In eigener Sache

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Autor

Jens Bergmann

verfasst am

14.02.2013

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  • 16. November 2010: Einmal rein und raus – Warum Interviews mit Schauspielern einem Edelpuffbesuch gleichen weiter

Viele Journalisten kommen meist nur bei PR-Terminen für wenige Minuten mit Stars in Kontakt. Auch aus solchen Terminen lässt sich etwas machen.

Peoplejournalismus

Die einvernehmliche Täuschung des Publikums

Heute lassen sich Millionen Menschen nicht nur passiv von Unterhaltungsangeboten berieseln, sie wollen selbst mitspielen, suchen das Rampenlicht und buhlen mit allen Mitteln um Aufmerksamkeit. So schreibt es der Journalist Jens Bergmann im Vorwort seines neuen Buchs Ich, Ich, Ich – Wir inszenieren uns zu Tode, das am Samstag erscheint. Zum Reinlesen vorab auf journalist.de. Das Kapitel: In der Rolle des Werbe-Onkels für Celebrities.

... Unabhängiger Journalismus jenseits von Lakaien- und Raubrittertum, solide recherchierte Geschichten über Berühmtheiten und das milliardenschwere Geschäft mit ihnen, kommt eher selten vor. Einer, der diese Marktlücke für sich entdeckt hat, ist der Schweizer Klatschreporter Mark van Huisseling. Lesenswert sind vor allem seine von 2003 bis 2006 erschienenen und auch in Buchform veröffentlichten Kolumnen für die Weltwoche. Darin schildert er seine Begegnungen mit Stars und Sternchen auf nüchterne Art. Und schreibt auch das auf, was andere Journalisten um des schönen Scheins willen meist verschweigen. So outete sich die Sängerin Sarah Connor ihm gegenüber als schlecht gelauntes Dummchen, das auf die Frage, ob sie von Frankfurt nach Zürich einen Linienflug gewählt habe, antwortet: "Nö, Lufthansa." Der abgerockte Reggae-Star Jimmy Cliff demonstrierte ohne jede Scheu seinen Größenwahn; er sehe seine Aufgabe darin, der Menschheit zu dienen. Und Joe Cocker ließ den Reporter an seiner Faszination für einen anderen Prominenten teilhaben: "Ich habe eine Adolf-Hitler-Sammlung von 60 Bänden in meiner Bibliothek zu Hause, auch eine deutsche Ausgabe von Mein Kampf ist dabei."

Wie andere Journalisten auch kommt van Huisseling meist nur bei PR-Terminen für wenige Minuten mit den VIPs in Kontakt. Was ihn von den meisten seiner Kollegen – die so tun, als hätten sie exklusiven Zugang zu den Wichtigen auf der Welt – unterscheidet: Er hält damit nicht hinter dem Berg, sondern beschreibt die Entstehungsbedingungen seiner Geschichten. So erwähnte er ausdrücklich, dass er den Fußballer Samuel Eto’o (damals FC Barcelona) als einer von vielen Interviewern nach dessen Auftritt bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung von Puma traf, "weil Puma meinen Flug nach Berlin zahlte". Eto’o habe dort kurz auf die Bühne gemusst, "als Afrikas Fußballer des Jahres. (Und als einer, der Geld bekommt von den Puma-Chefs, vermute ich, weil er diese Marke trägt)", schreibt van Huisseling. Das siebenminütige Gespräch mit dem Ausnahme-Kicker gab nicht viel her, außer der Erkenntnis, dass dem damals 25-Jährigen offenbar ein Medienberater zur Seite stand, der ihm Sätze wie diesen eingebimst hatte: "Fußball hat mit Leidenschaft zu tun, aber ich bleib kaltblütig. Hauptsache, es macht die Leute glücklich."

Verständlicherweise ist es für einen Reporter wie van Huisseling – der sich anders als viele Kollegen weigert, die Zitate seiner illustren Gesprächspartner deren PR-Agenten zur Absegnung vorzulegen – nicht leicht, Termine zu bekommen. Auf einen mit Verona Pooth wartete er 16 Monate. Ihr Manager verriet ihm bei dem Treffen, dass es im Falle einer Anfrage der Bunten schneller gegangen wäre, nämlich von heute auf morgen. Die Pooth plauderte mit dem Reporter dann über ihre Work-Life-Balance – "von sieben Tagen die Woche arbeite ich vier, und zwei nehm ich frei". Dass dies auch gedruckt wurde, gefiel ihr gar nicht, sie verlangte mithilfe ihres Anwalts eine Gegendarstellung und Wiedergutmachung, allerdings ohne Erfolg.

Van Huisselings Quintessenz seiner Begegnungen mit Medienmenschen wie ihr: "Nichts machen, nichts sagen, nichts leisten sind die Hauptbegriffe des Starseins, jedenfalls bei den Nichtleistungsprominenten."

Solche Einblicke sind auch deshalb selten, weil meist weder die Presse noch die Promis Interesse daran haben. Man profitiert schließlich von der einvernehmlichen Täuschung des Publikums. Zudem haben die Stars gegenüber den Medien mächtig aufgerüstet. Ein Heer aus Spin-Doktoren, PR-Agenten und Anwälten sorgt dafür, dass auch ja nichts an die Öffentlichkeit dringt, was ein anderes als das gewünschte Licht auf die jeweilige Person werfen könnte. Die effektivste Form der Medienkontrolle betreiben nach wie vor die Hollywoodstudios mit ihren sogenannten Press Junkets: Schauspieler sind vertraglich verpflichtet, für die Filme, in denen sie auftreten, zu werben. Zu diesem Zweck werden sie Journalisten in irgendeiner Hotel-Suite zu Kurzinterviews am Fließband präsentiert. Was gefragt werden darf und was nicht, ist genau festgelegt. Tanzt ein Reporter aus der Reihe, greifen die Aufpasser ein.
                             
Die freie Journalistin Gabriele Bärtels beschrieb ihre Erfahrungen mit solchen Terminen in einem Beitrag (Einmal rein und raus) für das Branchenblatt journalist: "Um aus den 15 Minuten das Maximale rauszuholen, habe ich alle Fragen vorbereitet. Sie sollen sich auf den Film beziehen, sagt die PR-Frau nachdrücklich. [...] Die Fragen sollen sich möglichst nicht auf den Film beziehen, sondern so privat wie möglich sein, sagt die Redakteurin, die mich beauftragt hat. Wenn es nach ihr geht, soll ich mich ohne Umschweife nach dem Liebesleben eines mir völlig fremden Menschen erkundigen. Eines prominenten Menschen, der abgeschirmt wird wie der Papst und angepriesen wie eine Luxusnutte. Während wir Journalisten zahlreich sind, gesichtslos bleiben, alle dieselben Fragen vorbereitet haben. Nicht weil wir so einfallslos wären, sondern weil Kritisches, Scharfes, Hintergründiges sowieso gestrichen wird."

Da derartige Anlässe die einzige Gelegenheit sind, einen echten Star leibhaftig zu treffen, lassen die Redaktionen sie sich nicht entgehen. Ergebnis ist dann jeweils eine Welle von Veröffentlichungen, deren Kern mehr oder weniger gut getarnte Reklame ist. So war von Natalie Portman anlässlich ihres Ballettfilms Black Swan beispielsweise in der Neuen Westfälischen folgende Eloge auf ihren Regisseur zu lesen: "Es war ein großer Segen, von Darren Aronofsky nicht nur diese komplexe Rolle, sondern auch die Freiheit zu bekommen, meine eigenen Gedanken mit einfließen zu lassen. Die Zusammenarbeit mit ihm funktionierte fast schon auf telepathischer Ebene." Ein zeitloses Zitat, das sich noch bei allerlei Gelegenheiten verwenden lässt – sofern die Portman den Namen des jeweiligen Regisseurs austauscht.

Für Journalisten, die noch nicht total verdrängt haben, warum sie den Beruf einst ergriffen haben, ist der Job des Werbe-Onkels für Berühmtheiten natürlich sehr unbefriedigend, von der Bezahlung ganz abgesehen. Tom Kummer, der in den Neunzigerjahren für namhafte Blätter wie die Magazine von Süddeutscher Zeitung und Zeit aus Los Angeles berichtete, zog daraus seine ganz eigenen Schlüsse. Er begnügte sich nicht mit den Brosamen, mit denen man ihn und seine Kollegen abzuspeisen suchte, sondern fälschte Interviews mit Berühmtheiten von A bis Z. "Statt den Stars die vorgegebenen fünf Fragen zu stellen und ihre belanglosen Antworten aufzuschreiben", so Kummer, "dachte ich mir lieber 30 tolle Fragen aus – und lieferte die Antworten gleich dazu." Die Ergebnisse waren einigermaßen originell und wurden gern gedruckt; so ließ er Courtney Love über ihre Brüste sprechen, Mike Tyson über Nietzsche und Sean Penn über Kierkegaard.

Als seine Fälschungen im Jahr 2000 aufflogen, gab es einen mittelschweren Medienskandal. Einige leitende Redakteure, die ihn beauftragt hatten, verloren ihren Job. Man entschuldigte sich bei den Stars – die laut Kummer gegen die Fake-Interviews, in denen sie als kluge, nachdenkliche, originelle Menschen erschienen waren, nichts eingewendet hatten. Der Schöpfer dieser Werke verlegte sich danach auf einen Job als Paddletennis-Trainer in Los Angeles.

Für seine Verfehlungen – die er unter anderem mit der hanebüchenen Begründung verteidigte, es handele sich um "Realitätssteigerung durch Entfesselung der Fiktion" – musste Kummer büßen. Zu Recht, denn wer sich seine Storys ausdenken möchte, sollte Schriftsteller werden und nicht Reporter. Allerdings sollten Journalisten auch keine als Star-Interview getarnte Schleichwerbung machen. An dieser Unsitte hat sich aber nichts geändert. Hier eine Kostprobe aus der Süddeutschen Zeitung: "Freida Pinto ist in Wirklichkeit genauso schön wie in dem Film Slumdog Millionär, wo sie als Latika die Herzen der Zuschauer eroberte. Seit diesem Erfolg dreht die heute 26-Jährige einen Kinofilm nach dem anderen. Ihr neuester heißt Planet der Affen: Prevolution. Pinto hat ihren indischen Akzent auch für Hollywood nicht abgelegt. Ihre Haut leuchtet. Ihre Augen leuchten. Die Schönheit kommt von innen. Sie wirkt ungeschminkt, nicht gekünstelt, nicht arrogant. Sie ist keine Diva." ...

Über den Autor

Bild: Stefan Ostermeier

Jens Bergmann, Jahrgang 1964, ist seit 2008 Geschäftsführender Redakteur beim Wirtschaftsmagazin brand eins, seit 2001 Redakteur. Er arbeitete zuvor unter anderem für Spiegel Reporter, Bild der Wissenschaft, Merian und die Frankfurter Rundschau. Im Jahr 2009 veröffentlichte er zusammen mit Berhard Pörksen das Buch Skandal! Die Macht der öffentlichen Empörung. Sein neues Buch Ich, Ich, Ich – Wir inszenieren uns zu Tode erscheint am Samstag, den 16. Februar, im Metrolit Verlag.

 

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

17.02.2013 15:09

Sandro Mattioli

An sich ist es doch ganz einfach: Würde jede ernstzunehmende Zeitung nicht jeden nichternstzunehmenden Quatsch abdrucken, kämen die PR-Tanten und -Onkels, seies es Journalisten oder seien es die Wachhunde der zu Interviewenden, mit ihrem irrelevanten Zeugs nicht mehr durch. Solange aber Zeitungen meinen, auch die Bunte oder die Gala als Konkurrenz zu haben, wird weiter munter Realität inszeniert.

15.02.2013 10:25

Klaus Müller

Was ist an den drei Sänger-Beispielen denn so "dumm" oder "größenwahn"sinnig?

Meine Erfahrung mit fragenden Journalisten: DIE sind oft die ahnungsbefreiten Trottel. Ein Beispiel: Bei einem Essen in einem Hamburger Restaurant nach einem erfolgreichen Konzert fragt eine Journalistin einen unserer Roadies: "Wie viel Volt hat denn die Verstärkeranlage"? Ich hab' noch so einige Schoten mal gesammelt und auf meiner Webseite des Musiker, mit dem ich seit 40 Jahren arbeite, veröffentlicht: Es ist zum Piepen, diese Ahnungslosigkeit.

Disclosure: Ich kenne auch drei hervorragende Journalisten.

15.02.2013 10:00

Richard Splendid

Das ist auch genau der grund warum ich mir nie vorstellen konnte, dass Utzlars "Fragen" tatsächlich so entstanden sind, wie sie aufgeschrieben wurden. Die PR-Tante sagt: "Nur Fragen zum Album" und Utzlars erste Frage ist: "Spielen sie eigentlich auf Pamelas Arsch Schlagzeug?". Und dann antwortet der Tommy natürlich ganz charmant, und auf einmal ist alles möglich. Was für ein Talent. Wahrscheinlich bin ich nur neidisch.

14.02.2013 16:04

Christoph von Gallera

Klingt bekannt, lässt sich auch ins Regionale übertragen. Auch auf die Stars von Politik und Wirtschaft. Und damit kritische Fragen demnächst von Amts wegen unterbleiben, wird an der Auskunftspflicht der Bundesbehörden gerüttelt. Künftig nur noch Abgesegnetes und 1000-fach Gegengelesenes?

 
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