Detail-Informationen

Autor

Gabriele Bärtels

verfasst am

16.11.2010

im Heft

journalist 11/10

"Mich fragt keiner, ob ich ein Kissen will." Gabriele Bärtels wundert sich über Erdbeeren im Winter und in Watte gepackte Promis. (Bild: Kat Menschik)

Peoplejournalismus

Einmal rein und raus

15 Minuten Zeit. Erdbeeren für den Prominenten, gespielte Zuneigung für die Journalistin. Warum ihr Interviews mit Schauspielern häufig wie ein Abstecher in den Edelpuff vorkommen, erzählt journalist-Autorin Gabriele Bärtels.

Die Adresse ist immer ein Fünf-Sterne-Hotel. In einer Suite auf irgendeinem Stockwerk sitzt SIE oder ER auf einem überbreiten Sofa und fertigt einen Journalisten nach dem anderen ab. So geht das den ganzen Tag. Manchmal bin ich die Nächste. 

Es sind ausnahmslos streng blickende junge Frauen, die einen in Empfang nehmen. 15 Minuten für das Interview, das schärfen sie mir mehrfach ein, obwohl ich es schon weiß. Wir warten in der Lobby oder in einem Konferenzraum, bis wir zur Audienz gerufen werden. Wir bekommen lauwarmen Kaffee und ein Presseheft in die Hand. 

Wir haben dieses Presseheft schon als PDF-Datei, auch die Vita, das Filmplakat und alle anderen Jubeltexte. Denn diesem Termin sind 35 Absprache-Mails vorausgegangen, immer mit Frauen, von der PR-Abteilung der Filmproduktionsfirma oder dem Künstlermanagement. Sie sind verbindlich im Ton, dahinter kühl, bestimmt und ein bisschen arrogant, als ob ihr Geschäft staatstragend wäre. Doch es handelt sich um Promotion für einen Film, der nach wenigen Wochen aus den Kinos verschwindet und dann als DVD an der Supermarktkasse endet. 

Ein Interview mit dem Hauptdarsteller, der Hauptdarstellerin, der bekannten Synchronsprecherin in einem Zeichentrickfilm – das ist der Honig, mit dem sie die Redaktionen locken, damit sie über den Film berichten. Es sind Kundenmagazine von Drogerien, Fernsehblättchen, Onlineredaktionen, private Radiosender, die kommen sollen. 

Um aus den 15 Minuten das Maximale rauszuholen, habe ich alle Fragen vorbereitet. Sie sollen sich auf den Film beziehen, sagt die PR-Frau nachdrücklich. Sie schaut mich nicht genau an, ich bin nur eine freie Journalistin. 

Die Fragen sollen sich möglichst nicht auf den Film beziehen, sondern so privat wie möglich sein, sagt die Redakteurin, die mich beauftragt hat. Wenn es nach ihr geht, soll ich mich ohne Umschweife nach dem Liebesleben eines mir völlig fremden Menschen erkundigen. Eines prominenten Menschen, der abgeschirmt wird wie der Papst und angepriesen wie eine Luxusnutte. Während wir Journalisten zahllos sind, gesichtslos bleiben, alle dieselben Fragen vorbereitet haben. Nicht weil wir so einfallslos wären, sondern weil Kritisches, Scharfes, Hintergründiges sowieso gestrichen wird. 

Den fertigen Interviewtext werde ich zwar an meine Redakteurin schicken, die aber druckt ihn nicht einfach, sondern leitet ihn an das Künstlermanagement oder die Filmproduktionsfirma zur Freigabe weiter. "Freigabe" bedeutet, dass alles herausgestrichen wird, was dem Prominenten womöglich am Lack kratzen könnte. Er selbst bekommt den Text nicht zu sehen. Die Umformulierungen tätigen jene, die ihn und den Film verkaufen. 

Die Kollegen, die mit mir warten, lassen sich nicht beeindrucken vom Zauber der abgeschirmten Wichtigkeit, den die PR-Frauen verbreiten, die kreuz und quer durch die Lobby eilen. Sie haben schon Hunderte Promis befragt. Es sind bloß besser geschminkte Menschen. Wir erwarten von ihnen weder aufregende Enthüllungen noch wahre Zuneigung, wollen nur unseren Teil des Deals erfüllen und das Honorar einstreichen. Die PR-Frauen dagegen wirken, als schützten sie einen Gott, der ohne Abwehrkräfte zur Welt gekommen ist. Man wundert sich, dass sie einen nicht anweisen, die Schuhe auszuziehen und sich ihm oder ihr auf Socken zu nähern, womöglich noch mit Mundschutz. 

Endlich werde ich abgeführt, in den Aufzug, durch lange Gänge, bis zur Suite, vor der eine weibliche Wache steht. Ich muss draußen warten. Der freie Journalist, der vor mir drin war, schlüpft durch den Türspalt. Die PR-Frau winkt und flüstert, dass ich jetzt dran bin. Ich zücke meinen Block und trete ein. Auf dem Sofa ist der Promi drapiert, der nicht wissen will, wie ich heiße oder für welches Magazin ich schreibe. Vor ihm eine Schale Erdbeeren, im Winter. 

Eine PR-Frau legt frische nach. Eine andere fragt, ob sie das Fenster aufmachen und ein Kissen bringen soll – mich fragt niemand. Und der Promi macht schon mal die Beine breit, erwartet die Fragen, mit denen ich ihm näher kommen will, weiß genau, was er mir bieten muss oder zumindest meiner Redaktion. Zeit, ihn kennenzulernen, habe ich nicht, muss sofort intim werden, mit strahlendem Lächeln und Komplimenten meine Zudringlichkeit übertünchen. Ich ballere zusammenhanglose Fragen ab, weil mir aus Zeitmangel nichts anderes übrig bleibt. Der Prominente guckt vertraut, tut erfreut, obwohl er weiß, dass ich lüge, und er lügt. Von Ferne mag sich unser Gespräch anhören wie verliebtes Geturtel. Nur Küssen geht nicht. 

In meinem Rücken sitzt eine PR-Frau, bereit, sofort aufzuspringen, sollte ich irgend eine Grenze übertreten. Der Prominente gibt sich alle Mühe, über meine Banalfragen überrascht zu sein und seine Banalantworten nicht zu gestanzt rüberzubringen. Nur Noch-Nicht-Ganz-Professionelle kichern haltlos über etwas, das mit mir nichts zu tun hat oder antworten aus Böswilligkeit einsilbig. Allen anderen ist bewusst, dass sie eine Ware sind. Und wir 15-Minuten-Journalisten, wir Frageautomaten, Botschaftstransporteure, Werbemittel dürfen sie kurz benutzen. 

Ganz schön viel Brimborium für einen Quickie, der nicht richtig befriedigt. Zu Hause am Computer versucht man dann, aus den erbeuteten Wörtern einen sinnvollen Interviewtext zu stricken. Die Inhalte sind ganz egal, Hauptsache die Seite wird voll, der Film ist erwähnt, alles klingt nett und easy. Genauso wie in Fernsehzeitschrift Y und Kundenmagazin Z.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

12.12.2010 12:30

Bianca Junker

Ich bin eine von den hier beschriebenen PR-Damen und muss sagen, dass Frau Bärtels eine durchaus passende Beschreibung solcher Termine abgegeben hat, die auch mich schmunzeln lässt. Gleichwohl ärgere ich mich ein wenig über ihren Pauschalismus und hätte mir mehr Verständnis gewünscht. Denn nicht nur sie ist Bestandteil dieses Zirkus, sondern alle Beteiligten. So wie sie ihre Redaktion im Rücken sitzen hat, so sind es bei den Agenturen deren Auftraggeber. Der Prominente an sich ist ein sensibles Wesen, sonst könnte er den Job auch gar nicht machen. Dass man ihn schützen muss, ist dann zum Teil auch aus der Konsequenz entstanden, das manche Journalisten, bzw. deren Auftraggeber gar keine Hemmungen mehr haben. Es ist einfach unanständig, jemanden, den man gar nicht persönlich kennt, nach Intimem zu fragen und genauso fraglich ist, wieso das überhaupt Bestandteil öffentlichen Interesses sein muss. Ich rate meinen Schauspielern in solchen Situationen oft zur Gegenfrage: "Und, ist Ihr Mann treu?" Da blickt man auf einmal in arg karierte Gesichter und kann dem ganzen mit Humor begegnen. Vielleicht ist der Prominente nicht wichtig, der Film ebenso wenig, der Journalist aber eben auch nicht.

18.11.2010 13:37

Monsignore Scherzbischof

Wieso muss ich bei diesem Text gerade an "Horse and Hound" denken?

17.11.2010 23:28

Peter Lustich

Deswegen ist aus Körzdörfers Interview mit Harrison Ford nichts geworden - keine Erdbeeren! ;)

17.11.2010 16:02

Björn Gürtler

@derf: Frau Bärtles "beklagt" sich, dass ihr niemand ein Kissen anbietet, sie "beklagt" sich, dass sie den Beitrag der Redaktion und der Agentur vorlegen muss zur Freigabe, sie "beklagt" sich, dass zig Mails vorab nötig waren, um den Termin zu bekommen. Sie versucht dies alles nett und witzig zu verpacken – unterm Strich beklagt sie die Situation aber in allen Punkten.

@Dirk: Die Autorin stellt die Erdbeeren im Winter als Luxus dar, der dem Star geboten wird. Sie überhöht – völlig von der Sinnhaftigkeit oder Ökobilanz – Erdbeeren im Winter zu etwas nahezu Unerreichbarem. Und es klingt schon so, als hätte sie nicht nur gerne ein Kissen, sondern auch Erdbeeren ;-)

Und übrigens: Ein Wortlautinterview muss ich mir immer freigeben lassen, egal, von welchem Medium ich komme. "Die Zeit" musste mal eine komplett gedruckte Magazin-Beilage einstampfen lassen, weil sich der Journalist keine Freigabe von einem Ex-Kanzler geholt hatte.

17.11.2010 15:01

-drik S.

@Dirk: "...und man selber im schlimmsten Fall nicht mehr bei diesem Prominenten..." Oh nein, was kann es Schlimmeres geben? Vielleicht sollte man den Job einfach lassen.

Ich stimme @Björn und @Klaus zu, gebe allerdings zu bedenken, dass die Autorin das Thema zwar ebenfalls etwas naiv, aber schon besser behandelt hinbekommen hat.
http://carta.info/11923/betrug-am-leser-boulevard-pressefreiheit/

So sucht sich jeder sein Eckchen.

17.11.2010 13:41

Ruben Segrodnik

Ein wunderbarer Artikel. Es sollten sich mehr Journalisten aus der Deckung wagen und die Dinge beim Namen nennen. Diese ganze Glitterwelt ist eine Fassade und wird sich nicht wirklich ändern. Umso besser, dass solche Artikel die Augen für Menschen öffnen, die letztlich nur das Endprodukt bestaunen "dürfen!".

17.11.2010 13:02

creezy creezy

Klingt als wäre die Arbeit am Fließband irgendwie mit mehr Sex-Appeal behaftet. ,-(

17.11.2010 12:49

Dirk Eichstädt

Herr Mueller, ich lese bei der Autorin keine Naivität, sondern erhalte hier nur eine witzig aufbereitete Analyse dieser Interviews. Und nein, man kann nur bedingt was Tolles daraus machen. Wieso? Weil, welche Freiheiten man sich auch nehmen möchte, letztlich die PR-Agentur über die Art des Artikels entscheidet. Was missfällt, fällt raus.
Stellt man die falschen Fragen, wird das Interview beendet. Schreibt man den Artikel nicht nach den Wünschen der Agentur, erscheint er nicht und man selber im schlimmsten Fall nicht mehr bei diesem Prominenten. Das ist eine Maschinerie, die Menschen als Übermenschen verkaufen muss. Da ist Kritik oft fehl am Platz. Idole sollen ja möglichst perfekt sein. Kreativität und Können des Autoren hin oder her, wenn das Korsett zu eng zum Atmen ist, bleibt halt nicht viel Luft.

Herr Gürtler, die Erdbeeren kamen von der Agentur. Über die Vorliebe von Frau Bärtels zu Erdbeeren im Winter kann man nichts lesen ;-)

17.11.2010 11:56

Werner Hinse

Schön beschrieben dieses öde Treiben, an dem wir alle teil haben. Es gibt auch Kollegen, die sich dem entziehen dürfen – aber halt nur im SZ-Magazin. http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/164

17.11.2010 11:53

Klaus Mueller

Himmelhilf, welch Naivität bei der Autorin. Auch in 15 Minuten und mit der eingeengten Form kann man Gutes leisten, wenn man's denn kann: Jede Kunst hat seine Regeln und Beschränkungen, das macht sie ja aus (außer beim Freejazz und bei der"moderne" Kunst).
Schade, dass Herr Gürtler den Artikel nicht geschrieben hat; er wäre weniger weinerlich aber dafür realistisch geworden.

17.11.2010 11:20

Derf Reddev

Herr Gürtler, Sie unterstellen Frau Bärtels ein Beklagen. Ich lese jedoch nur eine Zustandsbeschreibung. Ich fürchte, eine zutreffende. Jedenfalls eine sehr amüsant geschriebene.

17.11.2010 10:39

B. Schubert

Danke für den "intimen" Einblick der sogenannten Promis. Komisch ist das leider nicht mehr: nur den schnellen Euro im Blick. Und ich bezahle so etwas auch noch mit, indem ich die aktuellste DVD ausleihe, ins Kino gehe usw ... hat mich zum Nachdenken angeregt, auch wenn ich mich schon sehr auf den neuesten Actionfilm freue ... :/

17.11.2010 09:41

Björn Gürtler

Liebe, arme Frau Bärtels,

da kann ich Ihnen nur den Rat geben, nicht mehr zu einem solchen Termin zu gehen, den Auftrag aus der Redaktion abzulehnen. Aber das geht ja auch nicht, Sie brauchen ja das Geld für die Erdbeeren im Winter (Edeka, 500 g, 3,99 Euro, so ein Luxus ist das nun auch wieder nicht!).
Mal ganz im Ernst: Ich verstehe die Kritik nicht ganz. Was erwarten Sie denn ernsthaft von einem – sagen wir mal – George Clooney? Das er Sie für die Promotion zum neuen Film in seinen Landsitz einlädt, Ihnen beim Candlelightdinner die neuesten intimen Details aus seinem Liebsleben beichtet und Sie mit dem Learjet nach Hause fliegt?
Wenn ein politischer Journalist die Kanzlerin befragt, kann er zwar kritischer sein, als Sie beim Filmstar, aber er darf auch nicht alles – schon gar nicht für ein Drogerieblättchen.
Es ist ein Deal: Du bekommst PR für den Film, ich bekomme ein bekanntes Gesicht auf den Titel meines Blattes. Die Luxusnutte lässt sich vom Freier...

17.11.2010 09:35

Benjamin Barkmeyer

Wie wahr, wie wahr. Selten habe ich es so gut auf den Punkt gebracht gelesen wie hier. Warum machen sich Journalisten überhaupt noch die Mühe, fragt man sich da. Ich glaube, es ist mittlerweile nur noch diese kleine, leise Stimme im Kopf, die einem zuflüstert: "Das wäre falsch."
Hier wurde ihr Volumen verliehen. Gut gemacht.

 
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