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Autor

Elisa Makowski

verfasst am

16.05.2014

Ohad Hemo ist Reporter beim israelischen Privatsender Kanal 2. Die Boykottbewegung erschwert ihm die Berichterstattung aus palästinensischen Gebieten. (Bild: Elisa Makowski)

Nahostkonflikt

Unsichtbare Mauern

Journalismus im Nahen Osten ist schwierig. Zwar tummeln sich in Israel und den Palästinensischen Gebieten etliche internationale Reporter. Doch die israelischen und palästinensischen Journalisten, die ihre Landsleute informieren, berichten oft nur aus dem Blickwinkel einer der beiden Konfliktparteien. Verantwortlich sind Restriktionen der Behörden, Selbstzensur und politische Vereinnahmung.

Journalisten gelten nicht als die geduldigsten Menschen. Doch Aftab al-Rabi braucht viel Geduld: Wenn der palästinensische Journalist von seinem Wohnort im Westjordanland zu einer Pressekonferenz nach Jerusalem fahren will, plant er zwei Stunden ein. Das liegt nicht an der Strecke – normalerweise wäre sie in 20 Minuten machbar. Was Zeit kostet sind die israelischen Checkpoints. Dort steht der 54-Jährige stundenlang mit all den anderen Palästinensern, die in Israel arbeiten, Verwandte besuchen wollen oder einen Arzttermin haben. Dass er eine israelische Arbeitsgenehmigung hat, ändert daran nichts – al-Rabi muss warten. "Deshalb versuche ich, die Einreise so oft es geht zu vermeiden", sagt er. Um sich und seinen Arbeitgeber zu schützen, will er anonym bleiben; al-Rabi ist nicht sein richtiger Name.

Eigentlich ist der Journalist in einer privilegierten Position: Der Palästinenser arbeitet seit 2002 für einen internationalen, englischsprachigen Fernsehsender in Israel. Das staatliche Presseamt in Jerusalem überprüft alle sechs Monate seine Erlaubnis und verlängert sie, wenn es keine Sicherheitsbedenken gibt. Für al-Rabi gab es bis jetzt keine Probleme – doch immer sitzt die Angst im Nacken, dass es einmal anders kommen könnte. "Für einen Palästinenser aus dem Westjordanland ist in Israel nichts sicher, alles hängt von der jeweiligen Situation ab."

Israelische Behörden haben circa 50 von 1.200 palästinensischen Journalisten anerkannt. Die meisten arbeiten für internationale oder arabische Medien. Vor Beginn der zweiten Intifada erhielten palästinensische Journalisten aus dem Westjordanland relativ problemlos einen israelischen Presseausweis und eine Arbeitserlaubnis. Mit der zweiten Intifada im Jahr 2000 und dem Bau der Sperranlage, mit der Israel weitere Selbstmordanschläge verhindern will, verschlechterte sich die Situation: Nur noch wenige Palästinenser dürfen seitdem in Israel arbeiten. Abgesehen davon sind die langwierigen Sicherheitskontrollen an den Checkpoints ein schweres Hindernis für die Medienbranche, in der Zeit und Aktualität eine so große Rolle spielen.

Hindernisse für professionellen Journalismus

Viele palästinensische Journalisten bemühen sich daher gar nicht mehr um einen israelischen Presseausweis. Nasser Shiyouhi beispielsweise arbeitet als Fotograf und Journalist für Associated Press in Ramallah. Seit 1993 ist er bei der Nachrichtenagentur angestellt und fotografiert alles, was ihm im Westjordanland vor die Linse kommt: Wirtschaft, Sport und Politik. Jahrelang hat der 47-Jährige versucht, eine Arbeitsgenehmigung in Israel zu bekommen. Vor ein paar Jahren hat er es aufgeben. "Man sagte mir jedes Mal, dass von mir eine Gefahr ausgeht, obwohl ich niemals im Gefängnis saß und an keinem Terrorakt beteiligt war oder bin." Shiyouhi vermutet, dass die Israelis die Anzahl der palästinensischen Journalisten in Israel kontrollieren und beschränken wollen. Eine Sprecherin des staatlichen Presseamts in Jerusalem wehrt sich gegen diesen Verdacht: "Jeder Journalist – ob inter-national oder palästinensisch –, der nachweisen kann, dass er wirklich als Journalist arbeitet, bekommt einen israelischen Presseausweis."

Manche palästinensische Journalisten versuchen, das staatliche Presseamt zu umgehen: Sie beantragen statt einer Arbeitserlaubnis die Genehmigung, Verwandte in Israel zu besuchen oder einen Krankenhaustermin wahrzunehmen, und arbeiten dann illegal in Israel – wenigstens für eine kurze Zeit. Die Vorteile sind klar: Nicht nur, dass internationale Presseagenturen in Israel ein höheres Gehalt zahlen, auch die Möglichkeiten, sich als Journalist zu verwirklichen, sind besser. "Ich kann mehr und interessantere Geschichten recherchieren", sagt al-Rabi, "und das Wichtigste ist: Ich kann beide Seiten im palästinensisch-israelischen Konflikt zu Wort kommen lassen. Ich muss mich, obwohl ich Palästinenser bin, nicht für eine Konfliktpartei entscheiden, sondern kann die Dinge so betrachten, wie sie sind."

Diese Freiheit will Moussa Rimawi auch in den Palästinensischen Gebieten spüren. Rimawi ist Direktor von MADA, dem Palästinensischen Zentrum für Entwicklung und Medienfreiheit in Ramallah, der Hauptstadt des Westjordanlands. Jedes Jahr dokumentiert MADA Verletzungen gegen die Pressefreiheit durch die palästinensische Polizei oder das israelische Militär. Aber er sieht noch ein anderes Hindernis für professionellen Journalismus im Westjordanland und im Gazastreifen: "Die Journalisten betreiben Selbstzensur aus Angst vor Repressionen. Und weil es kein Gesetz zur Auskunftspflicht gibt, bekommt oftmals nur der Journalist Informationen, der über die richtigen Kontakte verfügt", sagt Rimawi. Aus seiner Sicht verletzt vor allem Israel die Meinungsfreiheit. "Die Israelis akzeptieren die palästinensischen Presseausweise nicht und geben den meisten Journalisten aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen auch keine Genehmigung, sich frei zu bewegen. Sie treten die Rechte von Journalisten mit Füßen." Israelische Journalisten würden hingegen ohne Genehmigung der Palästinenser ins Westjordanland einreisen und von dort berichten. Was Rimawi stört, ist vor allem die Willkür des israelischen Militärs, der die palästinensischen Journalisten ausgesetzt seien.

Lebensversicherung in Konfliktsituationen

Was er nicht erwähnt: Erst im vergangenen Dezember ordnete die Palästinensische Autonomiebehörde an, israelische Journalisten aus Bethlehem auszuweisen, die in der arabisch-christlichen Stadt über das Weihnachtsfest berichten wollten. Die örtliche Polizei setzte dies auf Drängen palästinensischer Journalisten durch, die damit gegen Israels restriktive Politik demonstrieren wollten. Palästinensische Journalisten, die an Treffen mit israelischen Kollegen teilnehmen, geraten zugleich schnell unter Branchendruck. Auch Rimawi ist nicht an Gesprächen interessiert: "Was haben wir von dem Austausch mit israelischen Journalisten? Die antipalästinensische Berichterstattung bleibt doch bestehen." Dass die jüdisch-israelische Journalistin Amira Hass, die in Ramallah lebt und für die linksliberale Tageszeitung Haaretz aus einer palästinensischen Perspektive berichtet, sieht er nicht.

Ohad Hemo ist Reporter bei Kanal 2, einem großen Privatsender in Israel. Der 38-jährige Journalist ist jüdischer Israeli und deckt das ganze Westjordanland ab, einschließlich der jüdischen Siedlungen. Wenn er sich nicht gerade mit palästinensischen Politikern und Unter-nehmen trifft, spricht er mit den normalen Leuten auf der Straße. "Um den Dschungel zu verstehen, musst du seine Sprache sprechen. Ich habe Arabisch in der Schule gelernt. Ohne dieses Wissen könnte ich nicht in den palästinensischen Gebieten arbeiten", sagt er.

Hemo hat Beziehungen zu Fatah-Mitgliedern aufgebaut, die in Konfliktsituationen einer Lebensversicherung gleichkommen. Oft schützt die Fatah den Reporter, denn kein pragmatisch eingestellter Palästinenser will sich die Reaktion Israels ausmalen, wenn ein jüdischer Journalist getötet wird.

Wenn Hemo im Westjordanland unterwegs ist, betrachten die Menschen ihn als Repräsentanten seines Landes. "Eigentlich sehe ich mich nicht als Pressesprecher für eine Regierung, die ich nicht unterstütze." Aber manchmal schluckt er die bittere Pille. "Ich spüre, dass ich die Pflicht habe, Fragen zu beantworten, auch wenn ich mich dabei nicht wohl fühle."
Angefangen hat er während der zweiten Intifada, damals konnte er noch als Korrespondent nach Gaza reisen. "Ich habe Leute getroffen, die als Terroristen gelten und vom israelischen Geheimdienst gesucht wurden, weil sie Israelis getötet hatten." Sie seien meistens fair zu ihm gewesen, sagt Hemo. Sie nutzten ihn als Kanal, um der israelischen Öffentlichkeit ihre Positionen mitzuteilen; er nutzte sie, um zu erfahren, was sie dachten. Damals galten Journalisten noch nicht als Teil des Konflikts.

Neuer Boykott

Das ist heute anders: In den vergangenen zwei Jahren hat Hemo ein paar Mal erfahren, wie stark die sogenannte Boykottbewegung innerhalb der palästinensischen Gesellschaft ist. "Auf einer Pressekonferenz in Ramallah, wo ich mich selbst während der zweiten Intifada immer sicher gefühlt habe, haben mich palästinensische Kollegen aufgefordert, zu gehen. Die Leute duldeten nicht, dass auch ein Israeli teilnimmt – da hat es auch nicht geholfen, dass ich Journalist bin."

Was Hemo beschreibt, ist eine neue Entwicklung: Der Boykott zeigt sich entweder darin, dass sich Palästinenser weigern, mit Israelis zu sprechen, oder darin, dass israelischen Staatsbürgern der Zutritt zu palästinensisch kontrollierten Gebieten verwehrt wird. Unter dem Stichwort der Anti-Normalisierung findet er großen Anklang innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Abdel Nasser Al-Najjar, Präsident der palästinensischen Journalistengewerkschaft, sagte der Haaretz: "Wir können nicht verhindern, dass Israelis auf Pressekonferenzen nach Ramallah kommen, aber dann boykottieren wir eben die Veranstaltung. Wir wollen, dass israelische Journalisten uns in der Forderung unterstützen, dass wir uns auch in Israel frei bewegen können." Hemo kann diese Forderung durchaus verstehen: "Als palästinensischer Korrespondent würde ich auch nach Israel fahren und von dort Geschichten recherchieren wollen. Aber was soll ich machen?" Er verstehe die Wut, aber wie sie geäußert werde, kann er nicht nachvollziehen.

Kritiker des Boykotts sprechen schon von einer dritten Intifada, einem neuen palästinensischen Aufstand. Diesmal ohne von Bomben zerfetzte Körper und zertrümmerte Häuser. Bisher bestand für Journalisten eine – wenn auch eingeschränkte – Möglichkeit, sich ein Bild von der jeweils anderen Seite zu machen. Doch ohne einen Austausch, der von beiden Konfliktparteien gewährleistet wird, ist das vorbei. Die unsichtbare Mauer, die langsam dicker wird, könnte dies in Zukunft verhindern.

Über die Autorin

Elisa Makowski arbeitet als freie Journalistin in Freiburg und Israel. Hier geht es zu ihrer Website.

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