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Autor

Interview: Matthias Daniel

Foto: Christian O. Bruch

verfasst am

01.06.2015

im Heft

journalist 6/2015

Florian Harms

"Spiegel Online wird wieder cool"

Seit Mitte Januar ist Florian Harms (41) Chefredakteur von Spiegel Online. Im Interview mit dem journalist erzählt er, was er beim Spiegel zu sagen hat und wie er Spiegel Online wieder nach vorne bringen will.

journalist: Bei der Süddeutschen Zeitung ist der Onlinechef in die Printchefredaktion geholt worden. Beim Spiegel geht es genau andersherum. Anders als Ihr Vorgänger sind Sie reiner Onlinechefredakteur. Wieso?

Florian Harms: Wir haben zwei große Redaktionen, die sehr unterschiedlich arbeiten. Das ist mehr als genug Arbeit für jeweils einen Chefredakteur. Klaus Brinkbäumer und ich verstehen uns als Doppelspitze und stimmen uns bei der täglichen Arbeit permanent ab.

Haben Sie auch etwas beim Printmagazin zu sagen?

Es ist nicht meine Aufgabe zu entscheiden, wie das Magazin gestaltet ist, welche Geschichten ins Heft kommen und welche nicht. Zu meinen Aufgaben gehört es aber, mich dafür einzusetzen, dass wir Themen auf allen unseren Plattformen – Print, Website, Apps, TV-Sendungen – so gut wie möglich inszenieren.

Klaus Brinkbäumer ist außerdem noch Ihr Herausgeber?

Ja, und ich schätze die Zusammenarbeit mit ihm sehr.

Was macht ein Herausgeber bei Spiegel Online?

Das ist ein seit vielen Jahren praktiziertes Modell: Alle Medienmarken mit dem Namen Spiegel fallen darunter. Die Herausgeberschaft könnte bei einem Konflikt über die publizistischen Leitlinien zum Tragen kommen. Den hatten wir bisher nicht, und wir wollen ihn auch in Zukunft vermeiden.

Eigentlich klingt Herausgeberschaft nach etwas anderem als Konfliktfallregelung.

Wie gesagt: Das ist ein althergebrachtes Modell, das noch aus der Augstein-Nachfolge stammt und Teil der Hauskultur ist. Ich habe damit kein Problem.

Ende März haben Sie auf Spiegel Online eine Art Antrittsbeitrag geschrieben. Dort haben Sie gesagt: Wir müssen mit unseren Lesern in Dialog treten, wir müssen unser Profil schärfen und Formate ausprobieren. Ein umfassender und kluger Text. Aber auch ein wenig wohlfeil. Es gab eigentlich nichts, woran man sich hätte reiben oder anecken können. Sind Sie ein Mann der leisen Töne?

Um in Ihrem Bild zu bleiben: Ich spiele auf einer breiten Klaviatur. Ich kann auch laute Töne. Aber alles zum richtigen Zeitpunkt. In diesem Text habe ich mich an die Nutzer von Spiegel Online gewandt, und da brauche ich keine lauten Töne. Wenn man jemandem auf Augenhöhe begegnet, passt es nach meinem Verständnis nicht, ihm mit der Trompete ins Gesicht zu blasen.

Unter dem Beitrag stehen rund 450 Kommentare. Geantwortet haben Sie auf keinen, oder?

Doch, an zwei Stellen habe ich auf konkrete Kritikpunkte geantwortet. Auf weitere Themen, die viele Leser angesprochen haben, gehen wir im Spiegel-Blog ein. Ich habe aber auch Hunderte von E-Mails bekommen, die ich allesamt persönlich beantwortet habe. Das hat mich Tage gekostet. Umso schöner war die Belohnung: Viele Leser waren verblüfft und gerührt, dass der Chefredakteur ihnen antwortet. Diesen Dialog halte ich für sehr wichtig. Das ist etwas, das wir früher nicht gut genug gemacht haben.

Worum ging es bei der Kritik?

Viele Leser haben zum Beispiel angemerkt, wir würden Nachrichtenbeiträge und Meinungsbeiträge vermischen. Offenkundig vermögen viele Nutzer im Onlinekontext nicht zwischen Nachricht und Meinung zu unterscheiden. Und das hat Gründe: Anders als bei gedruckten Zeitungen ähnelt sich das Layout von Online-Artikeln sehr. Das führte dazu, dass Leser uns vorgeworfen haben: Warum schreiben Kolumnisten bei euch die Nachrichten? Da ist uns klar geworden, wir müssen unterschiedliche journalistische Formate im Layout deutlicher voneinander absetzen.

Genau das ist ja die große Gefahr bei Native Ads – also Anzeigen, die im redaktionellen Gewand daherkommen. Weil diese Formate so leicht eins werden mit den Rest.

Für uns ist Transparenz ein absolutes Gebot. Wir haben überhaupt kein Interesse daran, unsere Leser hinters Licht zu führen. Da sind wir dezidiert strikter als manche Mitbewerber. Wir versuchen auch nicht, Nutzer von Google mit vorgetäuschten Inhalten auf unsere Seite zu leiten.

Was Transparenz und Dialog anbelangt, haben Sie ja schon ein wunderbares Tool zur Verfügung, das ein gewisser Stefan Niggemeier bei Ihnen eingeführt hat: den Spiegel-Blog. Aber im Moment funktioniert der nicht.

Mein Beitrag war ja ein Teil des Bestrebens, den Blog zu beleben.

Ansonsten läuft das unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Das stimmt nicht. Aber wir wollen den Blog künftig stärker nutzen. Da wird mehr kommen.

Jetzt bereiten Sie einen Relaunch vor – es heißt "noch in diesem Jahr". Die Süddeutsche Zeitung hat an ihrem neuen Konzept zweieinhalb Jahre gearbeitet. Sie haben zwar im vergangenen Jahr viel Zeit verloren – aber warum muss es jetzt so schnell gehen?

Tatsächlich haben wir mit der Arbeit schon vor einem dreiviertel Jahr begonnen. Ich hätte den Relaunch am liebsten noch viel schneller, aber das ist ein sehr großes und anspruchsvolles Projekt, weil es nicht nur mit einem neuen Layout einhergeht. Die Seite soll klarer, übersichtlicher und auch in der stationären Ansicht ein Stück mobilaffiner werden, weil wir feststellen, dass die Nutzer sich immer stärker an der Mobil-Logik orientieren. Auch technisch ist es eine sehr große Herausforderung, weil wir die Seite adaptiv planen, sie soll sich also an die unterschiedlichen Screengrößen der Geräte anpassen. Ja, es ist ambitioniert, dass wir damit in der zweiten Jahreshälfte rausgehen wollen, aber ich hoffe, dass wir es schaffen.

Laufen Sie nicht Gefahr, dabei den Fehler Ihres Vorgängers Wolfgang Büchner zu wiederholen? Laufen Sie nicht Gefahr, wieder die Redaktion zu vergessen – wenn jetzt alles so schnell gehen soll?

Auf Spiegel Online bezogen sehe ich da in der Vergangenheit ebenso wenig einen Fehler wie in der Gegenwart. Würden wir hier in der Chefredaktion nur mit unserem Art-Direktor zusammensitzen und den Relaunch im stillen Kämmerlein planen, dann wäre das kein guter Weg. So ist es aber eben nicht. Wir haben diesen Relaunch-Prozess zum ersten Mal bei Spiegel Online sehr transparent im Haus verankert. Wir arbeiten daran in einem interdisziplinär besetzten Team aus Chefredaktion, Grafikern, IT, Vermarktung und Projektmanagement. Und wir dokumentieren die einzelnen Arbeitsschritte auf einer digitalen Plattform, zu der alle interessierten Kollegen im Haus Zugang haben und wo sie mitdiskutieren können.

Wenn der Relaunch kommt, ist dann das Thema Bezahlen auch schon mit angefasst?

Wir wollen in der zweiten Jahreshälfte mit einem ersten Bezahlangebot starten. Das wird aber noch kein so großer Aufschlag sein, wie Sie ihn beispielsweise bei den Kollegen der Bild oder der Süddeutschen Zeitung sehen. Wir gehen einen anderen Weg. Wir schauen uns zunächst sehr genau an: Wer sind die Zielgruppen, wer ist bereit, online etwas zu bezahlen? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein, wie muss das Angebot gestaltet sein, dass es sofort als etwas Besonderes erkennbar ist und einen echten Mehrwert vermittelt? Und vor allem: Wie lässt sich das technisch smart und einfach umsetzen? Die meisten Bezahlangebote von Verlagen erscheinen mir noch zu kompliziert. Das Bezahlen muss leicht sein, es muss sich gut anfühlen.

Hört sich an, als würden Sie die Bausteine Ihres Vorgängers Wolfgang Büchner nehmen, das Ganze aber nicht mehr Spiegel 3.0 nennen. Stattdessen sagen Sie einfach, wir machen es schrittweise. Aber Sie müssen ja eine klare Vorstellung davon haben, was am Ende dabei herauskommen soll?

Zunächst mal ist es nicht so, dass wir das Projekt Spiegel 3.0 auf Null gesetzt haben. Im Gegenteil. Auf vielen Ideen können wir aufbauen. Wir wollen zum Beispiel das Thema Dialog mit unseren Lesern weiter vorantreiben. Oder die Frage: Wie verankern wir das Spiegel-Magazin viel präsenter in der Onlinewelt? Dafür hat Wolfgang Büchner gute Konzepte entwickelt. Auch auf den Layout-Vorarbeiten können wir aufbauen. Trotzdem unterscheidet sich der jetzige Prozess. Unser Weg ist jetzt eher iterativ, ähnlich der Projektarbeit eines Start-ups: Wir setzen nicht alle Kraft auf die langwierige Entwicklung eines einzigen Großprojekts, sondern verfolgen mehrere Ansätze parallel. Sobald die so entstehenden Produkte gerade so eben marktreif werden, veröffentlichen wir sie und entwickeln sie dann im Livebetrieb schrittweise weiter. Und sobald wir – hoffentlich – feststellen, dass eines der Produkte gut angenommen wird, setzen wir alle Kraft darauf. Wenn Sie so wollen: Trial und Error.

Wenn Sie über Bezahlinhalte nachdenken, geht es Ihnen dann auch um klassische Inhalte von Spiegel Online, oder geht es in erster Linie um Inhalte von Spiegel Print, die ja jetzt schon online zu bezahlen sind?

Welche publizistischen Inhalte in ein Bezahlangebot fließen und welche frei zugänglich bleiben, wollen wir nun in einem Arbeitsprozess mit Kollegen des Hauses herausfinden. Das eine muss das andere nicht ausschließen, auch Zweitverwertung ist denkbar. Es gilt, die große Reichweite von Spiegel Online zu erhalten und auch weiterhin mit Anzeigen gute Gewinne zu erwirtschaften. Aber klar ist auch: Wir wollen, dass viel mehr von dem Journalismus, den wir hier erarbeiten, bezahlt wird. Das ist wichtig für das Haus, das ist wichtig für die Branche.

Normalerweise denken Verlage bei dem Thema Bezahlen im Netz starr in ihren aus Print erprobten Systemen, nämlich in Abo-Systemen. In welchem Modell denken Sie?

Das ist eine Gretchenfrage, und es wäre vermessen, würde ich behaupten, dass ich die richtige Antwort bereits kenne. Wir werden nur dann Erfolg haben, wenn wir viel ausprobieren und mehrere Ansätze gleichzeitig verfolgen. Manche Zielgruppen lassen sich mit einem klassischen Abo-Angebot gut bedienen. Junge Leute erreichen wir vermutlich eher über ein einfaches und sehr transparentes Kurzzeit-Abo wie bei Spotify. Und dann gibt es neue, spannende Modelle wie Laterpay, wo wir sehen: Das kann genau auf das Bedürfnis einer bestimmten Zielgruppe passen. Das ist viel transparenter als etwa ein Metered Modell.

Metered – X Artikel sind frei, dann muss man bezahlen – ist also nicht Ihr Weg. Ich glaube ja, gerade junge Leser wollen Einzelkäufe. Allerdings wollen es die Verlage nicht, weil es ihnen zu mühsam erscheint.

Für manche Menschen ist ein Abo-Modell sinnvoll. Andere sind nur bei einem anderen Modell bereit zu bezahlen. Wir sollten ihnen die Wahl lassen, möglichst einfach, möglichst ansprechend, ohne Hürden.

Schon eine Weile steht beim Spiegel die gemeinsame Ressortverantwortung auf der Agenda. Die wird jetzt kommen, vielleicht nicht auf einen Schlag, vielleicht nicht für alle Ressorts. Aber auch da knüpfen Sie an die Büchner-Konzepte an, richtig?

Inhaltlich diskutieren wir über ähnliche Themen, aber wir gehen anders vor.

Was ist der Unterschied?

Wir stellen nicht an den Beginn eine Strukturreform, sondern haben einen Prozess initiiert, bei dem wir die Partnerressorts der drei Redaktionen von Spiegel, Spiegel Online und Spiegel TV bitten, gemeinsam Konzepte für eine noch bessere Zusammenarbeit zu entwickeln. Erst kommen die publizistischen Inhalte und die Arbeitsprozesse, dann die Strukturen. Diese Strukturen werden vermutlich von Ressort zu Ressort unterschiedlich ausfallen.

Wie schwer ist das nach den Verletzungen im letzten Jahr?

Natürlich ist dieser Prozess eine große Herausforderung. Viele Kollegen haben die Verletzungen und ihren Frust noch nicht verdaut. Wir nehmen das sehr ernst. Und wir versuchen, alle Kollegen in einem transparenten Prozess auf unserem Weg mitzunehmen, indem wir zwar den Rahmen der Zusammenarbeit abstecken, die konkrete Ausgestaltung aber mit allen gemeinsam entwickeln.

Wolfgang Büchner war jemand, der mit der Printredaktion sehr überworfen war. Mit Online aber nicht. Macht es das Arbeiten für Sie schwieriger?

Nein. Ich schätze Wolfgang Büchner sehr. Ich kenne ihn ja schon sehr lange. Als ich zu Spiegel Online kam, war er CvD. Dann haben wir gemeinsam das Zeitgeschichteportal Einestages aufgebaut. Später hat er mich als CvD an den Newsdesk geholt. Das ist ein spannender, lehrreicher und sehr kollegialer Weg gewesen, der nicht dadurch zu Ende ist, dass Wolfgang jetzt nicht mehr im Haus ist.

Manch einer findet: Einestages war die letzte wirkliche Innovation bei Spiegel Online.

Ich sage es mal so: Bis vor einem Jahr sind wir vielleicht nicht mehr der Innovationsweltmeister im Onlinebereich gewesen. Wir waren es mal, sind es aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gewesen.

Sie untertreiben. Spiegel Online war ein Jahrzehnt lang das Nonplusultra der Nachrichtenwebsites in Deutschland. Aber inzwischen haben Ihnen Zeit und Süddeutsche in Sachen Innovation den Rang abgelaufen. In Sachen Reichweite liegen Bild und Focus vor Ihnen. Wo legen Sie den Schwerpunkt, um wieder Boden gut zu machen?

Als Barbara Hans und ich vor einem guten Jahr übernommen haben, haben wir gesagt: Wir müssen hier Dinge ganz neu anschieben. Um publizistisch wieder stärker zu werden. Um wieder innovativ zu werden. Um neue Nutzer zu erreichen. Deshalb haben wir eine Agenda zur Weiterentwicklung von Spiegel Online formuliert und darin fünf strategische Bereiche definiert, die wir seither systematisch ausbauen. Für jeden dieser Bereiche gibt es einen Kopf, der die Arbeit vorantreibt. Das hat schon viel ausgelöst.

Zum Beispiel?

Wir arbeiten permanent an unserem publizistischen Profil und an neuen Formaten. Wir haben den Bereich Meinung und Debatte verstärkt. Wir bauen unser Mobil- und unser Videoangebot aus und haben eine Entwicklungsredaktion eingesetzt, die ein neues Portal für junge Nutzer konzipiert. Oder nehmen Sie unsere Datenjournalismus- und unsere Storytelling-Formate. Das sieht man der Seite alles an. In letzter Zeit hören wir sowohl von Lesern als auch in der Medienszene immer öfter die Einschätzung: Spiegel Online wird wieder cool. Das ist ein schönes Kompliment, und da machen wir weiter.

Komplimente allein werden nicht reichen.

Wir arbeiten auch an der Reichweite. Ein Beispiel: Spiegel Online hatte bis vor einem dreiviertel Jahr kein systematisches SEO-Management. Es wurde einfach darauf vertraut, dass die Leute weiter auf unsere Startseite kommen. Das tun auch immer noch sehr viele, mehr als 60 Prozent unseres Traffics kommt über unsere Homepage. Aber andere Zugänge, vor allem Google und Social-Media-Kanäle, werden immer wichtiger, deshalb müssen wir sie stärken. Ebenso wie unsere Apps und unser Bewegtbild-Angebot. Da tut sich bei uns einiges. Wir zeigen zum Beispiel mittlerweile jeden Abend einen kompletten Spielfilm auf spiegel.tv.

Aber das nimmt man kaum wahr.

Die Nutzungszahlen sind gut. Aber unser Layout, das seit einigen Jahren weitgehend unverändert ist, soll klarer und übersichtlicher werden. Nach dem Relaunch werden die vielen innovativen Formate, die wir zum Teil jetzt schon haben, viel stärker hervortreten. Ein Beispiel: Derzeit fällt es schwer, auf unserer Startseite aufwendige Storytelling-Formate von einer kurzen Nachricht zu unterscheiden. Das wird sich ändern.

Vor ein paar Jahren haben alle über das iPad geredet, heute reden alle über Mobile.

In Wahrheit reden wir auch schon viel länger über Mobile. Das iPad ist aber spannend ...

... ist es das wirklich noch?

Ja, natürlich. 12 Prozent unseres Traffics kommt über Tablets, vor allem iPads. Aber am stärksten steigen die Zugriffe über Smartphones. Vor allem in unseren Apps. Deshalb haben die bei uns Priorität. Für uns ist das nicht nur eine technische, sondern auch eine inhaltliche Frage: Was bedeutet es, Journalismus für diese kleinen Geräte zu machen? Unser Leitsatz ist: Wir wollen zum passenden Zeitpunkt den passenden publizistischen Inhalt im passenden Format liefern. Es stimmt auch nicht, dass Nutzer auf dem Smartphone nur kurze Texte lesen wollen. Im Gegenteil.

Muss jeder Inhalt künftig mobile-fähig sein?

Ja. Diese Regel habe ich schon vor einiger Zeit aufgestellt, und sie bereitet leider vielen Kollegen sehr viel Arbeit. Aber sie ist richtig. Anders als manche Mitbewerber können und wollen wir es uns nicht erlauben, dass unsere Inhalte nur in manchen Browsern oder Apps laufen. Sie müssen überall einwandfrei abrufbar sein.

Sie haben vergleichsweise viele Leute, die direkt auf die Seite kommen. Dagegen sind die Zugriffe über Social Media eher gering. Da liegen Sie bei etwa 8 Prozent. Die Bedeutung von Homepages nimmt generell ab, dagegen wird Social Media immer wichtiger. Wird das für Sie zum Problem?

Bei Social Media haben wir noch großes Entwicklungspotenzial, weshalb wir einen Social-Media-Strategen eingestellt haben, der den Bereich nun großartig vorantreibt. Was mich freut: Bei Facebook und Twitter haben wir großen Erfolg mit exklusiven Geschichten. Ein Beispiel ist die englische Version einer Recherche des Spiegel-Reporters Christoph Reuter, in der er anhand geheimer Dokumente des "Islamischen Staats" die perfide Strategie des IS beschrieben hat. Der Artikel hat Tausende von Likes bekommen und wurde Tausende Male getwittert.

Künftig kann man komplette Spiegel-Online-Artikel über Facebook lesen. Begeben Sie sich da nicht in große Abhängigkeit gegenüber einem Giganten, auf dessen Handeln Sie so gut wie keinen Einfluss haben?

Nein. Erstens ist das zunächst mal nur ein Test, bei dem wir selbst entscheiden, welche Artikel wir Facebook als Instant Articles zur Verfügung stellen und welche nicht. Zweitens bringen wir unsere Werbung und unsere Zählpixel mit. Und drittens können wir die Kooperation jederzeit beenden, falls wir feststellen, dass sie uns und unseren Nutzern eher schadet als nutzt. Vor allem aber ist sie eine große Chance, neue Erfahrungen bei Social Media zu sammeln und daraus zu lernen.

Auch der Google News Initiative haben Sie sich – als Nachzügler – angeschlossen. Was hat Sie dazu bewogen, doch noch mitzumachen?

Dass wir es auch hier für interessant halten, diesen Prozess aktiv mitzugestalten. Weil er zu neuen Ideen und vor allem technischen Innovationen führen kann, die für die Branche, aber auch für unser Haus interessant sein können. Und natürlich hat er ebenso wie im Fall von Facebook keinerlei Auswirkungen auf unsere unabhängige, kritische Berichterstattung.

Springer-Berater und Ex-Pirat Christopher Lauer hat im Spiegel recht pointiert begründet, warum er diese Initiative für gefährlich hält. Das fanden Sie aber nicht überzeugend?

Ich fand das sehr respektabel. Das war ein spannendes Gespräch, und es war gut, dass wir es abgebildet haben. Für unser Haus halte ich es gleichwohl für sinnvoll, diese Initiative konstruktiv zu begleiten und zu schauen, ob daraus etwas Spannendes entsteht. Diese Firmen wissen sehr wohl, wer wir sind und wie groß unsere Reichweite ist. Wir haben nicht das Gefühl, am Katzentisch zu sitzen.

Ist Onlinewerbung noch ein Wachstumsmarkt?

Ja, davon bin ich überzeugt. Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wie vor 15, 20 Jahren, als das stationäre Internet groß geworden ist. Zunächst kamen die publizistischen Inhalte, später ist der Werbemarkt gefolgt. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir bei Mobile. Dorthin gehen die Nutzer. Und es hat sich gezeigt, dass das Geld den Nutzern folgt. Schauen Sie sich die Schweiz an: Dort ist der mobile Tausenderkontakt-Listenpreis bereits höher als der stationäre.

Bei der Germanwings-Berichterstattung waren Sie sehr vorsichtig, sehr behutsam. Ist das der neue Stil von Spiegel Online? Der Stil von Florian Harms?

Das ist der Stil der Redaktion.

Die aber auch anders kann ...

Ja, hier oder da mal kann. Aber das ist absolut Konsens bei uns: Wir wollen zwar schnell sein, aber wir wollen mit unseren Informationen vor allem richtig liegen. Wir wollen verlässlich sein. Wir mussten nicht die ersten sein, die den Namen des Kopiloten veröffentlichten. Der Name war nicht das Relevante an diesem Ereignis.

Bei der Frage, ob man den Namen nennen sollte, haben manche schon den ersten Haarriss zwischen Ihnen und Klaus Brinkbäumer erkannt. Der Spiegel hat den Namen genannt, Spiegel Online zunächst nicht.

Diese Interpretation ist nicht nur absurd, sondern geradezu lustig. Klaus und ich haben darüber gelacht. Wir arbeiten hier jeden Tag unter Hochdruck an einem minutenaktuellen Medium und treffen schnelle Entscheidungen. Unsere Entscheidung, den Namen zunächst nicht zu veröffentlichen, war in dem Moment richtig, weil die Hintergründe der Katastrophe einfach noch nicht eindeutig offenlagen. Später, als die Ermittler glasklar gesagt haben, dass sie von einer Täterschaft des Kopiloten ausgehen, war es ebenso richtig, den Namen zu nennen. Und zwar einheitlich: im Blatt und online. Das sind inhaltliche Entscheidungen. Da mehr hineinzuinterpretieren, ist schlicht Unsinn.

Es gibt viele Leute, die sagen, die Kluft zwischen Online und Print endet nur, wenn die Onliner in die Mitarbeiter-KG kommen. Sprich, wenn sie genauso viel verdienen wie ihre Printkollegen und auch an dem Unternehmen beteiligt wären. Was denken Sie?

Ich denke, dass wir Onlineredakteure ein gutes Recht haben, an der entscheidenden Stelle im Haus mitzureden. Wir sind die zweitgrößte Redaktion des Hauses. Wir sind entscheidend für die digitale Zukunft des Verlags. Die Frage ist, wie wir das Ziel erreichen. Darüber reden wir, aber wir tun das intern. Und am Ende entscheiden die Gesellschafter des Spiegel-Verlags.

Haben Ihre Kollegen diese Geduld noch?

Ich denke ja. Es wäre nichts gewonnen, würden wir jetzt mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Dem Ziel können wir uns nur durch viele konstruktive Gespräche nähern.

Über dem Webauftritt der SZ steht seit Neuestem nicht mehr Süddeutsche.de, sondern Süddeutsche Zeitung. Das wäre bei Spiegel Online undenkbar, oder? Der Spiegel?

Schauen wir mal.

Über den Autor

Matthias Daniel ist journalist-Chefredakteur.

Die Juni-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Chefredakteur Florian Harms im Interview: "Spiegel Online wird wieder cool"

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