
Bild: RTL 2
Wolfram Kuhnigh fragt sich für RTL 2 durch.
Investigativ
RTL 2 macht Journalismus
Ausgerechnet RTL 2 hat mit Investigativ ein journalistisches Format in der Warteschleife, das der deutschen TV-Landschaft gefehlt hat.
Es gibt Sender, von denen erwartet man in journalistischer Hinsicht nichts. RTL 2 ist so ein Sender. Insofern liegt die Latte tief, wenn ausgerechnet hier wohl gegen Jahresende eine neue Sendereihe unter dem Titel Investigativ starten soll. Nimmt man dann noch zur Kenntnis, dass Wolfram Kuhnigk, die Hauptfigur von Investigativ, früher durch Beiträge für das RTL-Magazin Explosiv aufgefallen ist, stellt man sich auf eine quälende Stunde ein. Und dann kommt alles anders.
Auf der DVD, die eine von sechs Sendungen zeigt, geht es um "Gangs". In Duisburg, Hamburg und Berlin war Kuhnigk lange unterwegs und hat versucht, das Phänomen jugendlicher Bandenkriminalität in Problemvierteln zu durchleuchten. "Aufspüren, untersuchen, nachforschen, enthüllen und aufdecken", heißt es ein bisschen großkotzig im Vorspann. Dazu passt die Musik, die drei Spuren zu dick aufgetragen ist.
Das stört indes nicht weiter, weil die Sendung sich schnell auf das konzentriert, was ihre Hauptfigur macht, und die macht sehr vieles richtig. So unbefangen wie Wolfram Kuhnigk losgeht, ist im Privatfernsehen wohl schon lange niemand an ein Thema herangegangen. Er ist zu sehen, wie er sich Jugendlichen nähert, die ihm vielleicht etwas über das Thema sagen können. Er ist zu sehen, wie er sagt, dass es ihm um ehrliche Antworten geht und dass ihn Lügengeschichten nicht interessieren. Kuhnigk wirkt dabei wohltuend uneitel. Man glaubt ihm, dass es ihm nicht ums eigene Auftreten, sondern um die Sache geht.
Das wirkt besonders, wenn man erst kürzlich gesehen hat, wie sich etwa Panorama-Reporter Christoph Lütgert bei seinen Recherchen für den NDR selbst inszeniert. Kuhnigk, der früher auch mal Tatort-Fotograf bei der Hagener Polizei war, hat das nicht nötig, er hat Zeit und Lust, und er wirkt ehrlich. Er zeigt im fertigen Film nicht die üblichen Interviewschnipsel, er zeigt echte Interviews mit Frage, Antwort und dann wieder Frage. Als Zuschauer ist man dabei, wenn er fragt, man ist indes auch dabei, wenn er scheitert. Sein ganzer Film ermöglicht allerbeste Prozessbeobachtung.
"Man muss auch in stressigen Situationen aufrecht stehen", sagt Kuhnigk dem journalist. Bei dem Beitrag über Hooligans geriet er so schwer in Bedrängnis, dass die Polizei ihn retten musste. Aber das war eine Ausnahme. Normalerweise habe er die Situation im Griff. "Ich kann Situationen ganz gut wieder runterkochen", sagt er von sich.
Am Ende der Sendung stehen keine Schlagzeilen, nichts, was man flott an dpa geben könnte. "Wir sind überzeugt, dass wir hinter die Kulissen geschaut haben", sagt Kuhnigk, und in diesem Moment wird klar, dass es so etwas wie ihn und seine Sendung im deutschen Fernsehen nicht gibt. Ein bisschen beschämend, dass diese Erkenntnis ausgerechnet RTL 2 zu verdanken ist.
Aktuelle Kommentare zu diesem Text
14.03.2012 15:05
Auch ich hab' gestern zufällig die Sendung gesehen und – mein Französisch sei mir verziehen – fand sie beschissen. Auch, dass Kuhnigk "wohlwollend uneitel" agiert haben soll, würd ich per se so nicht unterschreiben, erinnert sei da an seine unangebracht süffisante Art, dem jungen Hamburger Musiker (Name ist mir jetzt leider entfallen) Fragen zu stellen. Ausschalten musste ich dann einfach, als Kuhnigks Stimme aus dem Off blabbelte: "(...) bekannte Gangsterrapper wie Eminem, 50 Cent, Snoop Doggy Dogg oder 2Pac verdienen damit Millionen." Und dabei moniere ich ja nicht einmal die Aussprache (2PÄC) des Letztgenannten ... Tschuldigung, aber wer einfachste Fakten nicht auf die Reihe kriegt und damit den Titel der Sendung ad absurdum führt, den kann ich nicht für voll nehmen. Oder aber ich bin auf dem völlig falschen Dampfer und Kuhnigk ist schlicht ein Meister der Selbstironie. Möglich.
13.03.2012 23:36
Durch Zufall stieß ich vorhin auf diese "Gang-Sendung" und konnte vor Faszination die Fernbedienung nicht betätigen. Es ist immer wieder erschreckend, wie viel Macht und Brutalität die Gangs haben. Ich selbst wohne am Rand von Leipzig, aber hier herrscht noch Frieden. An anderen Ecken ist es nicht so, aber dazu steht auch vorher in der Zeitung, wann in welchen Straßen Drogenkontrollen geplant sind. Offensichtlich hat die Polizei auch Angst, dass sie jemanden ergreifen müssten. Und eigentlich sind sie doch auch nur ängstliche Menschen.
Die Sendung hat an vielen Stellen so universell geklungen, dass mir Angst um unsere Zukunft wird. Wenn nicht endlich in Ultraschall-Geschwindigkeit die Diäten, Staatspensionen und Eurorettungsmilliarden in Zukunftskonzepte für kostenlose Jugendklubs und -sportvereine mit kompetentem Personal gesteckt werden, dann wird die Brutalität bis in die Vorgärten der Regierungsrentner einziehen. Der junge Mann hatte so recht! Es gibt keinen Respekt für junge Leute des Alltages. Und wenn Strafentlassene anschließend Wohnraum und Ausbildungsplatz bekommen – da habe ich mich von meinen Kindern auch schon fragen lassen, ob Kriminalität auf diese Art belohnt wird. JA, WIRD SIE – "normale" unauffällige Jugendliche gehen in der Statistik im Punkt "Jugendarbeitslosigkeit" unter. Und wer nicht untergehen will, tut was dagegen ... wie wir gesehen haben.
Lieber Herr Kuhnigk, ich bin einerseits begeistert, dass Sie eine solche Sendung "zusammengefragt" haben. Jetzt wünsche ich mir "nur noch von ganzem Herzen", dass sich irgendjemand Einflussreiches dafür interessiert. Zeitungspapier ist geduldig, Filmarchive verhalten sich ruhig – und dabei zeigt diese Sendung hyperkonkret, warum Deutsche auf ihr Land nicht stolz sind, Familien sich immer weniger Kinder anschaffen, Gesunde lieber wegziehen bzw. auswandern und die Deutschen schließlich aussterben. Weiterhin erfolgreiches Schaffen und hoffnungsvoll-traurige Grüße aus Leipzig!
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