Detail-Informationen

Autor

Interview: Marvin Milatz

verfasst am

04.02.2015

im Heft

journalist 2/2015

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  • 08.08.2013: Content Marketing: Auftragsarbeiten weiter
"Meinungsstark, aber nicht beliebig" wollen die Chefredakteure von Curved sein: Nils Jacobsen (l.) und Felix Disselhoff. (Bild: Katrin Saalfrank)

Curved

"E-Plus findet bei uns nicht statt"

Technische Neuheiten kommentieren, Smartphones testen, Tablets vorstellen – das Technikportal Curved produziert täglich News und Tests rund um die Mobilgeräteindustrie. Doch hinter der Website steht kein Verlag. Curved gehört zu einer Werbeagentur und finanziert sich weitgehend über den Mobilfunkanbieter E-Plus. Kann das gut gehen? Zum einjährigen Bestehen hat der journalist mit den Curved-Chefredakteuren Nils Jacobsen und Felix Disselhoff gesprochen.

journalist: Soll eigentlich keiner wissen, dass der Mobilfunkanbieter E-Plus Sie bezahlt und kein Verlagshaus?

Nils Jacobsen: Doch klar, steht doch auf unserer Homepage ...

... nur ist der Hinweis "Eine Initiative der E-Plus Gruppe" ganz am Ende der Startseite versteckt. Als Curved-Nutzer muss man danach suchen, um das zu erkennen. Wieso zahlt E-Plus viel Geld für wenig Werbung?

Jacobsen: Ganz einfach: Es geht nicht um platte Werbung, sondern um die journalistischen Inhalte, die wir produzieren. Wir sind ein redaktionelles Angebot.

Curved vertritt also die Interessen von E-Plus?

Felix Disselhoff: Ganz und gar nicht! Es gibt keinerlei Einmischung in den redaktionellen Betrieb. Wir beschäftigen uns nicht mit Mobilfunkanbietern. Tarife finden bei uns nicht statt – und damit auch nicht E-Plus. Wir testen Hardware wie Smartphones, Tablets und Wearables, aber auch Apps und Webdienste. Wir wollen ein relevantes Angebot für unsere technikaffine Zielgruppe bieten und dadurch eine große Reichweite schaffen. So werden wir für Werbekunden interessant.

Welchen vertraglichen Auftrag gibt E-Plus Ihnen?

Jacobsen: Die SinnerSchrader Content GmbH betreibt Curved als eigenständiges Verlagsprojekt.

Und was zahlt E-Plus Curved dafür?

Jacobsen: So viel, dass die Kosten gedeckt sind. Über die genaue Höhe können wir keine Auskunft geben.

Gibt es außer E-Plus noch weitere Werbekunden auf Ihrer Website?

Disselhoff: Jeder kann bei uns Werbung schalten. Zusätzlich machen wir Advertorials. Das sind inhaltliche Kooperationen, die als Werbung gekennzeichnet sind. Zum Beispiel haben wir für ein Elektronik-Versandhaus Quadrocopter ausprobiert und beschrieben, wie sie funktionieren und für wen sie sich eignen.

Jacobsen: Die Advertorials sind klar als Werbung gekennzeichnet, die gibt es auch bei anderen journalistischen Medien. Wir trennen Redaktion und Marketing. Nur so ist es Journalismus. Nur so kann Journalismus im Content Marketing funktionieren. Genau wie etwa Spiegel Online lassen wir uns an unserer journalistischen Qualität messen, nicht an unseren Werbekunden. Bloß haben die Spiegel-Leute mehrere Dutzend Werbekunden, während wir mit E-Plus vor allem einen großen haben.

Ich sehe noch einen Unterschied: Sie empfehlen Produkte, die man dann bei E-Plus im Shop kaufen kann.

Jacobsen: Die kann man natürlich auch im Media Markt oder bei Vodafone kaufen.

Ist das nicht trotzdem Schleichwerbung?

Disselhoff: Der Vorwurf ist absurd. Wie gesagt: Wir schreiben nicht über E-Plus und sind frei von irgendwelchen Weisungen. Ein Beispiel: Wir haben in einem Test einen Kopfhörer verrissen, der einfach nichts taugte. E-Plus hatte den Kopfhörer im Angebot, trotzdem war ihnen das völlig egal. Wie jedes journalistische Produkt funktioniert Curved nur, wenn es glaubwürdig ist. Würden wir ein schlechtes Produkt gut bewerten, dann wären unsere Leser sauer – und würden nicht wiederkommen. Damit wäre weder uns noch E-Plus geholfen.

Sie wollen im Ernst behaupten: E-Plus ist völlig egal, was Sie schreiben?

Disselhoff: E-Plus möchte, dass wir hochwertige Inhalte produzieren. Auf die konkreten Themen jedoch – zum dritten Mal – nimmt E-Plus keinen Einfluss. Wir machen kein Corporate Publishing, sondern Content Marketing.

Und das heißt?

Jacobsen: In Zeiten, da deutsche Verlage nichts mehr wagen, hat E-Plus einiges Geld in die Hand genommen, um ein hochwertiges journalistisches Produkt zu fördern, das es im deutschen Markt so kein zweites Mal gibt.

Disselhoff: Ich verstehe Content Marketing so, dass wir als Journalisten aktuelle Inhalte thematisieren und Trends beschreiben, die für das künftige Marketing des Werbekunden interessant sein können.

Sie haben also Kontakt mit dem E-Plus-Marketing?

Jacobsen: Das Marketing hat keinen Einblick in die Daten, wir sind aber natürlich ein extrem guter Seismograf, was die mobile-affinen Leute da draußen bewegt und interessiert.

Im Februar wird Curved ein Jahr alt. Wann haben Sie gedacht, dass Ihr Portal als journalistisches Medium angekommen ist?

Disselhoff: Innerhalb eines Jahres haben wir uns zu einer festen Größe entwickelt. Bei Lesern wie in der Branche. Hinzu kamen Scoops, die uns den Respekt der Konkurrenz verschafft haben. Zum Beispiel im April vergangenen Jahres. Da haben wir exklusiv berichtetet, wann der Video-Streaming-Dienst Netflix in Deutschland startet. Tags darauf zitierten uns die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Medien weltweit. Im September wurden wir zum Apple-Event nach Cupertino eingeladen. Dass wir als Neulinge sofort dabei waren, fanden Konkurrenten nicht so toll. Wir fanden das natürlich umso toller.

Was finden Leser bei Ihnen, was sie bei Konkurrenten wie Computer Bild oder c't nicht finden?

Jacobsen: Wir sind meinungsstark, aber nicht beliebig. Wir machen keine ellenlangen technischen Testtabellen, sondern testen Produkte praktisch und nah am Nutzer. Mobile Geräte sind heute Lifestyle-Produkte. Es geht uns erst in zweiter Linie um Megapixel und Gigabyte, sondern um die Frage: Funktioniert das Gerät vernünftig und welchen Mehrwert bietet es mir?

Was hält denn die Fachpresse von Ihnen?

Disselhoff: Die einen mögen uns, die verlinken auch auf unsere Artikel. Die anderen eben nicht. Wie heißt es im Englischen? Haters gonna hate! Wichtiger ist doch: Die Leser nehmen Curved extrem gut an. Vom Start weg wachsen wir rasant.

Ihr Urteil nach einem Jahr Curved: Ist Content Marketing ein Zukunftsmodell für den Journalismus?

Disselhoff: Content Marketing wird in Zukunft auf jeden Fall zunehmen. Nicht umsonst fangen immer mehr Firmen damit an, auch große Namen wie Saturn und Zalando. Solange die Unabhängigkeit der Redaktion gewährleistet ist, kann das aus unserer Sicht gut funktionieren. Zudem sind wir extrem datengetrieben und analysieren intensiv, was unsere Leser interessiert.

Jacobsen: Curved macht vor, wie schnell journalistische Projekte heute erfolgreich sein können, wenn man sie außerhalb starrer Verlagsprozesse mit einer hohen Technologiekompetenz angeht. Nur so konnten wir Curved innerhalb von 100 Tagen auf die Beine stellen.

Über den Autor

Marvin Milatz arbeitet für das Wirtschaftsjournalisten-Büro wortwert in Köln.

Die Februar-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Wendepunkt – Wie geht es weiter nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo?

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