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Autor

Andreas Thieme

verfasst am

26.07.2011

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Journalistenschulen

Gut ist nicht gut genug

Die Hürden sind hoch. In einer renommierten Journalistenschule die Karriere zu beginnen, bleibt für viele Nachwuchsschreiber ein Traum. Auch für Andreas Thieme. Er hat sich vergeblich um Aufnahme beworben. Hier sein Erfahrungsbericht.

Sie gelten als Kaderschmieden des Journalismus: die Axel Springer Akademie in Berlin, die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und die Deutsche Journalistenschule in München. Wer auf einem der begehrten Plätze landen möchte, muss besser sein als andere: vor allem in den Auswahltests.

So viel vorweg: Bei mir hat es nicht geklappt. Bei keiner der drei genannten Ausbildungsstätten. Reihenweise habe ich Reportagen geschrieben, Wissenstests beantwortet, Prominente wie Politiker auf Fotos identifiziert und einmal sogar an einem Prüfungsgespräch teilgenommen. Aber ich habe es nicht geschafft. So wie viele andere auch.

Im Schnitt bewerben sich einige tausend Interessenten an den drei Schulen. Einen Platz erhalten aber jeweils nur 20 bis 45 Nachwuchsjournalisten. "Vielleicht ist es ein kleiner Trost für Sie, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber diesmal bei rund 2.100 lag", schreibt Henri-Nannen-Schulleiter Andreas Wolfers in seiner Absage, die per E-Mail kommt. In Hamburg scheiterte ich schon an der ersten Hürde: der einzureichenden Reportage. Zwischen fünf Themen konnte ich wählen: Ich entschied mich für die Türsteher und wie sie die Welt sehen. Doch meine Reportage bekam nicht genug Punkte, "um Sie für die Endauswahl einzuladen", so die Begründung für die Absage. Auch mein Kommentar zum Thema "Kommt Qualität von Qual?" überzeugte offenbar nicht. Wenigstens befinde ich mich, "quantitativ gesehen", in guter Gesellschaft.

In Berlin bei der Axel Springer Akademie lief es besser: Meine Reportage zum Thema "Herzinfarktrisiko beim Public Viewing" – ich durfte mir das Thema selbst aussuchen – hievte mich in die zweite Kandidatenrunde. Auch meine Arbeitsproben und die schriftliche Ausführung, warum ich Journalist werden möchte, überzeugte die Auswahlkommission anscheinend. Ich durfte zum Auswahltag nach Berlin anreisen. Das Ticket zahlte der Axel Springer Verlag. 

Zur Vorbereitung auf meinen großen Tag hatte ich gefühlte 500 Fotos angeschaut, mehr als 100 Spiegel- und Bild-Ausgaben gelesen sowie ungezählte Folgen der Tagesschau verfolgt. Doch vor dem Wissenstest heißt es erst einmal: eine flotte Reportage verfassen. "Lug und Trug", lautet das Thema. In vier Stunden recherchieren und schreiben, 3.600 Zeichen, und bitte keine Tippfehler. Wir bekommen zehn Euro und einen Stadtplan in die Hand gedrückt, dazu gibt es ein paar warme Worte an mich und meine 49 Mitbewerber an diesem Tag. Vier Auswahltage sind insgesamt vorgesehen, 200 Kandidaten werden eingeladen und konkurrieren um 40 Plätze. 

Einige Testfragen sind typisch, beziehen sich auf das aktuelle politische Geschehen – man findet sie auf den Websites der Schulen: Welche Frauen haben einen Ministerposten? In welchen Bundesländern wird dieses Jahr der Landtag gewählt? Wer ist Anders Fogh Rasmussen? Andere Aufgaben bedürfen gewisser Branchenkenntnisse. Ergänzen Sie diesen Satz: "Jeder Verleger sollte Gott täglich danken, dass ... mit dem ... die Verlagsindustrie rettet". Antwort: Steve Jobs, iPad. Weitere Wissensabfragen gehören eher in die Kategorie Glücksache. Wer erkennt auf dem Foto den Mann im Poloshirt und mit Schirmmütze über dem Gesicht? Es ist der Golfer Martin Kaymer. Kein Bewerber schafft die volle Punktzahl. Im Durchschnitt werden 65 bis 70 Prozent der Fragen richtig beantwortet.

In München läuft es besser

Einen Monat später bedankt man sich für die Bewerbung "und die Mühe, die Sie sich damit gemacht haben. Leider haben wir keine gute Nachricht für Sie". In die finale Runde komme ich nicht. Das gelingt rund 80 anderen Bewerbern. 40 von ihnen werden genommen, die andere Hälfte bleibt erst mal in der Bewerberschleife.

In München läuft es besser. Bei meiner Bewerbungsreportage gebe ich Vollgas. Einen Tag lang begleite ich Fahrkartenkontrolleure der Stadtwerke in Dortmund, spreche mit dem Abteilungsleiter, lasse zwei Journalistenkollegen den Text gegenlesen, feile tagelang daran herum, bevor ich den Text zur Begutachtung einreiche. Drei Monate später kommt die Einladung. Ich bin zufrieden.

Das Verfahren der Deutschen Journalistenschule (DJS) ist äußert transparent: Drei Prüfer bewerten die Reportage, jeder kann vier Punkte vergeben. Um gute Chancen zu haben, brauche ich die Höchstzahl von mindestens zweien. 

Unter den Bewerbern sind viele Taktierer. Nur 15 Kandidaten werden in der Kompaktklasse aufgenommen, aber insgesamt 30 in der Masterklasse – diese DJS-ler sind dann zugleich an der Uni München eingeschrieben, absolvieren hier Kurse in Medienrecht und -ethik, schreiben im vierten Semester eine 50-seitige Masterarbeit. Ihre Chance auf einen Platz an der DJS ist – quantitativ gesehen – natürlich doppelt so hoch. Meinen viele. Tatsächlich geht dieses Kalkül nicht ganz auf, werden doch etwa 50 Bewerber für die Kompaktklasse und etwa 150 für die Masterklasse eingeladen.

Ob man wirklich studieren möchte, wird im Prüfungsgespräch nachgefragt. Zwei Vertreter der Uni und sechs hochrangige Journalisten sitzen drei nervösen Bewerbern gegenüber. Wo liegt Ihr Forschungsinteresse? Was könnte das Thema der Masterarbeit sein? Wo liegen Bezüge von Journalismus und Wissenschaft? Das akademische Interesse gilt es zu begründen.

Im Vordergrund steht indes der Berufswunsch Journalist. Warum strebt man ausgerechnet zur DJS und nicht an irgendeine andere Journalistenschule? Was sind die Ziele für danach? Warum so viele Praktika? Würden Sie das Foto vom getöteten Osama bin Laden in der Zeitung veröffentlichen? Warum? Wer ist journalistisches Vorbild? Welche Reportage würden Sie mit einem Budget von 5.000 Euro realisieren?

Auf Fragen dieser Art kann man sich vorbereiten. Für den Dialog mit den Profis reicht das nicht: Hier gilt es, zu überzeugen, natürlich zu bleiben, Persönlichkeit und Fachkompetenz zeigen. Kurzum: Man muss es wirklich wollen. "Heiß darauf sein, gerade diese Ausbildung zu absolvieren", wie der damalige DJS-Schulleiter Ulrich Brenner es formuliert. Und auch gute Gründe vorbringen, warum man diese Chance erhalten soll.

Etwa jeder Dritte der eingeladenen Kandidaten wird am Ende aufgenommen. Für die anderen heißt es: Leidenschaftlich bleiben. Hartnäckigkeit zeigen. Weiterschreiben.

Über den Autor

Andreas Thieme ist 27 Jahre alt, hat Kommunikationswissenschaft studiert und arbeitet als freier Journalist in Münster. Er hat 2010 und 2011 an insgesamt drei Auswahlverfahren teilgenommen.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

15.02.2013 12:18

Kirsten Häntzschel

Danke für diesen aufrichtigen Artikel. Da ich mich auch gern bei einer Journalistenschule bewerben möchte, hat mich ihr Artikel angesprochen und mir sämtliche Illusionen genommen. Jetzt weiß ich, dass man wirklich für die Ausbildung brennen muss und es einer gründlichen Vorbereitung bedarf. In diesem Zuge möchte ich sie gern Fragen, was für Arbeitsproben Sie bei Ihrer Bewerbung eingereicht haben. Waren das eher kleine Artikel unbedeutender Zeitungen oder richtig große Reportagen oder "Aufmacher"? Vielen Dank

12.10.2012 09:34

Johannes Kaulfuß

Sehr geehrter Herr Thieme,
was für ein ehrlicher und aufrichtiger Artikel. Bleiben Sie dran, sie sind noch jung, sie schaffen es bestimmt.

11.07.2012 13:16

Sira H

Ich habe tatsächlich ein Frage: Wie waren die Texts denn aufgebaut (offene Fragen oder MC)?

19.08.2011 10:05

Andreas Thieme

Lieber Herr Mahncke,

ich freue mich über Reaktionen zum Artikel. Und stelle die Gegenfrage: Was ist Ihrer Ansicht nach denn ein "ordentlicher" Studiengang, wenn es Kommunikationswissenschaft nicht ist? Kennen Sie Inhalte des Fachs, wenn Sie das sagen?

Interessant finde ich auch die Meinung vieler Branchenexperten, man sollte etwas fachspezifisches studiert haben – über das man dann auch schreibt, wie Sie es anregen. Auch hier würde mich interessieren: Ist man z.B. automatisch "vom Fach", wenn man ein paar Semester in Sportwissenschaft oder Jura eingeschrieben war? Macht einen das zum Experten für die Nationalelf oder Medienrecht?

Ich denke, man muss den Einzelfall sehen und nicht pauschal urteilen. Viele Studenten qualifizieren sich über berufsnahe Tätigkeiten, durch Praktika und jahrelange freie Mitarbeit und Praktika. Ich hatte zB in sechs Jahren Studium fünf journalistische Stationen, die letzte davon übe ich seit zweieinhalb Jahren aus.

Beste Grüße,
Andreas Thieme

07.08.2011 20:35

Jürgen Mahncke

Kommunikationswissenschaften- und über welches Thema will man kommunizieren?? - wenn man nichts ordentliches studiert hat? Und was will der studierte Journalist, der bis auf Lebenserfahrung nie "was gescheites" gelernt oder studiert hat? Es ist halt schick, Journalist zu sein. Doch die Laufbahn eines guten Journalisten sieht gänzlich anders aus.

27.07.2011 21:46

Dennis Fischer

Nur Mut, man kann es auf die DJS schaffen. Ich fand die Zeit in München super, allerdings ist eine Journalistenschule keine Garantie für eine "Karriere".

 
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