Detail-Informationen

Autor

Hans Hoff

verfasst am

04.10.2012

im Heft

journalist 10/2012

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llustration: Tim Möller-Kaya

"Niemand bildet die Realität ab. Alles, was ihr schreibt, ist mehr oder weniger künstlich". journalist-Autor Hans Hoff fordert: "Hört auf, so zu tun als ob!"

Der Journalisten-Mythos

Nichts als die Wahrheit

journalist-Autor Hans Hoff hat einst gelernt, dass das, was Journalisten schreiben, die Wahrheit ist. Nichts als die Wahrheit. Langsam bekommt er Bedenken. Was ist so schlimm an ein bisschen Fantasie? "Vielleicht hilft es ja, wenn alle mal einen Schritt zurücktreten und Revue passieren lassen, was sehr offensichtlich alles nicht oder nicht mehr stimmt im deutschen Journalismus." Sein Vorschlag: Jeder könnte bei sich anfangen, ein klein wenig zu verändern.

Von außen betrachtet wirkt es, als leide der deutsche Journalismus vor allem an der großen Konkurrenz der Googles und Apples, der Suchmaschinen und Smartphones. Die halten die Menschen angeblich davon ab, Zeitungen zu kaufen, fernzusehen, Radio zu hören. Sie treiben also den Journalismus in die Krise. Sagen die Verleger. Sagen die Journalisten, denen nichts mehr einfällt. Sagen die Menschen, denen Verleger und Journalisten gesagt haben, was sie denken sollen. Dabei tun viele so, als sei intern alles in bester Butter, als leide der Journalismus nur unter den Angriffen von außen, gegen die man nur ein Leistungsschutzrecht installieren müsse, dann würde schon alles gut.

Leider ist das nicht mal die halbe Geschichte. Zwar leidet der Journalismus ganz sicher unter jenem Einfluss, für die all die Googles und Apples dieser Welt stehen, er leidet aber auch und vor allem unter einem: sich selbst. Über die Jahre haben sich ungeschriebene Gesetze in den Hirnen der Akteure festgefressen, und sie machen keine Anstalten, von selbst dort wieder wegzugehen. Sie werden in Konferenzen gepredigt, in Leitartikeln beschworen und manchmal in Steintafeln gemeißelt weitergegeben. Einmal verinnerlichte Lehrsätze halten lange. Manche sind nicht einmal mit besserer Erkenntnis zu vertreiben.

Wer im Volontariat lernt, bestimmte Redewendungen zu vermeiden, tut sich auch später noch schwer, sie zu benutzen. Selbst wenn sich die Sprache gewandelt hat. Ich habe vor 25 Jahren einen um die Ohren bekommen, weil ich den Anglizismus einmal mehr benutzt habe. Über Jahrzehnte habe ich ihn vermieden. Inzwischen finde ich ihn als verbales Bindeglied eigentlich recht elegant und würde ihn gern häufiger einbauen. Aber in meinem Hinterkopf sitzt immer noch die Konferenz und mäkelt herum.

 

Die Gegenrede: André Boße, mehrere Jahre Chefredakteur
des Interview-Magazins Galore, antwortet auf den Beitrag
"Nichts als die Wahrheit". weiter

Ähnlich verhält es sich mit der Wahrheit. Ich habe gelernt, dass das, was Journalisten schreiben, die Wahrheit ist. Nichts als die Wahrheit. Weil sie ja Journalisten sind, und Journalisten sind eben der Wahrheit verpflichtet. Wenn Katzen versuchen, sich in den eigenen Schwanz zu beißen, ist das putzig anzuschauen. Bei Journalisten eher nicht.

Jahrzehntelang habe ich das geglaubt, das mit der Wahrheit. Inzwischen fressen Bedenken mein journalistisches Vater-Unser auf – langsam, aber sicher.

Das hat damit zu tun, dass es mir trotz meiner immer noch nachhallenden Konferenzhörigkeit gelungen ist, den einen oder anderen Funken Logik in mein Denken einzuschleusen. Es hat zu tun mit frischen Impulsen, die ich mir täglich aus Blogs, Essays und Man-müsste-sollte-sofort-vielleicht-Leitartikeln sauge. Je mehr ich lese, desto größer werden meine Zweifel, ob all das, was ich einst gelernt habe, noch richtig ist. Ob es nicht vielmehr einer echten Renovierung bedarf, nicht nur in meinen Gehirnwindungen, sondern auch in jenen der Kollegen, die täglich als Formvorlagenausfüller in Galeeren-gleichen Großraumbüros etliche Seiten füllen und viel zu selten zur Besinnung kommen. Früher hatte eine durchschnittliche Zeitungsseite drei, vielleicht vier Elemente und ein paar Meldungen. Heute muss schon mal ein knappes Dutzend Rubriken gefüllt werden. Wer einmal über Stunden nach dem "Zitat des Tages" gesucht hat, weiß, dass man in derselben Zeit auch einen ordentlichen Artikel hinbekäme.

Vielleicht hilft es ja, wenn alle mal einen Schritt zurücktreten und Revue passieren lassen, was sehr offensichtlich alles nicht oder nicht mehr stimmt im deutschen Journalismus. Ich habe das ausführlich getan und bin zu einigen Forderungen gekommen, die ausdrücklich auf keine konkrete Person, keinen nennbaren Fall, an keine bestimmte Institution gerichtet sind. Sie gehen alle an. Jeder kann bei sich anfangen, ein wenig zu verändern.

llustration: Tim Möller-Kaya

Hört auf, so zu tun als ob!

Niemand bildet die Realität ab. Alles, was ihr schreibt, ist mehr oder weniger künstlich. Jeden Tag sind Journalisten Zeugen von Ereignissen, die sie schon durch ihre pure Anwesenheit verändern. Jeden Tag verdichten und verkürzen Journalisten das, was sie erlebt haben. Jeden Tag lassen Journalisten ihr Erleben durch persönliche Vorliebefilter laufen, sie inszenieren die Wirklichkeit, sie spitzen zu und sie schwächen ab. Sie fiktionalisieren zwangsläufig das, was war, weil ihr Text nur der Bote sein kann, nicht das Ereignis selbst. Wer nur die Augen der Mona Lisa daheim an der Wand hängen hat, besitzt nicht die ganze Mona Lisa.

Als dem Spiegel-Redakteur René Pfister der Nannen-Preis aberkannt wurde, schrien manche Skandal, weil der ausgezeichnete Text mit detailgenauen Beschreibungen den Schluss nahegelegt hatte, Pfister sei persönlich in Seehofers Modelleisenbahnkeller gewesen. War er aber nicht. Und er hat auch nicht geschrieben, dass er nie da war.

Er hätte es schreiben können. Es wäre nur ein kleiner Nebensatz gewesen. Erleben wir nicht täglich, wie wir unsere Texte kastrieren, weil wir ihnen Nebensätze beifügen müssen? "Das versteht sonst keiner", sagt die Konferenz, jenes vielmäulige Wesen, das viel zu oft nur eine Sprache kennt. Und wir hören darauf und verschachteln unsere Werke bis zur Unkenntlichkeit. Danach klappen wir unsere Notebooks zu und schauen amerikanische Serien auf DVD.

Wir loben sie, weil sie nicht alles erklären, weil vieles im Dunkeln bleibt, weil sie Wahrheit vermitteln, ohne wahr zu sein. Wir beschweren uns auch nicht, wenn wir an der Haltestelle einen Streit zwischen Frau und Mann mitbekommen, dessen Ende wir nie erfahren, weil der Bus kommt. Halten wir die Szene für unwahr? Beschweren wir uns, weil wir das Ende nicht mitbekommen haben? Nein, wir akzeptieren das Erlebnis als spannenden Wirklichkeitsausschnitt, der eben ohne erklärende Nebensätze auskommt.

Wer Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung für einen fahrlässig vorgetäuschten Besuch in der Küche von Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle tadelt, spricht aus dem Maul der Konferenz, nicht im Sinne der Sache. Schließlich hat Prantl mit seinem fiktionalen Küchenbesuch ein Bild geliefert, das sehr wohl geeignet war, den Porträtierten zu charakterisieren.

Es kann im Journalismus nur um Wahrhaftigkeit gehen, nicht um die reine, die unbefleckte Wahrheit. Um es noch einmal zu sagen: Die reine Wahrheit gibt es nicht. Nicht auf Papier, nicht auf dem Bildschirm, nicht im Radio. Allenfalls in der Redaktionskonferenz wird sie noch verwaltet mit der dem Gremium eigenen Päpstlichkeit.

Es gilt, sich zu emanzipieren von überkommenem Wahrheitsstreben. Erzählt von mir aus fiktional gefärbte Geschichten, aber seid wahrhaftig in eurer Haltung, in der Erkenntnis, die ihr vermitteln wollt! Was ist so schlimm an ein bisschen Fantasie? Wir alle lieben gute Bilder, tolle Geschichten. In dem Sinne sind die Geschichten von Pfister und Prantl wahrhaftig. Zumindest aber tausendmal besser als viele Objektivierungsversuche jener, die an den beiden angeblich vom Weg abgekommenen Schäfchen das Schwarze im weißen Fell suchen.

Ohnehin ist es nicht die detailgenaue Schilderung von Realität, die Texte in diesen Zeiten solitär wirken lässt. Die Fakten stehen in der Regel allen zur Verfügung. Gute Journalisten stricken aus bekannten Fakten ein Netz, das Strukturen zeigt, das Zusammenhänge deutlich macht. Sie verbinden vertraute Punkte auf neue Art. Sie destillieren aus Bekanntem etwas Neuartiges, das sich mühelos in den Rang einer Nachricht befördern lässt. "Ach, so ist das", sagt der Leser am Schluss und wundert sich, dass er nicht selbst darauf gekommen ist. Guter Journalismus funktioniert wie Kunst, bei der oft auch ein paar Striche auf Leinwand den Wert ausmachen. Striche, die jeder hätte malen können.

Schreibt ich!

Die wenigsten Journalisten dürfen ich schreiben. Das Ich-Verbot wurde offenbar auf einer jener Tafeln hinterlegt, die Moses auf dem Berg Sinai in Empfang nehmen durfte. Aus unerfindlichen Gründen hat es das Ich-Verbot nicht in die Top Ten der Gebote geschafft. Dabei rangiert es heute in seiner Verbindlichkeit locker vor der Anweisung, den Feiertag zu heiligen oder die Ehe nicht zu brechen.

Journalisten, so sie nicht Kolumnisten sind oder Selbsterfahrung spiegeln, dürfen nicht ich schreiben. Dabei quillt ihr Ego aus jeder zweiten Zeile. Ein klares ich wirkt glaubwürdiger als das Objektivität vortäuschende man oder verschwurbelte Konstruktionen wie Der Berichterstatter oder Der Autor dieser Zeilen. Hinter Texten stecken Menschen. Diese kenntlich zu machen, ist ein Akt der Wahrhaftigkeit.

llustration: Tim Möller-Kaya

Legt offen!

Ich zu schreiben, ist die eine Form von Offenlegung. Deutlich zu machen, für wen ihr schreibt, eine andere. Die Frage, welchen Karren der Journalist zieht, sollte nie offen bleiben. Bleibt sie aber leider immer häufiger in Zeiten, da nie ein böses Wort über Lokalsender zu vernehmen ist in jenen Zeitungen, die sie betreiben. Selten war ein vernünftiges Wort über das Leistungsschutzrecht in Printprodukten zu lesen. Dafür schießen sie alle gegen ARD und ZDF, die gerne mal als Monster tituliert werden. Wahrhaftiger Journalismus und Darstellung der Realität sehen anders aus.

Seid offen!

Wir regen uns auf über die Scripted-Reality-Dokus der Privatsender, dabei folgt die Entstehung eines durchschnittlichen Artikels oder Fernsehbeitrags einer ähnlichen Methodik. Man bastelt sich eine These und sucht sich dann die passenden Gesprächspartner, die in die Argumentationskette passen. Nicht nur einmal habe ich Kollegen erlebt, die entsprechende Rundfragen am Telefon mit den Worten begannen: "Sind Sie nicht auch der Meinung, dass ...?"

Thesen sind ohnehin so etwas wie die aktuelle wahrheitsverscheuchende Seuche. "Was ist die These?", will der Redakteur schon im Vorfeld wissen. Oder er sagt: "Die These ist folgende." Der These hat sich dann alles zu fügen, denn es geht nicht um eine zu prüfende Annahme, es geht um das vorweggenommene Ergebnis. Nicht selten sitzen Gesprächspartner noch vor dem Mikro, während auf der Website des Senders als Ankündigung schon die knackige These zu lesen ist, zu der ihr Zitat gefälligst zu passen hat.

Das Schlimme daran ist, dass sich außer den Betroffenen kaum jemand über solche Machenschaften beschwert. Während Pfister und Prantl als Fälscher gebrandmarkt werden, kommen solche Realitätsverdreher mangels Fallhöhe meist ungeschoren davon.

Zudem haben willkürlich aus dem Zusammenhang gerissene Gesprächsfetzen oder Zitate leider noch einen viel zu guten Ruf. Dabei sagen sie nichts aus, was der Schreiber nicht intendiert. Gesucht werden Stimmen, die zur These passen. Aber Stimmen müssen sein. Autoren, die zufällig über großes Wissen auf ihrem Fachgebiet verfügen und dies auch niederschreiben, erleben gelegentlich, dass man ihnen den Text zurückreicht mit der Ansage, dass da ja Zitate fehlten. Eine Unsitte. Nicht alles wird gut, weil es jemand anders sagt. So kann man Expertentum vortäuschen, den Lesefluss auflockern, und außerdem will es die Redaktion so. Dient es der Wahrhaftigkeit? Nein!

Kippt den Mythos Recherche!

Wer recherchiert noch wirklich? Wer hat je recherchiert? Natürlich wird der Mythos Recherche hochgehalten, aber mal ganz im Ernst: Früher bedeutete Recherche oft auch nur, einen Anruf ins Archiv zu tätigen und sich alles, was bereits erschienen war, auf den Schreibtisch legen zu lassen. Heute heißt das Archiv Google.

Früher wie heute wird das Archivergebnis bestenfalls angereichert durch eine paar Anrufe. Aber auch das ist keine Recherche. Recherche hat natürlich zu tun mit Archiv, mit Google, mit Telefonaten, aber auch mit Fleiß und Anstrengung, mit Gesprächen, mit Erleben vor Ort und nicht am Schreibtisch. Wer kann sich das noch leisten? Die wenigsten. Und wenn das Geld und die Zeit für eine Reise zur Verfügung stehen, dann muss dabei gefälligst auch etwas herausspringen.

Die Frage lautet aber nicht nur: Wer redet noch mit Menschen vor Ort? Sie lautet vor allem: Wer redet noch mit Journalisten, ohne eine klare Agenda im Kopf zu haben. Merke: Alle wollen was, und die wenigsten wollen das, was der Journalist will.

Was heute von den journalistischen Göttern als Recherche verkauft wird, ist oft nur das, was Whistleblower ihnen gepfiffen haben. Wohin geht aber der Mensch mit den brisanten Informationen? Zum Journalistenbüro um die Ecke? Zur Regionalzeitung auf dem Land? Nein, er geht zum Spiegel, zur SZ, zu Bild. Dorthin, wo seine Information den größtmöglichen Knalleffekt erzeugt.

Bei mir keimt angesichts der Tatsache, dass immer mehr Blätter ein Ressort für investigative Recherche einrichten, ein böser Verdacht. Wenn es für investigative Recherche ein eigenes Ressort braucht, dann entwertet das im Gegenschluss die Arbeit in den restlichen Abteilungen.

Ein bisschen verhält es sich wie mit dem Stempel Exklusiv. Der steht für Stolz, kann aber auch bedeuten, dass alles, wo nicht Exklusiv drauf pappt, beliebig ist, weil man es überall lesen kann. Ein schönes Beispiel lieferte Bettina Wulff, die sowohl dem Stern als auch der Gala in derselben Woche Interviews gab, die beide Blätter als exklusiv verkauften. Außerdem: Was bedeutet exklusiv in Zeiten der Klickmaschinen? Exklusiv ist man höchstens noch für 60 Sekunden. Danach haben es alle.

Vergesst Print-Interviews!

Auch wenn ich selbst noch oft und gerne Interviews führe (siehe Seite 38), halte ich das Genre Print-Interview für tot. Na gut, nicht ganz tot, aber es riecht schon irgendwie komisch. Der Autorisierungswahn hat es gemeuchelt. Was einst der Spiegel einführte, um die Gesprächspartner zu lockern, ist mittlerweile komplett pervertiert. PR-Berater, Manager und sonstige Wichtigtuer streichen nach Belieben in Texten herum, eliminieren Fragen oder fummeln sie nach Gusto zurecht, wenn sie nicht gleich das Interview komplett zurückziehen. Entsprechende Beispiele muss man nicht anführen, weil jede Redaktion etliche in der Schublade oder im Hinterkopf hat. Wer einmal erlebt hat, mit welcher Selbstverständlichkeit Plattenfirmenvertreter, Politberater oder Filmverleihentsandte an Formulierungen herumfeilen, dürfte kaum noch mit dem Glauben gesegnet sein, ein Interview könne irgendetwas erhellen.

Ich kenne Kollegen, die Interviews gar nicht erst aufzeichnen. Sie merken sich, was das Gegenüber gesagt hat und schreiben es hinterher so auf, dass es gut klingt. Wird ja eh noch abgesegnet. Interviews sind nur noch Teil einer Verlautbarungsmaschinerie, die bis ins Detail vorzugeben versucht, was am Ende im Blatt steht. Insbesondere Gespräche mit sogenannten Stars sind obsolet, weil sie so viel Wahrheit enthalten wie ein handelsüblicher Glückskeks. Seltene Ausnahmen, bei denen die Gesprächspartner im Nachhinein wirklich nur Winzigkeiten korrigieren, bestätigen die Regel (siehe Seite 38).

Es sei hier noch mal an Tom Kummer erinnert, der mit seinen wahlweise erfundenen oder zusammengeschnippelten Promi-Interviews viele getäuscht hat. Andererseits hat er die Mechanismen, nach denen viele sogenannte Promi-Interviews funktionieren, erkannt. Er hat sie unterlaufen. Selten waren Sharon Stone oder Brad Pitt klarer zu erkennen als in Kummers Fälschungen. Hätte sich der Autor als Robin Hood des Journalismus inszeniert, würde er heute wohl als Boulevard-Wallraff in den Lehrbüchern der Journalistenschulen geführt. So aber ist er nur eine Fußnote in der Rubrik Betrug.

Weg vom Boulevard!

Der Boulevard an sich ist nichts Böses. Mich erinnert er an die gemeine Pornografie, die jenen Freude macht, die sie konsumieren. Alle anderen sollten sich davon fernhalten. Nicht der Boulevard ist das Problem, sondern die Tatsache, dass sich seine Märchenwelt längst weit ins Seriöse hineingefressen hat. Man betrachte nur mal den Einfluss, den das Boulevardmedium Spiegel Online auf den Spiegel ausgeübt hat. Oder die bunten Seiten der überregionalen Zeitungen. Sie sind der Brückenkopf des Belanglosen. Genau dort lauert die Gefahr. Dass der Boulevard bald in fast allem steckt, dass alles auf Boulevardtauglichkeit geprüft wird. Boulevard ist professionalisiertes Märchenerzählen. Der Boulevard schafft sich im Zweifel seine Welt selbst und sorgt für die Ereignisse, über die er dann berichtet. Das ist sauber zu unterscheiden von der Fiktion, die ein Journalist bei der Suche nach Wahrhaftigkeit einsetzen darf und soll.

llustration: Tim Möller-Kaya

Schweigt!

Vergesst Parteitage und die Vorstellung des neuen iPhones. Solche Massenveranstaltungen bringen abseits von Verlautbarung keinen Effekt. Sie kosten nur Geld. Für Reise, Hotelübernachtungen und ein paar Drinks zu viel. Was tun Reporter dort? Brandheiße Geschichten abgreifen? Lächerlich. Warum berichten, wenn alle berichten, anstatt die Frage zu stellen, was ich besser kann? Wer ist so arrogant anzunehmen, dass Leser oder Zuschauer nur dieses eine Medium nutzen und es daher Schaden anrichten könnte, wenn man aus klug gewähltem Anlass schweigt? Pflegt stattdessen das anlasslose Schreiben. Geburtstage sind kein journalistisches Kriterium, auch wenn sie heutzutage so gehandelt werden, und Ereignisse sich erst dann zu solchen verwandeln, wenn ein Jahrestag oder ein Jubiläum anstehen, wenn ein Film zum Thema in die Kinos kommt.

Dies sind acht mehr oder minder kategorische Imperative. Es sind keine sieben und keine zehn. Es sind genau so viele, wie mir nach reiflichem Überlegen in den Sinn gekommen sind. In einer deutschen Durchschnittsredaktion käme wohl jetzt einer und würde mich auffordern, mir noch zwei Imperative zusätzlich zu überlegen. Warum? Weil man das so macht. Zehn ist eine runde Zahl. Außerdem war da doch mal was mit den Geboten. Meine Antwort: Das, was man so macht, sollte man besser erst machen, wenn man nachgedacht hat. Sonst kann man gleich bleiben, wie man ist.

Über den Autor

Hans Hoff (57) war zehn Jahre lang Medienredakteur der Rheinischen Post und bestreitet derzeit seinen Lebensunterhalt durch Beiträge für die Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag und den journalist. Seit 20 Jahren betreut er den Musikteil des Stadtmagazins Biograph. In einem früheren Leben hat er als diplomierter Sozialpädagoge beim Jugendamt Düsseldorf gearbeitet und ist in dieser Zeit durch erste Beiträge für Sounds in den Journalismus abgerutscht.

 

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Titelthema: Der Journalisten-Mythos: Nichts als die Wahrheit. journalist-Autor Hans Hoff fordert: "Hört auf, so zu tun als ob!".

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

04.11.2012 17:09

Ulrich Hottelet

Dem sehr gut und flüssig geschriebenen Beitrag stimme ich in großen Teilen zu. Das Drängen mancher Redakteure auf Thesen, die durch entsprechend hingebogene Recherchen erhärtet werden sollen, steht der möglichst wahrhaftigen Schilderung der Realität, die sich der Journalismus auf die Fahnen geschrieben hat bzw. geschrieben haben sollte, allzu oft entgegen. Offenbar trauen solche Redakteure ihren Lesern nicht zu, selbst zwischen den Fakten und Argumenten im Text nüchtern abwägen und sich daraus eine eigene Meinung bilden zu können. Tja, die Wirklichkeit ist bisweilen komplex und lässt sich nicht immer in eine These aus ein oder zwei Sätzen pressen.

Auch dem Autorisierungsunwesen sollten Journalisten mit Rückgrat entgegentreten, insbesondere wenn es sich um keine Interviews in Frage-Antwort-Form handelt und die Gesprächspartner daher keinen Anspruch auf Autorisierung haben. Zu viele Kollegen lassen sich leider dennoch darauf ein. Selbst wenn die Aussagen nicht nachträglich gravierend verändert und hingebogen werden, liest sich das Ergebnis zu oft wie ein dröger PR-Text. In einem solchen Schriftdeutsch spricht kein Mensch und das will auch kein Mensch so lesen. Grund für den Wunsch nach Autorisierung ist häufig die Wichtigtuerei von Pressesprechern, die ihren Arbeitgebern so ihre Existenzberechtigung demonstrieren wollen. Im Übrigen stellt diese Unsitte eine inakzeptable Benachteiligung von Print- und Online-Medien gegenüber dem Rundfunk dar. Denn bei Radio- und Fernsehinterviews können die Gesprächspartner hinterher auch nicht ihre Aussagen verändern. Dass andererseits Zitate korrekt wiedergegeben werden und nicht hinfrisiert werden (z.B. um gewünschte Thesen anzufüttern, siehe oben), sollte zum selbstverständlichen Handwerkszeug seriöser Journalisten gehören.

22.10.2012 10:05

Claus Fritzsche

Klasse: 127 von 100 möglichen Punkten.

Und trotz vieler Worte gut auf den Punkt gebracht!

10.10.2012 14:49

Andrea Nagl

Das spricht mir aus der Seele - endlich schreibt das wer, und schreibt es auch noch gut.

09.10.2012 20:52

Tom Levine

Manches von dem, was der verehrte Kollege analysiert, deckt sich mit meinen Beobachtungen. Als jemand, der nach jahrelanger Tätigkeit als Korrespondent und Politik-Reporter seit einigen Jahren im Corporate Publishing arbeitet, sehe ich mich häufig dem Angriff ausgesetzt, PR zu betreiben. Das stimmt zwar in gewisser Weise; allerdings finde ich es viel ehrlicher, für einen klaren Absender zu schreiben, als wie zuvor den Kampagnenjournalismus von Redaktionsleitungen oder Verlagsgeschäftsführungen zu unterstützen, der unter dem Deckmantel journalistischer Objektivität betrieben wird. Was ich nicht teile, sind Hoffs Thesen – gegen Boulevard oder Vermischtes, gegen kurze Geschichten oder den 10-Punkte-Plan zu polemisieren bringt den Journalismus auch nicht weiter. Die Zeiten, in denen Menschen lange, schlecht layoutete Texte ohne Bilder lesen, sind nicht vorbei, aber der Markt dafür ist deutlich kleiner geworden. Wir müssen schon ein bisschen mehr Phantasie und Kreativität aufbringen, um Leserinnen und Leser zu gewinnen. Wahrhaftigkeit ist sicher kein schlechtes Stichwort; ich selbst predige aber eher eine journalistisch-distanzierte Haltung zu jedem Sujet. Und die Abkehr vom Gewohnten. Wenn in diesen Tagen (auch in der SZ und im Spiegel, aber nicht nur da) zum Beispiel immer Herr Steinbrück erst gelobt wird für seine Haltung, dann aber bedeutungsschwanger ein Bindestrich mit einer düsteren Warnung folgt ("– das könnte ein Fehler sein, der sich an den Wahlurnen rächt."), bekomme ich akute Müdigkeitsanfälle.

09.10.2012 20:18

Egbert Manns

"Der These hat sich dann alles zu fügen, denn es geht nicht um eine zu prüfende Annahme, es geht um das vorweggenommene Ergebnis." Ja, das schreibt Hoff, und so schreibt er.

09.10.2012 07:31

Volker Christian

Schöne Zusammenfassung. Da fallen mir spontan zwei Beispiele aus der Berliner Zeitung – ursprünglich wohl eine der besten des Landes ein. Im ersten Fall wurde ganz stumpf bei einer der Redaktion bekannten Nummer einer NGO angerufen. Im anschließenden Artikel wurde nachher eine Mitarbeiterin der NGO zitiert, die seit über einem halben Jahr nicht mehr dort arbeitet. Es gab eine Richtigstellung, trotzdem ist das an Schlampigkeit nicht mehr zu überbieten. Wie kann ein ernsthafter Journalist annehmen, dass die unter einer Telefonnummer ursprünglich erreichbare Person immer dort sitzt und tatsächlich diese auch ist? Eine Nachfrage nach dem Namen hätte wohl ausgereicht.

Im zweiten Fall wurde im Berliner Zeitung Magazin eine Reportage über das Berliner Clubleben gedruckt, das bekanntermaßen recht ausschweifend ist. Tenor "drei Tage wach". Mir kamen schon beim Lesen ernsthafte Zweifel, dass der Autor wirklich eine Gruppe von vier Jugendlichen drei Tage lang begleitet hat: zu viele Klischees und Stereotypen, die man auch völlig losgelöst von der Gruppe hätte im Berliner Nachtleben machen können.

Wenige Tage nach Erscheinen des Artikels kommentiert eine der porträtierten Personen den Artikel im Internet. Tenor: Der angebliche Autor war ein Praktikant, der mit den vier Porträtierten Personen drei Monate zusammenwohnte und sich anschließend aus seinen sich über drei Monate hinziehenden "Beobachtungen" eine Geschichte zusammengebastelt hat, die hinten und vorne nicht stimmt. Die Porträtierten führen ein ganz normales Studentenleben, gehe Nebenjobs nach und gehen hin und wieder in Berlin mal aus.

Das ist leider nicht mehr als Bild-Zeitungsjournalismus und unterstützt die These von Hans Hoff vom Journalismus, der selbst nur noch Thesen bestätigt haben möchte. Bekanntlich lässt sich jede noch so bekloppte These bestätigen. Einen Wissenschaftler, der behauptet, die Erde sei eine Scheibe, Killerbienen würden die ganze Menschheit ausrotten oder Frauen mit großen Brüsten seien generell intelligenter, lässt sich immer finden.

08.10.2012 12:17

Christiane Stella Bongertz

Wirklich ganz wunderbar auf den Punkt gebracht! Wie oft durfte ich schon nicht schreiben, wie ich etwas erlebt habe, mit allem Für und Wider, weil es nicht der "These" entsprach, dem vorweg genommenen Ergebnis. Wie oft kommt mir das beim Lesen von Artikeln in den Sinn, die ich nicht ernst nehmen kann, weil sie nur polarisieren, dabei Objektivität und Wissen vortäuschen und denen kein Trick dafür zu billig ist.

Echte "Objektivität" ist ohnehin eine Illusion – wer sich auch nur am Rande mit soziologischen Mechanismen der Wirklichkeitskonstruktion auseinandergesetzt oder auch einfach nur mal ein bisschen eingehender nachgedacht hat, weiß das. An Objektivität kann es höchstens den Versuch einer Annäherung geben. Also wäre es wirklich nur folgerichtig und ehrlich, dass der Autor eines Textes kenntlich macht, dass er im Text von seiner Realität spricht – und was würde das besser signalisieren als die Ich-Form? (Vorausgesetzt natürlich, "die Konferenz" hat sich nicht heimlich reingefummelt in das Ich.)

08.10.2012 09:13

ron hofeer

Das Wichtigste hat der Autor leider vergessen zu sagen, und an dem krankt besonders der Journalismus: Vergesst eure politische Haltung und schreibt objektiv.

08.10.2012 00:16

Thomas Bärsch

Ein wirklich beeindruckendes Statement, eigentlich schon ein kleines Manifest mit vielen Gedanken, die zum Nachdenken anregen.

Gleichwohl mag ich viele Meinungen des Autors nicht teilen, denn sie basieren zum Teil auf Annahmen, die der Wirklichkeit nicht entsprechen - zumindest nicht der, die ich kenne. Dazu gehört etwa die Ansicht, man dürfe als Erlebtes verkaufen, was man selbst nicht erlebte, oder man müsse in der Ich-Form schreiben.

So groß die journalistischen Verdienste des Autors in der Vergangenheit und Gegenwart auch sein mögen, dieses Manifest scheint in Stunden tiefen Frustes an einem Schreibtisch entstanden zu sein, der von der journalistischen Wirklichkeit schon ein Stück entfernt steht.

05.10.2012 10:59

Richard Gutjahr

Hervorragender und ehrlicher Text. Ich wünschte, viele Kollegen würden ihn lesen und ihn sich zu Herzen nehmen. Vielen Dank, Herr Kollege, für diesen eindringlichen Appell. Einmal mehr ;-)

05.10.2012 10:30

Fritz Iversen

Dass in vielen Fällen nicht klar ist, was wahr ist und was nur eine Vermutung ist, mag sein. Zeitungen, die hier keinen Unterschied mehr kommunizieren, brauche ich als Leser aber nicht. Es gibt einen Haufen Zeug, was schon so "fantasiereich" funktioniert, wie Sie es beschreiben. Der Meinungs-Journalismus dringt offenkundig unaufhörlich durch alles hindurch. Als Zeitungsleser kann ich Ihnen nur sagen: Das ist Müll. Das ist Infotainment, Promotion-Mist, "truthiness", Kommentare statt Berichte, Personalisierung statt Analyse etc. Das könnt ihr so machen, aber als Leser steige ich da aus. Ich will nicht "zum Lesen verführt" werden. Ich will wissen.

05.10.2012 09:58

Katharina Rosch

Wer Meinung schreibt, muss auch "ich" schreiben dürfen. Da gebe ich dem Kollegen unumwunden recht. Und was diesen ganzen Boulevard oder auch die Hofberichterstattung von Parteien, Organisationen etc. anbetrifft, sehe ich das zumindest ähnlich. Manchmal gibt es Geschichten dort. Meist reichte die Meldung, dass der Parteitag getagt hat und ob wer gewählt wurde. Über den ganzen technischen Hype wie Smartphone-Vorstellungen oder die neusten Automodelle frage ich mich regelmäßig: Wo ist der Mehrwert?

Aber es ist ja nun nicht so, dass jeder Journalist so arbeiten will. Es ist auch nicht so, dass viele Journalisten nicht recherchieren wollten, nur zahlen die Verlage eine solche Arbeit in der Regel nicht mehr. Freie Mitarbeiter bekommen ein lächerliches Zeilengeld oder eine nicht minder lächerliche Pauschale, mit der neben dem Verdienst auch alle Auslagen abgegolten sind. Wer aber nur 50 Euro oder weniger für seinen Text bekommt, der wird gewiss nicht großartig das heimische Büro verlassen, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Im Übrigen habe ich immer gedacht, dass wir Journalisten noch viel mehr Verantwortung für das tragen, was wir nicht berichten als für das, was wir berichten. Verschweigen kann nämlich auch lügen sein.

04.10.2012 23:02

Moritz Steglitz

Wie schön. So viele Punkte, die mich an vielen Zeitungsartikeln stören, so gut auf den Punkt gebracht.

Das "Ich" beispielsweise ist bei mir beim Bloggen seit jeher wichtiger Bestandteil. Es ist nun mal meine Sicht. Natürlich ist es eine persönliche Note aber die ist immer da - die Frage ist nur, ob sie verschleiert wurde oder nicht.

 
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