Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

05.09.2011

im Heft

journalist 9/2011

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Der Dumpingtarif ist vom Tisch, die Tarifverträge können nun in Kraft treten – wenn sowohl Gewerkschaften als auch der BDZV zustimmen.

Tarifrunde Zeitungen

Weggestreikt

In dieser Woche laufen die Urabstimmungen zu dem Tarifergebnis, auf das sich der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) mit den Gewerkschaften DJV und dju in ver.di geeinigt hat. Aufgerufen zur Urabstimmung sind alle Titel und Häuser, die auch an der ersten Urabstimmung teilgenommen haben, bei der es um die Frage nach einem unbefristeten Streik ging. Die Journalisten werden jetzt entscheiden, ob sie der Empfehlung der Verhandlungskommissionen zur Annahme des Tarifergebnisses folgen. In Hessen startet die Urabstimmung am 5. September, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen folgen am 7. September. In Bayern werden die Wahlurnen erst ab dem 12. September in den Betrieben aufgestellt. Die Erklärungsfrist  zu dem ausgehandelten Ergebnis läuft bis zum 30. September. Wenn sowohl die Gewerkschaften als auch der BDZV zustimmen, können die Tarifverträge in Kraft treten.

Der Einsatz hat sich gelohnt. Der Dumpingtarif ist vom Tisch und der Manteltarifvertrag wieder dicht. Zwar bleibt der Gehaltsabschluss mager, doch viele Journalisten atmen erst mal auf. Denn gemessen an dem, was die Verleger ursprünglich gefordert haben, ist das Tarifergebnis, auf das sich der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und die Gewerkschaften DJV und dju in ver.di in der Nacht vom 17. zum 18. August einigten, ein großer Erfolg. "Ein Verdienst der Journalistinnen und Journalisten, die mit ihren Streiks den Angriff der Verleger auf die Tarifverträge und die Berufsperspektive der Jungen abgewehrt haben", betont DJV-Verhandlungsführer Kajo Döhring.

17 Stunden lang hatten die Vertreter der Tarifparteien miteinander gerungen, um in der zehnten Verhandlungsrunde in Hamburg einen Kompromiss zu erzielen. Erst gegen 6 Uhr morgens stand das Ergebnis: Die Tageszeitungsredakteure erhalten zum 1. Oktober 2011 und zum 1. Februar 2013 eine Einmalzahlung von je 200 Euro. Am 1. Mai 2012 steigen ihre Gehälter linear um 1,5 Prozent. Die Honorare der sogenannten arbeitnehmerähnlichen freien Journalisten werden zum 1. Oktober 2011 und zum 1. August 2012 um jeweils zwei Prozent angehoben. Der Gehaltstarif läuft bis 31. Juli 2013. Der Manteltarifvertrag wird zudem unverändert wieder in Kraft gesetzt und ist frühestens zum 31. Dezember 2013 kündbar. Abstriche beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld wird es also nicht geben. Ebenso bei der Altersversorgung.

Um den von den Verlegern geforderten Dumpingtarifvertrag für die Berufseinsteiger zu verhindern, mussten die Gewerkschaften neben den mageren Gehaltserhöhungen ein weiteres Zugeständnis machen: Verlage, die konkret nachweisen, dass sie sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, können künftig eine Sonderklausel nutzen. Für 2012 und 2013 können sie, die Zustimmung des Betriebsrats vorausgesetzt, die Zahlung der Jahresleistung (Weihnachtsgeld) oder des Urlaubsgelds um 50 Prozent kürzen. Im Gegenzug sind betriebsbedingte Kündigungen für die Laufzeit der Betriebsvereinbarung ausgeschlossen. Weitergehende Eingriffe – etwa die komplette Streichung des Urlaubsgelds – bedürfen der Zustimmung der Gewerkschaften. Wichtig: Die Volontäre sind von der Sonderklausel ausgenommen. Bei ihnen darf also nichts gekürzt werden.

Noch am 17. August, als sich die Delegationen der Tarifparteien an den Verhandlungstisch setzten, waren wieder weit mehr als 2.000 Journalisten auf die Straße gegangen. Und auch am 18. August, als das Ergebnis in den frühen Morgenstunden bekanntgegeben wurde, waren etliche Redakteure immer noch draußen. Kajo Döhring reiste direkt von Hamburg nach Düsseldorf, um bei einer Streikversammlung mit den Betroffenen zu diskutieren. "Viele waren erleichtert und hatten mit diesem Ergebnis nicht mehr gerechnet", so Döhring.

Natürlich habe es auch einige kritische Stimmen gegeben. Die meldeten sich auch in der Kommentarspalte der DJV-Website. Moniert wurde vor allem der niedrige Gehaltsabschluss. "Bei der momentanen Streikbereitschaft wäre mehr als 1,5 Prozent möglich – und auch nötig – gewesen", postete etwa der Nutzer "Gabriel".

"Unglaublich solidarisch"

Die aktuelle Tarifrunde war eine der härtesten der vergangenen Jahre. Und eine, in der die Journalisten so viel Kampfgeist zeigten wie kaum zuvor. Diesmal, das war ihnen klar, ging es um die Zukunft ihres Berufsstands. Mit dem Dumpingtarif war für sie das Maß der Geringschätzung voll. Da sah sich selbst der Spiegel veranlasst, über die "Qualität unter Tarif" zu berichten.

"Ich bin sehr überrascht, wie viele Kollegen sich engagiert haben", sagt Karlheinz Stannies, der den Streik für Nordrhein-Westfalen mit koordiniert hat. "Das war unglaublich solidarisch. Hier haben die Älteren für junge Leute gestreikt, die noch gar nicht im Beruf sind. Grandios." Am Ende waren wohl selbst die Verleger von diesem Widerstand überrascht. Ihre Forderung entpuppte sich als Eigentor.

Für manche Redaktionen war es das erste Mal, dass sie sich in diesem Ausmaß an einem Streik beteiligten. So waren etwa die DuMont-Blätter Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau und Express bislang nicht als besonders streikfreudig aufgefallen. Nun aber organisierten sie eigene Protestaktionen – und traten dabei unter dem Banner "Zeitungsgruppe Köln" auf. In den Streiklokalen war unter den Mitarbeitern der drei Titel ein Zusammengehörigkeitsgefühl gewachsen.

So auch in Stuttgart, wo sich die Redakteure der sonst konkurrierenden Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung solidarisierten, um gemeinsam Aktionen auszutüfteln. "Es ist wie der Groove geiler Musik und ein guter Tritt in den Hintern, wenn man sieht, wie die Kollegen sich zusammenraufen, diskutieren, Projekte erfinden, Action machen", schrieb Joe Bauer, Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, in der Wochenzeitung Kontext. "Bei diesem Energieschub kommt der wahre Journalist aus uns heraus."

Näher am Leser

Auch die täglichen Begegnungen mit Lesern blieben nicht ohne Wirkung. Redakteure der Stuttgarter Nachrichten gelangten zu der Erkenntnis, dass sie in ihrem Verlagshaus in Stuttgart-Möhringen viel zu weit weg seien "von den Lesern, von ihren Problemen – auch von ihrem Spaß, ihrem Vergnügen in der Stadt". Ihren Chefredakteur Christoph Reisinger baten sie in einem Brief, "mit uns über neue Möglichkeiten unserer Präsenz in der Stadtmitte nachzudenken". Auch der Newsroom müsse in seiner jetzigen Form überdacht werden. In der "Quarantäne-Situation" sehe man vieles anders als "im Herzen der Stadt".

Das neue Selbstbewusstsein, das der Streik hervorgebracht hat, ist nicht nur gut für die Zeitung. Es macht die Journalisten auch stark für die nächste Runde im Jahr 2013. Dass die Verleger ihre Forderung nach einem neuen abgesenkten Tarifwerk für Berufseinsteiger aufrechterhalten, haben sie schon angekündigt. Aber auch die Gewerkschaften sehen weiteren Handlungsbedarf: Die Onlinejournalisten etwa sind weiterhin außerhalb des Tarifs, weil die Verlagsvertreter sie nur zu dem Preis einer Absenkung des Gesamtniveaus integrieren wollten. Auch das Ziel, die Leihredakteure in die Tarifbindung zurückzuholen, ist nicht erreicht.

Nun aber müssen die Gewerkschaftsmitglieder in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen in einer neuen Urabstimmung erst mal entscheiden, ob sie das Ergebnis annehmen oder weiter streiken wollen. Der DJV-Gesamtvorstand wird als Große Tarifkommission sein Votum am 19. September abgeben.

Update, 8.9.2011

Mit großer Mehrheit haben sich die Tageszeitungsjournalisten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen bei den erneuten Urabstimmungen für die Annahme des am 18. August ausgehandelten Tarifergebnisses ausgesprochen. In Nordrhein-Westfalen stimmten 95 Prozent der DJV-Mitglieder zu, die ihre Stimme abgegeben hatten. In Baden-Württemberg lag die Zustimmung bei 85,9 Prozent und in Hessen bei 87,5 Prozent.

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