Detail-Informationen

Autor

Peer Schader

verfasst am

12.04.2012

im Heft

journalist 4/2012

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Mehr zum Thema auf journalist.de

Am Montag, den 16. April, startet die zweite Staffel von Rachs Restaurantschule.

Rachs Restaurantschule

Brauchen wir mehr Fernsehen zum Anfassen?

Für das britische Fernsehen gehört es dazu: gesellschaftliche Debatten anstoßen und Probleme anprangern, anstatt nur darüber zu berichten. Deutsche Sender tun sich schwer mit so viel Eigeninitiative. Nächste Woche unternimmt ausgerechnet RTL mit der Fortsetzung von Rachs Restaurantschule einen neuen Versuch.

Welch Glück, dass Hanns-Joachim Friedrichs wohl nie mit einem Fernsehkoch gesprochen hat. Von ihm stammt die vielzitierte Regel: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache."

Da Hugh Fearnley-Whittingstall mit Friedrichs noch nie etwas am Hut hatte, besorgte er sich im vergangenen Jahr einen Regenmantel, zog Gummistiefel an und fuhr auf einem schottischen Schleppnetzfischerboot zur Tagesschicht raus auf die Nordsee. Er sah zu, wie die Fischer ihre vollen Netze einholten, einen kleinen Teil der Fische in Kisten sortierten – und den Großteil, meist tot, wieder ins Meer zurückkippten. Weil die EU es ihnen so vorgibt.

Die Fischer müssen sich exakt an vorgegebene Fangquoten halten. Wenn sie pro Jahr eine gewisse Menge Kabeljau gefangen haben, dürfen sie keinen einzigen Kabeljau mehr mit an Land bringen. Die, die trotzdem im Netz landen, werden zurückgekippt. Das soll dem Artenschutz helfen. Eigentlich ist es bloß eine riesige Verschwendung, sagen die Fischer. Und Fearnley-Whittingstall hat sich vorgenommen, etwas daran zu ändern. Nach seinem Nordseetrip gründete er die Aktion Hugh’s Fish Fight, um sich für eine bessere Fischereipolitik in der EU zu engagieren.

Er ist mit dem Megafon durch die Straßen gelaufen, um für seine Idee zu werben und hat die Zuschauer aufgefordert, seine Petition zu unterschreiben. Er lud den britischen Landwirtschaftsminister auf den Londoner Fischmarkt ein, um das Problem zu besprechen. Mit einem Kollegen erfand er ein neues Fischbrötchen, den Mack Bap – frittierte Makrele im Kebap-Brötchen, damit die Briten im Fish-'n'-Chips-Shop nicht immer dieselben Fischsorten essen. Er ist nach Brüssel gefahren, um ein halbes Fischerboot, das die zunehmende Zahl der Online-Unterstützer anzeigt, vors Kommissionsgebäude zu stellen. Die britische Supermarktkette Tesco ließ sich überreden, ihren Thunfisch künftig mit einer Technik zu angeln, bei der es weniger Beifang gibt. Am Ende konnte der Initiator sogar Prinz Charles am Mack-Bap-Stand die Hand schütteln.

Nach drei Abenden, an denen der britische Channel 4 Hugh’s Fish Fight im Programm zeigte, wusste plötzlich das halbe Land von einem Problem, das vorher kaum jemand auf der Agenda hatte. Die Politiker waren irritiert, dass das Fernsehen in dieser Angelegenheit so viel Wind machte, konnten die dadurch entstandene Aufmerksamkeit aber nicht mehr ignorieren. Ein Abgeordneter veranlasste eine Debatte im britischen Parlament.

Inzwischen hat die für Fischerei zuständige EU-Kommissarin angekündigt, eine Reform vorzuschlagen. Der Fish Fight wirbt im Internet inzwischen in zwölf Sprachen um Unterstützer. Und Fearnley-Whittingstall kann sich langsam wieder um seinen Job als Fernsehkoch kümmern.

Mittendrin statt nur dabei

Die Channel-4-Reihe ist nur eine von vielen im britischen Fernsehen, denen es nicht mehr reicht, ihr Publikum über Missstände nur zu informieren. Vielmehr geht es darum, die Zuschauer zum Mitmachen aufzufordern, und darum, konkrete Veränderungen anzustoßen. In Deutschland gibt es so etwas bisher selten. Mitte April geht bei RTL jedoch zum zweiten Mal Rachs Restaurantschule an den Start: Sternekoch Christian Rach, der sonst als Restauranttester im Land unterwegs ist, hat sich vorgenommen, elf Jobsuchern die Chance auf einen Ausbildungsplatz oder eine feste Stelle zu geben. Dafür müssen sie sich bei der Eröffnung des Restaurants Roter Jäger bewähren, das es seit Anfang März in Berlin gibt. Dort arbeiten die Bewerber, die etwa wegen ihres Bildungsstands bei Jobausschreibungen sonst wenig Chancen haben, unter realen Bedingungen in der Küche und im Service. Wer sich anstrengt, kann bleiben.

Die Restaurantschule ist keine klassische Realityshow. Vor dem Start der ersten Staffel im Spätsommer 2010 erklärte Rach, was ihn motiviert habe, das Projekt zu starten: "Wir Unternehmer haben auch eine soziale Verantwortung: zu bilden, nicht nur auszubilden und Arbeit zu schaffen für eine Bevölkerungsschicht, die auf dem Arbeitsmarkt sonst kaum noch eine Chance hat. Die stempeln wir ab. Wenn sie nicht aussehen wie Heidi Klum und kein Einser-Kandidat sind, müssen sie durch eine Tretmühle hindurch, die sehr schwer ist." Wenn sie dann noch ein Elternhaus haben, in dem es an Fürsorge und Richtlinien mangelt, hätten sie de facto keine Chance. "Kommt auch noch mangelnde Bildung hinzu, sind sie weg vom Fenster, und der soziale Abstieg ist eigentlich vorprogrammiert. Das kann es nicht sein."

Sich darauf zu verlassen, dass andere etwas dagegen unternehmen, sei langfristig keine Lösung. Rach meint: "Wenn ich auf die Politik warte, geht es nicht. Wir müssen aufhören mit der Laberei und anfangen zu handeln."

Das Ergebnis war, wie im normalen Leben, erst einmal nicht besonders fernsehgerecht: Viele Kandidaten haben die Probephase nicht durchgestanden, weil sie entweder die Disziplin nicht aufbrachten oder nicht aus alten Verhaltensmustern ausbrechen konnten. Nur drei haben Anschlussverträge bekommen, inzwischen arbeitet noch eine Kandidatin im Slowman in Hamburg. Die Idee wird aber auch ohne Kamerabegleitung fortgeführt, mit neuen Bewerbern.

Jetzt will Rach dasselbe noch mal in der Hauptstadt versuchen – natürlich auch, weil die Quote in der ersten Staffel stimmte. Das ist vor allem deswegen erstaunlich, weil das RTL-Publikum sonst nicht unbedingt gesellschaftlich relevante Programme vom Supertalent-Sender erwartet. Ein bisschen funktioniert jedoch auch Rachs Restaurantschule als Dokusoap. Die Zuschauer lernen die Bewerber kennen, ihre Schwächen und Stärken, ihre Lebensgeschichten, sie identifizieren sich oder grenzen sich ab. Der kleine Unterschied ist: All das passiert in einem eindeutig definierten Projekt mit konkretem Ziel.

Vor allem aber gibt es keinen unrealistischen Anspruch, am Ende Deutschlands Superkoch zu küren. Stattdessen erhalten die Kandidaten – im besten Fall – eine unspektakuläre, aber handfeste Perspektive fürs eigene Leben.

Keine Frontalunterhaltung zum Konsumieren

Vorbild für diese Art des TV-Engagements ist ebenfalls ein Koch: Jamie Oliver, der sich zwar einerseits selbst als Marke inszeniert, haufenweise Kochbücher, Pastasoßen und Küchenutensilien mit seinem Namen verkauft, andererseits aber dafür bekannt ist, sich als Fast-Food-Reformator zu engagieren. In der Fernsehreihe Jamie’s School Dinners setzte er sich bereits im Jahr 2005 dafür ein, das Mittagessen in britischen Schulen zu verbessern – und hatte Erfolg, als die damalige Labour-Regierung einen Geldtopf für sein Vorhaben in Aussicht stellte.

Der Vorteil dieser Art Programm: Es handelt sich nicht um Frontalunterhaltung, die das Publikum in zurückgelehnter Haltung auf dem Sofa konsumiert. Sendungen wie Hugh’s Fish Fight stellen vielmehr eine direkte Verbindung zum Zuschauer her, wollen ihn einbeziehen und zu Engagement motivieren. Bei Rachs Restaurantschule können die Zuschauer den Ort des Geschehens, den sie aus dem Fernsehen kennen, selbst besuchen und dort mit Freunden probieren, ob das Essen schmeckt. Das ist Fernsehen zum Anfassen.

In Großbritannien sind die sogenannten "campaign-led programmes" derzeit sehr beliebt. Vor allem Channel 4, das sich privatwirtschaftlich finanziert, aber als Public Service Broadcaster kein reines Unterhaltungsprogramm ist, kündigt einen Neustart nach dem anderen an.

Im vergangenen Jahr gründete die – durchaus umstrittene – Firmenberaterin Mary Portas ihr erstes eigenes Modelabel, um bezahlbare Mode für Frauen ab 40 Jahren auf den Markt zu bringen. Für die gab es Portas zufolge bis dahin nur die Möglichkeit, sich entweder wie die eigene Tochter zu kleiden oder mit Klamotten für ältere Damen abzufinden. In Zusammenarbeit mit der Kaufhauskette House of Fraser ließ Portas Textilien, Schuhe und Taschen fertigen, die seit einigen Wochen in der Londoner Filiale gekauft werden können. Im ersten Jahr hat das Unternehmen drei Millionen Pfund Umsatz vorgegeben, sonst muss Portas die Abteilung wieder dichtmachen.

Das Fernsehen dokumentierte die Entstehung von der Idee über die Schwierigkeiten mit der Produktion bis zum Tag der Eröffnung unter dem Titel Mary Queen of Frocks (eine Anspielung auf Mary, Queen of Scots; "frocks" sind Kleider) – und sparte dabei nicht mit Kritik, sowohl am eigenen Kooperationspartner als auch an potenziellen Werbekunden des Senders. Die Zuschauer erhielten einen seltenen Einblick in die Abläufe und Zwänge des Einzelhandels.

Bereits 2010 gründete der Koch Arthur Potts Dawson seinen eigenen Supermarkt, um dem Einfluss und der Wegwerfpolitik der großen Ketten etwas entgegenzusetzen. Im The People’s Supermarket in der Nähe des Londoner Russell Square kann man auch ohne Fernsehbegleitung weiterhin einkaufen – obwohl der Laden immer wieder mit der Finanzierung zu kämpfen hat.

Und Ende des vergangenen Jahres regte der Architekt George Clarke mit der Miniserie The Great British Property Scandal eine neue Politik zur Sanierung leerstehender Häuser an, damit nicht weiter ganze Stadtviertel verrotten, während anderswo auf Steuerzahlerkosten neue aus dem Boden gestampft werden.

Persönlich, tränenreich, ein bisschen vorhersehbar

Freilich verzichtet keines dieser Programme auf die fürs Fernsehen so wichtige Emotionalisierung. Die Protagonisten beziehen eindeutig Position – und schießen dabei durchaus das ein oder andere Mal übers Ziel hinaus. Vieles ist, wenn schon nicht erfunden, doch zugespitzt und dramatisiert. Das dürfte auch das Problem sein, warum sich vor allem öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland schwer damit tun, ähnliche Konzepte auszuprobieren. Die Grenze vom Engagement zum Populismus scheint schnell überschritten. Noch dazu ist "Kampagnenjournalismus" – nicht erst seit der Affäre Wulff – hierzulande eindeutig negativ besetzt und wird insbesondere mit großen Nachrichtenmedien und Boulevardblättern in Verbindung gebracht, die nicht zwangsläufig das Vertrauen des Publikums besitzen.

Deshalb ist die Personalisierung solcher Projekte von entscheidender Bedeutung: Der Fernsehkoch, der politischen Sturköpfen auf die Nerven geht, große Supermarktketten unter Druck setzt und sich im Dienst einer guten Sache durch die Bürokratie kämpft, ist viel fernsehadäquater. In Deutschland fehlt es oft schon an solchen Protagonisten. Rach ist eine Ausnahme, ihm nimmt man das Engagement ab. Sein ARD-Kollege Tim Mälzer hat mit Der große Ernährungs-Check gerade zumindest im Ansatz versucht, eine Debatte über unsere Essgewohnheiten anzuregen. Und für das RTL-Magazin Extra ersetzte Reporter Jenke von Wilmsdorff im vergangenen Jahr für eine Woche eine Mutter in deren Familie, um auf die Belastung Alleinerziehender aufmerksam zu machen. Das war sehr persönlich, tränenreich, ein bisschen vorhersehbar – und ein sehenswerter Versuch, die üblichen Reportagemuster zu variieren.

Es wäre ein wichtiger Entwicklungsschritt, wenn das deutsche Fernsehen sich nicht mehr nur als reine Informations- oder Unterhaltungsmaschine verstünde, sondern als Medium, das Hintergrundwissen und gesellschaftlich relevante Themen so aufarbeiten kann, dass sich ein möglichst großes Publikum dafür interessiert – Glaubwürdigkeit und saubere Vorrecherche vorausgesetzt.

Dafür müsste man womöglich ein paar der pseudoschlaumachenden Quizshows opfern, um Platz zu machen. Es bräuchte geeignete prominente Figuren, die mögliche Eigeninteressen transparent darlegen und ihr Handeln kritisch hinterfragen lassen. Vor allem bräuchte es den Mut der Verantwortlichen, eindeutig Stellung zu beziehen.

Fernsehen ist ein emotionales Medium, aber es neigt zur Panik, bloß nicht die vermeintlich seriöse Information mit der vermeintlich unseriösen Unterhaltung zu verbinden. Das muss für Nachrichten und klassische Dokumentationen gelten. Aber die Zeiten, in denen Hintergrundwissen allein von ernst in die Kamera schauenden Politmagazinmoderatoren vermittelt wurde, sind längst vorbei.

Über den Autor

Peer Schader ist freier Medienjournalist in Berlin. Auf faz.net berichtet er im Fernsehblog über Themen rund ums TV.

 

Die April-Ausgabe des journalist ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Was bleibt übrig vom Urheberrecht?
Leistungsschutz, Pauschalvergütung, Schutzfristen – wohin führt die Debatte um das Kopieren von Netzinhalten? Und was meinen die politischen Parteien?

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 10 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Ins Gästebuch eintragen

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Viavision
Viavision