Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

17.01.2012

im Heft

journalist 1/2012

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Bild: RBB

Für die Nachtdienste beim RBB gibt's jetzt spezielle Arbeitszeitregeln.

Schichtarbeit

Nachts im Sender

Die teils jahrzehntealten Manteltarifregelungen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk entsprechen nicht mehr dem heutigen Redaktionsalltag, in dem Nacht- und Schichtarbeit zur Normalität geworden sind. Für den Rundfunk Berlin-Brandenburg wurde jetzt ein Tarifvertrag vereinbart, der die Arbeitszeit im Schichtdienst begrenzt.

"Es ist ein Wahnsinnsstress." So beschreibt ein NDR-Redakteur seine Arbeit in der Nachrichtenredaktion. Der Job verlangt nicht nur höchste Konzentration, sondern ist auch mit einer enormen körperlichen Belastung verbunden. Denn in der Nachrichtenredaktion wird – egal ob beim NDR oder einem anderen Rundfunksender – im Schichtdienst gearbeitet. Und das bedeutet: arbeiten gegen die innere Uhr, verbunden mit einer ständigen Umstellung des Biorhythmus wegen der Schichtwechsel.

Betroffen sind vor allem Radiojournalisten. Wer etwa bei B5 aktuell arbeitet, der Informationswelle des Bayerischen Rundfunks, steht zwischen 2.30 Uhr und 3 Uhr auf, wenn er um 4 Uhr mit der Frühschicht beginnt. Um 6 Uhr muss die erste Sendung fertig sein. Die Nachrichten für die Servicewellen Bayern 3 und Bayern 1, die seit der Fusion mit der Nachrichtenredaktion ebenfalls bei B5 aktuell produziert werden, müssen schon um 5 Uhr stehen.

Schichtdienst, früher eher die Ausnahme, ist im Rundfunk längst zur Normalität geworden. Viele Manteltarifverträge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stammen aber aus den 70er Jahren, als es noch einen Sendeschluss gab und in der Nacht Funkstille herrschte. Für die Schichtdienstler von heute gibt es deshalb oft keine speziellen Regeln, die ihre Einsätze begrenzen oder zumindest für einen angemessenen Freizeitausgleich sorgen.

Anders beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), wo sich die Geschäftsführung kürzlich mit den Gewerkschaften auf eine tarifliche Neuregelung der Arbeitszeit geeinigt hat. Hintergrund der Verhandlungen, die sich über Jahre hingezogen haben, ist die Fusion von SFB und ORB im Jahr 2003. Für die Mitarbeiter, die trotz dieses Zusammenschlusses weiterhin unter unterschiedlichen Bedingungen arbeiteten, sollte es endlich einen einheitlichen RBB-Manteltarifvertrag geben. Die Neuregelung der Arbeitszeit ist nun der erste Teil dieses Harmonisierungsprojekts.

Praktisch bedeutet das zunächst einmal: Für alle RBB-Beschäftigten gilt mit Jahresbeginn eine Regelarbeitszeit von 38,5 Stunden pro Woche. Wer vom früheren ORB kommt, muss also nicht mehr wie bisher 40 Wochenstunden arbeiten. Doch nicht nur die Brandenburger profitieren. Denn erstmals ist auch umfassend festgelegt, unter welchen Bedingungen die disponierten Dienste und die Nachtarbeit stattfinden sollen.

Auf der einen Seite kommt die Vereinbarung der von der Geschäftsleitung gewünschten Flexibilisierung der Arbeitszeit entgegen. Auf der anderen Seite begrenzt sie diese auf ein für die Produktion notwendiges Maß. Außerdem erhalten die Mitarbeiter der disponierten Dienste mehr Planungssicherheit. Aus Sicht der Gewerkschaften besonders wichtig: Die Vereinbarung berücksichtigt die neuesten Erkenntnisse und Empfehlungen der Arbeitswissenschaft, gewährleistet also, dass der Gesundheitsschutz für die RBB-Mitarbeiter eingehalten wird, soweit das im Schichtdienst möglich ist.

"Man weiß heute, dass sich der biologische Rhythmus auch bei lang andauernder Nachtarbeit nicht umstellt", betont Benno H. Pöppelmann, der für den DJV die Verhandlungen geführt hat. Umso wichtiger sei es gewesen, gerade die Nachtarbeit zu reglementieren. Die Anzahl der aufeinanderfolgenden Nachtdienste ist auf drei beschränkt worden; nur in Ausnahmefällen sind mehr erlaubt. In diesem Fall verkürzt sich für die Betroffenen allerdings der tatsächliche Arbeitsaufwand. Nachtarbeitern muss genügend Zeit gewährt werden, um in den normalen Rhythmus zurückzufinden. Konkret: Wer vier oder fünf Nachtdienste am Stück arbeitet, soll mindestens zwei freie Tage als Ausgleich bekommen.

Mitsprache beim Dienstplan

"Entscheidend ist, dass wir mit der neuen Arbeitszeitregelung erstmals definiert haben, was überhaupt als Nachtarbeit anzusehen ist", sagt Dirk Schneider, Redakteur beim RBB, der für den Journalistenverband Berlin-Brandenburg bei den Tarifverhandlungen dabei war. "Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht ist die Unterbrechung des Schlafs um 2 oder 3 Uhr total ungesund", sagt er. "Das frühe Aufstehen ist noch belastender, als bis in die Nacht hinein zu arbeiten." Deshalb fällt auch ein Arbeitsbeginn bis 5.30 Uhr, bisher als Frühdienst betrachtet, nach der Tarifregelung unter die Nachtarbeit.

Auch die Begrenzung auf maximal sechs Wochenenddienste innerhalb eines Quartals ist für die RBB-Mitarbeiter eine echte Verbesserung. "Das ist besonders für die Kollegen des Inforadios interessant", sagt Schneider. Bislang hätten die Mitarbeiter des in Berlin produzierten 24-Stunden-Programms lediglich Anspruch auf freie Sonntage.

Die Dienstpläne sollen 14 Tage im Voraus veröffentlicht werden und möglichst eine Vorwärtsrotation vorsehen, weil Arbeitswissenschaftler herausgefunden haben, dass ein Schichtwechsel, der vom Früh- zum Nachtdienst aufsteigt, von den Betroffenen als weniger belastend empfunden wird. Ein Mitspracherecht hat nach dem neuen Tarif nicht nur der Personalrat. DJV-Justiziar Pöppelmann: "Uns war es wichtig, dass sich die Mitarbeiter selbst dazu äußern können, dass ihre Wünsche, soweit das möglich ist, berücksichtigt werden."

Nachdem die Gremien den neuen Arbeitszeittarifvertrag abgesegnet haben, beginnen im Sender nun die Vorbereitungen für die Umsetzung. "Das schafft man nicht in zwei, drei Monaten", sagt Dirk Schneider, der in seiner Funktion als Personalrat daran mitarbeiten wird. Deshalb treten die neuen Regelungen – im Gegensatz zur Angleichung der Wochenarbeitszeit – auch erst in einem Jahr in Kraft.

Zwar hat auch das ZDF tarifliche Bestimmungen für erschwerte Dienste, doch als Vorbild für die RBB-Vereinbarung diente den Gewerkschaften eher der Tarifvertrag bei der Deutschen Welle (DW), wo die aktuellen Redaktionen rund um die Uhr besetzt sind. Seit 2009 sind hier detaillierte Bestimmungen zu Schichtlängen sowie Häufigkeit der Nachtdienste und der dienstfreien Wochenenden in Kraft. Statt der regulären 38,5 Stunden gelten für erschwerte Dienste nur 37 Stunden pro Woche.

Stefan Dege, Vorsitzender des Personalrats in Bonn und Mitglied der DW-Tarifkommission, hält solche Regelungen für essenziell. "In jungen Jahren denken viele: Das ist doch kein Problem. Aber irgendwann merkt man das." Nachweisliche Folgen von Schicht- und Nachtarbeit sind Schlafstörungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Appetitlosigkeit. Selbst Depressionen können aufgrund der Belastungen entstehen.

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