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Autor

Tilman Baumgärtel

verfasst am

27.08.2010

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Der Internetauftritt der Phnom Penh Post in englischer Sprache und in der Landessprache Khmer.

Die Phnom Penh Post gehört zu den größten Zeitungen Kambodschas. Obwohl die Tageszeitung unabhängig ist, verzichtet auch sie aus Angst vor Zensur auf politische Kommentare.

Kambodscha

Was die Regierung lieber nicht lesen will

Sie gehört in Kambodscha zur Pflichtlektüre von Mitarbeitern der Botschaften, Entwicklungshilfe und anderen Nichtregierungsorganisationen: die Phnom Penh Post, die älteste unabhängige Zeitung des Landes. Vor zweieinhalb Jahren übernahmen australische Investoren das englischsprachige Blatt und machten aus dem tristen Heftchen eine farbige Tabloidzeitung mit mehr als 60 Mitarbeitern.

Wenn Seth Meixner an den Sommer 2008 zurückdenkt, wird dem früheren Kriegsreporter heute noch mulmig. "Im April wurde ich eingestellt, im August kam die erste Ausgabe der Phnom Penh Post im neuen Format heraus", erzählt der Chefredakteur. "Ich musste in wenigen Monaten ein komplett neues Blattkonzept entwerfen, Dutzende von Leuten einstellen und die Produktion im neuen Blattstil üben." Zusätzlich zur regulären Ausgabe habe er mit seinem Team jeden Tag eine Alternativzeitung im PDF-Format gemacht. Bis das einst mit Hilfe von Matrizen kopierte Heft im Din-A5-Format in der Versenkung verschwand, abgelöst von einer durchgehend farbigen Zeitung. Ein Meilenstein in der Geschichte der Phnom Penh Post.

Und ein Phänomen. Denn während überall auf der Welt die Zeitungen ihren Umfang verringern, Redakteure entlassen oder gleich den ganzen Betrieb einstellen, expandiert die englischsprachige Zeitung. In den vergangenen Monaten führte der Verlag in schneller Folge eine Bildungs- und eine Wochenendbeilage sowie ein Jugendmagazin ein. Seit über einem Jahr gibt es eine tägliche Ausgabe in der kambodschanischen Landessprache Khmer – der bisher riskanteste Schachzug der neuen Eigentümergruppe, die vor zweieinhalb Jahren die Phnom Penh Post übernahm. Zu ihr gehören der australische Minen-Tycoon Bill Clough und Herausgeber Ross Dunkley. Michael Hayes, der Gründer des Blatts und langjähriger Chefredakteur, hatte es aus Amtsmüdigkeit zum Verkauf angeboten. Die beiden Australier stellten das nötige Startkapital für die Totaloperation zur Verfügung, die das einfache Heftchen in eine moderne Tageszeitung verwandelte. Wie viel Geld sie investiert haben, möchte Dunkley nicht sagen. Er teilt nur mit, dass er und Clough "die Mehrheit" halten, neben den Kleinteilhabern, zu denen auch Blattgründer Hayes und der amerikanische Chinakorrespondent Thomas Crampton zählen. 

Der kahlgeschorene, polternde Ross Dunkley macht gleich klar, um was es geht: "Das hier ist keine NGO. Wir wollen mit dem Blatt Geld verdienen. Kambodscha ist langfristig ein Wachstumsmarkt." Den Break-even hofft er innerhalb der nächsten vier Jahre zu erreichen, und dafür "müssen wir hier ununterbrochen expandieren. Stillstand wäre der Tod". Eine wöchentliche Sportzeitschrift ist in Arbeit, ein Dummy mit dem philippinischen Boxer Manny Pacquiao auf dem Cover liegt auf Dunkleys unaufgeräumten Schreibtisch. 

Dunkley selbst ist in der Region kein Unbekannter. Seine Karriere begann er in den 80er Jahren als Reporter bei The Stock And Land, einer Lokalzeitung in Melbourne. 1991 zog es ihn nach Vietnam, das damals begann, sich der Marktwirtschaft zu öffnen. Er gründete den Wirtschaftsdienst Vietnam Investment Review und "ärgerte sich sieben Jahre lang mit den vietnamesischen Kommunisten herum". Entnervt zog er sich aus der Firma zurück, und knüpfte Kontakte nach Myanmar, wo er 2000, nach langen Verhandlungen mit der Militärjunta, das englischsprachige Wochenblatt Myanmar Times gründete und so den Grundstein für ein rasch wachsendes Medienunternehmen legte, zu dem nun auch eine burmesische Ausgabe von Myanmar Times, das Lifestylemagazin Now! und das Revolverblatt Crime gehören. Nach eigenen Angaben arbeiten 350 Menschen für seine burmesische Firma Myanmar Consolidated Media. Als Investor auch hier mit an Bord: Bill Clough. 

Für den Relaunch der Phnom Penh Post brachte Dunkley einige seiner burmesischen Mitarbeiter mit nach Kambodscha – der Chefgrafiker der Myanmar Times ist auch für das Layout der Zeitung verantwortlich. Kein Vergleich zu den Bedingungen, die bei Gründung des Blatts im Jahr 1992 herrschten. UN-Truppen hatten gerade die kambodschanische Hauptstadt übernommen. Sie sollten das Land nach der blutigen Terrorherrschaft der Roten Khmer (1974 bis 1979), einem mehr als ein Jahrzehnt andauernden Bürgerkrieg, vietnamesischer Besetzung und internationalem Wirtschaftsboykott befrieden und die ersten freien Wahlen seit 1970 organisieren. Hayes, eigentlich als Entwicklungshelfer nach Kambodscha gekommen, sah bei den ins Land strömenden Ausländern den Bedarf nach einer englischsprachigen Zeitung, der ersten unabhängigen Tageszeitung im vollkommen unterentwickelten Kambodscha. Die notwendigen Computer mussten Freunde im Reisegepäck mitbringen. Weil sich alle Druckereien im Staatsbesitz befanden, wurde das Blatt zunächst in Bangkok gedruckt und per Flugzeug nach Phnom Penh gebracht, wo das kleine Heft schnell zur Pflichtlektüre für all jene wurde, die als Mitarbeiter der Botschaften, Entwicklungshilfe und anderen Nichtregierungsorganisationen ins Land gekommen waren und nach aktueller Berichterstattung suchten.

Schon damals stand in der Phnom Penh Post, was die Regierung lieber nicht berichtet sehen wollte: Die Leser erfuhren von Korruption, von illegalen Landnahmen, von dem Schmuggel naturgeschützten Tropenholzes, der weite Landstriche Kambodschas in Wüsten verwandelt hat. Auch über Skandale und Pannen bei Nichtregierungsorganisationen wurde berichtet. "Die Phnom Penh Post war die erste Tageszeitung in Kambodscha, in der journalistische Standards wie Objektivität, kritische Berichterstattung und Wahrhaftigkeit etwas galten", sagt Chefredakteur Seth Meixner. Er war schon in den 90er Jahren als AP-Korrespondent in Kambodscha, danach wechselte er für einige Jahre in das AP-Büro Hongkong und wurde von dort aus in die Krisengebiete Asiens und nach Afghanistan geschickt. Im April 2008 heuerte er schließlich bei der Phnom Penh Post an und kam zurück nach Kambodscha.

Früher produzierte ein halbes Dutzend Redakteure die Phnom Penh Post, die damals nur zweimal pro Woche erschien, heute besteht die Redaktion aus 60 fest angestellten und freien Mitarbeitern. Die Journalisten arbeiten nicht mehr – wie noch unter Michael Hayes – in einer Privatwohnung, sondern sie sitzen in einem Großraumbüro mit Klimaanlage und Fernsicht über Phnom Penh. "Die Hälfte unserer Redakteure sind Kambodschaner, die andere Hälfte kommt aus dem Ausland", sagt Chefredakteur Meixner. Das Gros der Artikel recherchierten die Kambodschaner – sie sprechen die Landessprache, haben die Kontakte. Ihre ausländischen Kollegen fassen ihre Artikel in Englisch ab. Die Fluktuation unter ihnen sei groß: "Die meisten sind nach ein, zwei Jahren wieder weg. Aber wir haben immer genug Bewerbungen – selbst Leute aus den besten Printmedien der USA und Australiens melden sich. Wir profitieren von der Krise des Journalismus." Herausgeber Dunkley glaubt: "Die Leute, die zu uns kommen, wollen ein paar Jahre lang mal Journalismus als Abenteuer erleben. Das gibt es im Westen so nicht mehr." 

Es ist die kritische unabhängige Berichterstattung, die die Phnom Penh Post von den anderen Medien Kambodschas unterscheidet. Der größte Teil der Khmer-Presse ist stark propagandistisch geprägt: Die Aufgabe der Blätter besteht vor allem darin, wahlweise die Regierung oder die Opposition zu kritisieren – oft ohne große Recherche. Oder es handelt sich um Boulevard-Krawallblätter, die genüsslich und mit grausigen Bildern über Unfälle und Morde berichten. Ihre Verbreitung ist allerdings beschränkt: Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Indochina Research lesen nur 47 Prozent der Befragten überhaupt eine Zeitung. Trotzdem gibt es mehr als 100 verschiedene Titel, von denen allerdings die wenigsten regelmäßig erscheinen oder mit fest angestellten Redakteuren arbeiten. Manche sind wenig mehr als organisierte Bestechungssyndikate, die sich von Prominenten und Politikern dafür bezahlen lassen, dass sie negative Geschichten über sie nicht veröffentlichen. Dass die Reporter sich dazu hinreißen lassen, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sie in der Regel sehr schlecht bezahlt werden. 

Die Phnom Penh Post ragt heraus, genießt aufgrund ihrer sauber recherchierten, umfassenden Berichterstattung hohes Ansehen. Von Zensur war das Blatt trotz der investigativen Geschichten bisher nicht betroffen. Offenbar misst die Regierung ihm keine allzu große Bedeutung bei, weil die englischsprachigen Berichte von der kambodschanischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Dass könnte sich ändern, weil das Blatt seit September 2009 mit einer Ausgabe in Khmer (Startauflage 10.000) erscheint und so auch von Kambodschanern ohne Fremdsprachenkenntnisse gelesen werden kann. "Die Regierung hat ein Rapid Response Team für die Medien im Innenministerium eingerichtet", sagt Meixner. "Die kontrollieren, was täglich in der lokalen und internationalen Presse über Kambodscha steht, und schalten sich ein, wenn ihnen etwas nicht gefällt." Er selbst sei zweimal ins Innenministerium bestellt worden, um dort Fragen zu Artikeln zu beantworten. "Es ist allerdings nichts weiter passiert. Aber das kann jederzeit kommen." Politische Kommentare zur innenpolitischen Situation veröffentlicht die Phnom Penh Post darum nicht.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

29.08.2010 06:48

Alfred Wilhelm Meier

Mir ist dieser Bericht stark PR-lastig: Ross Dunkley sagt es offen: "it's business ..." Ich lese die Post jeden Tag, sicher ist sie gut gemacht, aber nicht so kritisch wie der Bericht wahrhaben will. Und wenn Sie über die kambodschanische Presse berichten, dann hätte ein kurzes Hinweis über das NGO-Projekt "The Cambodia Daily" ihren Bericht aufgewertet. Same same, but quite different. Grüße aus Phnom Penh

 
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