
Bilder: Jan Zappner
Auslandskorrespondent Pascal Thibaut: "Ich bin nicht sicher, ob genug gemacht wird, damit die Franzosen wissen, wie ihre Nachbarn ticken."
Pascal Thibaut
Der Langzeitkorrespondent
Im Vortragssaal des Magnus-Hauses in Berlin, einen Steinwurf von Angela Merkels Wohnung entfernt, herrscht babylonisches Sprachgewirr. Russische, schwedische und türkische Journalisten reden durcheinander, testen ihre Aufnahmegeräte und tauschen Pressemitteilungen aus. Als Pascal Thibaut sich den Weg durch die Menge bahnt, schüttelt er zahlreiche Hände. "Hallo Pascal!" – "Hi Pascal!" – "Bonjour Pascal!" Er scheint jeden hier zu kennen. "Liebe Kollegen", beginnt Thibaut die Moderation des Pressegesprächs und übergibt dann schnell das Wort an den Gast des Abends.
Thibaut hat viele Kontakte in Berlin, denn er hat sein halbes Leben dort verbracht. 1990 kam er direkt von der Journalistenschule in die gerade wiedervereinigte Stadt, wo er zunächst ein Praktikum bei der Berliner Morgenpost machte. Inzwischen ist der 44-jährige Franzose alleiniger Deutschlandkorrespondent für Radio France Internationale (RFI), den französischen Auslandsrundfunk.
Das Interesse für Deutschland wurde bei Thibaut bei einem Schüleraustausch in einem kleinen Dorf in der Nähe von Worms geweckt, das für den Journalismus regte sich erst später. Als Kind wollte er noch Lehrer werden, weil er gerne er- und aufklärt. Dann gefiel ihm das Reporterdasein aber doch besser: "Als Journalist erreicht man einfach ein paar mehr Leute als in einer Klasse, dadurch kann man vielleicht eher etwas ändern. Zumindest denkt man das."
Heute schult Thibaut seine Korrespondenten-Kollegen aus dem Ausland. Seit einem Jahr ist er Vorsitzender des Vereins der ausländischen Presse in Deutschland (VAP). Die älteste Journalistenorganisation des Landes – 2006 feierte sie ihr 100-jähriges Bestehen – ist ein Anlaufpunkt für feste und freie Journalisten aus aller Welt. Thibaut organisiert Informationsreisen und Pressegespräche.
"Ich weiß nicht, ob ich nach 20 Jahren selbstständiger Arbeit noch teamfähig wäre oder Lust hätte, feste Arbeitszeiten zu haben."
Er hält den Verein heute für wichtiger denn je, weil immer mehr Korrespondenten frei arbeiten und sich selbst um alles kümmern müssen. Sie sind froh, wenn der VAP ihnen Gespräche mit Politikern oder Wirtschaftsbossen ermöglicht, mit denen sie sonst nur schwer ein Interview bekämen. "Wenn ein kleiner slowenischer Journalist bei Herrn Lösche von Siemens anfragt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er ein Gespräch mit ihm kriegt, gering", sagt Thibaut.
Auch für den Verein sei es nicht immer einfach, an Minister heranzukommen, berichtet er. Die seien nun einmal mehr an Journalisten interessiert, deren Leser oder Hörer potenzielle Wähler sind. Immerhin: Frank-Walter Steinmeier konnte der VAP einmal begrüßen, Angela Merkel schon mehrmals. Manchmal steht aber auch einfach der Besuch des neuen Currywurst-Museums auf dem Programm. "Deutschland und Würste, das verkauft sich einfach immer gut."
Thibaut gibt seinen neuen Kollegen auch praktische Tipps für die Arbeit in Deutschland. Auf der Website des VAP hat er aufgelistet, wo man den deutschen Presseausweis erhält, wie man sich beim Bundespresseamt akkreditiert und was die wichtigsten Informationsquellen sind.
Natürlich gibt es Dinge jenseits von Amt und Ausweis, die man ebenfalls kennenlernen und an die man sich gewöhnen muss – zum Beispiel Sprache und Mentalität der Menschen. Das wurde auch Thibaut schnell klar, als er im Oktober 1990 mit einem Stipendium der Alfred-Toepfer-Stiftung nach Berlin zog, um von dort aus als freier Journalist für deutsche und französische Medien zu arbeiten. Über die Mitwohnzentrale fand er ein Zimmer im Stadtteil Prenzlauer Berg bei einer alleinerziehenden Mutter, einer "echten Berliner Pflanze", wie er sagt. "Die hat so stark berlinert, dass ich sie oft bitten musste, den Satz zu wiederholen. Noch mehr Zeit brauchte ich, um mich an manch rüde Bemerkung zu gewöhnen. Das war nicht böse gemeint, eigentlich war sie nett."
"Wenn ein kleiner slowenischer Journalist bei Herrn Lösche von Siemens anfragt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er ein Gespräch mit ihm kriegt, gering."
Thibaut mag Stammtische und Eisbein ebenso wie Boule-Spiele und Boeuf Bourgignon. Neben seinem Partner und seinen Freunden hält ihn die hohe Lebensqualität in Berlin, die seiner Meinung nach sehr viel größer ist als im "immer musealer werdenden" Paris. Und seine Stelle als alleiniger Deutschlandkorrespondent für RFI würde er auch nicht aufgeben wollen: "Ich weiß nicht, ob ich nach 20 Jahren selbstständiger Arbeit noch teamfähig wäre oder Lust hätte, feste Arbeitszeiten zu haben. Hier bin ich mein eigener Herr und kann arbeiten, wie ich möchte. Das ist schon ein Privileg, das ich wahrscheinlich vermissen würde."
Darum bleibt Thibaut in der deutschen Hauptstadt und gibt seine Erfahrungen weiter. Nicht nur an andere Korrespondenten, sondern auch an seine Hörer in Frankreich. "Ich bin nicht sicher, ob genug gemacht wird, damit die Franzosen wissen, wie ihre Nachbarn ticken." Natürlich gebe es Themen, die fest gesetzt seien, die Wahlen oder die großen Regierungsentscheidungen zum Beispiel. Dazu kommen die Dauerbrenner, die sich immer verkaufen, zum Beispiel Beiträge über das Dritte Reich. Für Thibauts Geschmack sind sie schon zu oft durchgekaut worden: "Mit manchen Dingen befasst man sich seit eh und je. Da habe ich manchmal den Eindruck, ein Kaugummi ohne Geschmack zu kauen."
Von den überstrapazierten Themen will Thibaut weg. Als Korrespondent sieht er es als seine Aufgabe an, mit Vorurteilen aufzuräumen. "Ich finde es gut, wenn man Sachen, die fest verankert sind, infrage stellt. Aber es dauert lange, bis man Klischees ins Wanken bringt." Ihm fallen viele Geschichten ein, die den klassischen Stereotypen entgegenwirken könnten. Geschichten, die nicht unbedingt den Erwartungen seiner französischen Hörer entsprechen – wie zum Beispiel die ewigen Störungen im Berliner S-Bahn-Verkehr: "Man stellt sich Deutschland im Ausland immer als ein perfektes, modernes Land vor, wo alles funktioniert. Dabei läuft die S-Bahn hier seit dem letzten Frühjahr wie in einem Dritte-Welt-Land."
Seit ein paar Monaten hat Thibaut mehr Platz, um solche Geschichten zu erzählen und vielleicht doch noch das ein oder andere Klischee ins Wanken zu bringen: auf seinem neuen Blog "L'Allemagne hors les murs", wörtlich: Deutschland jenseits der Mauern.
"Ich finde es gut, wenn man Sachen, die fest verankert sind, infrage stellt. Aber es dauert lange, bis man Klischees ins Wanken bringt."
Zur Person
Pascal Thibaut, geboren am 7. Oktober 1965 in Dijon, ist seit 1997 Deutschlandkorrespondent von Radio France Internationale (RFI). Er hat in Dijon und Paris Jura und Politikwissenschaft studiert und anschließend eine Pariser Journalistenschule besucht. 1990 kam er als freier Journalist nach Berlin und arbeitete unter anderem für die Deutsche Welle, France Soir, La Croix, Le Monde diplomatique, den Deutschlandfunk und Radio Multikulti. Seit Februar 2009 ist er Vorsitzender des Vereins der ausländischen Presse in Deutschland (VAP), dem er seit den 90er Jahren angehört.
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