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Autor

Svenja Siegert

verfasst am

04.01.2012

im Heft

journalist 1/2012

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  • Lesen Sie hier, wie es die App-Redaktion der Rheinischen Post geschafft hat, als Regionalzeitung ein Sonntagsmagazin zu erfinden.

Die meisten Zeitschriftenhäuser begnügen sich bisher damit, Magazine eins zu eins aufs Tablet zu setzen und mit ein paar Multimedia-Elementen anzureichern.

Tabletjournalismus

Eine Branche steht Kopf

Das Tablet ist mehr als ein Hype. Noch nie war der Schritt für Zeitschriftenverleger in die digitale Welt so klein, noch nie war die Aussicht, dort Geld zu verdienen, so naheliegend. Doch die wahren Innovationstreiber eines Tabletjournalismus sitzen nicht in den Verlagen.

Stanley Kubrick ist Arbeit. 143 Minuten dauert 2001: Odyssee im Weltraum, sein Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1968. Aus heutiger Sicht etwas langatmig erzählt, aber ein Standardwerk der Filmwissenschaft. Kubrick brachte nicht nur Kameras ins Rollen und drehte so das Bild für den Zuschauer um die eigene Achse, sein Film begründete den Erfolg eines ganzes Genres. Filmhistoriker behaupten, der Regisseur habe damals "den anspruchsvollsten Match Cut der Geschichte" montiert. Auf einen durch die Luft wirbelnden Steinzeitknochen folgt als nächste Einstellung das Bild eines Raumschiffs aus dem 21. Jahrhundert – Kubrick verbindet im Kopf seiner Zuschauer die Vorgeschichte mit der Neuzeit. Durch einen Schnitt, zusammengehalten von einem Klebestreifen.

Inzwischen analysieren nicht nur Filmstudenten diese Odyssee, sondern auch Richter am Landgericht Düsseldorf. Nur interessieren die sich weniger für Montagetechniken und Special Effects als vielmehr für einen kleinen Taschencomputer. Dieser spielt zwar filmhistorisch keine Rolle, dafür ist er heute dabei, die Magazinbranche auf den Kopf zu stellen. So wie es Kubrick einst mit seiner Kamera gemacht hat.

Die Richter in Düsseldorf versuchten herauszufinden, wie sehr der Taschencomputer aus dem Film Apples Tabletcomputer, dem iPad, gleicht. Apple war gegen die Firma Samsung vorgegangen. Samsungs Galaxy Tablet sei dem iPad zu ähnlich. Bereits 2004 habe Apple beim Europäischen Markenamt Zeichnungen – ein sogenanntes Geschmacksmuster – hinterlegt, die eindeutig zeigen, wie das iPad aussehe. Samsung erwiderte, schon Stanley Kubrick habe in Odyssee im Weltraum das Design genutzt. Er sei der eigentliche Erfinder.

Die Richter waren anderer Meinung. "Man sieht in den Filmsequenzen insbesondere nicht, ob die gläserne Frontseite nur von einem schmalen Gehäuserand eingefasst wird, ob das Display tiefer als der umlaufende Rahmen angeordnet ist und wie die Kanten, Seitenwände und die Rückseite genau gestaltet sind", hieß es im Herbst. Hier ließe sich bestenfalls eine erste Designidee entnehmen, nicht aber ein "Geschmacksmuster mit einem bestimmten durch seine Merkmale hervorgerufenen Gesamteindruck".

Samsung hat die Folgen schon zu spüren bekommen und musste sein Tablet für den deutschen Markt noch mal umbauen, um zumindest vom Weihnachtsgeschäft profitieren zu können. Ob Samsung vor Gericht damit durchkommt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Die Chancen stehen gut. Eine von Dutzenden Auseinandersetzungen vor Gericht, die Apple weltweit gegen andere Tablet-Hersteller führt. "Der erste digitale Weltkrieg", kommentierte ein Technikjournalist in einem Onlinemagazin.

Lukas Kircher dreht sein iPad um 180 Grad. Zu sehen sind die Umrisse eines Sportwagens. Verhüllt von einem halbtransparenten Seidentuch. Kircher fährt mit seinem Finger vom unteren zum oberen Bildschirmrand. Das Tuch schwebt nach oben: ein Porsche 911. Der 40-Jährige grinst wie ein Kind, das gerade sein Überraschungs-Ei aufbekommen hat.

Kircher sitzt im vierten Stock am Heiligegeistkirchplatz in Berlin-Mitte. Er ist Geschäftsführer und Gründer der Agentur KircherBurkhardt. Seine Firma ist verantwortlich für das Aussehen einer ganzen Reihe deutscher Zeitungen und Zeitschriften: taz, Augsburger Allgemeine, Impulse, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Doch Zeitschriften- und Zeitungsdesign ist längst nicht mehr die Haupteinnahmequelle für Kirchers Agentur: Die meiste Zeit kümmern sich seine Mitarbeiter um Aufträge aus der Digitalwelt, allein zehn Programmierer beschäftigt die Agentur.

KircherBurkhardt hat bereits knapp ein Dutzend Tablet-Apps mit journalistischen Inhalten entwickelt. Darunter die iPad-App des Kölner Stadt-Anzeigers, der Schwäbischen Zeitung und die der FAS. Dazu kommen Apps von Corporate-Publishing-Magazinen wie dem Christophorus Magazin von Porsche. Für dieses Jahr hat Lukas Kircher sieben weitere journalistische Tablet-Projekte "in der Pipeline". Alles sehr geheim.

Zeitungsdesigner und Programmierer, Magazinmacher und Medienkonzerne, Verleger und Start-up-Unternehmer, Anwälte und Richter. Das Tablet ist mehr als ein Hype. Es beschäftigt hierzulande die ganze Medienbranche und darüber hinaus: Derzeit gibt es in Deutschland – vorsichtig geschätzt – rund 1,5 Millionen Tablets. Gerade mal zwei Prozent aller Deutschen besitzen eins – zu wenig, um in der Masse Inhalte zum Leser zu bringen.

Aber so war es in der Mediengeschichte schon immer. Fast alle Massenmedien waren zuerst Elitemedien, die sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung leisten konnte. Die ersten gedruckten Zeitschriften in Deutschland waren Gelehrten-Publikationen in lateinischer Sprache. Auch das Tablet wird den Status eines Massenmediums erlangen. US-Marktforscher gehen davon aus, dass es in zwei bis fünf Jahren soweit sein wird. In den USA liegt die Tablet-Quote bereits bei über zehn Prozent. Nach dem "Digital Gap", dem Ungleichgewicht der Onlinekompetenz in der Bevölkerung, beschwören Skeptiker schon den "App Gap" herauf. Neben Apples neuem iPad 3 wird die günstigere Tablet-Konkurrenz der Entwicklung in diesem Jahr noch mal einen ordentlichen Schub geben – allen voran Amazons Kindle Fire, das neben einem unschlagbaren Preis von 200 Dollar das einfache Bezahlsystem gleich mitliefert. "Das wird ein Killer", sagt Lukas Kircher.

Kircher wischt in der Christophorus-App weiter zu einem Interview mit dem Chefdesigner von Porsche. Es gibt sechs Fragen, die auf der Startseite am rechten Bildschirmrand zu sehen sind, links daneben ein auf weißem Hintergrund freigestelltes Standbild des Designchefs, der – wenn man genau hinschaut – ab und an blinzelt. Kircher berührt rechts eine Frage, der Designchef links fängt an zu antworten. Das Faszinierende an dieser Darstellungsform: Sie kommt außerordentlich wertig daher und erinnert optisch mehr an ein gedrucktes Magazin als an einen Fernsehbeitrag oder gar ein Webinterview. Ein gedrucktes Magazin sozusagen, aus dem der Interviewte plötzlich zu reden anfängt und gestikuliert. "Mich erschreckt ein wenig, dass wir solche Storytelling-Formate für Porsche entwickeln und nicht für die FAS", sagt Kircher.

Bild: journalist

 

 

"Eine Neuerfindung des Anzeigenmarkts nur für das iPad? Das sehe ich nicht. Davon sind wir noch weit entfernt."

Frank Dahlmann kümmert sich bei brand eins um die Digitalausgaben. Er ist Papierfan.

 

 

Die eigentlichen Innovationstreiber sind nicht die Verlage. Es sind Unternehmen, die sich dem Tablet unverkrampft nähern. Der Krampf der Verlage besteht darin, ihre Produkte und ihr Geschäftsmodell aufs Tablet zu kopieren. Das Gerät wird zum Vertriebskanal degradiert. Eine Zeitschrift – gern angereichert mit ein paar multimedialen Elementen – soll möglichst nah am Original sein und sich ebenso verkaufen lassen. Selbst Springer, einer der Innovativsten unter den Verkrampften, hat gerade mit viel Aufwand seine iKiosk-App umgebaut. In dem Kiosk zweitverwertet Springer lediglich eigene PDF-Dateien und die von Zeitungen und Zeitschriften aus anderen Häusern wie Segeln, Deutsch perfekt und Wirtschaftswoche. So lässt sich aus einem Abfallprodukt auf dem Weg in die Druckmaschine noch mal Geld verdienen. Ein Verlegertraum wird wahr.

Würde man die Entwicklung der journalistischen Formate auf dem Tablet in Wellen einteilen, könnte man drei ausmachen, die teilweise parallel verlaufen. Welle eins, das technisch einfachste Verfahren: Verlage setzen ihre PDF eins zu eins ins Tablet – die iKiosk-Welle also. Welle zwei: Verlage fangen an, eigene kleine Apps zu entwickeln, die das für den Druck gedachte Heft umformatieren und mit multimedialen Elementen anreichern. Bildergalerien, Videos, interaktive Grafiken, hier und da Texte zum Anhören. So zu finden etwa im Stern, bei National Geographic, Wired, Chip und Rolling Stone. Und Welle drei: die Zeit des Tabletjournalismus. Neue Marken, neue Darstellungsformen prägen den Bildschirm – losgelöst vom Print- und Onlinejournalismus, wie wir ihn heute kennen.

Mathias Müller von Blumencron steckt mitten in Welle zwei. "Wir befinden uns im Jahr 1785", sagt er. "Bis zur Revolution dauert es noch vier Jahre." Müller von Blumencron verantwortet die Digitalprodukte der Spiegel-Gruppe. In seinen Bereich fällt auch die Tablet-App des Spiegels, wohl die bestverkaufte digitale Zeitschrift hierzulande. Jede Woche zahlen 28.000 Leser für eine der Digitalausgaben. Im besten Fall sind das 3,99 Euro für ein Einzelheft, im schlechtesten 50 Cent – wenn ein klassischer Spiegel-Abonnent zusätzlich das Digitalabo für ein halbes Jahr haben möchte. Zum Vergleich: Springer nimmt mit der sich ebenfalls recht gut verkaufenden App der Welt bei einem rein digitalen Jahresabo rund 30 Cent pro Ausgabe ein. So kommt der Spiegel jede Woche grob geschätzt auf 50.000 Euro Umsatz aus dem Geschäft mit seiner Digitalausgabe. Etwas weniger als der Verlag derzeit für eine ganzseitige gedruckte Anzeige haben will. Immerhin.

Dass das Geschäft mit dem digitalen Spiegel so gut anläuft, liegt in erster Linie am Spiegel selbst. Das wenige Zusätzliche in der App kommt aus der Spiegel-Gruppe. Es gibt keine wackeligen Filmaufnahmen und kein zugekauftes Agenturmaterial. "Print bleibt in der App", sagt Müller von Blumencron. Dabei stehe das Lesen im Vordergrund: "Wir wollen keine Show veranstalten, sondern reichern das Produkt lediglich an." Schon bevor das iPad in den USA auf den Markt kam, bastelte man in Hamburg an der entsprechenden App. Für Müller von Blumencron ist das iPad die Technologie, die eine neue Ära einläutete: "Der Anfang des Zeitalters, in dem der Spiegel elektronisch gelesen wird."

Ob weitere Produkte aus dem Spiegel-Verlag folgen? Das Manager Magazin? Die Spiegel-Spezial-Ausgaben? Spiegel Geschichte? "Der Aufwand, eine App zu launchen, ist immer noch sehr hoch", sagt Müller von Blumencron. Der Spiegel entwickelte für die App ein eigenes Redaktionssystem, fünf Leute sind nur mit der App beschäftigt.

Elektronisch lesen kann man den Spiegel schon seit Oktober 2004. Rasch verkaufte der Verlag jede Woche regelmäßig ein paar Tausend Exemplare. Doch diese Zahl stagnierte schnell. Seit das iPad auf dem Markt ist, schafft die App das, was das E-Paper nicht geschafft hat. Und löst gleichzeitig das Sonntagsvertriebsproblem der Zeitschrift. "Die höchste Download-Rate in unserer App haben wir am Sonntag zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr", sagt Mathias Müller von Blumencron. Jahrelang hatte der Verlag versucht, den Spiegel zumindest in Großstädten schon am Sonntag – dem Lesetag der Deutschen – statt am Montag auszuliefern. Letztlich scheiterte man an den zu hohen Logistikkosten.

Die Spielregeln des Tablets

Was die App leisten kann, was das E-Paper nicht konnte? Nicht weniger als den Strukturwandel der Zeitschriftenbranche mitzugestalten. Tablets sind für Zeitschriften wie gemacht. Und sie sind ein Lesemedium. Eine ganze Reihe von Marktforschern hat inzwischen herausgefunden, dass zumindest derzeit das Tablet vor allem zum Lesen und vor allem zu Hause genutzt wird. Tablet-Nutzer verbringen mehr Zeit mit dem Lesen längerer Texte als vorher, die meisten lesen regelmäßig Zeitschriften auf ihrem Gerät. Multimediale Elemente werden zwar geschätzt, aber lediglich als Beiwerk zum Artikel.

Und der Schritt vom (digital vorhandenen) Magazin aufs Tablet ist denkbar einfach. Viel einfacher als bei einer Tageszeitung. Schon das Format eignet sich besser. Zeitschriftenhäuser wissen, wie man hochwertige Magazine herstellt und wie man gute Bilder fotografiert – die Tageszeitungen müssen zumindest Ersteres gerade erst herausfinden. "Wir verwandeln die FAS in ein Magazin, damit sie dem iPad gerecht wird", sagte FAS-Feuilleton-Chef Claudius Seidl vergangenen Monat in einem Interview. Diesen Schritt haben ihm die Zeitschriftenmacher voraus.

Gerade für mittlere und kleine Zeitschriftenhäuser war es noch nie so einfach, den Schritt ins Digitale zu unternehmen: Sie sparen sich den deutlich aufwendigeren Umweg über eine Seite im Browser – im World Wide Web mussten sich die Magazine neu erfinden, das Tablet funktioniert nach ihren Spielregeln.

Der Verleger des Economists – der derzeit rund 100.000 zahlende Digitalabonnenten hat – beschreibt das Phänomen so: Das Internet sei ein Lean-forward-Medium, die Zeitschrift das Lean-back-Medium und das Tablet das Lean-back-2.0-Medium. Andrew Rashbass' Schlussfolgerung: Er vermeidet in der App alles, was nach Internet aussieht. "Wir haben das Potenzial, das bessere Lean-back-Erlebnis beim Leser zu erzeugen, als wir es jemals mit dem gedruckten Heft erreicht haben", sagte er dem Guardian.

Noch ist es nicht so weit. Bevor sich die Leser auf dem Sofa der digitalen Zeitschrift mit allen Sinnen hingeben können, müssen sie sich erst mal innerhalb der App zurechtfinden. Momentan verlaufen sie sich regelmäßig. Es fehlt ein einfaches und vor allem einheitliches Navigationssystem.

Wie viele andere sind auch die Leser des Economists bereit, auf dem Tablet Geld für journalistische Inhalte auszugeben – zumindest mehr als im Internet. Das liegt zum Teil am einfachen Bezahlvorgang, an optischer und inhaltlicher Wertigkeit der Produkte, aber auch daran, dass die Inhalte dem Käufer gehören. Wie das Buch im Bücherregal. Bezahlen hat auch immer mit Besitzen zu tun.

Bild: journalist

 

 

Condé Nast versteht sich nicht länger als reiner Magazinverlag, sondern als Anbieter von Qualitätsinhalten, als Problemlöser. Gut 150 Tablet- und Mobile-Apps hat Condé Nast weltweit auf den Markt gebracht. Die deutsche Wired-App verkaufte sich 14.000-mal.

Viele Menschen, die ein Tablet-Magazin lesen, haben bereits eine Zeitschrift aus Papier abonniert. So hat etwa die Hälfte der Stern-iPad-App-Kunden auch den analogen Stern im Abo. Klar ist aber auch, dass viele Leser sich für das eine oder andere entscheiden. Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger hat in einer Studie herausgefunden, dass fast 50 Prozent der Tablet-Zeitschriftenleser seltener zur Printausgabe greifen. Substitution nennen Verleger dieses Phänomen – und man weiß nicht so recht, ob es ein gutes oder ein böses Wort ist, wenn sie es in den Mund nehmen.

Mal angenommen, Mathias Müller von Blumencron könnte sämtliche Käufer – und das sind immerhin eine Million – dazu bringen, den Spiegel nur noch auf dem Tablet zu lesen: Der Verlag würde gigantische Kosten für Druck und Vertrieb einsparen. Allerdings müsste er auch seine Anzeigenkunden vom neuen Vertriebsweg überzeugen und sich statt mit dem Grosso-System ausschließlich mit neuen Marktteilnehmern wie Apple herumschlagen. Und Apple verlangt mit seiner 30-Prozent-Provision deutlich mehr als ein Grossist. Für App-Designer Lukas Kircher steht dennoch fest: "Das iPad ist der absolute Papier-Killer." Er selbst lese kaum noch gedruckte Magazine.

Weit mehr als 2.000 gedruckte Zeitschriftentitel bringen die Verleger hierzulande an die Kioske. Das sind rund 500 mehr als noch vor 20 Jahren, und jeden Monat kommen neue dazu. Gleichzeitig sinken die Auflagen und die Anzeigeneinnahmen vieler einzelner Titel. Alle zusammen verkaufen regelmäßig nur noch 120 Millionen Exemplare. Das sind 28 Millionen weniger als vor 20 Jahren. Dennoch geht es den Zeitschriftenverlagen wirtschaftlich immer noch relativ gut. Viele fahren gute Renditen ein, die Umsätze nähern sich wieder dem Rekordjahr 2007. Damals erwirtschafteten die Zeitschriftenverleger 7,7 Milliarden Euro – etwas weniger als der Automobilhersteller Porsche im vergangenen Jahr.

In Zukunft werden die Verlage weiter um die Aufmerksamkeit ihrer Leser und auch der Anzeigenkunden buhlen müssen. In den USA scheint das Fernsehen diesen Kampf schon verloren zu haben: Die TV-Nutzung liegt dort wieder auf dem Niveau von 1975. Den Zeitschriften könnte das Tablet helfen. Anzeigenvermarkter in Deutschland sind sich einig: Hier gibt es einen neuen attraktiven Werbeträger. "App-Anzeigen verbinden Vorteile des Internets – wie Messbarkeit, zahlreiche Auslieferungsformate und Rückkanalfähigkeit – mit den Vorzügen von Print: Emotionalität und eine starke Leserbindung", sagt etwa Vermarkter Oliver von Wersch, Leiter Mobile bei G+J EMS. Manch ein Verleger erträumt sich Preise, die wieder auf Printniveau liegen.

Viele gute Nachrichten. Und doch herrscht immer noch Zweifel. Verkaufszahlen wie Economist und Spiegel können nur wenige Verlage vorweisen, Publizieren auf dem Tablet bleibt mit Ausnahme der PDF-Variante ein Zusatzgeschäft. Die Stimmung erinnert an die späten 90er Jahre: Nach der ersten Euphorie gab es die große Onlineskepsis, viel Geld wurde verprasst, nur wenig kam wieder rein.

Tiefpunkt der neuen Skepsis war die Ankündigung des Verlags Ringier, die aufwendig produzierte, monothematische App the collection nach nur zwei Ausgaben einzustellen. Das globale Baby und Prinz William hatten sich schlichtweg nicht verkauft. Für Beobachter ist klar, eine neu kreierte Medienmarke fürs Tablet war die falsche Herangehensweise. Sie war ähnlich wie Springers Iconist – der Verlag verkauft keine 1.000 Stück pro Ausgabe (PDF) – von Anfang an dem Untergang geweiht. Vielleicht war the collection überambitioniert, vielleicht kam die App auch nur ein paar Jahre zu früh. Mathias Müller von Blumencron – einst Chefredakteur von Spiegel Online – erinnert sich an das Jahr 1996, als Gruner+Jahr für seine Wirtschaftsmagazine online den Business Channel als Marke etablieren wollte. Fünf Jahre später war die Seite tot.

"Wir wollen bleiben, was wir sind"

Auch Frank Dahlmann ist ein Mann der zweiten Welle. Dahlmann kümmert sich beim Wirtschaftsmagazin brand eins um den Online-Auftritt und um die viel gelobte iPad-App. Auch brand eins setzt auf eine Eins-zu-eins-Kopie des gedruckten Hefts, angereichert mit ein paar mehr Bildern und Tönen. Frank Dahlmann ist Papierfan. Die Tablet-Euphorie kann er nicht wirklich nachvollziehen. "Auf dem Tablet wollen wir brand eins nicht neu erfinden. Wir wollen bleiben, was wir sind", sagt er. Wenn er erzählt, hat es den Anschein, als sei brand eins zur App gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Die Idee wurde der Zeitschrift von außen zugetragen, man habe sich überzeugen lassen.

Seit dem Start im Mai 2010 hat brand eins 15.000 Einzelhefte à 7,60 Euro verkauft. Das macht in eineinhalb Jahren 80.000 Euro zusätzliche Einnahmen – wenn man Apples Provision abzieht. Hinzu kommen rund 700 App-Abonnenten. Die Hälfte davon neu, die andere Hälfte Print-Abonnenten, die die App zusätzlich nutzen wollen. "Das ist nichts, was uns retten würde", sagt Dahlmann. "Aber wir müssen auch nicht gerettet werden. Uns geht es wirtschaftlich gut."

Die Anzeigen der gedruckten brand eins erscheinen auch in der Tablet-Ausgabe. Gratis für Anzeigenkunden. Nicht alle nehmen das Angbot an. Sie schrecken zurück, weil sie keinen Einfluss darauf haben, in welchem Teil der Welt die App gelesen wird, oder weil sie noch keine eigenen App-Anzeigen entwickelt haben. Dahlmann: "Eine Neuerfindung des Anzeigenmarkts nur für das iPad? Das sehe ich nicht. Davon sind wir noch weit entfernt."

Lukas Kircher sitzt in seinem Ledersessel in Berlin und schüttelt den Kopf. Wenn er in seinem österreichischen Akzent über Tablets spricht, nimmt er gerne die Worte "sexy" und "cool" in den Mund. Von Skepsis keine Spur – zumindest wenn es um das Gerät an sich geht.

Eine Strategie brauche auch immer ein Ziel, sagt Kircher. Das Problem der Verlage sei, dass sie derzeit nicht wissen, was sie tun sollen, wo sie mit ihrer Tablet-Strategie eigentlich hinwollen. Es gebe keine eindeutige technische Lösung, kein vernünftiges Geschäftsmodell, die Vermarktung müsse neu aufgestellt werden. "Das erfordert eigentlich die Denke eines Start-ups", sagt Kircher. Für ihn ist das die größte Herausforderung, das größte Defizit der Verlage.

Ein Verlag, der diesen Wandel konsequent mitmacht, ist Condé Nast (Wired, New Yorker) – nahezu 150 Tablet- und Mobile-Apps hat er weltweit auf den Markt gebracht. In den USA launchte der Verlag im Dezember eine Wunschzettel-App, die Eltern und Verwandten das Geschenkekaufen erleichtern soll. Condé Nast versteht sich nicht länger als reiner Magazinverlag, sondern als Anbieter von Qualitätsinhalten, als Problemlöser.

Auf Veränderungen zu reagieren, ist nicht gerade die Stärke der meisten Verlage. Jahrzehntelang haben sie Denken und Handeln auf die Anfertigung eines Printprodukts optimiert und waren und sind teilweise schon mit ihrem Internetauftritt überfordert. Doch es tut sich was. Selbst bei Gruner+Jahr. Das deutsche Zeitschriftenhaus, das eine kontrollierte, wohldosierte Onlinestrategie fährt, hat vergangenes Jahr ein Digital Center eingerichtet, um sich eine übergreifende Digitalstrategie zu geben. Auch hier soll dieses Jahr die ein oder andere neue Tablet-App erscheinen.

Dass es auch schneller gehen kann, zeigt ein kleiner Verlag aus Kiel. Falkemedia gibt vor allem Koch- und Technikzeitschriften wie Landgenuss, Macbibel und Digital Photo heraus. Ein Besuch der Website lohnt sich. Mit einem iPad auf der Startseite und dem Slogan "Sind Sie bereit für die Medienrevolution? Wir sind es!" lädt Falkemedia ein, sich auf das Angebot des Verlags einzulassen. Die Chefredakteure und ihr junger Verleger schwärmen von den Möglichkeiten des iPads. Falkemedia ist bereit, die mediale Zukunft mitzugestalten.

Bild: journalist

 

 

"Wir haben gesehen, dass das iPad eben doch nicht nur eine digitale Form der Zeitschrift ist."

Auch der kleine Kieler Verlag Falkemedia gehört zu den Tablet-Pionieren.

 

 

Bevor das iPad zum Verkauf auf den Markt kam, haben sich vier Verlagsmitarbeiter für drei Tage in eine alten Scheune in Holland zurückgezogen und das Tablet ausprobiert. "Wir haben gesehen, dass das iPad eben doch nicht nur eine digitale Form der Zeitschrift ist, sondern eine ganz andere Bild- und Wortsprache für sich beansprucht. Apple wird die Form unseres Medienkonsums nachhaltig verändern", sagt Verleger Kassian Alexander Goukassian in einem Film auf der Website. Inzwischen fährt der kleine Verlag zweigleisig: Alle monatlichen Magazine erscheinen auch als PDF-Version, dazu kommen Sonderausgaben. Mit den Verkäufen ist man zufrieden, dennoch bleibt das App-Geschäft auch bei Falkemedia ein Zuschussgeschäft.

Ob große oder kleine Verlage, derzeit schlagen sich alle mit dem Kostenproblem rum. Eine Welle-zwei-App zu entwickeln, kann schnell einen fünfstelligen Betrag beanspruchen, wenn im eigenen Haus das Know-how fehlt. Selbst Springer hat sich bei seinem iKiosk extern helfen lassen. Gerade kleine Verlage scheuen solch eine Investition und versuchen lieber, weiter neue Printabonnenten zu gewinnen. Solange der Aufwand so hoch ist, wird Welle drei noch auf sich warten lassen. Im Prinzip fehlt dem Tablet das, was die Blogsoftware fürs Internet war. Jeder sollte Apps bauen können.

Einer, der das ändern könnte, tüftelt derzeit im 14. Stockwerk eines Hochhauses am Berliner Alexanderplatz an einer Lösung. Jochen Wegner, bis Herbst 2010 Chefredakteur von Focus Online, hat das Start-up Mag10 Publishing gegründet. Er will das Publizieren fürs iPad neu erfinden, steht auf seiner Website. Entsteht hier das Wordpress des iPads? Das Content-Management-System für Welle drei? Was genau Wegner vorhat, wen er bei seinem Projekt schon ins Boot geholt hat – noch wird bei Mag10 hartnäckig geschwiegen.

Es gibt noch mehr, die endlich ihre Chance wittern. Für Menschen wie Daniel Nauck könnte das iPad der große Wurf sein. Endlich könnte er das an Mann und Frau bringen, was das Internet nicht haben wollte. Nauck ist Gründungsmitglied und Geschäftsführer der kleinen Produktionsfirma 2470media. 2470media hat sich auf hochwertige Multimediareportagen spezialisiert, die es nicht zum Schleuderpreis gibt. Für taz.de produziert er etwa die Berlin Folgen, Mini-Porträts von Berlinern, eine Mischung aus Slideshows und Webvideos.

Der iPad-Markt ist für Nauck heute schon interessanter als das Web. Die Nachfrage nach seinen Reportagen steigt. "Das ist schon spannend, was da mit den neuen iPad-Redaktionen entsteht", sagt Nauck. Inzwischen führt er Gespräche mit großen Häusern, die sich vorstellen können, seine Multimediaformate in ihre Apps einzubauen. Ein langwieriger Prozess, da die Redaktionen nicht mit genug Geld ausgestattet sind, die Lösung im eigenen Haus aber nicht die gewünschte Qualität liefert.

Nauck arbeitet auch an eigenen monothematischen Apps. Dass Druck- und Investitionskosten wegfallen, bietet jungen Medienmachern eine neue Chance. Auch ohne riesiges Startkapital können sie anfangen, ihre eigenen Magazine auf den Markt zu bringen – und auf Welle drei zu reiten. Oder wie Stanley Kubrick 1968 dem Playboy sagte: "Ich habe versucht, ein visuelles Erlebnis zu schaffen."

Lesen Sie hier, wie es die App-Redaktion der Rheinischen Post geschafft hat, als Regionalzeitung ein Sonntagsmagazin zu erfinden.

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