Detail-Informationen

Autor

Jan Söfjer

verfasst am

03.07.2012

im Heft

journalist 7/2012

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FR-Chefredakteure

Die Köpfe der Rundschau

Die einst stolze überregionale Frankfurter Rundschau ist heute ein kriselndes Regionalblatt. Neun Chefredakteure haben ihren Weg bestimmt. Seit Anfang des Monats steht mit Arnd Festerling der zehnte an der Spitze.

1946 bis 1973

Bild: FR-Archiv

Karl Gerold

Karl Gerold ist so etwas wie der Vater der Frankfurter Rundschau (FR). 1946, ein Jahr nach ihrer Gründung, wird Gerold Co-Herausgeber und Chefredakteur. 1954 steigt er vom Vater zur "Heiligen Dreifaltigkeit" auf und verantwortet das Blatt als alleiniger Herausgeber, Verleger und Chefredakteur. In seinen Leitartikeln, die er seiner Sekretärin gerne diktiert, wenn der Rest bereits im Umbruch ist, kommt Gerold "schnell auf Touren" und endet oft mit "ultimativ klingenden Forderungen", sagt Roderich Reifenrath – einer seiner späteren Nachfolger. "Gerold war nicht immer einfach zu nehmen, aber er ließ einem viel Freiheit."

Verkaufte Auflage: 142.000 (IVW 1950) 164.000 (IVW IV/1973).

1973 bis 1992

Bild: FR/Meistert

Werner Holzer

Werner Holzer war die zweite legendäre Figur der FR. 1953 beginnt er als CvD bei der Zeitung, ärgert sich aber über Auslandsberichte aus zweiter Hand. Also wird er 1964 einfach selbst freier Korrespondent und reist viel durch Afrika und Südostasien. "Ich wollte selbst sehen, was die Kolonialherrschaft bedeutet hat", sagte er vergangenes Jahr auf WDR5. Der "polyglotte, liberale und umgängliche" Holzer (Reifenrath) verfolgt auch als FR-Chefredakteur die Loslösungsprozesse afrikanischer Staaten.

Verkaufte Auflage: 188.000 (IVW IV/1992)

1992 bis 2000

Bild: FR-Archiv

Roderich Reifenrath

Roderich Reifenrath Während der Amtszeit des unprätentiösen und beliebten FR-Gewächses Roderich Reifenrath ändert sich die Republik. Die Mauer war gefallen, das Web entwickelt sich, doch Reifenraths Maxime lautet: "Der Leser möchte nicht ständig Änderungen." Als der Jurist Reifenrath geht, boomt das Anzeigengeschäft der Zeitungsbranche, doch die FR soll trotzdem nur eine schwarze Null erwirtschaftet haben. Ein Kenner sagt heute: "Wenn Reifenrath Mitte der 90er Jahre auf die Finanzen geachtet und die Kurve bekommen hätte, hätte man die FR damals schon auf höherem Niveau stabilisieren können."

Verkaufte Auflage: 191.000 (IVW IV/2000)

2000 bis 2002

Bild: dapd/Vedder

Hans-Helmut Kohl (l.) und Jochen Siemens

Hans-Helmut Kohl und Jochen Siemens, Reifenraths Stellvertreter – beide langjährige FR-Leute –, harmonieren nicht miteinander. Vom Reporter Kohl sagt man, er habe nur einstellen, aber niemanden entlassen können. Der ehrgeizige Leitartikler Siemens soll wie Kohl kein guter Organisierer gewesen sein. Als die beiden mit einer FR-Mittagsausgabe Millionen Mark versenken, ist ihre Zeit vorbei. Die FR spart erstmals und besetzt Stellen nicht neu. Die Redaktion bemängelt in einem Brandbrief "das völlige Fehlen eines verlegerischen und publizistischen Konzepts zur Überwindung dieser für die FR lebensbedrohenden Krise."

Verkaufte Auflage: 183.000 (IVW IV/2002)

2002 bis 2006

Bild: dapd/Lohnes

Wolfgang Storz

Wolfgang Storz ist der erste FR-Chefredakteur, der seine Karriere nicht im Haus gemacht hat. Er merkt nach und nach, wie schlecht es um die Zeitung tatsächlich steht und dass sie offenbar schon lange von der Haus-Druckerei subventioniert wird. 2002 verliert die Druckerei mehrere Großaufträge. Storz streicht 110 Stellen und modernisiert das Layout, doch "die Kraft, überregional eine Rolle zu spielen, hatte die FR schon damals nicht mehr", sagt Storz heute. Sein Redaktionsetat schrumpft von 33 auf 21 Millionen Euro. 2004 steigt die SPD-Holding DDVG ein, 2006 übernimmt DuMont.

Verkaufte Auflage: 150.000 (IVW IV/2006)

2006 bis 2009

Bild: dapd/Lohnes

Uwe Vorkötter

Uwe Vorkötter, der Volkswirt, passt ideal in die Pläne des neuen Verlegers Alfred Neven DuMont, das "verstaubte Blatt der Altlinken" zu modernisieren, wie Vorkötter es formuliert. Die FR stellt auf das Tabloid-Format um. Die Medien jubeln, die Stammleser weniger. Den Regionalausbau von Storz fährt Vorkötter teilweise wieder zurück. Er spricht von einer "sehr komplizierten und sehr teuren Struktur", die er vorgefunden habe. Vorkötter gilt als jemand, der die Rundschau wieder profitabel machen kann. Dann kommt die Finanzkrise.

Verkaufte Auflage: 144.000 (IVW IV/2009)

2009 bis 2012

Bilder: FR/Arnold

Rouven Schellenberger (l.) und Joachim Frank

Rouven Schellenberger und Joachim Frank führen den Kurs von Vorkötter – der aus Berlin weiter verantwortlich bleibt – fort. Frank führt eher das Tagesgeschäft und schreibt viel, Schellenberger kümmert sich um die Kommunikation mit DuMont und das Digitale. Mit dem linksliberalen Geist der FR haben beide wenig am Hut, Kritiker sprechen von Boulevardisierung. 2011 verliert die FR ihren Mantel, den künftig die Berliner Zeitung produziert.

Verkaufte Auflage: 125.000 (IVW I/2011)

2011 bis 2012

Bild: dapd/Lohnes

Uwe Vorkötter

Uwe Vorkötter führt ein harmloses Interview mit dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, den Alfred Neven DuMont nicht leiden kann. War das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte? "Der Alte", wie sie Neven DuMont nennen, hat immer schon schnell Dinge persönlich genommen. Vorkötter muss den Chefposten abgeben, er wird DuMont-Berater.

Verkaufte Auflage: 120.000 (IVW I/2012)

Mehr zum Thema

Warum das Zeitungshaus M. DuMont nicht nur wegen der Frankfurter Rundschau unter Druck gerät, lesen Sie in der Juli-Ausgabe des journalists, die am 2. Juli erschienen ist.

Aktuelle Kommentare zu dieser Umfrage

03.07.2012 17:21

Jan Söfjer

Zugunsten von Frank und Schellenberger muss man zum Vorwurf der Boulevardisierung noch sagen, dass in ihrer Chefredakteurszeit die FR auch über systematisches Mobbing bei hessischen Steuerfahndern und ausgiebig über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule berichtete.

Zu Storz gibt es auch noch spannende Details, die nicht in den Text gepasst haben. Dass er Redaktionsbüros in hessischen Städten gegründet und die Frankfurter Stadtteilseiten eingeführt hat sowie mit der täglichen Beilage FR+ überregional zumindest Akzente setzen wollte. Die regionale Kraft, das einzige, mit dem die FR noch punkten kann, hat er damals entscheidend gestärkt.

Storz, in dessen Zeit die Auflage dramatisch sank, glaubt auch, dass die "faktische Auflage" bei seinem Amtsantritt drastisch tiefer lag. "Von der Karl Gerold-Stiftung habe ich nie verlässliche Zahlen bekommen", sagt Storz. Erst die DDVG habe die Auflage schrittweise bereinigt.

Storz spielte eine so bedeutende Rolle unter den FR-Chefs, weil er der letzte war, der sich dem linksliberalen Geist der FR verbunden fühlte – und zugleich sanieren musste. Erinnerungswürdig ist auch, wie Storz seiner damaligen praktischen Vorgesetzten, der DDVG-Frau und SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier, entgegen trat, die versuchte Einfluss zu nehmen: Die FR sollte kritischer über die Links-Partei berichten. Storz erzählte nicht einmal seiner Redaktion davon, weil er Angst hatte, sie könne sich unter Druck gesetzt fühlen. Auch als er weitere weitere Millionen sparen sollte, sagte er nein. Als Storz abgesetzt wurde, demonstrierte die Redaktion. Aber mit dem wirtschaftsliberalen Neven DuMont wollte Storz eh nicht zusammenarbeiten.

 
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