Detail-Informationen

Autor

René Martens

verfasst am

13.09.2012

im Heft

journalist 9/2012

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Dieses Cover des Zeit-Magazins wollte Facebook in seinem Netzwerk nicht sehen – und löschte es.

Zensur

Die Sittenwächter

Facebook löscht Bilder, auf denen ein Penis zu sehen ist. Twitter sperrt wegen einer Lappalie den Account eines Journalisten. Angemessen? Übertrieben? Oder einfach das gute Recht von Unternehmen, die nun mal ihre eigenen Geschäftsbedingungen festlegen können? Der Begriff "Zensur" greift auf jeden Fall zu weit – auch wenn es im Einzelfall genau darauf hinausläuft.

Auch ein Amokläufer hat Fans. Das mag zynisch klingen – ist aber im wahrsten Sinne der Fall. So hat CNN kürzlich aufgezeigt, wie viele Facebook-Seiten es gibt, die den Medizinstudenten James Holmes verherrlichen. Holmes hatte im Juli bei einem Amoklauf in einem Kino nahe Denver zwölf Menschen getötet. Solche Facebook-Seiten werfen neue Fragen darüber auf, was freie Meinungsäußerung im digitalen Zeitalter ausmache, so CNN-Autor John D. Sutter. Er fragte bei Facebook nach, warum das Unternehmen die Seiten nicht lösche. Die Antwort: Keine der Geschäftsbedingungen des Unternehmens würden verletzt.

Wie widersprüchlich die Regeln von Facebook teilweise sind, zeigte fast zeitgleich ein weiterer Fall, der in den Medien hierzulande kurzzeitig für ein gewisses Aufsehen sorgte. Redakteure des Zeit-Magazins hatten – wie jede Woche – Ende Juli auf ihrer Facebook-Seite das aktuelle, zweiteilige Titelbild gepostet. Kurz darauf löschte Facebook eines der beiden Fotos. Der Grund dafür: Ein Penis war auf dem Cover zu sehen. Auf Nachfrage des Verlags verwies Facebook lediglich auf Community-Standards, in denen die "Grenzen für die Darstellung von Nacktheit definiert" seien. Tags darauf löschte das Unternehmen auch ein weiteres Bild, obwohl das lediglich einen unbekleideten männlichen Oberkörper zeigte – wohlgemerkt "zu einem Zeitpunkt, als wir bereits bei Facebook interveniert hatten", sagt Zeit-Magazin-Chefredakteur Christoph Amend.

Rein rechtlich gebe es gegen die Entscheidung von Facebook nichts einzuwenden, findet Jörg Nabert, der Anwalt des Zeit-Verlags. "Wenn ich mich bei Facebook anmelde, akzeptiere ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Und jedes Unternehmen kann seine Regeln – natürlich im Rahmen der geltenden Rechtsordnung – frei gestalten." Man könne in Deutschland jedenfalls niemanden dazu verpflichten, nackte Leute abzubilden, sagt Nabert.

Für Facebook zählen amerikanische Wertvorstellungen

Für Chefredakteur Amend ist das, was Facebook getan hat, schlicht Zensur. Nabert dagegen hält die Tatsache, dass Facebook "die Abbildung eines Geschlechtsorgans aus dem Angebot genommen hat, für eine Zensurdiskussion für völlig ungeeignet". Da gebe es nun wirklich "dringendere Themen". So hält es der Jurist für irritierend, dass Bild jahrzehntelang Kritik einstecken musste, "weil sie nackte Frauen auf der Titelseite abgebildet hat", und nun kämen aus denselben Kreisen Stimmen, die einem sozialen Netzwerk Zensur vorwerfen, weil es Nacktheitsdarstellungen verhindert. Man müsse akzeptieren, dass für einen US-Konzern wie Facebook US-amerikanische Wertvorstellungen wichtig seien, sagt Nabert. "Amerikaner und Kanadier sind prüde. Wir in Deutschland haben dagegen ein Problem mit zerstückelten Leichen und expliziten Kriegsfotos."

Chefredakteur Amend stimmt es optimistisch, dass zahlreiche Facebook-Nutzer gegen das Löschen des Penisbilds protestiert haben. "Sie taten das wohlgemerkt innerhalb von Facebook, sie verlassen Facebook nicht!" Vor 20 oder 30 Jahren wäre so etwas nicht vorstellbar gewesen, sagt Amend. Da hätten Menschen in vergleichbaren Situationen ihr Zeitungsabo gekündigt oder wären aus einem Verein ausgetreten. "Aber es ist nun mal Teil einer neuen Medienwirklichkeit, dass Facebook etwas anderes ist als eine Zeitung oder ein Verein."

Bild: journalist

Zu viel "Schöne Haut"? Der E-Paper-Kiosk Zinio zeigte das Focus-Cover nur in der rechten Version.

Medienhäuser scheinen in einer ähnlichen Form von Facebook abhängig zu sein. Normalerweise würde man jemanden, der sich den Geschäftsbedingungen eines Unternehmens nicht unterwerfen will, sagen, er könne ja einfach woanders hingehen, sagt Zeit-Anwalt Nabert. Aber im Fall Facebook "fragen Medienunternehmen dann zurück, wo sie denn hingehen sollen."

Was wäre die Alternative?

Statt über Zensur oder Moral zu reden, müsse man "kartellrechtlich" über das Unternehmen diskutieren, sagt Nabert. Als Beispiel nennt er das Vorgehen der EU-Kommission gegen Microsoft. Weil der Konzern in seinen Betriebssystemen den hauseigenen Internet Explorer als Standardbrowser festgelegt hat, ermitteln die EU-Kartellwächter. Man müsse auch politisch darüber diskutieren, wie sich verhindern lasse, dass Facebook noch größer wird, findet Nabert. Er schlägt vor, Konkurrenten zu fördern, oder das börsennotierte Unternehmen davon abzuhalten, Firmen aufzukaufen.

Dass die Regeln dafür, was "korrekte Bilder" sind, in der digitalen Welt bisweilen bizarr sind, hatte im Mai bereits der Burda-Verlag erfahren. Der internationale E-Paper-Kiosk Zinio protestierte seinerzeit gegen ein barbusiges Titelbild des Magazins Focus zum Thema "Schöne Haut". Die Zeitschrift reagierte darauf auf dem Titelbild seiner Version für Zinio mit einem "Zensiert!"-Balken. Und ein Focus-Sprecher kommentierte verärgert: "Eine von Prüderie getriebene Zensur widerspricht unseren Vorstellungen von Pressefreiheit." Derlei Kritik macht es einem allerdings nicht unbedingt leicht, sich auf die Seite des Burda-Verlags zu schlagen. Denn dass jemand für das Recht, das Thema "schöne Haut" mit möglichst viel unbekleideter Haut verkaufen zu dürfen, die Pressefreiheit ins Feld führt, klingt dann doch etwas gewöhnungsbedürftig.

Ähnlich wie Zeit-Anwalt Nabert forderte nach der Penisbild-Causa auch Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo eine politische Debatte über Facebook. "Jammern hilft nicht gegen Netz-Sheriffs", schrieb er als Reaktion auf eine mehrteilige Zeit-Titelgeschichte über Zensur und zensurähnliche Maßnahmen bei diversen Internetgiganten, die in der Woche erschienen war, nachdem Facebook das vermeintlich anstößige Cover entfernt hatte. An manchen Stellen las sich der Zeit-Titel als Rundumschlag gegen Facebook, Apple und den Rest der digitalen Welt. "Die Schaffung einer nichtkommerziellen digitalen Öffentlichkeit auf die politische Agenda zu setzen, einer digitalen Öffentlichkeit, die nicht den Regeln der Börsen, sondern denen der Öffentlichkeit selbst unterliegt", sei allerdings wichtiger als die Diskussion über die Netz-Sheriffs, so Lobo.

Die Netz-Sheriffs und ihr Regelwerk

Relativ wenig bekannt ist dabei, wer eigentlich die Sheriff-Aufgaben konkret erledigt. Die Plattform Gawker hat im Februar dieses Jahres mit Mitarbeitern und Ex-Mitarbeitern des von Facebook angeheuerten Dienstleistungsunternehmens oDesk gesprochen, die für ein bis maximal vier Dollar pro Stunde als Content-Moderatoren arbeiten. Diese Mitarbeiter löschen Inhalte oder reichen problematische Fälle an Facebook-Angestellte weiter.

Außerdem publizierte Gawker ein Dokument (JPG-Datei), aus dem die Regeln hervorgehen, die Facebook für die Überwacher zusammengestellt hat – und dessen Echtheit der Konzern zumindest grundsätzlich bestätigt. "Jedes Bild", das mit Photoshop bearbeitet worden sei, sowie Fotos betrunkener Menschen, gelte es zu entfernen, heißt es dort. Zerquetschte Köpfe und Gliedmaßen? Gehen in Ordnung ("so long as no insides are showing"). Tiefe Fleischwunden und exzessiv fließendes Blut? Unbedenklich. Sonderlich plausibel klingt das nicht – außer vielleicht für Horrorfilmfans. Immerhin ist in dem Regelwerk auch aufgeführt, dass Postings, in denen der Holocaust geleugnet wird, zu löschen seien – offenbar eine Reaktion darauf, dass entsprechende Äußerungen, anders als im Facebook-Mutterland USA, in vielen Ländern unter Strafe stehen.

Eine weitere Frage zum Einfluss privatwirtschaftlicher Unternehmen auf Inhalte von Journalisten stellte sich vor kurzem bei den Olympischen Spielen. Der Journalist Guy Adams, als Korrespondent für die britische Tageszeitung The Independent in den USA tätig, hatte bei Twitter die Olympia-Programmpolitik des US-Senders NBC heftig kritisiert. Nun ist NBC ausgerechnet ein Unternehmen, das während der Olympischen Spiele eng mit Twitter kooperierte. In einem Posting veröffentlichte Adams auch die dienstliche Mailadresse eines hochrangigen NBC-Managers und verband sie mit der Aufforderung an seine Follower, dem TV-Hierarchen doch einmal ordentlich die Meinung zu geigen.

Das Ergebnis: Twitter schaltete den Account zwischenzeitlich ab. Die Begründung: Es sei gemäß der hausinternen Regeln nicht erlaubt, öffentlich private Mailadressen zu nennen. Kritiker führten an, besagte Mailadresse habe bereits an anderen Stellen im Netz gestanden. Hinzu kommt: Die Syntax der Adresse (vorname.nachname@nbc.com) ist nicht ungewöhnlich. Und inwieweit berufliche Mailadressen überhaupt privat sein können, ist noch mal eine ganz andere Frage.

Eine Einschränkung der Berufsausübung?

Als Adams nach rund zwei Tagen seinen Account wieder nutzen konnte, bemerkte er, ein Journalist könne ohne Twitter heutzutage kaum seiner Arbeit nachgehen. Twitter sei für ihn inzwischen ein "existenzielles Tool". So gesehen bedeutet eine Einschränkung der Twitter-Nutzung auch eine Einschränkung der Berufsausübung.

Es sei nachvollziehbar, dass Adams das so sehe, sagt Mark Dang-Anh, Medienwissenschaftler an der Uni Bonn. "Aber der Fall macht deutlich, dass Twitter nicht zu allererst dazu da ist, die freie Meinungsäußerung zu fördern – auch wenn wir das gern so sehen und Twitter sich selbst gern so darstellt. Twitter ist ein Unternehmen, und die Handlungsmaximen sind der Profit und der Schutz der Geschäftspartner." Dang-Anh hat sich in wissenschaftlichen Artikeln und Vorträgen unter anderem mit Twitter als Element des politischen Diskurses und dem Diskurssystem Twitter: Semiotische und handlungstheoretische Perspektiven beschäftigt.

Bild: journalist

Weil Guy Adams die Mail-Adresse eines NBC-Managers twitterte, schaltete Twitter den Account des Journalisten vorübergehend offline.

Im eigenen Firmenblog betont das Unternehmen allerdings, dass die zwischenzeitliche Abschaltung des Accounts eine Art Kommunikationspanne gewesen sei. Ein Team bei Twitter, das für die Zusammenarbeit mit NBC zuständig gewesen war, hatte Adams' Tweet mit der Mailadresse entdeckt. Die Abteilung informierte NBC und animierte den Sender dazu, den Regelverstoß beim Trust-and-Safety-Team von Twitter zu melden. Das habe aber nicht gewusst, dass Mitarbeiter aus dem eigenen Haus die Beschwerde ausgelöst hätten, heißt es im Blog. Darauf legt Twitter deshalb so viel Wert, weil es grundsätzlich intern keine proaktiven Maßnahmen gegen unzulässige Inhalte gebe. Man reagiere lediglich auf Beschwerden von Nutzern.

Allemal auffällig ist, dass in einem anderen Fall, bei dem es ebenfalls um die Veröffentlichung von Kommunikationsdaten ging, Twitter den Regelverstoß nicht ahndete. Im Mai 2010 war die Musikerin M.I.A aus nachvollziehbarem Grund wütend über einen wenig freundlichen Artikel, den die Journalistin Lynn Hirschberg für die New York Times über sie geschrieben hatte. In ihrem Furor twitterte die Künstlerin die Telefonnummer der Autorin – was wesentlich schwerer wiegt, als eine Mailadresse zu verbreiten. Die beiden Fälle haben gemeinsam, dass die Journalisten jeweils den Kürzeren zogen. M.I.A. war und ist zwar kein Werbepartner von Twitter, aber hätte das Unternehmen einer derart bedeutenden Persönlichkeit des Popgeschäfts wegen einer vermeintlichen Kleinigkeit den Account abgeschaltet, wäre das für das Unternehmen wohl ziemlich unangenehm geworden.

Über den Autor

René Martens arbeitet als freier Journalist in Hamburg. Er twittert unter @renemartens.

 

Die September-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Der Marktführer – Woran RTL krankt. Arrogant, mürrisch, unangreifbar – was RTL mit Dr. House gemeinsam hat

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 10 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

17.09.2012 13:16

Markus Mandalka

Es wäre auch längst an der Zeit, breiter eigene virtuelle Redaktionsräume zur Kollaboration und digitale Archive zu bauen, anstatt sich bei Recherchen, deren Verwaltung und Archivierung in hippen überwachten Gästezimmern der Industrie a la Apple, Google, Evernote, Cloud und Co einzurichten, die JournalistInnen dabei über die Schulter und in die Dokumente schauen können, faktisch durchsetzen können, dass wir z.B. mittels vorgeschobenem Urheberrecht dieses oder jenes Konzerns diesen oder jenen Beleg für Korruption und Co nicht speichern oder wieder abrufen dürfen/können oder einen irgendwann vielleicht auch gar nicht mehr in die vermeintlich eigene über die Zeit mühsam befüllte digitale Bibliothek reinlassen.

Möglich bei Software und Wissen ist ja, dass Mensch gemeinsam an einem digitalen Eigenheim entwickeln oder zumindest dessen Entwicklung mit auch kleinen Beiträgen mitfinanzieren könnte, das sich dann günstig kopieren lässt und das sich so nicht nur die Großen leisten könnten.

Schon reif für von allen und laiengerecht nutzbares Werkzeug mal zusammenzulegen, das danach selbst kleineren Medien, Vereinen, Watchdogs und NGOs zugänglich ist und auch gehört? Ich wäre bereit, ein paar Monate daran zu arbeiten, entsprechendes Wissen und digitale Werkzeuge viel einfacher (Usability) und öffentlich (freie Software und Dokumentation) zugänglich zu machen und starte mal nen Crowdfunding-Versuch:

http://www.mandalka.name/crowdfunding

15.09.2012 09:35

Claudia Berlin

Wie bitte? Alle mit Photoshop bearbeiteten Bilder sollen entfernt werden? Wieso das denn? Ich kann es nicht glauben, Photoshop ist das Standard-Bildbearbeitungsprogramm und ich hab selbst schon Bilder hochgeladen, die keineswegs gelöscht wurden.

 
Anzeige: 1 - 2 von 2.
 
Viavision