Detail-Informationen

Autor

Simon Feldmer

verfasst am

01.08.2012

im Heft

journalist 8/2012

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  • 31. Juli 2012: journalist-Autor Ralf Geißler hat den neuen Art-Direktor des Spiegels getroffen; wie Uwe C. Beyer das Magazin verändern will, erklärt er hier

Umfrage

Des Art-Direktors Liebling

Von welchem Magazin können sich andere Redaktionen noch etwas abgucken? Der journalist hat sechs Art-Direktoren nach ihren Lieblingsheften gefragt.

"jetzt" wirkte immer so, als hätten es nur zwei Leute gemacht

Bild: Zeit

Malin Schulz,
Art-Direktorin Zeit Campus

Am Tag, an dem mein bester Freund mich verließ, schien in Hamburg die Sonne. Am 22. Juli 2002 erschien die letzte Ausgabe des jetzt-Magazins, der wöchentlichen Jugendzeitschrift der Süddeutschen Zeitung. Das Magazin war mein erstes Lieblingsmagazin – und ist es bis heute geblieben. jetzt war anders als seine Kioskkollegen, die entweder dachten, Jugendliche seien vor allem sexgeil (Bravo) oder tiervernarrt (Wendy). jetzt nahm seine Leser ernst, also mich: inhaltlich wie gestalterisch. Eine Mischung aus Nachwuchs-Tempo, Lodown und Kunstkatalog.

Fotografen wie Daniel Josefsohn blitzten in jeden Winkel jugendlicher Befindlichkeit, auf eine Art, wie man es vorher nicht gesehen hatte – und das lange bevor Ryan McGinley eine Kamera halten konnte und die analoge Fotografie zur iPhone App wurde. Serifenschriften wurden munter über die Seiten gestreut, Bilder zerschnitten, alle Regeln gebrochen, bis auf die wichtigste: Halte deine Leser nicht für dümmer als dich selbst! Das Magazin wirkte immer so, als hätten es nur zwei Leute gemacht: ein Texter und ein Designer. Wenn das gelingt, hat die Redaktion entweder echten Spaß oder ist sehr professionell. Am besten ist beides. jetzt war gestern. Doch so ganz habe ich mich nie trennen können und die besten Ausgaben aufgehoben. Es ist ein großer Stapel in meiner Küche. Liebesbriefe aus einer alten Zeit ...

Ich weiß gar nicht, wofür ich "Vice" zuerst loben soll

Bild: Thomas Dashuber

Martin Fengel arbeitet als Fotograf in München und gründete unter anderem mit Tom Ising die Agentur Herburg-Weiland

Es gibt ein Magazin, das mit großem Abstand das beste Magazin ist, das ich kenne. Es heißt Vice. Vice kostet nichts. Vice hat Redaktionen in mehr als 20 Ländern. Das Heft sieht so viel besser aus als die meisten anderen Hefte, und es ist auch lustig. Welche Hefte bringen 40 Seiten Interviews mit Bret Easton Ellis? Wo kann ich die unglaublichsten Musikkritiken lesen? Und lachen. Die Fotografie, die Illustrationen. Das ist so viel besser als überall sonst. Ich habe nie das Gefühl, da würden Menschen sitzen, die irgendwie sein wollen. Es passiert alles selbstverständlich. Es gibt keine langweiligen Artikel darüber, ob man Hemden nun mit kurzem oder langem Arm tragen soll. Ich erfahre aber, wie es auf LSD auf einer Hundeschau ist – was ich viel interessanter finde. Ich weiß jetzt, wie Ron Galella tickt. Und warum The Big Oki Held der dB-Drag-Szene ist. Oder – um die FAZ zu zitieren: Ich weiß gar nicht, wofür ich Vice zuerst loben soll.

Gestalterisch gefallen mir eher Independents

Bild: Romy Haferkorn

Ludwig Wendt
Art-Direktion, AD architectural digest

Momentan mache ich die Art-Direktion für mein deutsches Lieblingsmagazin: Wer sich ernsthaft für Wohnkultur, Design und Architektur mit internationalem Anspruch interessiert, kommt an AD nicht vorbei. Wirklich erfreulich finde ich das Magazin Fräulein, es bietet intelligente Unterhaltung für Frauen mit Geschmack und Haltung, ansprechend gestaltet ist es auch – das hat bisher keiner der Großverlage hingekriegt! Gestalterisch gefallen mir eher Independents wie The Travel Almanac, The Weekender, Arch+ oder 032c. Brand Eins ist inhaltlich nach wie vor spannend, die Cover sind zum Teil sensationell.

Als Gegenbeispiel möchte ich die journalistische Instanz Spiegel nennen, dessen Coverästhetik ich zurzeit bedenklich finde. Tolles Editorial Design kommt für mich gerade eher aus Spanien, den Niederlanden oder England: Monocle, The Gentlewoman, Fantastic Man, Purple Fashion (Paris), Metal oder Apartamento bieten modernes Layout und Bildästhetik mit redaktionellem Anspruch – das kommt in Deutschland nach wie vor zu selten zusammen. Deutschland mag das Land der Dichter und Denker sein, ästhetisch empfinde ich es aber oft als "Entwicklungsland".

Die Tageszeitung "i" spielt gekonnt mit Fotos

Bild: Frank Grimm

Hans-Jürgen Polster ist Art-Direktor bei der Berliner Morgenpost

Im Editorial Design tut sich was. Europäische Zeitungen werden mit immer größerem gestalterischen Engagement gemacht. Man hat das Visual Storytelling entdeckt – nicht nur bei den großen Wochenzeitungen, von denen man es erwarten kann. Sondern auch bei regionalen und lokalen Tageszeitungen, die aufwendig gestaltete Seiten in der Tagesarbeit produzieren.

Mir gefällt dabei nach wie vor die portugiesische Tageszeitung i, die jeden Tag mit einer variierten Covergestaltung an den Kiosk geht. Jede Seite arbeitet mit Farbe und einem intelligenten Eyecatcher. Die Gestalter setzen dabei Farbe als Orientierungshilfe ein und schaffen Tiefe und schöne Kontraste. Die Infografiken sind liebevoll auf den Punkt gebracht. Mit Fotos wird gekonnt gespielt. Überraschung auf seine schönste Art. Ebenfalls sehenswert ist die dänische Berlingske und die norwegische Hordaland. Und was für Print gilt, gilt auch fürs Web: Langweilige Fotos und Texte klickt niemand an. Das haben die Leser über Jahrzehnte gelernt.

Mehr Farbe! Mehr, mehr!

Bild: privat

Jindrich Novotny war Art-Direktor des deutschen Rolling Stone. Heute arbeitet er in einer Entwicklungsredaktion und ist Juror beim Lead Award.

Brand Eins war sicher ein Magazin, das in Deutschland Trends gesetzt hat, die bis heute in der Magazinlandschaft sichtbar sind – das aufgeräumte Layout, die klassische Typografie, die ausdrucksstarke, schnörkellose Fotografie und eine neue Perspektive auf das Thema Wirtschaft. Heute setzt das Zeit Magazin Trends. Das Supplement ist selbstbewusst und unaufgeregt gestaltet, genau an den richtigen Stellen wird das ansonsten konsequente Design gebrochen und überrascht mit tollen Ideen – auch dank einer exzellenten Bildredaktion.

Beim Gesellschaftsmagazin Dummy finde ich das Konzept innovativ. Die weitgehend anzeigenunabhängige Redaktion widmet jede Ausgabe einem anderen Thema und beleuchtet es aus unterschiedlichen Perspektiven. Durch die wechselnde Art-Direktion kann die Gestaltung immer wieder passend zum Heftthema entwickelt werden. Was ich bei Magazinen vermisse, ist die Opulenz, das inhaltliche Spektrum, das Tempo und die Leichtigkeit der Pop-Magazine der 90er Jahre, wie The Face in England oder Park & Ride in Deutschland. Mehr Farbe! Mehr, mehr!

Der Trend zum Authentischen braucht ein Minimum an Interaktion

Bild: M. Schneid

Dagmar Nothjung ist Art-Direktorin bei Emotion, davor war sie Kreativ-Direktorin bei InTouch und Life&Style.

Ich finde es wichtig, Trendsetter im Blick zu haben und mich mit ihren Ideen auseinanderzusetzen – auch wenn sie nicht meinem eigenen Geschmack entsprechen. Bravo und Bild haben schließlich genauso einen bestimmten Trend geprägt wie kleine Titel, etwa Brand Eins und Vice. Der langsam nicht mehr so neue Medientrend, alles persönlicher zu machen, bleibt für mich spannend. Er schlich sich langsam bei Frauenmagazinen ein: Es begann mit persönlich geschriebenen Geheimtipps und Rubriken nach dem Motto "Von denen kann ich was lernen", etwa die Erinnerungen einer alten Dame in der Maxi. Als Gegenbewegung zur stilisierten Mode-Ästhetik kam der Street-Style hinzu: Schnappschüsse von Menschen auf der Straße, die ihren eigenen Stil zelebrieren. Und schließlich natürlich die Brigitte-Idee: alles ohne Models. Dieser Trend zum Authentischen braucht aber zumindest ein Minimum an Interaktion. Da hat das Internet Vorteile. Dass großartige Ideen aus dem Netz trotzdem zu einem innovativen Printprodukt werden können, zeigt für mich das User-generierte-Magazin i like my style.

Mehr zum Thema

Wo bleiben die Trends im Editorial Design? journalist-Autor Simon Feldmer hat sich auf die Suche gemacht. Was er gefunden hat, lesen Sie in der August-Ausgabe des journalists. Außerdem: Der neue Art-Direktor des Spiegel im Portrait.

Urheber Bild ganz oben (von links oben nach rechts unten): Thomas Lieser, Haider Al-Shabaan, Anthony Easton, Steffi Reichert, Timo Schnitzlein, Leo Reynolds

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