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Autor

Interview: Hans Hoff

Fotos: Sebastián Laraia

verfasst am

07.10.2013

im Heft

journalist 10/2013

Demnächst spielt Ulmen einen Kommissar beim Tatort. "Er wird Ihnen nicht gefallen, Herr Hoff." (Bild: Sebastián Laraia)

Christian Ulmen

"Ich hatte große Angst davor, dummes Fernsehen zu machen"

Die meisten Zuschauer kennen Christian Ulmen als Schauspieler. In seiner zweiten Welt ist Ulmen Geschäftsführer einer Internet-TV-Plattform. Um dieses kostspielige Hobby zu finanzieren, schlüpft er bald erstmals in die Rolle eines Tatort-Kommissars. Demnächst könnte dann Mercedes-Benz als Finanzier einspringen. Ein Interview über gutes Fernsehen und schlechte Gewohnheiten.

journalist: Um Ihnen mal ein schönes Sprungbrett zu öffnen, starte ich mit dem dümmsten aller Fernsehklischees. Das deutsche Fernsehen ist so schlecht, ich schaue nur noch amerikanische Serien auf DVD.

Christian Ulmen: Das stimmt vollkommen und gleichzeitig gar nicht. Diese Serien aus Amerika, die gibt es bei uns nicht. Das ist einfach so, aber deshalb ist das deutsche Fernsehen nicht unguckbar. Es hat seine Qualitäten in anderen Bereichen. Sicher nicht in Fiktion mit einer solchen Tiefe wie in Six Feet Under, sicher nicht in der Erzähldichte wie in 24 oder Under The Dome. So etwas wird hier nicht hergestellt. Insofern stimmt das. Aber daneben gibt es ganz viele andere Sachen, die man sehr gut gucken kann und die es woanders vielleicht nicht gibt. Zum Beispiel Bambule oder Terra X.

Terra X hat schöne Bilder.

Ja, und das ist eine populärwissenschaftliche Sendung, die mich nicht so aggressiv macht wie Galileo. Ich werde da nicht für doof gehalten, und trotzdem verstehe ich alles.

Aber Terra X ist schon ein bisschen sehr betulich.


Ja, aber das ist eine Sonntagabend-19.30-Uhr-Betulichkeit, an die ich mich gewöhnt habe. Damit bin ich fernsehkulturell aufgewachsen. Da habe ich mich vielleicht einlullen lassen. Ich habe mir jetzt eine Satellitenschüssel aufs Dach bauen lassen, um englisches Fernsehen empfangen zu können.

Mit einer Smartcard der BBC?

Man braucht keine Karte, man braucht nur eine Schüssel, die zwei Meter Durchmesser hat. Wenn man britische Dokumentationen guckt, dann ist natürlich erst mal die Sprache toll, die man sofort cooler findet als die eigene, aber ich habe auch den Eindruck, dass die BBC ihre Zuschauer mehr fordert und sie nicht primär für blöd befindet. Die gehen davon aus, dass der Zuschauer schon etwas weiß. Dem muss ich nicht erklären, woraus Bier besteht und wie ein Fisch aussieht.

Man muss den Zuschauer ernster nehmen?

Ja, aber man muss ihn schon auch an die Hand nehmen. Früher bei MTV hatte ich große Angst davor, dummes Fernsehen zu machen. Wir haben uns in der Redaktion grandioses Zeugs ausgedacht, dass wir dann eins zu eins im Fernsehen umsetzten. Ohne Herleitung, ohne Erklärung. Wir haben aber nicht die Überlegung angestellt, dass der Zuschauer in unseren Redaktionsmeetings gar nicht dabei war. Man muss dem Zuschauer also schon erklären, um was es geht und was wir ihm erzählen wollen. Das hat aber nichts mit für dumm verkaufen zu tun.

Ein bisschen muss man ihn aber schon überfordern, oder?

Man sollte ihn überhaupt fordern. An die Hand nehmen? Ja. Aber dann sollte man mit ihm auch irgendwohin gehen.

An Weihnachten läuft ein Tatort mit Ihnen als Kommissar. Fordert das den Zuschauer?


Klar fordert unser Tatort den Zuschauer. Nicht zuletzt weil Nora Tschirner mitspielt.
Wird der Zuschauer in Zukunft noch mehr vom Schauspieler Christian Ulmen kriegen?
Ich finde, drei Filme im Jahr reichen völlig. In der restlichen Zeit widme ich mich meiner Firma und Ulmen.TV. Ein teures Hobby, das ich mir leiste.

Sie subventionieren quer?

Inzwischen trägt sich der Laden. Ich muss hier nichts mehr reinstecken wie im ersten Jahr, aber ich verdiene als Inhaber nichts, weil ich alles reinvestiere. Damit ich leben kann, drehe ich Filme. Das mache ich auch sehr gerne, nur ist es irgendwann auch genug.

Wie wird dieser Tatort mit Ihnen?

Er wird Ihnen nicht gefallen, Herr Hoff. Oder vielleicht doch. Er bricht halt mit ganz vielen Tatort-Regeln. Die Leiche kommt erst in der 17. Minute. Ich kann mir vorstellen, dass manche Menschen finden werden, dass wir da Blasphemie betreiben.

Es gab ja schon einen Riesenaufstand beim Saarland-Tatort.

Beim Saarland-Tatort fand ich das einerseits begründet. Der war ein bisschen holprig. Aber andererseits schreit man doch so oft danach, dass mal etwas Neues ausprobiert werden soll: Alle seien zu verschlafen, zu schnarchig, keiner mache mehr was Mutiges. Und dann macht einer mal nicht dasselbe, und dann kriegt er auch wieder eine runtergehauen. Man kann doch zumindest lobend anerkennen, dass da jemand versucht hat, mit dem Tatort etwas anderes zu machen. Ob das dann handwerklich geglückt ist oder nicht, das ist eine andere Frage.

Sie rechnen damit, dass Sie für Ihren Tatort eine runtergehauen bekommen?

Im Grunde ja.

Wäre das eine Auszeichnung?

Ich weiß nicht, ob mir das schmeichelt. Es bleibt bei solch einem großen Publikum und bei so viel Sehgewohnheit, was den Tatort betrifft, nicht aus, dass Leute sauer werden, wenn sie von ihrer Gewohnheit abgebracht werden. Das ist nichts, worüber ich mich freue. Das ist nichts, worüber ich mich ärgere. Das wird eine absehbare Reaktion sein.

Sie müssen ja ohnehin keine Rücksicht nehmen, weil Ihr Tatort-Engagement als Kommissar nur ein einmaliges Ereignis ist ohne Aussicht auf Fortsetzung.

Doch, die Aussicht gibt es schon. Es wird sogar schon an einem zweiten Teil herumgedoktert. Ich hätte auch große Lust, das noch mal zu machen. Ob wir das dann wirklich noch mal so hinkriegen, weiß ich leider noch nicht.

Haben Sie aus dem Tatort-Abenteuer eine Inspiration für Ihre Arbeit hier mitgenommen? Sie sind ja mit Ihrer Firma Ulmen.TV ganz anders unterwegs.

Nein, nichts. Das befruchtet sich null. Das sind zwei verschiedene Welten. Das eine ist rein die Arbeit als Schauspieler. Ulmen.TV ist etwas völlig anderes.

"Die Sehgewohnheiten im Netz ändern sich.
Es geht weg von dieser Clipisierung, hin zu Langformaten."

Ihre Firma ist ja im Umfeld der deutschen Fernsehlandschaft schon etwas Besonderes. Sie wagen sich an Dinge heran, an die sich andere nicht heranwagen. Sie lassen Benjamin von Stuckrad–Barre und Uwe Wöllner auf die Menschheit los. Ist das hier eine Art Mut-Station?

Diese Sachen finden auch ein komplett anderes Publikum. Wenn mich ein älteres Ehepaar mit Wohnwagen an der Tankstelle anspricht, dann weiß ich, dass die mich nicht von den Web-Shows kennen, die wir hier produzieren. Die kennen mich aus Maria, ihm schmeckt's nicht! Und dann gibt es Leute, die die Sachen gucken, die ich fürs Netz mache und die nicht verstehen, warum ich so Dinger wie Maria, ihm schmeckt's nicht! drehe. Ich bin da wirklich in zwei ganz verschiedenen Wahrnehmungswelten zu Hause.

Mit welchem Anspruch gehen Sie denn an Ulmen.TV heran? Was wollen Sie mit der Firma?

Man muss gucken, wie die gewachsen ist. Ich habe ja 2005 Mein neuer Freund gemacht und war sehr verliebt in dieses Projekt. Ich ging richtig auf in dem, was wir da gemacht haben. Das war toll, dieses Eintauchen in den Alltag von anderen Menschen und darin als Kunstfigur tagelang mitzuleben und Extremsituationen zu provozieren.

Das wurde dann sehr schnell abgesetzt.

Erst einmal wurde es verschoben. Das habe ich als schmerzhaft empfunden. Das ging zwar später wieder auf Sendung, aber da war etwas geschehen. Es sind diese seltsamen Wege beim Fernsehen. Du machst etwas und gibst es dann komplett in die Hände von Geschäftsleuten, die sich mit der Welt, die du da aufgemacht hast, gar nicht auseinandersetzen. Die wollen damit Geld verdienen. Davon bist du abhängig. Du kannst abgesetzt werden oder auf einem späteren Sendeplatz landen. Ich habe dann überlegt, wie man sich emanzipieren kann. Ich sah, dass die Serie bei YouTube in diversen Clips mehrmals über eine Million Mal geklickt wurde. Für das Fernsehen war das zu wenig Quote, aber im Netz eine Riesenzahl. Ich merkte, dass es offenbar eine große Schnittmenge gibt aus Leuten, die im Netz Videos konsumieren und Leuten, die meine Sachen mögen. Da kam die Idee: Mach das Zeug doch einfach im Netz – ohne dich mit Sendern herumzuärgern und herumzuschlagen. Finde raus, ob und wie viel Geld man damit verdient. Und notfalls produzierst du es eben günstiger. Da habe ich eigenes Geld in die Hand genommen und die ersten Clips gedreht. Dann haben wir versucht, die im Netz zu refinanzieren.

Hat das geklappt?

Heute würde es klappen. Heute kann man im Netz mehr verdienen, weil die werbetreibende Wirtschaft das Netz vermehrt aufsucht und nicht nur Werbeclips schaltet, sondern auch Geschichten in Auftrag gibt, wie gerade etwa die Rügenwalder Mühle, für die wir eine kleine Geschichte gedreht haben. 2008 hat das noch nicht funktioniert. Wir mussten das dann noch im Fernsehen zweitverwerten. Nachdem es im Netz gelaufen ist, lief es in der Wiederholung auf Comedy Central und auf MTV, und jetzt lief es in dritter Auswertung auf Tele 5. Ehrlicherweise haben wir es durch die Verwertung auf MTV refinanziert.

Heute ginge das direkt?


In der Größenordnung, in der wir das gemacht haben, würde sich das heute rechnen. Wir haben damals 50 Drei-Minuten-Clips produziert für einen mittleren fünfstelligen Betrag. Heute würden wir das im Netz wieder reinbekommen. Dafür brauchst du aber auch ein Jahr, in dem es gut läuft – mit mindestens eineinhalb Millionen Views im Monat.

Ich gehe mal davon aus, dass der Schauspieler Christian Ulmen da ohne Honorar rausgegangen ist.

Das stimmt. Das war eine Investition. Hätte man einen Schauspieler gebucht, wäre es teurer geworden.

Sie sagen, im Netz muss ich billiger werden. Man kann aber nicht unendlich billiger werden.

Stimmt auch. Darum arbeiten wir ja noch immer mit TV-Sendern zusammen und verkaufen Free-TV-Lizenzen. Das ermöglicht hohes Niveau. Aber unsere Kernformate, die Clips mit Uwe Wöllner unterwegs, sind günstig zu produzieren und haben trotzdem Qualität. Wenn gar keiner mehr klickt und du die 1,2 Millionen Klicks im Monat nicht machst, dann geht auch Web-TV nicht. Dann brauchst du einen sehr reichen Scheich, der sagt: Super Typ, der Ulmen, dem gebe ich im Monat einiges an Kamelen.

Die Scheichs laufen da draußen nicht in Massen rum.


Unser Anspruch ist ja, die Klicks zu generieren. Und wir kriegen die auch, wenn wir ein neues Format an den Start bringen. Die Zuschauer sind nur alle wieder weg, wenn das Format ausgelaufen ist. Mit Uwe Wöllners Who wants to fuck my girlfriend hatten wir zuletzt auf Anhieb diese 1,2 Millionen, und als die Serie ausgelaufen war, war unser Portal beinahe wie leergefegt.

Man muss ständig nachschieben.


Man muss ständig nachschieben oder mit aller Kraft PR machen. Oder du tummelst dich auf YouTube. Das ist die Erfahrung, die ich jetzt gemacht habe, dass du auch bei YouTube Präsenz zeigen musst. Die Leute suchen eben nicht bei Ulmen.TV ihre Clips.

Die sind auch nicht bei Myspass.de, oder?


Die sind bei YouTube. Das ist die Videosuchmaschine. Oder sie geben etwas bei Google ein, und dann landen sie auch bei YouTube. Es ist eine Vision, ein eigenes Webportal wie Ulmen.TV zu kreieren, das Leute bewusst ansteuern, aber das ist eben nur möglich, wenn du dich auch sonst im Netz breit genug aufstellst. Wenn du auf anderen Plattformen nicht auch präsent bist, wird es schwierig.

Bei YouTube kann man aber nur mit Clips reüssieren.


Die Sehgewohnheiten ändern sich gerade. Früher sagte man, du kannst da nur Clips einstellen. Die Leute machen nach drei Minuten alles wieder aus. Inzwischen ist es so, dass die Leute sich auch lange Inhalte ansehen, weil sie gelernt haben, dass sie sich online auch einen ganzen Jauch angucken können oder Serien. Die bleiben dann vor ihrem Laptop sitzen, auch eine Stunde lang. Es geht weg von dieser Clipisierung hin zu Langformaten.

"Mir geht es ja nur um die Freiheit. Ich will mich nicht mit Redakteuren darüber streiten müssen, ob ich als Hauptdarsteller rasiert bin oder nicht."

Sie könnten doch mit Ulmen.TV das deutsche Netflix werden.

Netflix ist gut subventioniert. Da steckt sehr viel Kohle drin. Die bräuchten wir erst einmal.

Sie als Protagonist hätten doch die Power, Menschen für so etwas zu begeistern.

Wir versuchen das permanent.

Kann ich also damit rechnen, dass bei Ihnen demnächst eine richtig hochwertige deutsche Serie läuft?

Wir haben ja mit den Snobs eine, wie ich finde, recht hochwertige Serie hergestellt. Da haben wir auch Investoren gefunden. Das ist ein Kraftakt, aber es ist möglich, ja.

Wo führt das hin? Können Sie damit dem analogen Fernsehen Konkurrenz machen, oder ist das für Sie nur ein neuer Ausspielkanal?

Es ist nicht die Motivation, dem analogen Fernsehen Konkurrenz zu machen. Das wäre eine größenwahnsinnige Idee. Mir geht es ja nur um die Freiheit. Ich will mich nicht mit Redakteuren darüber streiten müssen, ob ich als Hauptdarsteller rasiert bin oder nicht. Ich will mit den Autoren arbeiten, und da kommt dann nicht noch ein Redakteur dazu, der alles, was man sich ausgedacht hat, über den Haufen wirft. Das ist meine einzige Motivation.

Medienjournalist Peer Schader hat in seinem formidablen Blog auf Ulmen.TV über Inhalte geschrieben, die nicht nur betäuben, sondern wirklich unterhalten oder begeistern und die in vernünftigem Maße bezahlbar sind. Da kam der Satz: "Man mag sich gar nicht vorstellen, was hier los sein wird, wenn sich irgendwann ein Unternehmen auf den deutschen Markt traut, um dem Publikum ein Angebot zu machen, das genau das leistet." Könnten Sie nicht genau dieses Unternehmen sein?

Wir sind es ja schon. Aber wir sind jetzt auch gerade auf die Nase gefallen mit einer Produktion, mit dem Funeral Planer.

Worum ging es da?


Funeral Planer ist eine Persiflage auf den Wedding Planer. Es geht um einen Bestatter, der zu Angehörigen geht und denen eine tolle Beerdigung organisiert. So eine mit Schmiss. Das Ganze ist mit Schauspielern besetzt, aber die gehen dann an reale Plätze. Sehr verschroben. Man muss da erst mal durchsteigen, wer Schauspieler ist und wer nicht. Das haben wir aufwendig produziert, weil Tele 5 konkret beabsichtigte, die Free-TV-Lizenz zu erwerben, dann aber in letzter Sekunde einen Rückzieher gemacht hat. Da hatten wir aber schon alles fertig.

Wenn Tele 5 schon einen Rückzieher macht, muss es sehr verschroben sein. Die nehmen doch sonst alles.

Nur von Kalkofe. Vielleicht hat auch Herr Kloiber gesagt: Jetzt reicht es.

Die haben halt viel Furore gemacht mit den Ulmen-Formaten, mit Stuckrad-Barre und mit Who wants to fuck my girlfriend.

Absolut. Aber das war dann wohl zu viel, weil gerade das Letztere quotenmäßig nicht so doll funktioniert hat. Was mich sehr wundert, denn im Netz lief das grandios. Vielleicht hat auch bei der Größenordnung eines Senders wie Tele 5 die vorherige Netzauswertung dazu geführt, dass die Menschen sich das beim Sender nicht mehr angeguckt haben.

Den Funeral Planer sehe ich aber demnächst trotzdem, nur eben später im Netz?

Wir suchen noch nach Kooperationspartnern, die dieses Finanzloch, das da entstanden ist, stopfen. Es könnte beispielweise vor der Ausstrahlung bei Ulmen.TV auf einer anderen Plattform laufen.

Tele 5 will Sie nicht, und das gesamte restliche Anstaltenaufkommen will Sie auch nicht.

Der Funeral Planer war maßgeschneidert für die damalige inhaltliche Ausrichtung von Tele 5: anders, Avantgarde, wahnsinnig. Ich kann mir dafür keinen anderen Sender vorstellen. Ich gehe damit auch nicht auf Tour.

Muss man fürs Internet ganz speziell erzählen?

Muss man nicht. Es gibt diese Sachen, die nur im Netz funktionieren, weil sie eben Zeit brauchen, weil sie Leute brauchen, die das kommentieren, die sich Gedanken dazu machen, die das auf ihrer Facebook-Seite posten, die andere darauf aufmerksam machen. Es gibt aber natürlich auch Formate, die im Netz und genauso im Fernsehen funktionieren. Nehmen Sie Y-Titty. Das sind Clips, die könnten auch bei RTL in einer Comedy-Show laufen.

Man denkt inzwischen ja sogar bei öffentlich-rechtlichen Sendern in anderen Formaten. Nehmen wir nur Friedrich Küppersbuschs Tagesschaum.

Das ist ein klassisches Web-TV-Format. Es ist kurz, es lässt sich verschicken. Du guckst in der Mittagspause am Computer, was Küppersbusch so erzählt. Ich kann mir vorstellen, dass die beim WDR gesagt haben: Die Sendung ist toll bei uns, aber damit generieren wir vor allem Klicks. Das ist schlau.

Findet denn ein Umdenken statt bei den Sendern?

Als wir angefangen und gesagt haben: Wir produzieren es fürs Netz und ihr dürft es dann zeigen, da haben alle Sender gesagt: kein Problem. Zeigt es ruhig vorher im Netz. Die haben das belächelt. Selbst vor einem Jahr bei Tele 5 war das noch so. So konnte unser Geschäftsmodell aber erst funktionieren, weil die Sender das Internet nicht ernst genommen haben. Inzwischen sind alle sehr erpicht darauf, auch die Onlinerechte zu halten. Die versuchen offiziell noch, das analoge Fernsehen als unkaputtbar zu verkaufen, aber sie wissen, dass sie sich online bewegen müssen, weil da die Leute gucken.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihr Stuckrad-Barre einen von den ARD-Talkern ersetzt?

Er könnte Beckmann ersetzen.

Da will die ARD aber Comedy machen.

Ja, eben.

Sie wären skrupellos genug, der hilflosen ARD Benjamin von Stuckrad-Barre als Comedy zu verkaufen?

Ja, es hat ja comedyhafte Einsprengsel.

Wenn Stuckrad-Barre in Form ist, holt er immerhin mehr aus den Politikern raus als alle ARD-Talker zusammen.

Er entlockt Politikern oft Sätze, die sie woanders so nicht sagen. Deshalb könnte er Beckmann ersetzen.

Aber sobald Stuckrad-Barre im Ersten wäre und ein größeres Publikum hätte, würden die Politiker nichts mehr sagen.


Das ist die Frage, ob die Politiker diesem Stuckradschen Einfluss so lange standhalten können. Benjamin macht die so kirre, dass die alles mitmachen. Das würde auch im Ersten funktionieren. Aber das ist nicht unser Anspruch. Wir gehen ja im nächsten Jahr zum RBB und machen da etwas. Aber etwas anderes als jetzt.

Benjamin von Stuckrad-Barre hat Sie ja auch bei Springer reingeholt. Sie haben mit Springer gemeinsam die Mont Ventoux Media gegründet, um Webformate für die Welt zu produzieren.

Der Kontakt lief gar nicht über Benjamin. Aber es passt gut, weil wir mit ihm als Springer-Autor diese Wahlnacht machen dürfen.

Ist das ein One-Off?

Das ist erst einmal einmalig. Nur zur Wahl.

Was passiert danach in der gemeinsamen Firma?

Da werden mehrere Formate entwickelt. Wir haben zur Wahl Satire-Clips mit Hans Zippert gemacht. Für uns ist diese Kooperation mit Springer eine tolle Möglichkeit, mit einem Partner zu arbeiten, der permanenten Hunger auf Bewegtbild hat. Wir können das liefern.

Da Springer komplett aufs Digitale setzt, sind Sie der Mann der Zukunft bei Springer.

Die haben da viele Männer der Zukunft. Wir freuen uns über Aufträge. Es ist kein Deal, bei dem es um massig Kohle geht oder so. Es ist erst mal ein Agreement, dass man zusammen Stoffe entwickelt.

"Mercedes-Benz sollte morgen eine Fiction-Abteilung aufmachen.
Die könnten sagen:
Ich mache eine tolle Fernsehserie, und alle fahren Mercedes."

Kevin Spacey hat in Edinburgh in einer tollen Rede gerade angemahnt, das Verständnis des alten Fernsehens über Bord zu werfen. Er sagt: Gib den Leuten, was sie wollen, wann sie wollen und so viel sie wollen. Dann bezahlen sie auch dafür.

Das ist richtig. Ich bezahle dauernd für gutes Fernsehen. Ich bezahle für The Walking Dead im iTunes-Store, und ich würde, weil ich so süchtig nach Serien bin, auch mehr bezahlen.

Könnte man das auch für den deutschen Markt adaptieren?

Wenn die Inhalte gut wären, ja. Ich rätsele immer noch, warum aus Deutschland so wenig kommt. Warum ist Stromberg schon das Ende der Fahnenstange?

Es müsste doch mal einer hingehen und sagen: Ich produziere eine tolle deutsche Serie, und die siehst du nicht im Fernsehen. Die kannst du im Netz kaufen und im Laden.

Es könnte so gehen, dass große Firmen statt einer Werbekampagne eine Serie finanzieren. Die sagen: Diese Serie spielt im Kosmos unseres Unternehmens. Oder unser Produkt taucht ab und an auf. Darum bezahlen wir das gerne. So wie früher die Soaps auf der Rückseite der Seifenverpackungen. Marken sagen: Wir erzählen jetzt Geschichten und bringen so unsere Produkte an den Mann.

Morgen kann also Mercedes-Benz ins Fernsehgeschäft einsteigen.

Die sollten morgen eine Fictionabteilung aufmachen. Erst einmal online. Das läuft dann viral. Auf YouTube und so weiter. Mercedes-Benz könnte sagen: Ich mache eine tolle Fernsehserie, und alle fahren Mercedes.

Die Serie muss man dann aber nicht kaufen.

Wahrscheinlich kriegt man sie geschenkt.

Mercedes finanziert das, und die Serie erscheint dann unter dem Label Ulmen.TV?

Zum Beispiel. Das könnte ein Weg sein.

Gibt es da dann nicht wieder genau diese Abhängigkeiten, wegen derer Sie sich selbstständig gemacht haben?


Das kann sein. Wenn Mercedes dann will, dass der Bart bei mir abkommt, sage ich: Dann machen wir es mit Fiat. Das ist natürlich eine Gefahr, gegen die man sich wappnen muss, dass man sich da in die nächste Abhängigkeit begibt.

Abhängigkeit zu den ungeliebten Geschäftsleuten.

Das Schöne an denen ist aber, dass sie, anders als Fernsehredakteure, wissen, dass sie keine Ahnung haben.

Da klingt eine gewisse Unzufriedenheit mit Fernsehredakteuren durch.

Es gibt tolle Fernsehredakteure. Immer die, mit denen wir aktuell arbeiten, sind super.

Über den Autor

Hans Hoff arbeitet als Journalist in Nideggen.

Die Oktober-Ausgabe des journalists ist erschienen. https://epaper.journalist.de/index.rnd?sid=1241026696;module=epaper;submodule=overview;id=161Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Transfermarkt Journalismus. Was ein Jobwechsel mit Haltung zu tun hat

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Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

09.10.2013 09:31

Peter Hiller

@Janna Nonchev: Er macht nicht nur web tv, "about kate" ist eine arte-Produktion und sein Ziel ist, gutes Fernsehen zu machen. Es geht um seinen hohen Anspruch an sich selbst und das, was er tut und macht, wie geschrieben ... wo soll die Grenze sein, was eine Gegenfinanzierung betrifft? Die nächste Werbung ist für eine Waffenfabrik? Bin auch raus jetzt ... soll er machen, Und Sie finden's gut ... alles ok...

08.10.2013 21:49

Janna Nonchev

@Peter Hiller: Sorry, ich verstehe es noch immer nicht. Der Ulmen hat ne Firma gegründet und will Web-TV machen. Dabei, so erschließt sich aus dem Interview, ist er in eigene finanzielle Vorleistung gegangen und finanziert das gesamte Projekt durch eigene Leistung, Werbung, Sponsoring.

Was genau ist der Vorwurf? Dass er statt Bio-Läden und Fahrradherstellern McDonalds und Mercedes akquiriert? Oder unterstellst du, dass er die Kohle selbst einsackt und sich ausschließlich an dem Projekt bereichert? Woher nimmst du die Indizien für diese Annahme? Was genau ist hier heuchlerisch?

08.10.2013 17:44

Peter Hiller

@Janna Nonchev: Hier hat doch keiner ein Problem. Heuchlerisch finde ich den hohen Anspruch, den er an sich und seine Projekte stellt und diese dann mit anspruchsmäßig niedersten McDonald und Co Mitteln querfinanziert und damit diesen eigenen Schwachsinnsausverkauf vor sich und den Rest der Welt auch noch als Anschub für seine ach so tollen Projekte begründet. Von der Unterbezahlung ganzer Filmcrews mal abgesehen ... aber es ist ja für 'ne gute Sache ...

08.10.2013 16:18

Janna Nonchev

Finde immer wieder amüsant, dass so viele Menschen Herrn Ulmens Kontostand kennen.

Wo genau wird denn hier geheuchelt? Er sagt, dass er früher quersubventioniert hat und sich der Laden inzwischen trägt.

Er sagt klar, dass er sich von Mercedes-Benz oder Fiat sponsern lassen würde. Und dass Rügenwalder Mühle ein Projekt finanziert hat. Und dass der Springer-Deal keine Kohle, sondern Aufträge verspricht.

Wo ist euer Problem?

08.10.2013 14:36

Peter Hiller

So eine lächerliche Heuchelei ... Herr Ulmen hat sich und seine gesamten Ambitionen mit dieser McDonald-Werbung in den Orbit geschossen, genau wie seine hochkarätigen Kollegen Lara, Vogel, Bleibtreu und Co, die allesamt finanziell wirklich die Wahl gehabt hätten... Warum nicht gleich Werbung für's SDI Programm, bringt bestimmt noch mehr Kohle, die man dann für die "gute" Sache investieren kann.

Dies ist keine Neidkampagne, ich achte "about kate" als versuch sehr ... mal abgesehen davon, kann man den restlichen ulmschen Comedymist echt nicht mit Serien wie Bracking Bad, Homeland und House of Cards vergleichen. Dazu gehört ein bisschen mehr, als sich ein falsches Gebiss ins Gesicht zu setzen und komisch zu reden. Versuchen Sie's weiter Herr Ulmen, ihre Ambitionen sind gut aber lassen Sie sich und Ihren Bart nicht kaufen, weder von schlechten Redakteuren noch von solchen Unternehmen ...

Gilette wäre doch ne Option, Geld und einigermaßen gutes Image, allerdings ist dann der Bart auch ab ...

08.10.2013 12:40

Arnold Landau

Dass dem Ulmen das die Leute noch abnehmen mit dem klein-klein und Anspruch. Er macht Mainstreamfilme, verkauft sich für Springer, dealt mit Bild.de, Maces, Teewurst und Boulevardgazetten. Er hat Schotter ohne Ende. In Interviews versucht er auf Avantgarde zu machen. Who wants to fuck my girlfriend war peinlicher Schrott. Billig produziert und ohne Seele. So ein langes Interview voll von Heuchelei. Unangenehm.

08.10.2013 11:41

Martin Su

"Ich hatte große Angst davor, dummes Fernsehen zu machen" ...
Aber er hatte keine große Angst davor, dumme McDonalds-Werbung zu machen ...

 
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