte immerhin 50 Jahre Zeit, sich diesen Ruf zu erarbeiten." Als Onliner für die Zeit zu schreiben, sei dann auch nicht ganz so einfach. "Es hängt von den individuellen Kontakten ab. Man konnte immer Themen vorschlagen, aber teilweise gab es den Vorbehalt: Da schreibt ein Onliner – kann der das? Man musste sich erst einmal Vertrauen verdienen." Viel für die Website schreiben die Printredakteure im Gegenzug nicht. Die Zeit versteht sich auch nicht als Nachrichtenblatt wie der Spiegel.

Lorenz Lorenz-Meyer, der von 2000 bis 2001 Redaktionsleiter von Zeit Online war, sagt: "Man tut den Printkollegen oft unrecht. Die Bereitschaft, die Onliner ernst zu nehmen, war bei den meisten schon sehr früh da." Zumindest zwischenmenschlich funktioniert es seit Jahren gut. Schon als vor fünf Jahren Gero von Randow Onlinechef war, kamen immer ein paar Printredakteure runter, wenn Onliner etwas zu feiern hatten. Oder auch gerne mal einfach so. 

So stressig wie bei Spiegel Online ist es bei Zeit Online nicht. Zumindest früher hatten sie am Speersort gar nicht erst den Anspruch, mit Spiegel Online konkurrieren zu wollen. Es gab auch nur wenige Redakteure. Wurde die Onlineredaktion schon unter Gero von Randow ausgebaut, so ist sie unter Wolfgang Blau explodiert. Knapp 40 Redakteure arbeiten nun dort, in Hamburg und Berlin, wo mittlerweile die Mehrheit des Redaktionsteams in Kreuzberg am Askanischen Platz sitzt. Früher schrieben die Onliner kaum etwas, später zumindest im Schnitt einen Text pro Woche und Redakteur. Doch im Vergleich zu Print müssen die Onliner fast alles kalt schreiben und können nicht so sorgfältig sein, wie sie häufig möchten. Drei Stunden, mehr haben die Onliner meist nicht für einen Text. Zu den Gehältern sagt die Pressestelle des Verlags: "Die Bezahlung unserer Journalisten, seien es Print- oder Onlineredakteure, bestimmt sich nach der Qualifikation und nach den Marktgegebenheiten." Der ehemalige Redakteur sagt: "Nach Aussage des Betriebsrats haben wir Onlineredakteure weniger verdient."

Content-Verschieber

Früher saß die Süddeutsche Zeitung in der Nähe des Münchener Marienplatzes. Das Verlagsgebäude aus den 60ern am Färbergraben war ein fensterreicher Bau mit schwarzer Fassade. An der rechten Flanke befand sich das Pförtnerhäuschen zum Innenhof und den Redaktionsgebäuden. Nur die Onliner saßen damals woanders. 1998 startete sueddeutsche.de durch – hinter den Pförtnern mit Blick auf deren Toilette. Aus zwei Pauschalisten wurden erst vier, dann sechs. Bald waren 25 Onlineredakteure fest angestellt. Es soll ein tolles Arbeiten gewesen sein, pure Aufbruchstimmung. Dann kam die Dotcom-Blase. Von 25 Redakteuren blieben zehn übrig.

"Die Wertigkeit wie beim Spiegel hat Online beim Süddeutschen Verlag nie gehabt und wird es auch nie haben", sagt jemand, der lange beim Verlag beschäftigt war. "Es gab und gibt niemanden in der Führungsriege, der sich da mal drangeklemmt und versucht hat, was draus zu machen. Man hat es gemacht, weil man es machen musste." 

Heute hat die Süddeutsche Zeitung ihren Verlagssitz am Stadtrand in einem Hochhaus. Der Newsroom wurde von vornherein für Print- und Online konzipiert. Etwa zehn der rund 30 Onlineredakteure arbeiten dort in wechselnder Besetzung. "Wir Onliner sind genauso angesehen wie die Printredakteure", sagt Julia Bönisch, Chefin vom Dienst von sueddeutsche.de. "Bei den Kollegen ist in den vergangenen Jahren das Bewusstsein entstanden, dass wir mit einer kleineren Mannschaft sehr viel leisten, dafür gibt es Anerkennung." Wenn man sich anderweitig umhört und verspricht, keine Namen zu nennen, hört man: "Es sagt ja keiner, was er von Online hält. Abgesehen von Kurt Kister." Wirklich onlinebegeistert von der ersten Stunde an sollen nur Hans Leyendecker und Heribert Prantl gewesen sein. 

Bönisch sagt, für die Printredakteure ist es heute selbstverständlich, die Onlinekonferenzen zu besuchen, und umgekehrt, sowie bei aktuellen Anlässen etwas für sueddeutsche.de zu schreiben – oft vorab, aber auch exklusiv. Andersherum funktioniere es ebenfalls, sei aber nicht institutionalisiert. Wie auch, sagen andere Onliner aus dem Haus. Man sei schließlich damit beschäftigt, Content von rechts nach links zu schieben, Fotostrecken zu bauen und die Klickzahlen im Auge zu behalten. Das Hamsterrad zu bedienen, mache 80 Prozent der Arbeit aus. Zeit zum Schreiben bliebe kaum. "Du bist fast nie draußen, kriegst wenig mit von der Welt, hast wenige Kontakte", heißt es. Es sei ein ganz anderer Job als der eines Printredakteurs. Wer jedoch mal in verschiedenen Onlineredaktionen gearbeitet hat, sieht, dass die Zustände bei sueddeutsche.de noch relativ gut sind. Dort ist es zumindest möglich, regelmäßig und während der Arbeitszeit etwas zu schreiben. Ein Beispiel, wenn vielleicht auch kein allgemeiner Maßstab, ist Bernd Graff, Online-Kulturredakteur der ersten Stunde und heute Vize-Chefredakteur. Graff schreibt schon lange regelmäßig und viel – für die Zeitung. Die Zeit, die er braucht, nimmt er sich. Der Online-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs, der nun von Stefan Plöchinger (Spiegel Online) abgelöst wird, steht hinter einer entschleunigten und journalistischen Arbeitsweise. Auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik sagte er 2010: "Wir haben damit begonnen, weniger News auf unsere Seite zu packen und dafür stärker in die Tiefe zu gehen."

Die Süddeutsche Zeitung ist bekannt für ihr familiäres Klima. An Weihnachten singen die Politikredakteure mit ihren Angehörigen am Klavier sogar Weihnachtslieder. Aber innerhalb der Familie gibt es Unterschiede. Die Onliner bekommen weniger Gehalt. Es sollen bis zu 30 Prozent sein. Jakobs gefällt das nicht. Auf einer Medientagung in Tutzing sagte er vor einem guten Jahr: "Wir zahlen unseren Redakteuren weniger, dafür haben wir 40 Arbeitsplätze geschaffen. Die gäbe es nicht, wenn wir nach Tarif zahlen würden."

Ex-Volontäre

Im Nordwesten von Konstanz, der Stadt am Bodensee, hat das Südkurier Medienhaus seinen Firmensitz. 1993, ein Jahr nachdem der Holtzbrinck-Verlag (Zeit, Tagesspiegel, Handelsblatt) den Südkurier zu 100 Prozent übernommen hatte, zog der Verlag in den Neubau. Die Fassade ist von orangerotfarbenen Ziegelsteinen und viel Glas geprägt, das Gebäude selbst hat die Form eines Kreuzes. Missionarsgleich hat der Südkurier im Laufe seiner Geschichte den Süden Baden-Württembergs bis zur französischen Grenze erobert. Vier Regionaldesks und 17 lokale Ausgaben sichern die Herrschaft. Auch die Onliner haben ihre Zentrale im Kreuzbau, allerdings im Keller. 

1996 ging suedkurier.de an den Start, mit einem Redakteur. Mittlerweile sind es acht. Vier kümmern sich ums Überregionale und die Steuerung der Website, die anderen ums Regionale. In jeder der vier Außenstellen – Waldshut-Tiengen (Kreis Hochrhein), Villingen (Kreis Schwarzwald-Baar-Heuberg), Friedrichshafen (Bodenseekreis-Oberschwaben) und Konstanz (Kreis Konstanz) – sitzt einer. Alle vier sogenannte Regio-Onliner stellte der Verlag im Zuge einer Regionaloffensive ein. Vorher waren sie Volontäre im Haus. Nun sitzen sie mit den Regionalredakteuren zusammen. Die Stimmung zwischen Print- und Onlineredakteuren ist offenbar gut. „Als Onliner ist man voll integriert und in keiner Weise zweite Klasse“, ist zu hören. Auch das Gehalt und die Konditionen seien die gleichen wie bei den Printkollegen. Die Regio-Onliner machen auch relativ häufig etwas für das Blatt. Die Zeitungsredakteure schreiben im Gegenzug bei Bedarf exklusiv und vorab für die Website. 

Ob die Website jemals weiter ausgebaut wird, ist allerdings fraglich, denn der Gewinn des Medienhauses ist offenbar stark eingebrochen. Holtzbrinck verlangt, dass in diesem Jahr 900.000 Euro eingespart werden. Zum 1. Januar hat sich die Südkurier-Geschäftsleitung von der Tarifbindung verabschiedet. Der Landesvorsitzende des DJV Baden-Württemberg, Thomas Godawa, kritisierte, es werde versucht, „die Rendite auf Kosten der Mitarbeiter hochzuhalten“. Gar die Hälfte der Beschäftigten soll allerdings schon lange zu Konditionen unterhalb des Tarifs eingestellt worden sein, sagt Gerhard Manthey vom ver.di-Landesfachverband Medien in Baden-Württemberg. In den Artikel-Kommentaren zu dem Thema im kritischen Konstanzer Onlineportal SeeMoz rechnet ein „SK-Mitarbeiter“ bereits aus, wie viele Redakteure gekündigt werden müssten, um eine knappe Million Euro einzusparen.

Nachzügler

Die Hamburger Morgenpost weilt in einem Bau, der mehr einem Internat als einem Verlagshaus ähnelt. Zwischen der A7 und dem Altonaer Fußballclub von 1893 im Osten Hamburgs werden die Schlagzeilen des Boulevardblatts getextet, das schon viele Krisen überstanden hat. Wolfgang Clement, früher selbst Chefredakteur der Mopo, soll einmal gesagt haben: "Es ist leichter, ein Land wie Nordrhein-Westfalen zu regieren, als die Hamburger Morgenpost zu führen." Das dachte sich vermutlich auch der britische Investor David Montgomery, der die Morgenpost nach drei Jahren 2009 wieder verkaufte – an M. DuMont Schauberg. Es musste allerdings erst jemand wie Montgomery kommen, um die Gründung einer Onlineredaktion zu planen. 

Online ist die Morgenpost seit 1996, doch lange verwaltete eine Agentur die Seite. Eine eigene Onlineredaktion gibt es erst seit 2009. Vier Onlineredakteure wurden damals angestellt, um im Schichtdienst von 7 bis 23 Uhr mopo.de aktuell zu halten. Für eigene Texte haben sie eigentlich keine Zeit. Immerhin sind sie nicht in ein eigenes Büro abgeschoben, sondern sitzen in den Printressorts. Gehalt und Konditionen sind wie bei den Zeitungskollegen. Spricht man mit mopo.de-Redakteuren, erfährt man, dass sie voll integriert seien. Onlinekoordinator Marc Baumgart sagt jedoch, dass die Onliner noch nicht wirklich auf Augenhöhe der Printkollegen arbeiten würden, "es wird aber stetig besser". Wie viel es besser werden könnte, zeigt ein Blick in den Geschäftsbericht des Mutter-Konzerns M. DuMont Schauberg. Der Unternehmensgewinn sank von 12,8 Millionen 2008 auf 463.000 Euro 2009.

Gebrandmarkte

Die Stahl- und Glas-Konstruktion mit 35.000 Quadratmeter umbautem Raum liegt wie ein Tanker am Baumwall. Hier, in der Hamburger Gruner+Jahr-Zentrale, werden Stern und stern.de produziert. Sogar eine Bugspitze hat das Gebäude. Die kann es gebrauchen, zuletzt geriet das Schiff in schwere See. Gruner+Jahr-Chef Bernd Buchholz empfahl den Journalisten, auf dem "Sonnendeck" ihre "Liegestühle und Drinks" beiseite zu stellen. 

Sonnendecks gibt es bei stern.de nicht, die Redaktion liegt im Erdgeschoss, im Maschinenraum des Tankers. Mit harten Zeiten kennt man sich hier bestens aus. Ein Redakteur sagt: „Das war immer so ein Zickzackkurs. Phasenweise wurde viel Geld reingepumpt, dann bekam man ein kurzes Zeitfenster, in dem Werbeerträge reinkommen sollten, was nicht passierte, und dann wurde wieder alles dichtgemacht. Danach kam ein neuer Chef, verordnete einen Relaunch, der viel Geld kostete, viel Arbeitskraft band und nichts brachte.“ Für diesen Zickzackkurs sei Buchholz verantwortlich, der Online nur als Geldverbrennungsmaschine sehe und sich in erster Linie profilieren wolle, um bei Bertelsmann weiter aufsteigen zu können. Es fehlten heute alte Verlegerpersönlichkeiten wie Henri Nannen. 

Ein Onliner von stern.de sagt: „Bei Gruner+Jahr und den Printredakteuren gelten Onliner als Redakteure zweiter Klasse. Es wird einem immer angekreidet, dass man nicht den gleichen Erfolg wie Spiegel Online einfährt. Gleichzeitig wird aber zu wenig investiert und wenig Vertrauen gegeben. Bei den Printkollegen gilt man als Schmarotzer, der den Gewinn verbrät." Ein Ehemaliger sagt: "Zum Schreiben kam man kaum, wenn doch, musste man den Text oft nach Feierabend fertigstellen." Als Onliner für das Blatt zu schreiben, sei eigentlich unmöglich. Zum Stern zu wechseln, ausgeschlossen. "Als Onliner bist du gebrandmarkt." 2008 deckte beispielsweise der stern.de-Redakteur Malte Arnsperger den Lidl-Skandal auf, eine der berühmtesten Stern-Geschichten der jüngsten Zeit. Arnsperger habe jedoch, so heißt es, gleich den investigativen Printredakteur Markus Grill (heute Spiegel-Redakteur) vorgesetzt bekommen. Das Misstrauen gegenüber Online sei groß, das Interesse gering. Wenn einer vom Blatt doch mal etwas für die Website geschrieben habe, dann lustlos. Printtexte, die es nicht in den Stern geschafft hätten, wären lieber weggeworfen worden, als sie den Onlinern zu geben, sagt der Ex-stern.de-Redakteur. Eine Ausnahme seien die Korrespondenten gewesen, die auch schon mal exklusiv für stern.de schrieben. 

Unter Printredakteuren sieht man es differenzierter. Man möchte exklusive Inhalte online nicht verschenken. Artikel, die nicht erschienen sind, könnten auch nach ein oder zwei Jahren noch angepasst erscheinen. Manche Printredakteure sehen stern.de zwar sehr kritisch, andere hingegen haben Respekt vor den 25 Internetkollegen und dem, was sie leisten. Es sei allerdings auch schon vorgekommen, dass Onliner Printtexte mit einem unglücklichen Teaser versehen hätten, was den Printredakteuren nicht gefiel. Wer viel fürs Blatt mache, mache tendenziell auch einiges für Online, heißt es. Es hänge stark vom Ressortchef ab. 

Neben Einzelbüros, Mac-Computern (Online hat PCs) und mehr Gehalt sind Stern-Redakteure auch in der Presseversorgung. Für Onliner gibt es die nicht. Zudem herrschen große Gehaltsunterschiede innerhalb der Onlineredaktion. Im Dezember 2005 hat die Redaktion deshalb für einen einheitlichen Haustarif gestreikt. Das Vorhaben scheiterte. Buchholz soll damals gesagt haben, dass die Onlineredaktion ganz schnell wieder aufgelöst werden könnte, wenn die Streiks nicht aufhörten. Vor allem bei den Grafikern und Technikern soll das gewirkt haben. Redakteure, die damals dabei waren, sagen, sie hätten Unterstützung der damaligen stern.de-Geschäftsführerin und Chefredakteurin Barbara Hamm vermisst. Am Ende wurden die Onliner mit Bonuszahlungen abgespeist. In die Presseversorgung kamen sie nicht. Ove Saffe, damals stern.de-Co-Geschäftsführer, heute Geschäftsführer beim Spiegel, soll damals zu den Onlineredakteuren gesagt haben: "Sie sollten sich nicht wie Redakteure zweiter Klasse fühlen. Wenn es nach uns ginge, würden wir auch den Printredakteuren die Presseversorgung wegnehmen."

Fazit: Eine Frage von Raum und Struktur

Wie sieht es nun aus mit dem Stellenwert der Onlineredakteure im Jahr 2011? Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Onlinejournalismus, ist der Meinung, dass sich das Ansehen der Onliner nicht generell verbessert habe. "Es hängt von den Projekten und Redaktionen ab." Wenn man sich jedoch integrierte Redaktionen anschaue, die einen gemeinsamen Newsroom haben, oder Printredaktionen, in denen in jedem Ressort ein Onliner sitzt, höre man oft, dass es wunderbar funktioniere, sagt Lorenz-Meyer.

Thomas Mrazek, Vorsitzender des Fachausschusses Online beim Deutschen Journalisten-Verband, sieht das skeptischer. Er sagt, Onlineredakteure seien immer noch oft genug das fünfte Rad am Wagen. "In einigen Redaktionen ist es zwar besser geworden, doch viel zu oft sind Onliner noch die zweite Wahl. Die fehlenden Erlösmöglichkeiten im Internet und das Copy-und-Paste-Prinzip tragen zu diesem Image bei." Die wenigen Onlinejournalisten müssten, was ihr Können betrifft, mit angezogener Handbremse arbeiten und die "Content-Maschinen rund um die Uhr füttern". Da bleibe wenig Zeit für eigene Recherchen und Geschichten. Einen Namen könnten sich die Onlinejournalisten so nicht machen. 

Ein Stück weiter scheint der Axel-Springer-Verlag zu sein. Im Gemeinschafts-Newsroom der Welt-Gruppe und der Berliner Morgenpost arbeiten rund 25 Redakteure gleichzeitig für Online und Print. Philip Kuhn ist einer von ihnen. Er sagt: "Durch den neuen Chefredakteur Jan-Eric Peters haben die Online-Auftritte an Bedeutung gewonnen. Die Printler wissen, dass Online wichtig ist, auch wenn viele das Medium nicht verstehen und hoffen, dass sie nicht für Online arbeiten müssen."

Nicht zu unrecht. Onlineredakteure haben immer noch einen schlechteren Ruf als ihre Kollegen von den gedruckten Blättern, von der oftmals schlechteren Bezahlung einmal abgesehen. Der Medienberater Thomas Knüwer plädiert dafür, die Redaktionsstrukturen und Arbeitsprozesse komplett zu verändern und sich von der Chronistenpflicht zu verabschieden. Doch die Verlage, so Knüwer, "klammern sich an dem Glauben fest, dass sich alles wieder begradigen und das alte Printgeschäft weitergehen wird". Das iPad sei das Symbol für diese Hoffnung.

Warum Journalist und Medienberater Thomas Knüwer Onlineredakteure als "Content-Knechte" bezeichnet, lesen Sie hier.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

15.02.2011 13:20

Redaktion

Korrektur (im Text geändert): Die Berliner Redaktion von Zeit Online sitzt in Kreuzberg am Askanischen Platz und nicht in Prenzlauer Berg.

04.02.2011 17:41

Hubert Pflumm (hpf) blog@ccdnet.de


Es ist wirklich traurig, was bei den Verlegern passiert! Die verstehen einfach nicht und haben an den „alten Zöpfen“ zu lange festgehalten!

Die Zeit hat sich gewandelt - Informationen sind heute für jeden zugänglich, ob aus Blogs oder aus Zeitungen. Ich habe schon lange keine Tageszeitung mehr. Die Informationen, die ich früh morgens und den ganzen Tag über aus dem Internet erhalte, reichen mir.

Ich habe viele Jahre für einen großen Verlag gearbeitet. Dort war das Hauptthema nicht Innovation sondern Bestandssicherung. Jetzt ist die „Karre im Dreck“ - Verlorene Abonnenten bekommt man in der Regel nicht mehr zurück, wahrscheinlich auch nicht mit dem iPad....

Die Verlage wollen nicht einsehen dass Ihre Zeit gekommen ist!

Viele Grüße
Hubert Pflumm (hpf)
http://www.pflumm.de

04.02.2011 15:56

Silke Plagge

Leider fehlt hier ein entscheidender Aspekt. Was ist mit den Redakteuren, die für ein Magazin schreiben, dass nur Online erscheint? Hier herrscht ein ganz anderer Umgang, ganz andere Bedingungen - und natürlich auch nicht nur positive Resonanz. Content-Knechte, die schnell Texte luschig runterhauen. Ich hoffe "Der Journalist" wird dagegen halten. So ganz lese ich das leider nicht heraus.

Besten Gruss,
Silke R. Plagge (stellvertretende Chefredakteurin des Online-Magazins liliput-lounge.de)

04.02.2011 11:35

Pia Grund-Ludwig

Ist ja ganz schön, aber leider (mal wieder) nur aus der Perspektive der reichweitenstarken Magazine und Tageszeitungen recherchiert. Spannend fände ich auch einen Blick auf die Fachmagazine. Da gibt es aus meiner Sicht teilweise einen Trend zu online first oder nur online, teilweise auch wirklich gut funktionierende Modelle zur Surfer-Seite-Bindung (hieß früher mal Leser-Blatt-Bindung). Wir haben mit einem Team seit knapp zwei Jahren ein Fachmagazin zum energieeffizienten Bauen und Sanieren (EnBauSa), ohne Verlag und nur online, aber im Gegensatz zu anderen Portalen, die ihre Inhalte nur aus Pressemitteilungen zusammenschrauben mit journalistischem Anspruch. Online-Journalismus scheint ohne Verlag besser zu funktionieren als mit, die Kollegen, die die Online-Auftritte klassischer Fachmagazine bestücken bekommen das oft genug oben draufgepackt.

 
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