Nikolaus Brender - hier vor einer Fernsehratssitzung im Dezember 2009 - stand zehn Jahre an der Redaktionsspitze des ZDF.

Rede zur Verabschiedung von Nikolaus Brender

Der Maßstab Brender wird bleiben

Es ist nicht leicht, über einen Mann zu sprechen, über den in den vergangenen Monaten in der Presse schon so viel geschrieben und über den im Haus schon soviel gesagt worden ist. Nikolaus Brender – öffentlich geadelt, zur Ikone der Unabhängigkeit geworden, vielfach preisgekrönt im Blick auf seine journalistische Leistung, Haltung und Widerständigkeit, aber auch genutzt als Kronzeuge gegen das öffentlich-rechtliche System.

Der Sender ist in den letzten zwölf Monaten mit Brender durch eine Art Fegefeuer gegangen. Auch jetzt, da sich die Dinge geklärt haben, spüren wir noch, wie erschöpft, ja wund das ZDF ist. Nach der Niederlage des Intendanten gegenüber dem Verwaltungsrat hat es Tränen gegeben in den Augen von gestandenen Redakteuren. Und nicht nur dort. Nur zwei Monate später kam es noch einmal zu heftigen Emotionen, nach dem Interview im Spiegel. Der noch amtierende Chefredakteur malte ein Bild des Senders, in dem viele Mitarbeiter sich und ihre Arbeit abgewertet fühlten. Manche, die schon vorher nicht mit ihm zurechtgekommen waren, machten nun aus ihrer Ablehnung keinen Hehl mehr.

Es war eine typische Brender-Situation: der Mann, an den man sich eben noch anlehnen wollte, entzog sich. Im Moment der größten Identifikation suchte er Abstand, ja er stieß sogar zurück. Er schoß übers Ziel hinaus, weil er sich nicht vereinnahmen lassen wollte.

Nikolaus Brender mochte und mag es nicht gemütlich, was man übrigens auch an seinem kargen Büro spürte. Statt Gemälden aus dem ZDF-Fundus, deren Entleihe ja auch intern verrechnet worden wäre, hing ein riesiger Jahresplan mit den wichtigsten Sendungen an seiner Wand. Es war kein Chef-Büro, mehr Werkstatt, wo die Späne fliegen.

Brender blieb als Chefredakteur, in seinen journalistischen Einschätzungen und auch im administrativen Handling, selbst für Vertraute, oft unberechenbar. „Jetzt fangt schon mal an“ – das bedeute im Grunde: „In der nächsten Stunde braucht Ihr nicht mit mir zu rechnen“. Er störte lieber Ruhe und Ordnung, als sich, und sei es als Opfer, gemein zu machen. Bis zuletzt war er der Mann, der lieber einmal zu viel provoziert als einmal zu viel den Mund zu halten.

Nikolaus Brender ist der Typ, der sich für einen Freund in der S-Bahn gegen drei Skinheads stürzt. Wen er aber auf dem Kieker hatte, der musste mit Härte, manchmal demütigender Härte rechnen. Er suchte die Reibung, den Kampf. Respekt fand nur, wer sich wehrte. Beliebt wird man so nicht. Brender blieb auch als Chefredakteur der widerborstige Unruhestifter, der Schwarzwälder Dickschädel. Natürlich erkannte er, wenn er sich verrannt hatte. Zurücknehmen wollte er nichts. Aber es ist eine seltene Qualität, wenn eine Nummer 1 sich öffentlich sagen lässt, dass sie falsch liegt.

Wer ihn in den letzten Tagen in seinem Büro erlebt hat, wo sich die Schrankwand von Tag zu Tag mehr leerte und dabei immer wieder Papiere hervorbrachte, zum Teil noch mit Erinnerungen aus dem WDR, der erlebte einen Mann, der sich über manche öffentlich-rechtliche Kuriosität amüsierte, dem der Abschied aber schwerer fiel, als er zugab. Dennoch erschien er ganz zufrieden mit sich und der Welt. Abgekämpft zwar, vielleicht fertig, doch bei sich selbst und mit viel Überblick.

In den letzten Wochen habe ich Nikolaus Brender noch einmal von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Wir haben sehr systematisch – und sehr fair - Übergabegespräche geführt, von Personal über Finanzen bis zu den Sportrechten. Nach der Vorgeschichte hätte der Mann auch einfach hinschmeißen können. Mich überraschte seine Detailkenntnis, die rhetorische Variationsfähigkeit bis hin zu den ganz sanften Tönen – und seine engsten Mitarbeiter erlebten staunend, dass er meist früher als sie selbst im Raum war. Pünktlich. Eine Kollegin sagte mir: „Das habe ich in zehn Jahren eher selten erlebt“. Es klang eher liebevoll als kritisch.

In den ersten Mainzer Jahren kursierte hier auf den Fluren für den neuen Chefredakteur der Nick-Name – Nikolaus-Namen – „der Bauchbär“, bisweilen, je nach Gefühlslage, variiert zu: „das Bauchbärchen“. Das war halb anerkennend und halb seufzend gesagt. Wieviel emotionale Kraft in Brender steckt, spürt man übrigens am besten beim Telefonieren. Du hast kürzlich darauf hingewiesen, am Telefon könne man einen Menschen am besten kennenlernen. Brenders Stimme kann changieren zwischen eiskalter Klarheit und fast tröstlicher Wärme.

Also, der Bauchbär – das drückte anerkennend aus: der Mann hat ein verdammt gutes Gespür für Situationen, Sendungen, den richtigen Zeitpunkt. Seufzer rief hervor, dass der gemeine Redakteur, Korrespondent und Redaktionsleiter nicht immer nachvollziehen konnte, worauf da noch gewartet werden musste. Für die, die die Entscheidungen dann umsetzen sollten, wurde die Zeit knapp, manchmal zu knapp. Aber das Ergebnis überzeugte dennoch, allermeistens.

Ohne Bauch geht es nicht in so einem Job. Und auch nicht ohne Herz. Vielleicht  erklärt das, woher Brender für die wichtigen Gespräche immer so viel Zeit fand, wie es eben nötig war. Und: auch im schwersten Sturm eigentlich immer relaxed wirkte.

Nikolaus Brenders Leistungsbilanz kann sich sehen lassen: die Moderatorenriege des heute journals neu aufgestellt, die beste im deutschen Fernsehen, das Hauptstadtstudio unabhängig besetzt und gestützt, Frauen ganz nach vorne geholt, mit dem Robo-Cup zur Fußball-EM nicht alle überzeugt, aber ein wundersames Ding in die Welt gesetzt, erst mit dem Videotext genervt, dann ganz entschieden und weitsichtig ZDF-online aufgebaut, schließlich noch ein neues Nachrichtenstudio hingesetzt, das seinem Beinamen Grüne Hölle alle Ehre macht und uns noch beschäftigen wird. Das ist – und ich habe jetzt nicht über den Sport, Sondersendungen, drei Bundestagswahlen, Stress mit den Aulandskorrespondenten und, und, und gesprochen - auf so einem schwerfälligen Tanker wie dem ZDF viel, sehr viel.

Wir jedenfalls erkennen diese Leistung an – und wenn ich nochmal auf unsere letzten Begegnungen in Deinem immer aufgeräumteren Büro zurückkommen darf: mein Eindruck ist, dass mit dem Aufräumen die Zufriedenheit wuchs. Und wenn Du jetzt selbst spürst, was Du hier geleistet hast und was bleibt, anders vielleicht als in schlechteren Momenten vorher, dann ist das auch gut so!

Aber es wäre falsch, den sperrigen Jesuitenschüler jetzt auf dem letzten Meter zu vereinnahmen. Ein Chefredakteur muss Mannschaft spielen können. Er muss aber in vielen Momenten auch aushalten, dass er alleine steht, einen Anstoß gibt, der zunächst abgelehnt wird, er muss kämpfen, überzeugen, sich durchsetzen und dabei auch aushalten, dass ihn seine Leute für durchgeknallt, abgehoben, ja völlig gaga halten. Man muss diese Position nicht kultivieren. Sie ist nicht l’art pour l’art. Aber Einsamkeit auszuhalten, ja Aggression auf sich zu ziehen, Distanz zu ertragen zu Kolleginnen und Kollegen, mit denen man sich fast freundschaftlich verbunden fühlt, das muss man schon. Du konntest das.

Wer vom WDR kommt, der hat, diplomatisch gesagt, oft ein ambivalentes Verhältnis zum ZDF. Brender hat zu Beginn ziemlich unverhohlen zu erkennen gegeben, dass ihm das ZDF nicht wirklich geheuer ist. Bei Klaus Bresser brauchte es gut zehn Jahre – und solcher Quarantänestationen wie das heute journal und die Innenpolitik – bis er zum ZDF-ler und als solcher schließlich Chefredakteur wurde. Von manchen seiner alten Kumpels aus Köln nicht ohne Misstrauen beäugt, ob der Lerchenberg den Mann von Monitor nicht schon versaut hat. Brender kam ohne ZDF-Sozialisation, von Pleitgen zu Stolte, vom Freund Tommy Roth und dem „Bericht aus Berlin“ zu Frey und Hahne – und wie hieß die Sendung, ach ja, „Berlin direkt“. Das Fremdeln, ja vielleicht das Misstrauen hat manchmal und manchem weh getan.

Wer sich da mehr aufeinander zu bewegt hat, Brender aufs ZDF oder das ZDF auf Brender, ist schwer zu beurteilen. Fifty, fifty, würde ich sagen. Er hat jedenfalls viel erreicht. Die Maßstäbe, die Brender gesetzt hast, bleiben als Stachel im Fleisch – und gegen allzu viel Selbstzufriedenheit, zu der man hier oben auf dem Berg zwischen Rhein und Reben halt latent neigt.

Klaus Bresser hat in seinem berüchtigten Esquire-Interview im Dezember 1987, bevor er das Amt antrat, einen Satz gesagt, den sich viele gemerkt haben „Je tiefer man sich bückt, desto leichter kann man getreten werden“. Das hat Franz Josef Strauss damals so verärgert, dass er den schon gewählten, aber noch nicht amtierenden Chefredakteur Bresser am liebsten noch verhindert hätte. Auch damals gab’s Zoff im Verwaltungsrat. Aber Bresser blieb.

Ich habe immer empfunden, dass sich kaum besser als mit diesen Worten ausdrücken lässt, dass es entscheidend an jedem Einzelnen, an seiner Haltung, dem inneren Kompass liegt, ob er getreten wird oder aufrecht durchs öffentlich-rechtliche Leben gehen kann. Es ist ein Satz, an dem man sich festhalten kann.

Leider ist es so, Nikolaus, dass du getreten wurdest, ohne Dich gebückt zu haben. Das tat weh. Dir. Und dem Sender. Es löste aber auch etwas aus. Eine Reaktion, die man uns nicht zugetraut hätte. Da war ein Intendant, der zu seinem Chefredakteur stand, so kratzbürstig der sich manchmal zu seiner Mannschaft und zum Sender verhielt. Und da war eine Mannschaft, die im entscheidenden Moment zum Intendanten und zum ZDF, zur Unabhängigkeit und auch zum Chefredakteur stand. Und es war groß, dass mancher dabei über seinen Schatten gesprungen ist, seine offene Rechnung mit Brender nicht in diesem Moment beglichen, sondern im Gegenteil etwas riskiert hat.

Es wird ja jetzt gerne erzählt, mancher Kollege hätte den Offenen Brief nur unter Druck unterschrieben. Ich halte das für Propaganda. Für mich war und ist es jedenfalls ein Moment aufrechten Stehens, ein Moment, in dem sich die Verantwortlichen der Chefredaktion nicht gebückt haben. Das bleibt eine Basis auch für die kommende Zusammenarbeit. Übrigens könnte ich manchen Namen nennen von Kollegen, die schwer verärgert waren, und ich verstehe das im Nachhinein, dass sie nicht gefragt wurden, ob sie auch unterschreiben wollten.

Ohne die Arbeit von Nikolaus Brender und ohne seine Haltung, an der sich hier jeder Einzelne messen musste, wäre dieser Brief nicht geschrieben worden, der, wenn ich das richtig beobachtet habe, selbst beim WDR Eindruck machte.

Auf den hohen Sockel im Feuilleton und bei Preisverleihungen gestellt zu werden, war Brender selbst nicht nur angenehm. Es hat ihm geschmeichelt, natürlich. Ob er wirklich an seine Einzigartigkeit glaubte, wage ich zu bezweifeln. Im täglichen Umgang konnte er völlig uneitel sein. Beim letzten Besuch im Morgenmagazin mimte er in einer Probesendung für den neuen Moderator den FDP-Generalsekretär Lindner. Er quatschte Wulf Schmiese übrigens tot. Legendär ist auch das Sockenrennen gegen einen dann führenden Mitarbeiter der HR Sport auf dem Flur vor dem Chefredakteurs-Büro.

Brenders Gewicht, ja und auch seine Art von Eitelkeit, zeigte sich an anderer Stelle, zum Beispiel in diesem ungeheuren In-sich-selbst-Ruhen und dem geradezu vulkanischen Ausbruch von Selbstbewusstsein in der legendären Berliner Runde 2005 gegenüber dem noch amtierenden Bundeskanzler. Das war nicht nur eine journalistische Meisterleistung. Vor allem zeigte es Persönlichkeit und sein demokratisches Selbstbewusstsein gegenüber Obrigkeiten, die aus dem Ruder laufen. Sowas kann man nicht in Journalistenschulen lernen. Das bringt man mit. Ein Brender knickt vor den Mächtigen nicht ein.

Nikolaus Brender kann jetzt, eher von vielen respektiert als von allen geliebt, aber mit Stolz, Zufriedenheit und was die beruflichen Dinge betrifft vielleicht doch als halbwegs glücklicher Mensch den sagenumwobenen Lerchenberg verlassen.

Der Maßstab Brender wird bleiben.

Dr. Peter Frey, 

Mainz, den 30.3.2010

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