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Autor

Silke Tittel

verfasst am

17.06.2010

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Der Twitter-Account von Robert Rosenthal

Website des Center for Investigate Reporting

Rosenthal blickt auf mehr als 40 Jahre im Journalismus zurück: "Irgendwie spüre ich den Drang, Ereignisse, ganz besonders Kriege, zu dokumentieren."

Robert Rosenthal

"Es liegt an mir, ob das Konzept überlebt"

Von der New York Times über Boston Globe, Philadelphia Inquirer und San Francisco Chronicle in die Universitätsstadt Berkeley. Robert Rosenthal leitet seit zwei Jahren das Center for Investigative Reporting – ein Vorzeigeprojekt für spendenfinanzierten Journalismus. Seine journalistische Karriere begann in Zimmer 1111 des Hilton Hotels.

Ein Schreibtisch. Zwei Stühle. Für mehr ist kein Platz in diesem Büro, das nur wegen der Glaswand zum Gang nicht klaustrophobisch wirkt. Robert Rosenthal nutzt jeden Zentimeter: an der Wand afrikanische Masken und Schwarz-Weiß-Fotografien aus längst vergangenen Zeiten, auf dem Boden zwei ums Überleben kämpfende Topfpflanzen, dazwischen Pappkartons voller Akten, Unmengen von Notizen und ein überquellender Papierkorb, aus dem eine benutzte Zahnbürste lugt. "Je mehr Chaos ich um mich habe, desto besser arbeite ich", sagt Rosenthal.

Der 61-Jährige leitet in Kalifornien das spendenfinanzierte Center for Investigative Reporting, das seinen Sitz in einem alten Backsteingebäude nahe der Universität von Berkeley hat. Das Telefon klingelt Sturm. Reihum klopfen Kollegen an Rosenthals Tür. "Wir sind gerade an einer ganz spannenden Geschichte dran", sagt er. "Aber mehr kann ich nicht verraten."

"Adrenalin", "Energie", "Faszination" und die "Jagd nach einer guten Story" sind Formulierungen, die er gern benutzt. Oder auch "Romantik". Für ihn, den Journalist vom alten Schlage, der sich am Ende seiner Karriere in die Welt der Neuen Medien und neuen Medienmodelle stürzt, habe es nie etwas anderes gegeben als Journalismus. Sein Vater hat in den 30er Jahren den Journalismus-Studiengang an der New York University aufgebaut. Viele erfolgreiche Kollegen der vergangenen Jahrzehnte lernten ihr Handwerk bei ihm.

Rosenthals Teenager-Passion, das Eishockey-Spielen, bescherte ihm die ersten Aufträge als freier Sportberichterstatter. Mithilfe der Kontakte seines Vaters bekam er dann ein Praktikum bei der New York Times. "Als ich das erste Mal in die Redaktion kam, habe ich mich in den Job verliebt", bekennt Rosenthal. "Das Klacken der Schreibmaschinen, die Energie, die davon ausging, Nachrichten schon am Tag vor der Veröffentlichung in der Hand zu halten – all das empfand ich als extrem romantisch."

"Pures Glück" sei es dann gewesen, dass er 1971 als junger Korrektor der New York Times einen Anruf von einem renommierten Redakteur bekam. Er solle sofort Klamotten für mehrere Wochen packen, ins Zimmer 1111 des Hilton Hotels kommen, und niemandem davon ein Sterbenswörtchen sagen – selbst seinen Eltern nicht. Er war zum Kopieren bestellt worden – zum Kopieren von Dokumenten, auf denen in großen Lettern "Top Secret" stand. Es ging um die Enthüllung der "Pentagon Papers", Geheimakten der US-Regierung bezüglich des Vietnam-Kriegs. "In der Zeit habe ich viel über Teamwork und die Macht der Presse gelernt." Die Berichterstattung hat Geschichte geschrieben. Von dieser Erfahrung zehre er heute noch.

Seitdem gehören Schlafmangel, Gefahren und Adrenalinstöße für Rosenthal zu einer guten Geschichte. Mit lebhafter Gestik und Mimik untermalt der ansonsten eher stille Mann seine Erinnerungen. Erinnerungen an nächtliche Krawalle wegen der erzwungenen Aufhebung faktischer Rassentrennung in den Schulen Bostons, bei denen er als junger Journalist Blessuren davontrug, oder an bange Tage in einem ugandischen Gefängnis während des Chaos nach der Flucht Idi Amins. "Ich bin als Reporter viele Risiken eingegangen. Irgendwie spüre ich einen Drang, Ereignisse, ganz besonders Kriege, zu dokumentieren – ich kann es nie lange auf einem Bürostuhl aushalten."

Auf die Frage nach seinem besten Text muss er lange überlegen. Nein, es ist nicht die für einen Pulitzer-Preis nominierte Reportage über den südafrikanischen Kampf gegen Apartheid, sondern ein simples Feature auf der Titelseite des Boston Globe über vier Jungen, die an einem warmen Sommertag an einem Pier fischen. "Ein schönes Stück mitten aus dem Leben", findet Rosenthal.

Vollends zufrieden sei er mit seinen Texten nie. Zumindest ein Wort fände er später immer, das eigentlich treffender hätte sein müssen. Das Gefühl von Versagen habe er allerdings nur in seiner Zeit als stellvertretender Chefredakteur des San Francisco Chronicle erlebt und ganz besonders zuvor als Chef vom Dienst seines langjährigen Arbeitgebers, dem Philadelphia Inquirer. Ihm sei es damals nicht gelungen, seine Kollegen und die Zeitungsinhalte vor Kürzungen zu schützen, sagt Rosenthal. Im Nachhinein sei ihm klar geworden, dass sein persönliches Scheitern während der globalen Medienkrise mehr oder weniger vorprogrammiert gewesen sei. "Als ich damals entlassen wurde, war ich gleichzeitig am Boden zerstört und erleichtert."

Der Journalist stellt klar: Die Geschichte zählt mehr als das Medium. Er trauert keinesfalls den Zeiten nach, in denen das Medienspektrum noch übersichtlicher und die Berufsdefinition enger war. "Ich sehe mich als Übergangsredakteur." Rosenthal will Werte und Maßstäbe der "alten Schule" hinüber in die neue Medienwelt retten, mit neuen Formaten und Finanzierungsmodellen experimentieren. Schließlich ermöglichen sie, weitaus mehr Menschen zu erreichen als je zuvor.

Das von Rosenthal zwar nicht erfundene, aber weiter entwickelte Konzept des spendenfinanzierten Journalismus scheint Zukunft zu haben: In diesem Frühjahr wurde erstmals der Pulitzer-Preis für eine ähnliche Organisation, Pro Publica aus New York, vergeben. "Glücklich bin ich nicht damit, dass Redakteure inzwischen wie Unternehmer denken müssen, aber so ist es nun mal", kommentiert er. Die Journalisten des Center for Investigative Reporting hätten im Gegensatz zu vielen anderen aber den Luxus, nicht Vermarktungsfähigkeit, sondern nur Qualität zum Maßstab erheben zu können. Die Spenden treibt Rosenthal höchstpersönlich ein. "Es liegt derzeit primär an mir, ob das Konzept überlebt und alle hier weiterhin einen Job haben."

Zur Person

Robert J. Rosenthal, genannt "Rosey", leitet seit zwei Jahren das Center for Investigative Reporting (CIR) in der kalifornischen Universitätsstadt Berkeley. Die 22 Mitarbeiter starke, gemeinnützige Organisation bietet traditionellen wie neuen Medien zeitaufwendige, investigative Berichte an, die derzeit zu 90 Prozent durch Spenden finanziert werden. Rosenthal arbeitete fast 40 Jahre als Reporter und leitender Redakteur bei führenden amerikanischen Tageszeitungen, unter anderem der New York Times, dem Boston Globe, dem San Francisco Chronicle und 22 Jahre beim Philadelphia Inquirer. Seine journalistische Leidenschaft wurde 1971 durch die Enthüllung der "Pentagon Papers" (Geheimakten des US-Verteidigungsministeriums über den Vietnam-Krieg) geweckt, die er als junger Korrektor bei der New York Times hautnah miterlebte. Rosenthal erhielt diverse Auszeichnungen für seine Artikel. Viermal entschied er als Jury-Mitglied über die Vergabe des Pulitzer-Preises.

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