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Autor

Interview: Hans Hoff

Fotos: Jan Zappner

verfasst am

30.08.2013

im Heft

journalist 9/2013

Sandra Maischberger im journalist-Interview: "Es ist schrecklich, wenn sich Menschen im Fernsehen verletzen." (Bild: Jan Zappner)

Interview

"Lob kann manchmal mehr verunsichern als Tadel"

Im September ist Sandra Maischbergers ARD-Talk seit zehn Jahren auf dem Bildschirm. Die Sendung hat sich in dieser Zeit mehrfach gewandelt – aber journalist-Interviewer Hans Hoff ist das nicht genug. Er fordert das gute alte Interviewformat zurück: eine halbe Stunde, nach den Tagesthemen, ein Gesprächsgast. Keine Option, entgegnet die 47-Jährige Journalistin und hält dem Interviewer vor, was er zuletzt alles verpasst hat.

journalist: Frau Maischberger, ich wollte gratulieren. Ihre Steinbrück-Sendung war großartig.

Sandra Maischberger: Das ist ja schon mal ein wirklich kompromittierender Anfang. Vielen Dank.

Sind Sie der gleichen Meinung?

Ich fand sie an manchen Stellen ein bisschen zu bissig.

Zu bissig?

Zu verbissen vielleicht. Ich habe mich in zwei, drei Dinge einen Tick zu lang verbissen, zwei, drei Nachfragen gestellt, die man vielleicht gar nicht hätte stellen müssen.

Gerade das hat mir gefallen.

Ich hätte bei den Fragen zu seinen Tränen auf dem Parteitag schon etwas früher merken können, dass da nicht mehr viel kommt. Insgesamt ist es aber schon so, dass man in einem Wahlkampf so ein Gespräch etwas konfrontativer führt als in anderen Zeiten. Der Anteil "zur Person" ist ein bisschen hinter dem Anteil "zur Sache" geblieben.

Sie haben ihn richtig in die Zange genommen. Ich glaube, das können Sie richtig gut.

Wenn ich nur einen Gesprächspartner vor mir habe, ist das leichter, wenn Sie darauf anspielen. Aber wir widmen einem einzigen Gast 75 Minuten nur, wenn wir den Eindruck haben, das Interesse der Zuschauer an dem Gast ist besonders hoch und er hat auch eine erzählerische Qualität, um diese 75 Minuten zu füllen. Man kann Peer Steinbrück vieles absprechen, aber er ist ein glänzender Rhetoriker.

Ich will aber auf Sie hinaus. Sie können das so gut, und Sie machen es so selten.

Das liegt daran, dass wir die Menschen, die es im Sinne des Zuschauers 75 Minuten tragen, nicht so häufig vor uns haben. Wir starteten am Anfang unserer Sendereihe mit einem Interviewmagazin, also mit vier bis fünf Einzelgesprächen zu unterschiedlichen Themen. Das hat überhaupt nicht funktioniert, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht hätten wir länger insistieren müssen, vielleicht war es die falsche Mischung von Themen, vielleicht war es meine Präsenz auf dem Sendeplatz, der von Alfred Biolek geprägt war. Danach haben wir eine Weile nur noch einen einzigen Gast eingeladen, wie jetzt Peer Steinbrück, ohne Publikum. Und nur ein Einziger hat die Zuschauer wirklich gefesselt: Helmut Schmidt.

Das heißt, es gibt keine 40 tragenden Gesprächspartner übers Jahr?

Es gäbe sie vielleicht schon. Aber erstens kommen sie nicht immer, wenn man sie einlädt. Und zweitens arbeiten wir ja nicht im völlig konkurrenzfreien Raum. Wir konkurrieren mit den anderen Sendungen um die Gäste. Wer eine politische Botschaft hat, denkt darüber nach, ob er sie nach den Tagesthemen oder in der Zeit davor verbreiten möchte, weil er da mehr Zuschauer hat. Unser Marktanteil ist sehr gut, spielt da aber keine große Rolle. Oder wie Harald Schmidt immer sagt: Marktanteile kaufen keine Bücher. Die absolute Zuschauerzahl ist natürlich höher, wenn Sie am Sonntagabend nach dem Tatort auftreten.

Da sind wir schon wieder bei Marktanteilen.

Die sind für unsere Gäste nicht unwichtig, und für uns auch nicht. Es ist immer eine Mischung aus dem, was man qualitativ macht und der Frage: Interessiert das genügend Leute, um zu rechtfertigen, dass alle dafür Gebühren bezahlen?

Denken Sie erst in Marktanteilen und dann in Inhalten?

Nein, wir denken beides gleichzeitig. Das Wort Marktanteil klingt ökonomisch und merkantil. In Wahrheit spiegelt es wider, was Sie als Journalist in Ihrem Blatt auch haben wollen, nämlich eine gewisse Menge an Lesern. Wir erreichen nicht mit jeder Sendung gleich viel, aber wir denken schon daran, dass die Sendereihe insgesamt am Ende eine gewisse Resonanz beim Zuschauer haben sollte.

Jetzt sind Sie bei einer gepflegten Gesprächsrunde mit und für Senioren gelandet.

Das können Sie so sehen. Wir sehen das natürlich anders, weil wir die Reaktionen nicht nur von Senioren bekommen, sondern auch von anderen. Aber Talk an sich ist eine journalistische Form, die ein eher älteres Publikum anzieht.

Warum interessieren sich junge Menschen nicht für Talk?

Nicht in ausreichender Zahl. Sie haben vielleicht nicht die Geduld, sich ein Gespräch anderer Menschen über 75 Minuten einfach so anzugucken. Das ist eine Beobachtung, die ich an mir selbst machen konnte. Als ich jünger war, hatte ich nicht die Geduld, anderen nur beim Reden zuzuhören. Ich wollte mitreden. Deshalb glaube ich, dass man diese Form im Fernsehen nicht zu hundert Prozent attraktiv für ein wirklich junges Publikum machen kann.

Das ist im Prinzip ein 60plus-Format.

Das ist nicht nur ein 60plus-Format. Bei n-tv war es ein 40plus-Format, aber es ist auf jeden Fall kein 40minus-Format. Dass ARD und ZDF insgesamt ein älteres Publikum haben, ist eine andere Tatsache. Und die dritte ist: Wir senden in der Stunde vor Mitternacht. Die ganz jungen Menschen müssen dann schon im Bett sein.

Oder sie sind noch gar nicht zu Hause.

Das kann sein. Und wenn sie zu Hause sind, sitzen sie nicht vor dem Fernseher, den sie gar nicht haben. Ich bin ein großer Fan davon, zu fragen: Welche Form passt auf welchen Sendeplatz? Jetzt können Sie sagen: Die Late Night, das kabarettistische Format, findet junges Publikum um die Zeit. Das ist möglicherweise ein Angebot, das auch gut passt. Also: Wir haben ein Format auf einem späten Sendeplatz, das für älteres Publikum besser passt. Das gibt mir den Rahmen vor, in dem ich arbeite.

Sie sprechen wie ein Dienstleister.

Ich bin als Journalistin sicher keine Künstlerin. Ich bin einem Informationsauftrag verpflichtet. Und ich werde den Teufel tun, einer fixen Idee hinterherzurennen, von der ich glaube, die müsste nun alle zu jeder Zeit interessieren.

Aber Sie könnten das doch mal ausprobieren.

Haben wir ja gemacht.

Sie könnten es noch mal ausprobieren.

Wir tun es ja immer wieder. Wir hatten Sendungen mit drei Gästen, wir hatten Sendungen, die ganz ohne prominente Menschen ausgekommen sind. Wir haben sehr politische Sendungen, wir haben gesellschaftsthematische Sendungen. Wir probieren, finde ich, von allen Talkshows am meisten aus. Deshalb kriegen wir auch von Menschen wie Ihnen einen aufs Dach. Wenn wir da einen originellen Menschen sitzen haben, heißt es gleich: Das ist nicht seriös, das ist ein Clown, den sollte man gar nicht präsentieren.

"Wir probieren von allen Talkshows am meisten aus.
Deshalb kriegen wir auch von Menschen wie Ihnen einen aufs Dach."

In all Ihren Jahren sollten Sie gelernt haben, nicht mehr auf Journalisten zu hören.

Tun wir ja nicht. Deshalb machen wir das Programm weiter, so wie es ist. Aber ab und zu lese ich trotzdem, was sie schreiben. Das meiste ist absolut erwartbar.

Aber da könnte doch mal ein Artikel erscheinen, in dem steht, dass Sandra Maischberger ein tolles Format erfunden hat: 30 Minuten, nach den Tagesthemen, ein Gast.

Das hat es da schon gegeben. Unser jetziger Bundespräsident hat das einmal gemacht. Friedman hat das gemacht, und Gabi Bauer hat das gemacht.

Aber keiner könnte das so gut wie Sie.

Das möchte ich nicht kommentieren, weil das eine Wertung der anderen wäre.

Ich vermisse Ihren Ehrgeiz.

Ich habe genug Ehrgeiz. Der besteht auch darin, dass ich möglichst Themen machen möchte, die wir interessant und relevant finden, dass ich mich mit Menschen unterhalte, die ich ebenfalls interessant und relevant finde, immer in dieser Kombination. Ich habe so lange das Einzelgespräch gemacht, dass ich jetzt nicht weiß, warum Sie mich da auf diesem Sendeplatz wieder dazu kaprizieren wollen.

Ich möchte Sie dahin bringen, weil ich das gerne sehen will.

Da sind Sie einer, und dann gibt es noch zwei andere. Das reicht mir nicht. Das wäre so, als machten Sie die Süddeutsche Zeitung und würden plötzlich nur noch den Bayern-Teil anbieten. Das würde Ihrer überregionalen Leserschaft auch nicht reichen.

Aber wenn ich das so manchmal sehe, was da stattfindet, dann ist das sehr ritualisiert.


Geben Sie mir ein Beispiel aus meinen letzten Sendungen.

Sie hatten gerade Sommerpause.

Ich frische Ihr Gedächtnis auf. Wir hatten vor der Sommerpause eine Sendung über Demenz. Haben Sie die gesehen?

Nein.

Die Sendung über Sucht. Haben Sie die gesehen?

Nein.

Die über Steuern? Das ist wahrscheinlich so eine, die Sie meinen. Dann haben wir eine gemacht über Sexismus mit Alice Schwarzer. Haben Sie die gesehen?

Eine Sendung mit Alice Schwarzer gucke ich mir nicht an. Das ist so eine ...

Das ist ein Alleinstellungsmerkmal von Ihnen.

Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden. Ha, da habe ich es untergebracht. Diese Talkfloskel wollte ich unbedingt unterbringen.

Das ist Ihnen jetzt gelungen, aber danach machen wir hier mit der Liste weiter.

Es sind so erwartbare Sachen. Wenn Alice Schwarzer da ist, weiß ich doch, was kommt.

Das sagen Sie, obwohl Sie die Sendung nicht gesehen haben.

Ich habe schon Sendungen mit Alice Schwarzer gesehen.

Ja, aber die Frau ist ja nicht nur erwartbar, sondern gehört zu den Persönlichkeiten, die eine sehr lustvolle rhetorische Auseinandersetzungsfähigkeit haben. Das ist ganz schön für eine Talkshow, jemanden zu haben, der nicht nur ein Argument hat, sondern es auch mit Leidenschaft und Verve vertreten kann. Die Sendung mit ihr war nicht so erwartbar.

Ich habe sie, glaube ich, doch gesehen, und ich fand sie sehr erwartbar.

Na gut, wenn Sie um solche Personen einen Zaun machen, dann dürfen Sie auch keinen Spitzenpolitiker mehr einladen. Da ist auch erwartbar, was er sagt. Deshalb orientiere ich mich nicht an denen, die es, wie Sie, professionell betrachten, sondern auch an dem, was ich als Rückmeldung von Zuschauern bekomme. Wir kriegen ganz viele Briefe, man glaubt es gar nicht. Ich setze mich außerordentlich intensiv damit auseinander. Man kann so eine Sendung nicht vom Reißbrett her denken. Man kann nicht sagen: Diese Person ist zu häufig da. Die nehmen wir nicht mehr, weil es zu erwartbar ist. Es kommt auf die Kombination an. Ich mache Ihnen einen Vorwurf. Sie haben die anderen Sendungen, die ich aufgelistet habe, nicht gesehen. Ich will damit sagen: Wir bemühen uns, Dinge zu tun, mit denen Sie gar nicht rechnen. Wir machen es permanent spannend. Und ich verstehe nicht, dass die Kritik die Sendungen gar nicht sieht, aber danach sagt: Es ist nur für alte Menschen, es kommen nur alte Menschen, und es ist alles erwartbar.

Es ist ja auch so, dass man sich das nicht gerne freiwillig antut, wenn man unter 60 ist.

Nun sind Sie aber Medienkritiker und haben die Pflicht, das zu tun.

Ich habe doch nicht die Pflicht, das jede Woche zu gucken.

Wenn ich ein Interview mit mir führen würde, hätte ich mir mehr Sendungen angeschaut.

Ich muss mir doch nicht zwölf Ihrer Sendungen ansehen.

Doch, ich finde, das ist ein guter Durchschnitt. Aber im Ernst: Ich finde, die Kritik an den Talkshows ist meistens so erwartbar, wie es den Talkshows vorgeworfen wird.

Das heißt: Die Talkshows sind ganz anders? Jung, frisch, überraschend?

Für einen großen Teil unserer Sendereihe am Dienstagabend würde ich das sagen. Und für einen kleineren Teil absolut nicht. Da haben Sie völlig recht. Wenn ich mit Markus Söder und Renate Künast über Steuern rede, ist das zu einem großen Teil ein erwartbarer Schlagabtausch. Ich finde trotzdem, dass man diese Debatten führen muss.

Was geht denn in Ihnen vor, wenn Sie merken, dass ein Gast nicht funktioniert wie geplant, wenn er versagt?

So lange die Sendung läuft, versuche ich, das Versagen zu verhindern. Nach der Sendung, wenn ich festgestellt habe, dass meine Bemühungen versagt haben, bin ich nicht glücklich.

Sie suchen die Gäste selbst mit aus?

Gemeinsam mit der Redaktion. Die Kollegen fahren oft hin, führen mit einer kleinen Kamera ein Vorgespräch. Wir finden den Menschen gut, wir finden die Geschichte gut. Aber dann kommt es zur Sendung. Der Mensch ist nervöser, als er dachte. Die anderen Gäste sind forscher, als wir dachten. Das passiert ständig. Eine Talkshow ist nicht theoriefähig, hat Wolfgang Menge gesagt. Er hatte recht.

"Wir hatten eine Sendung über Demenz. Haben Sie die gesehen?" – "Nein." – "Die Sendung über Sucht?"– "Nein." – "Die über Steuern?" –"Nein."

Haben Sie schon mal in Ihrer Sendung gesessen und gedacht: Verdammt, wie kriege ich die zu Ende?

Zigmal.

Was passiert dann?

Einmal bin ich völlig verstummt, weil ich merkte, die schreien sich so an, dass es keinen Sinn hat, dazwischenzugehen. Das war mit Wolfgang Grupp und Thomas Kramer. Der Familienunternehmer und einer, der in Miami die großen Geldgeschäfte macht. Die haben sich irgendwann nur noch persönlich beleidigt, und daraufhin kam es zu einer Schreierei, die sich wie fünf, sechs Minuten anfühlte. Am Ende waren es vielleicht drei. Ich fand es entsetzlich.

Ich dachte, Ihnen geht in so einem Moment das Herz auf. Hey, hier ist was los. Jetzt gucken alle.

Nein, ich habe dann drei Hirnhälften. Die eine Hälfte weiß: Da sitzen jetzt einige in der Regie und schreien Brot, weil da etwas passiert. Die zweite Hälfte fragt sich, ob der Zuschauer überhaupt noch etwas mitkriegt. Und der dritten Hälfte – das ist dann meine Befindlichkeit –, der ist es peinlich. Das widerspricht meinem Verständnis als Gastgeberin, die versuchen sollte, das Gespräch in Bahnen zu lenken ...

Zu moderieren.


Das ist doch schrecklich, wenn sich Menschen im Fernsehen verletzen.

Wer in eine Talkshow geht, muss doch damit rechnen, verletzt zu werden.

Mein Selbstverständnis ist das nicht. Ich bin ein höflicher Mensch, der ungern unterbricht.

Aber Sie sind doch keine Grande Dame, Sie sind Journalistin. Warum müssen Sie sich da zurückziehen?

Es kann mir dennoch peinlich sein, wenn es da Situationen gibt, die ich nicht ad hoc lösen kann.

Aber sind das nicht die besten Momente?

Nur bei YouTube. Da ist es einer unserer großen Hits.

Jugend. Jugend. Jugend.

Clips. Clips. Clips. Wir machen aber keine Clips. Wir machen 75 Minuten. Ich mache keine 1.30-Dramaturgie. Ganz im Gegenteil. Ich trete an, um einen Dialog zu ermöglichen und den in Bahnen zu leiten. Das ist eine Frage der Gesprächsführung. Und wenn das Gespräch in eine Schreierei ausartet, habe ich versagt.

Das heißt: Ziel Ihrer Sendung ist, Dialog zu ermöglichen?

Sie soll einen Dialog ermöglichen, um den Zuschauern zu helfen, sich eine Meinung zu bilden. Was ich noch sagen wollte: Auf diese Sendung bin ich am nächsten Tag von jedem angesprochen worden. Von sehr intellektuellen Menschen, bei denen ich dachte: Echt, das habt ihr euch angeschaut?, bis hin zu ganz normalen Menschen, die man in der U-Bahn trifft.

Da war es Ihnen dann noch mal peinlich?

Es mildert den Schmerz, wenn am nächsten Tag die Quote gut ist, aber unangenehm war es mir trotzdem.

Und das Lob heilt nicht?

Ich kann Lob und Tadel einsortieren. Sonst könnte ich das, was ich mache, nicht tun. Lob kann manchmal mehr verunsichern als Tadel.

Deshalb habe ich mit einem Lob angefangen. Ich wollte Sie verunsichern.

Das war mir schon klar, dass Sie das nicht ehrlich gemeint haben. Ich fand das nach dem Steinbrück-Gespräch überraschend. Es kam so viel Lob, dass ich dachte, ich habe bestimmt irgendetwas falsch gemacht. Wenn ich mich aber von den Reaktionen in meiner Substanz verunsichern lassen würde, könnte ich meinen Beruf nicht ausüben.

Was ist denn neben dem Markanteil Ihr Ziel: Unterhalten? Meinung bilden? Wissen vermitteln?

Schön, dass Sie schon alles aufgezählt haben. All dies.

Kein Schwerpunkt?

Da ich ja auch in anderen journalistischen Bereichen arbeite, weiß ich, wie viel Informationsvermittlung in einem Gesprächsformat möglich ist. Das Gespräch ist flüchtig. Da sitzen die Menschen nicht mit einem Block vor dem Fernseher und schreiben Fakten mit. Ich glaube, dass so ein Format besser dazu geeignet ist, Meinung zu vermitteln.

Sind Talkshows die Leitartikel dieser Zeit?

Ein Leitartikel ist eine präzise Angelegenheit, eine Talkshow ist das Gegenteil.

Da haben Sie aber schon lange keine Leitartikel mehr gelesen.

Es bleibt aber eine Stimme, die zu mir spricht. In der Talkshow fächert man ein Problem vielstimmig auf und stellt am Ende vielleicht auch fest, dass es keinen salomonischen Weg gibt, das Problem zu lösen. Ich habe nicht mehr diesen Impuls, den ich als junge Journalistin hatte, dass ich aus jeder Sendung mit einer Lösung rauskomme.

Da wären Sie auch besser Sozialpädagogin geworden.

Für viele Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Aber ich werde jetzt mal ganz hochgestochen: Wenn wir Demokratie ernst nehmen, muss doch jeder in der Lage sein, sich eine Meinung zu einem Thema zu bilden. Genau diese Menschen versuchen wir zu erreichen und ihnen das Meinungsspektrum aufzuzeigen.

Ist Talkshow da nicht ein sehr schlüpfriges Gelände? Ich kann eine Talkshow als Gast mit rhetorischen Tricks beherrschen und mit Fakten operieren, die Sie mir im Moment nicht widerlegen können. Ich kann Meinung bilden, und trotzdem ist es falsch.

Dafür ist ja eine Redaktion da. Sie versucht, die Gewichte halbwegs auszutarieren. Ich habe mal Anfang der 90er Jahre bei Spiegel TV eine Sendung gemacht mit zwei Gästen, mit Jörg Haider, der damals noch keine große Rolle in der österreichischen Bundespolitik spielte, und mit Gregor Gysi. Aus welchem Grund auch immer: Gysi hat diesen Austausch rhetorisch klar verloren. Haiders Phrasen waren einfacher und wirkten dadurch klarer. Diese Gewichte auszutarieren, das ist Aufgabe der Redaktion. Man kann das in einem Leitartikel präziser machen, indem man in einem Absatz die eine Haltung und in dem anderen Absatz die andere Haltung beschreibt. Da ist es sauber getrennt. Wir spielen auf einem anderen Gelände. Wir versuchen, durch die Besetzung der Gäste zu gewichten. Im Übrigen gilt das, was Sie sagen, auch für den Bundestag: Da gewinnt auch nicht immer der, der die besten Argumente hat, sondern der, der am besten reden kann. Das ist ein Wesen der Demokratie. Als Konsequenz müsste unsere Gesellschaft viel mehr Wert auf die Ausbildung rhetorischer Fähigkeiten legen.

"Haben Sie schon mal in Ihrer Sendung gesessen und gedacht:
Verdammt, wie kriege ich die zu Ende?" – "Zigmal."

Führen Sie Ihre Talkshow doch einfach an Schulen auf.

Das wäre eine Möglichkeit.

Taugt die Sendung dazu?

In manchen Fällen ja. Ich bin im Kuratorium einer Initiative, die heißt Jugend debattiert. Fabelhaftes Programm. Jugendliche lernen, Standpunkte auszutauschen und auch die, die nicht ihre sind. Das lehrt so vieles. Kollegen im Büro nebenan probieren gerade The English Debate im Fernsehen. Erst spricht einer, der hat eineinhalb Minuten Zeit, dann kommt die Kontraseite.

Das klingt wie Kanzlerduell.

Kanzlerduell ist ein bisschen anders.

Erwarten Sie davon etwas?

Es gibt zwei Dinge, die es diesmal unterscheidbar machen. Da treten zwei gegeneinander an, die sich mal mochten. Diese Konstellation verspricht einiges. Von der Frageseite her gesehen: Da ist nicht viel Spielraum. Sie können nur auf Ihre Formulierkunst setzen, aber nicht wirklich mit anderen Mitteln in die Debatte eingreifen. Da ist Stefan Raab das einzige Element, das den Chaos-Faktor liefert.

Sind Sie froh, dass Sie nicht dabei sind?

Bin ich froh, dass ich nicht dabei bin? Habe ich mir nicht gestellt, diese Frage.

Sind Sie nicht gefragt worden, oder haben Sie sich nicht beworben?

Ich bin natürlich nicht gefragt worden.

Warum?

Werden Sie von der Bild-Zeitung gebeten, einen Kommentar zu schreiben? Nein.

Es ist Ihre ARD.

Es ist ein anderes Fach. Das ist schon besetzt.

Ach ja, Sie sind in der Unterhaltungsabteilung angesiedelt.

Ich sitze vor Ihnen als Unterhaltung.

Das ist doch nur eine relativ schwachsinnige Konstruktion der ARD.

Das sagen Sie, ich werde Ihnen da nicht beipflichten. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Dabei zu sein hätte sicher meine Eitelkeit befriedigt. Inhaltlich fände ich es aber nicht reizvoll.

Ihnen geht es doch nur um die Sache. Sie sind nicht eitel.

Wäre ich im Fernsehen, wenn ich nicht eitel wäre? Nein.

Schauen Sie sich Ihre Sendung hinterher immer noch mal an?

Nicht aus Eitelkeit. Ich gucke meine Sendung, um zu überprüfen, ob das eigene Gefühl übereinstimmt mit dem, was ich sehe. Wenn Sie in einer solchen Sendung sitzen, wissen Sie nicht, wie es am Ende ausgegangen ist.

Sie feiern im September zehnten Geburtstag. Ist das ein Anlass zum Feiern?


Ich finde ja. Fernsehen wird gerne als schnelllebig kritisiert. Zehn Jahre in einer sehr sportlichen Konkurrenz zu bestehen, das ist schon etwas.

Wenn das Interview erscheint, sind Sie 47 Jahre alt. Wenn Sie bis 65 weitermachen, gehen Sie 2031 vom Sender.

Ich habe mit Leuten wie Erich Böhme gearbeitet, der erst nach dem Ausscheiden aus dem eigentlichen Berufsleben richtig losgelegt hat.

Das heißt, die Hoffnung, dass Sie bald in Rente gehen, wird von nichts genährt.

Haben Sie die Hoffnung?

Nein, natürlich nicht.

Ich kann gleich noch mal die Liste mit meinen Sendungen raussuchen und Ihnen vorführen, welche Sie alle nicht gesehen haben.

Ich gehe davon aus, dass ich die meisten nicht gesehen habe.

Davon gehe ich jetzt auch aus. Was war noch mal die Frage?

Wie lange machen Sie noch?


Neben dieser Arbeit stelle ich ja gerade einen Film fertig, der mich sehr viel Kraft gekostet hat. Da erzähle ich in 15 Minuten Berlin. Wir produzieren einen Dokumentarfilm mit Helmut Schmidt und Valéry Giscard d'Estaing für Arte, ein Porträt über Alfred Biolek, Reportagen und Dokumentationen. Es gibt also Dinge, die ich mit wesentlich weniger Aufmerksamkeit und wesentlich weniger Marktanteil tue, weil das für mich zur Beschreibung von Journalismus dazu gehört. Insofern gibt es für mich keine Perspektive, als Journalistin aufzuhören. Was dieses Format angeht, werden wir im elften Jahr sicherlich noch an der einen oder anderen Schraube drehen.

Wo genau?

Auch wenn ich das schon genau wüsste, würde ich es Ihnen jetzt nicht sagen.

Sie sind ja wie alle anderen Talkshows knapp an der Absetzung vorbeigeschrammt. Haben Sie schon eine Dankeskarte an Reinhold Beckmann versandt?


Ehrlich gesagt fand ich die Diskussion ungerecht, was die einzelnen Protagonisten anging. Sie war von uns nicht gewünscht, und sie war zum Teil auch überflüssig. Ich finde, dass man durchaus jeden Abend eine Gesprächsrunde vertragen kann – das ZDF macht das ja auch. Ich fand uns nicht so schlecht, wie wir beschrieben wurden.

Sie schauen durch die Brille der Talkerin.

Ich schaue auch durch die Brille der Zuschauer. Die haben nicht reihenweise abgeschaltet.

Wer ist nach Ihnen der zweitbeste Talker?

Sie müssten mich schon für sehr arrogant halten, würde ich darauf auch nur annähernd antworten.

Ich wollte nur nett aus dem Gespräch aussteigen. So wie ich angefangen habe.

Aha, aber ich kann Ihnen die Frage trotzdem nicht beantworten, weil die Prämisse dieser Frage falsch ist.

Über den Autor

Hans Hoff arbeitet als Journalist in Nideggen.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

30.08.2013 13:47

Norbert Sparding

Im Gegensatz zu Hoff halte ich Maischbergers Steinbrück-Sendung noch immer für total misslungen. Ihr ging es vornehmlich darum, den Kandidaten so schlecht aussehen zu lassen, wie es Medienberlin erwartet - und auf jeden Fall schlechter, als es Anne Will gelungen war. Wenn die von Hoff so geliebte Zange das einzige (journalistische?) Werkzeug ist, wird mehr Emotion als Information vermittelt - da könnte ich doch gleich zum privaten Krawallfernsehen gehen.

30.08.2013 11:11

Wolle Hambricht

Kann mich dem Kommentar anschließen. Die ewig gleichen Gesichter, dazu lädt man völlig debile und fachfremde Leute ein (Was soll ich von einem Pocher zum Thema Finanzkrise erwarten, liebe ARD ???) und es wird sowieso nur bis knapp unter der Wasserlinie getrascht und kein Thema mal vertieft.

Diese Sendungen sind nur dazu da, dem gemeinen Bürger vorzugaukeln, die Politiker würden den ganzen Tag schuften, um uns glücklich zu machen.

30.08.2013 10:51

Klaus Mueller

"Wir machen es permanent spannend."

Allein schon der Gebrauch des momentanen Mode-Adjektivs "spannend" zeigt die Verblendung? Lüge? Ahnungslosigkeit? das Wunschdenken? auf.

Disclosure: ich sehe seit Jahren keine dieser Talkshows und ich sehe auch kaum noch staatstragendes TV oder gar den privaten Schund. Auch wegen solch' Personen (hier oben) ... und immer (!) den gleichen (!) Gesichtern mit immer (!) der gleichen (!) Mimik, Gestik und Sprache in Filmen, die ARD/ZDF selbst herstellt/herstellen läßt.

 
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