Detail-Informationen

Autor

René Martens

verfasst am

28.09.2010

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Journalistenroman – Tom Rachmans "Die Unperfekten"

Interview

"Ich hoffe, mein Buch vermittelt ein ehrlicheres Bild"

Der Journalist Tom Rachman erzählt in seinem Debütroman "Die Unperfekten" die Geschichte einer internationalen Tageszeitung mit Sitz in Rom. Sie nimmt kein gutes Ende.

journalist.de: Journalisten werden in Filmen und Romanen normalerweise klischeehaft dargestellt.

Tom Rachman: Das stimmt. Entweder als edle Kämpfer im Dienst der Wahrheit oder als Bestechliche, unterwegs in eigener Sache.

Warum ist das so?

Diese zwei Klischees sind teilweise deshalb entstanden, weil sie bei der Entwicklung eines Plots sehr nützlich sind: Es ist praktisch, einen sympathischen Ermittler zu haben, der gewissermaßen dem Protagonisten eines Detektivfilms entspricht – und es ist genauso praktisch, einen Bösewicht zu haben, der hassenswert ist, speziell einer, der die Welt auf niederträchtige Weise beeinflusst. Ich hoffe, mein Buch vermittelt ein ehrlicheres Bild. Schließlich sind Journalisten in Wahrheit ganz gewöhnliche Menschen, gleichwohl ihre Arbeit von ihnen verlangt, sich mit den entsetzlichsten Themen zu beschäftigen.

Spielt Ihr Roman deshalb im Journalistenmilieu?

Ursprünglich war es gar nicht geplant, den Roman dort anzusiedeln. Ich hatte bereits einige Charaktere und Storylines im Kopf, als mir klar wurde, dass der Newsroom einer Zeitung der ideale Schauplatz für einen Roman ist: Ich kann dort persönliche Geschichten sowie historische und politische Entwicklungen aufeinanderprallen lassen.

Eines der Themen in "Die Unperfekten" ist die krisenbedingte Veränderung der Medienbranche. Sie haben die meiste Zeit Ihrer journalistischen Laufbahn bei der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) gearbeitet. Haben Sie dort die Symptome der Krise zu spüren bekommen?

Die Probleme der Nachrichtenmedien haben sich erst in den vergangenen fünf Jahren verstärkt, also nachdem ich im Jahr 2004 bei AP aufgehört hatte. Deutlicher gespürt habe ich die Krise erst später bei der International Herald Tribune, für die ich einige Zeit in Paris als Redakteur arbeitete. Trotzdem muss ich sagen, dass die Branche schon kränkelt, seit ich in den Journalismus eingestiegen bin. Das war in den späten 90er Jahren.

In "Die Unperfekten" wird die Zeitung nach einem halben Jahrhundert eingestellt. Als der Statthalter der Besitzerfamilie den Redakteuren das Ende verkündet, bringt einer dessen Hund um. Welche Erfahrungen sind in diese Szene eingeflossen? Sie haben nie für ein Unternehmen gearbeitet, das dicht gemacht wurde. 

Ich habe eine Menge Versammlungen miterlebt, auf denen zwar nicht der große Knall angekündigt wurde, aber Schritte in diese Richtung. Sowohl bei AP als auch bei der International Herald Tribune gab es regelmäßig Zusammenkünfte, die von einer speziellen Spannung geprägt waren: auf der einen Seite die feindselig gestimmten Journalisten, auf der anderen die oberflächliche Herzlichkeit der Manager. Sie versuchten so zu agieren, als hätten sie durchweg gute Neuigkeiten zu verkünden, obwohl jeder wusste, dass es schlechte waren. Ich habe erlebt, wie wütend Redakteure über diese für die Belegschaft sehr negativen Mitteilungen waren – nicht so wütend, dass sie ein Tier umbringen würden. Aber es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie einen weiteren Schritt gehen würden, wenn sie in ihrer Existenz bedroht werden. 

Sie haben sich freiwillig vom Journalismus verabschiedet, um als Schriftsteller zu arbeiten. Kennen Sie viele Ex-Kollegen, die den Beruf wechseln mussten? In "Die Unperfekten" geht ein entlassener Redakteur zu einem Lobbyisten nach Brüssel.

Natürlich, viele, die sehr gut in dem waren, was sie taten, haben keine journalistische Heimat mehr. Es ist ja sehr seltsam, dass dieser Beruf eine so große Bandbreite von Fähigkeiten erfordert, und man andererseits nicht genau weiß, was man mit diesen Fähigkeiten eigentlich anfangen soll, wenn sie in journalistischen Unternehmen nicht mehr gefragt sind. Die offensichtlichste Alternative ist der PR-Bereich, aber die Zahl der Firmen, die Ex-Journalisten einstellen, dürfte begrenzt sein.

Cyrus Ott, der Gründer Ihrer fiktiven Zeitung aus den 50er Jahren, ist ein reicher US-Geschäftsmann. Anfangs hat es den Anschein, als sei sein Antrieb vor allem Enthusiasmus für das Zeitungswesen. Wie sind Sie auf diese Figur gekommen?

Es war für reiche Leute schon immer attraktiv, Zeitungen oder Anteile daran zu besitzen. Sie glaubten, ob zu Recht oder zu Unrecht, auf diese Weise die Gesellschaft beeinflussen zu können. Bei Ott ist es so, dass er als Unternehmer bis dato zwar sehr erfolgreich war, die Arbeit ihn aber nicht ausgefüllt hat. Bei der Zeitung konnte er etwas Kleines aufbauen – ein Geschäft, in dem ein bisschen Leben steckt. Auch das ist keine untypische Motivation für jemanden, der es sich leisten kann, Geld in Medien zu investieren.

Hat das Interesse der Wohlhabenden, Einfluss auszuüben, nicht nachgelassen, nachdem man gemerkt hat, wie verlustreich das Mediengeschäft sein kann? 

Gewiss, dennoch werden sie auch künftig journalistische Unternehmen besitzen wollen – was man daran sieht, dass ein 92-jähriger Multimillionär Newsweek gekauft hat.

Welcher im Journalisten-Milieu angesiedelte Roman hat "Die Unperfekten" beeinflusst?

Mein Lieblingsroman über Journalismus ist "Scoop" von Evelyn Waugh.

Tom Rachman wird sein Buch im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen

Bild: Alessandra Rizzo
  • 6. Oktober, 12.10 – 12.30 Uhr: Gespräch mit Felicitas von Lovenberg (Frankfurter Allgemeine Zeitung), F.A.Z.-Stand, Halle 3.1. D 154
  • 6. Oktober, 20.00 Uhr: Lesung und Gespräch. Moderation: Pieke Biermann. Kunstverein Steinernes Haus am Römerberg, Frankfurt
  • 8. Oktober, 15.30 – 16.15 Uhr: Gespräch mit Annette Riedel vom Deutschlandradio Kultur, Blaues Sofa, Übergang zwischen Messehallen 5.1 und 6.1

Tom Rachman

Der Londoner Journalist Tom Rachman arbeitete nach seinem Studium als Auslandskorrespondent für Associated Press in Rom. 2006 wechselte er als Redakteur zur International Herald Tribune nach Paris. "Die Unperfekten" – "The Imperfectionists" – ist sein erster Roman.

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