Detail-Informationen

Autor

Wolfgang Lenders

verfasst am

06.03.2012

im Heft

journalist 3/2012

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Schwäbische Zeitung

Nachts im Ländle

Der Schwäbischen Zeitung mangelt es an Zustellern. Die eigenen Redakteure sollen beim Austragen helfen. Symptomatisch für die Wertigkeit eines Berufsstands?

Er kann schreiben, fotografieren, Seiten layouten. Und dreht bei einem Termin nebenbei noch schnell ein Video für die Website. Ein guter Lokaljournalist ist ja bekanntermaßen vielseitig einsetzbar. Eine neue Herausforderung wartet jetzt auf die Redakteure der Schwäbischen Zeitung: Sie sollen ihr frisch gedrucktes Produkt nun auch noch zu den Lesern tragen.

"Heute wenden wir uns mit einer ungewöhnlichen Bitte an Sie", heißt es in einem Schreiben an die Mitarbeiter, das über das elektronische schwarze Brett des Unternehmens verbreitet wurde. "Wir bitten Sie, auf freiwilliger Basis und zeitlich befristet im Notfall als Zusteller einzuspringen." Und das höchstens einmal pro Jahr und dann längstens für zwei Wochen.

Für die nach Schätzung des Verlags ein bis eineinhalb Stunden Arbeit gibt es 10 bis 15 Euro brutto. Dafür müssen bis 6 Uhr morgens alle Zeitungen bei den Lesern sein – bei jedem Wetter.

Dass man Zeitungszusteller nicht gerade um ihre Arbeit beneiden kann, war den meisten Redakteuren der Schwäbischen Zeitung wahrscheinlich schon vor dem Aufruf klar. Die Vorstellung, selbst nachts Zeitungen durch die Gegend zu tragen und dann am nächsten Morgen wieder am Schreibtisch in der Redaktion sitzen zu müssen, sorgte dann bei vielen auch nicht gerade für Begeisterung. "Wir haben erst gelacht und waren dann schockiert", sagte einer der Redakteure dem journalist. Er und seine Kollegen seien ohnehin schon den ganzen Tag eingespannt. "Wenn wir auch noch Zeitungen austragen müssten, könnten wir gleich unsere Wohnung kündigen."

Chefredakteur Hendrik Groth kann die Aufregung nicht verstehen. "Offensichtlich ist da einiges verzerrt bei Ihnen angekommen", antwortete er auf journalist-Anfrage. Kein Redakteur werde einen Karriere-Vorteil erzielen, wenn er Zeitungen austrage. "Jedem ist es selbst überlassen, ob er mitmacht oder nicht."

Aber kann es wirklich die Aufgabe eines Journalisten sein, bei jedem Engpass einzuspringen? "Ich sehe da einen ziemlich klaren Sittenverfall", sagt der Landesvorsitzende des DJV Baden-Württemberg, Thomas Godawa. "Diese Anfrage ist ein symptomatisches Zeichen dafür, wie die Wertigkeit von Redakteuren angesehen wird."

Wie der Verlag auf die Idee kam? Die Schwäbische Zeitung hat Schwierigkeiten, Zusteller zu finden. "Eine Umstellung auf Postzustellung führt häufig zu Abokündigungen", heißt es in dem Schreiben. Laut Alexander Bachmann, Geschäftsführer der für die Zustellung zuständigen Tochterfirma, liegt das an der geringen Arbeitslosigkeit im Verbreitungsgebiet. Sprich: Wer sich sein Geld leichter verdienen kann, wird nicht gerade Zeitungen austragen. Also sollen im Notfall auch Redakteure ran.

Einige der rund 900 Mitarbeiter konnte der Verlag offenbar überzeugen: Rund 40 Personen sind laut Bachmann innerhalb einiger Tage dem Aufruf nachgekommen.

 

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

20.01.2014 18:34

Konrad Bachhuber

Ich komme im Monat auf ca. 3.000 Zeitungen, beginne um 02.45 Uhr und bin ca. um 05.15 Uhr beim letzten Kunden. Es sind drei Touren, davon ist eine, eine sogenannte Steigertour, also nur Treppensteigen in Altbauhäusern. Mit 25% Nachtzuschlag, was immer das auch bedeutet. Bei 450€ Basis und Fahrgeld komme ich auf ca. 380 Euro bei 26-27 Arbeitstagen.

22.03.2012 22:23

thomas bartuschat

Ich war über 10 lange Jahre Zeitungszusteller im norddeutschen Raum. Es wird von mir nicht bestritten, dass die Anforderungen in vielen anderen Berufen höher sind, als bei der Zeitungs- und Postzustellung, aber genau das wird als Grund benutzt, um uns wie den allerletzten Dreck zu behandeln. Nicht nur vom Arbeitgeber, sondern auch vom Staat, ich habe nämlich noch nie Zollkontrollen bei Zeitungsverlagen gesehen, und meines Wissens hat Frau Merkel persönlich darauf gedrungen, die Zeitungszusteller bei einem ev. in Kraft tretenden Mindestlohn für Briefzusteller auszunehmen. Im Ergebnis sind auch hauptberufliche Postzusteller (bei privaten Postdienstleistern) keine Briefträger mehr. Zur gewerkschaftlichen Organisation möchte ich anmerken, dass sich die Leute entweder nicht trauen, oder nicht bereit sind, von ihrem Miniverdienst Beiträge abzuführen. Die Abstimmung mit den Füßen ist letztendlich das einzige, was dem Zusteller bleibt. Soweit es die gesellschaftliche Anerkennung dieses Berufes angeht, steht er auf einer Stufe mit der Toilettenfrau, womit ich diese keinesfalls abwerten möchte. Wenn ich den Zustellern raten sollte, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit, kündigt, alle!!

22.03.2012 19:40

Teresa Zoller

Die Machenschaften und die Bezahlung der Schwäbischen Zeitung sind doch schon lange bekannt. Es ist doch kein Geheimnis mehr, dass es einen Haustarif gibt, der schlechter ist, als der ordentliche Tarif. Es ist kein Geheimnis, dass Überstunden ohne Ende geschoben werden müssen (egal ob Redakteur oder Zusteller) und Volontäre statt 2 inzwischen 3 Jahre ausgebeutet werden. Deshalb habe ich schon längst die Zeitung gekündigt.

12.03.2012 17:53

Manni Thielen

Das, was "Gute Miene" hier schreibt:

"... de facto ist es so, dass von dem für die Zeitungszustellung zuständigen Tochterunternehmen die Konditionen für die Mitarbeiter in der Zustellung dermaßen verschlechtert hatten (Wegegeld gestrichen ohne vorherige Ankündigung, Briefzustellung Südmail mit dazu gepackt, usw.), dass es den langgedienten und zuverlässigen Leuten zu bunt wurde. Danach kamen die Leute zu "Amt und Würden", die in der Zeit der hohen Arbeitslosigkeit keine Alternative hatten – mit mehr oder weniger Motivation und Eignung.

Das Desaster ist hausgemacht und nun sollen doch DIE LEUTE, die für diese "intelligenten Sparmaßnahmen" verantwortlich sind, vorübergehend mal die Zeitungen austragen! Warum sollen völlig unbeteiligte Redakteure "die Suppe auslöffeln"?"

trifft die Sache sehr genau. Aufgrund sinkender Abozahlen will man stets den Gewinn mindestens halten, besser noch erhöhen. Die Zustellgesellschaften behandeln die Zusteller mittlerweile wie Sklaven. Da finden teils vier Mal die Woche Resthaushalts also Nichtleserverteilung statt für Stücklöhne von 0,5 - 5 Cent je nach Produkt. Für die eigentliche Zeitung bekommen die Zusteller jeweils zwischen 5-10 Cent pro Tag und mit etwas Glück 0,22 Cent/km für die Fahrt von der Ablagestelle bis zum letzten Kunden.

Nun rechnen wir mal: Ein ländlicher Ort mit 100 Zeitungen a 0,10 Euro macht 10 Euro, dann noch 20 Briefe dabei a 5 Cent macht 1 Euro, und zuletzt noch 200 Prospekte a 0,02 Euro macht 4 Euro sowie 10km FK-Ersatz= 2,20 Euro

Also Verdienst an diesem Tag: 15 Euro und 2,20 FK Ersatz, bedingt durch die Nichtleserverteilung und die Post samt der Anfahrt ist der Zusteller allerdings, wenn er die Nichtleser gewissenhaft zustellt, gut und gerne 3 Stunden unterwegs. Macht sagenhafte 5 Euro/Std. zur Nachtzeit (Brutto) – wow und da wundert sich noch jemand, warum die keinen mehr finden!

Verteilt er nicht korrekt die Nichtleser, dann droht ihm Lohnabzug und natürlich eine schriftliche Abmahnung dazu, das gleiche passiert ihm bei fehlerhafter Post- und Zeitungszustellung.

Glaubt ihr nicht? Doch! Teils ist es noch weit schlimmer, und ich weiß, wovon ich rede, ich habe jahrelang als Vertriebsleiter bei einer Zustellgesellschaft gearbeitet und schäme mich dafür, was dort mit dem Zustellern gemacht wurde.

Ich hoffe nur, dass diese sich mal irgendwann solidarisieren und organisieren, damit die GF´s mal sehen, was los ist und es wieder lernen, ihre Zusteller zu schätzen und nicht mit den Füßen zu treten bzw. zu versklaven.

Denkt mal drüber nach.

09.03.2012 11:01

Rolf Jacke

Ich finde die Idee sehr gut, dass Redakteure, oder Journalisten die Zeitung die sie selbst machen, auch mal austragen, denn manchmal habe ich das Gefühl, dass die deutsche Journalie den Kontakt zu Wirklichkeit verloren hat! Es liegt nicht an den Themen, sondern wie sie über viele Dinge schreiben!

08.03.2012 22:16

Hamwa Gelacht

Och, Leute. Der Schimmel ist doch einer von der Schwäbischen. Das merkt man doch!

08.03.2012 16:06

Tom Rauf

Ich finde die (hier ja nicht so genau dargestellte) Vorgehensweise und Kommunikation der Sache – grottendoof oder dreist. Sonst nix. Ob der CR doof oder dreist ist, kann ich nicht beurteilen. Ich denke, da ist auf jeden Fall ein gutes Stück "Unsere-Zeitung"-Gefühl verballert worden.

Mal im Ernst: Was ist daran sittenverfallig (DJV), wenn sich die Macher einer Zeitung - ihrer Zeitung – in Notzeiten engagiert darum kümmern, dass ihr Produkt die erreichen, die es denn auch bezahlen? Wie könnte man besser im Lokalen dokumentieren, dass man "die Zeitung" ist? Wenn ich mir manchmal gewisse Krampfereien in Sachen "Lesernähe" oder "Leser-Blatt-Bindung" sehe – würde ich sagen: Hier war mal eine Top-Gelegenheit. Nicht für Gewäsch, sondern für Taten.

Und der CR? Ich kann hier nicht lesen, dass er sich als Zeitungsbote verdingen möchte. *Das* wäre mal ein Knaller-Signal für Schreiber und Medieszene gewesen. Aber so...

Schade. Oder dreist. Oder doof.

08.03.2012 12:37

Mike Grosser

Warum werden die Redakteure nicht gebeten - freiwillig - ein paar Abos für ihre Zeitung abzuschließen? Wenn sie ihr Produkt gut finden, werden sie das doch gerne machen. Und die Auflage kann so gesteigert werden /Sarkasmus off

08.03.2012 12:18

Marc F.

Finde ich gar nicht so schlecht, zumal es als freiwillige Maßnahme eingeführt wird. Wenn ich das richtig verstehe, ist es ein netter Zuverdienst für maximal zwei Wochen im Jahr-Wo ist das Problem, die kann man doch locker abreißen. Auch in vielen anderen (Büro-)Jobs ist es so, dass man für eine Weile "niedere" Tätigkeiten übernehmen muss, z.B. als Vertretung für die Sekretärin im Urlaub Kaffee kochen, Ablage, Protokoll führen etc.

08.03.2012 12:02

Volker Birk

Nun lernen wir also mal Marktwirtschaft bei der Schwäbischen Zeitung ;-) Also, das geht so: Wenn man zu wenig Leute für einen Job bekommt, dann ist der Preis nicht marktfähig für die Leistung. Dann muss man den Preis erhöhen. Wenn es die Leute gibt, aber man findet sie nicht, so geht man in die Werbung.

08.03.2012 10:43

Mario Keiner

Die Zeitung findet keine Zusteller ? Dann muss der Lohn angehoben werden! So ist das in einer Marktwirtschaft! Aber wahrscheinlich folgt bald der Ruf nach "mehr Fachkräften aus dem Ausland", da unser armes armes Land nicht genug Fachkräfte hat.

08.03.2012 02:41

Jack Salinger

Ich war mal bei der Schwäbischen Zeitung Ulm als freier Mitarbeiter in Ulm. Ich hab den festen Redakteuren 2002 nach unangehmsten internen Massnahmen der Geschäftsleitung gesagt, wartet ab, bald müsst ihr die Zeitung selbst austragen. War damals nur als schlechter Scherz gedacht.

08.03.2012 00:51

Oliver Müller

Deutsche Tugenden? Welche denn? Die waren früher man arbeitet hart und bekommt dafür Geld. Und zwar egal welchen Job man macht. Heute machen viele Leute 2 Jobs, um das Geld zu verdienen, das sie früher mit einem gemacht haben. Solche Kleinigkeiten können einem schon ziemlich die Motivation rauben.

07.03.2012 22:53

Herbert Gröger

Es gibt auch Verlage, bei denen sich Zustellbetreuer (= Notzusteller) schier weigern in Krankheitsfällen eine Route zu übernehmen. Der Beruf hat ein wirklich seltsames Ansehen, in Unterfranken zählen sie jedenfalls wenig. Die Vergütung ist zwar ok – wenn die Route groß genug ist – aber naja.

Im Geheimen ist der Job eigentlich superdeluxe, man ist viel allein, bekommt keinen Sonnenbrand, Hunde & Katzen der Ortschaft lieben einen, man sieht als aller erste/r die Weihnachtsdekorationen und man kann 2-5 Stunden lang Podcasts oder Hörbücher ungestört hören. Das einen ca. 50% der Gesellschaft als Idioten sieht ist zwar schade, für jene. Bei uns haben schon genug einen relativ hohen Bildungsstand, da würde sich so manch einer wundern (:

07.03.2012 22:00

Stefan Münz

Lieber Fastnamensvetter des Postings von 19.02: Welcher Luxus lässt dich hier deine Zeit verschwenden? Geh arbeiten! Sieh zu, dass auf keinen Fall irgendwas verpeilst, nur wegen so eines bescheuerten kleinen Internet-Posting-Intermezzos. Frühzeitiger Herzinfarkt? Scheißegal! Los, weiter!

07.03.2012 19:02

Stefan Munz

Ich selbst bin Drucker im Dreischichtbetrieb. Mo-Fr 40 Stunden. Die Überstunden noch nicht mitgerechnet. Nebenher bin ich selbstständig bei einer Tageszeitung und liefere wenn ich nicht gerade Nachtschicht habe Zeitungen an die Austräger aus. Und das 7 Tage in der Woche! Ergibt in der Woche ca. 75 Stunden Arbeit. Und ich jammere nicht. Denn von nix kommt nix! Mein Büro mache ich dann noch nebenher. Wer heutzutage meint mit 35-40 Stunden die Woche das muss reichen, der irrt sich gewaltig. Denn die Lohnspirale ist noch lange nicht am Ende. Was ist besser: mehr zu arbeiten und dann (hoffentlich) mehr Geld verdienen, oder den Job zu verlieren und zum Arbeitsamt gehen?

Wo sind die Deutschen Tugenden geblieben?

Ich sehe das bei Bewerbern, wenn sie bei einem 400,-€ Job nicht mindestens 10,-€ die Stunde verdienen macht es keiner. Und das ist das Problem! Andere sehen darin die Chance 10,-€ zu verdienen.

Also arbeite ich jede Woche mein Pensum weiter, damit ich was erreiche und finanziell unabhängig bleibe.

07.03.2012 16:22

Siggi Blech

Besonders schön finde ich das indirekte Zitat des Chefredakteurs:

"Kein Redakteur werde einen Karriere-Vorteil erzielen, wenn er Zeitungen austrage."

Er sagt damit ja nicht, dass es keine Karriere-Nachteile gibt, wenn man es nicht macht ... Ein Schelm, der böses dabei denkt. Ich hab da noch einen Vorschlag: Von 8 bis 21 Uhr machen wir demnächst Zeitung, halbe Stunde Pause, dann geht es an die Druckmaschine, ab 3 Uhr fahren wir die Zeitungen dann aus in die Bezirke und ab 5 verteilen wir dann. Von 7-8 ist dann Pause und dann geht es wieder von vorne los. Da spare ich Miete und so etwas unnötiges wie Privatleben habe ich dann auch nicht mehr ... Toll!

07.03.2012 12:36

Gute Mine

... de facto ist es so, dass von dem für die Zeitungszustellung zuständigen Tochterunternehmen die Konditionen für die Mitarbeiter in der Zustellung dermaßen verschlechtert hatten (Wegegeld gestrichen ohne vorherige Ankündigung, Briefzustellung Südmail mit dazu gepackt, usw.), dass es den langgedienten und zuverlässigen Leuten zu bunt wurde. Danach kamen die Leute zu "Amt und Würden", die in der Zeit der hohen Arbeitslosigkeit keine Alternative hatten – mit mehr oder weniger Motivation und Eignung.

Das Desaster ist hausgemacht und nun sollen doch DIE LEUTE, die für diese "intelligenten Sparmaßnahmen" verantwortlich sind, vorübergehend mal die Zeitungen austragen! Warum sollen völlig unbeteiligte Redakteure "die Suppe auslöffeln"?

Eine gewisse Genugtuung kann ich mir, als ehemalige (nebenberufliche, und keinesfalls geistig unterbelichtete!!) Austrägerin wirklich NICHT verkneifen ;-)))

07.03.2012 11:49

Siggi Bär

Wenn denn die Zusteller so wichtig sind, warum werden sie dann nicht angemessen bezahlt?

Dann erledigt sich das Problem nämlich von selbst. Solange man dazu nicht bereit ist, wird sich nichts ändern. Das ist ein einfacher Zusammenhang und wenn eine Geschäftsleitung dauerhaft nicht in der Lage ist, das Problem in den Griff zu kriegen und stattdessen nur auf ihren Profit schaut, dann ist sie unfähig. Wenn die Redakteure für's gleiche Geld unter dem Vorwand der Not mehr arbeiten sollen, dann ist das schlicht unsozial und bedeutet Lohnverzicht. Genauso wie wenn die Austräger mehr Zeitungen für das unverschämt niedrige Geld zustellen sollen.

Können Redakteure über die Probleme und Zusammenhänge eigentlich nur berichten oder können sie sie auch verstehen?

Anfangs sollten die Austräger für das selbe Geld die Briefe noch mit in den vom Verlag geschätzten ein- bis eineinhalb Stunden austragen. Wer es in der Zeit vor allem auf dem Land im Winter schafft: Gratulation! Jetzt sollen die Redakteure halt mal für lau ran. Anfangs natürlich nur im Notfall, der
aber leicht zum Dauerzustand mutieren könnte, da man ja gar nicht gewillt ist das Problem zu lösen.

Ich kenne einige Ex-Zusteller, die schon vor Jahren mit "der für die Zustellung zuständigen Tochterfirma" Erfahrungen vor dem Arbeitsgericht machen konnten, weil sie wegen der sich immer weiter verschlechternden Arbeitsbedingungen gekündigt hatten und dann auch noch den ihnen zustehenden Geld hinterherklagen mussten. Das haben natürlich nicht alle gemacht und das war kalkuliert. Man hat es darauf ankommen lassen. Mit den Dummen und Wehrlosen treibt man eben die Welt um. So entstand das heutige Problem und es geht ja wie man munter weiter abwärts ...

Es soll ja auch noch Leute geben, die sich nicht für 15 Euro pro Tag brutto prostituieren müssen und für ihre Arbeit unverschämterweise auch noch so viel Geld wollen. Die Ein-Euro-Jobber warten schon auf ihre Chance wieder in den Arbeitsmarkt integriert zu werden und das Ehrenamt und
Osteuropa sind auch wieder ganz groß im Kommen!

Ideal wären natürlich Zusteller, die sozusagen aus Solidarität mit Ihrem Arbeitgeber selbst gleich mehrere Abos abschliessen (dann schafft man die Zustellung auch in anderthalb Stunden) oder noch Geld einbezahlen, dass sie das Gnadenbrot des Zustellens empfangen dürfen. Wer kriegt denn schliesslich seinen Frühsport auch noch bezahlt?

So probiert man es jetzt halt mal in den Redaktionen in der Sichtweise:
Solange sich die faulen Redakteure 14 Stunden im Büro kostenlos aufwärmen und einen Kaffee nach dem anderen trinken während sie im Internet surfen und Facebook zuspammen, wird dem Verlag wohl nichts anderes übrig bleiben als Änderungskündigungen ohne konkretes Tätigkeitsfeld auszusprechen. Dann muss jeder alles machen. Und das am besten zum Viertel des Preises.
Ist ja schliesslich beim Arbeitsamt und der ARGE auch so.

Wie kann man sich auch bei so viel sozialer Fürsorge erdreisten kostenlose körperliche Fitness abzulehnen?
Solche Kundendienstleistungen sind gratis mit zu erbringen!

Schlecker lässt grüssen. Das Ende ist bekannt und auch in der Schwäbischen Zeitung nachzulesen.

Wenn alle nichts mehr verdienen und sich keiner mehr ein Zeitungsabo leisten kann, dann rächt sich das eben irgendwann. Vielleicht wachen die Profitgeier mal auf.

Mal ganz abgesehen davon: Wer braucht eigentlich im Zeitalter von Internet, I-Pad und Apps ein Zeitungsabo, das einem an jeder Ecke aufgeschwatzt werden soll? Die Zukunft wurde zu lange verschlafen. Zeitungszusteller ist sowieso ein aussterbender Beruf.

07.03.2012 09:14

Thomas Bertz

Fakt ist: Die gesamte Branche hat ein Problem, neue Zusteller zu finden. Dieses Problem ist erkannt und an Lösungen wird gearbeitet. Bis diese (hoffentlich) da sind, sind kreative Lösungen gefragt. Das genannte Beispiel ist sicher ein Extremfall. Und Verleger, Geschäftsführer und Chefredakteure, die ihre Mitarbeiter darum bitten, im Notfall auf freiwilliger Basis kurzfristig einzuspringen, werden die ersten sein, die als gutes Beispiel am frühen Morgen bei Wind und Wetter vorangehen. Die Alternative heißt: "Zum Arbeitsamt gehen". Denn ohne die fleißigen Zusteller gibt’s keine treuen Abonnenten. Und ohne Abonnenten können Gehälter nicht bezahlt werden.

PS: Lieber Zeitungsträger, ich kenne viele Redakteure, die erstens anders denken und zweitens sofort zu helfen bereit sind, wenn Not am Mann ist. Natürlich gibt es auch andere Redakteure. Aber das gilt umgekehrt auch für Zeitungsträger.

07.03.2012 08:34

Karen Annemair

Lieber Paul Schimmel, wenn Du so unglücklich mit Deinem Job bist, wechsel ihn. Warum gehst Du nach Deiner Schicht nicht noch auf ein paar Termine, schreibst Artikel und arbeitest 20 Stunden am Tag? Aus diesem Grund tragen Redakteure keine Zeitungen aus, nicht aus Mangel an Respekt. Redakteure zollen Austrägern höchste Anerkennung.

07.03.2012 00:21

Lutz Friese

@ Zeitungsausträger... Das ist völliger Blödsinn. Jeder Redakteur weiß aus eigener Erfahrung, dass die Zustellung ganz genauso wichtig ist wie das Schreiben. Beides ist nötig, um dem Leser das zu liefern, was er abonniert hat.
Nur: Wer JEDEN TAG eine komplette Überstunde sammelt, die er in keiner Weise vergütet bekommt – für die er keinen Cent extra sieht und die er auch nicht abbauen kann – der muss sicher nicht auch noch um 4 Uhr aufstehen, um Zeitungen auszutragen, für deren nächste Ausgabe er bi abends um halb zehn im Ausschuss sitzt.

06.03.2012 23:40

Thomas Kerper

Als Redakteur wäre ich dabei sobald Verlagsleitung, Gesellschafter und natürlich der Chefredakteur mit umgehängter Zustelltasche entspannt in den Tag starten. Wäre ja nur übergangsweise ein Stünd´chen am Morgen und im Notfall. Und wenn man dann schon mal im Außendienst ist, kann man doch gleich noch die ein oder andere "Schweinebauch-Anzeige" an den Mann bringen. Bis dahin müsste der Bürgerjournalist aber schon mal den Feuilleton schreiben.

Meinem Vorredner kann ich mich nicht anschließen. Natürlich ist die Arbeit der Zusteller sehr wichtig. Diese sollte auch angemessen gewürdigt und entlohnt werden. Trotzdem geht es hier ums Grundsätzliche. Die meisten Redakteure haben jahrelang studiert, anschließend in vielen Fällen als Volontär für kleines Geld geschuftet. (Wochenende, Feiertag, Nachts) Die Leute haben sich mit viel Fleiß, Ehrgeiz und jahrelangen Entbehrungen ihren (Traum-) Beruf hart "verdient". Wer jetzt daherkommt meint man müsste eine Tätigkeit, die keinerlei berufliche Qualifikation erfordert mit einer Akademikerausbildung gleichsetzen, hat wahrscheinlich eher ein stark verzerrtes Selbstbild. Der Chirurg fährt ja nun auch keinen Krankenwagen obwohl er eine Fahrerlaubnis hat. Wo kämen wir da hin.

Zum Berufsbild des Redakteurs gehört das Austragen der Zeitung definitiv nicht. Der Redakteur fungiert als Instanz zur freien demokratische Meinungsbildung in der Gesellschaft und der Zusteller bringt die Botschaft unters Volk. So ist das und PUNKT.

06.03.2012 23:21

Patrick Lux

Lieber Herr Schimmel,
ich kann Ihre Verärgerung in der Tat verstehen. Man könnte nach dem Artikel in der Tat drauf kommen, dass Zeitungsausträger, wie auch Supermarktkassierer, Müllmänner und anderen Berufe, in einer unteren Klasse rangieren. Ich bin mir jedoch sicher, dass dies nicht so gemeint ist, und noch sicherer, dass es nicht so ist. Was der Artikel jedoch viel mehr meint, ist dass die Arbeitsverdichtung im Journalismus in den letzten Jahren oder Jahrzehnten immer mehr zugenommen hat, von den Redakteuren immer mehr verlangt wird, bei immer schlechterer Bezahlung und einer Zukunftsperspektive, die immer schlecht geredet wird, wenn man nicht bereit ist Opfer zu bringen. Dabei sitzen die Festangestellten noch auf einer sichereren Warte, als es bei den Freien Kollegen, wie ich einer bin (nicht bei der Schäbischen Zeitung) der Fall ist. Was man jedoch auch bedenken muss und Sie mögen mir es nicht übel nehmen. ist , dass für den Beruf des Journalisten, sicher speziellere Kenntnisse und Fähigkeiten erforderlich sind, als für das Austragen von Zeitungen.

06.03.2012 21:36

Paul Schimmel

Hier fragt keiner danach, was der Zeitungsträger eigentlich wert ist. Erbärmlich. Es ist unter der Würde eines Journalisten, ausnahmsweise und aus eigener Entscheidung einzuspringen, wenn in seiner Nachbarschaft seine Zeitung nicht zugestellt werden kann. Zeitung austragen? Ist doch nur was für Asoziale und Idioten, auf keinen Fall für intellektuelle Edelfern! SO DENKT IHR UEBER UNS.
Ein Zeitungsträger

 
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