In eigener Sache

Detail-Informationen

Autor

Jan Freitag

verfasst am

17.10.2013

im Heft

journalist 9/2013

Nobelherberge, feine Dinners, Präsente auf dem Zimmer – ab wann steht die Unabhängigkeit auf dem Spiel?

Pressereisen

Lars zahlt

"Take it as a gift" – betrachten Sie es als Geschenk. Viele Reisejournalisten sind darauf angewiesen, dass Tourismusverbände ihre Recherchen finanzieren. Dennoch neutral zu berichten, ist manchmal nicht leicht. Ein Erfahrungsbericht.

Und dann kommt dieser Moment, an dem es haarig wird, plötzlich, unerwartet. Die Reise war bis hierhin von beispielloser Vollkommenheit, ihre Organisation nahezu perfekt, das Ganze ein einziger Traum in win-win-bunt. Es gab, es gibt folglich nichts zu bereuen an dieser Dienstfahrt ins Schöne. Bis, ja bis Lars diesen einen Satz sagt, drei Worte nur, im Einzelnen harmlos, gemeinsam voll Zündstoff: "I pay that."

Lars zahlt also.

Und warum auch nicht? Lars hat schon so einiges bezahlt bei dieser Pressereise in ein beliebtes Urlaubsland. Genau genommen sogar alles – bis auf Tabak, Benzin, Postkarten, solche Dinge. Er hat das Essen bezahlt, inklusive Getränke. Er hat die Anreise bezahlt, plus Reservierung. Er hat das Hotel bezahlt, Nummer eins am Platze. Und als sich das komfortable Doppelzimmer als eine Nuance zu klein erwies, hat er auch noch ungefragt ein Upgrade erwirkt. Juniorsuite, erste Vorstufe zum Luxus.

Schnell ging das und bemerkenswert unbürokratisch. Einfach toll, dieser Lars, ein echter Könner in Sachen Tourismusvermarktung, spendabel und aufmerksam, ein PR-Genie. Fast zu wunderbar allerdings, zu gekonnt, spendabel, aufmerksam, zu genial. Denn sein jüngstes "I pay that" ist im Grunde kein Marketing mehr, es ist ein Geschenk. Und da wird es, wie eingangs erwähnt, haarig.

Aus Bed and Breakfast wird Nobelherberge

Lars lässt nämlich eine pittoreske Nobelherberge mit Seeblick springen, als der offizielle Teil dieser famos inszenierten Recherchetour in einen Nachbarstaat mit Ferienappeal bereits vorbei ist. Sechs Tage, fünf Nächte hat sie bis dato gedauert, und mal abgesehen vom Transfer für meine Frau samt unseres fünfjährigen Sohnes hat der örtliche Fremdenverkehrsverband nahezu sämtliche Fixkosten gesponsert. Nun wollen wir, wo wir schon mal da sind, noch ein bisschen Zeit auf eigene Kosten dranhängen, zwei, drei Tage nur – ob er uns da nicht eine ebenso schöne wie günstige Unterkunft empfehlen könne, hatte ich ohne Hintergedanken gefragt. Auf eigene Kosten, versteht sich, gern Kategorie Bed and Breakfast. Doch was macht Lars? Zückt die Nobelherberge und sagt "I pay that."

Und ich sage ja.

Sage also nicht "no, thanks" und verbitte mir den Eingriff in, Angriff auf meine journalistische Unabhängigkeit als anstößig, fast unsittlich, zumindest unangemessen. Kaum ein Redaktionsstatut kommt schließlich ohne Verbot der "Verquickung von Vorteilsnahme und Berichterstattung aus", vom unausgesprochenen Ethos dieses Berufs ganz zu schweigen, der moralische Standards kaum andernorts einfordern kann, ohne sie zunächst bei sich selbst vorzuschreiben. Und das gilt besonders im Ressort Reise. Einem nachrangigen, wenngleich viel gelesenen im hinteren Zeitungsdrittel, dessen Rechercheaufwand zum kostenintensivsten zählt, bis auf Ausnahmen allerdings keine Spesentöpfe in den Redaktionen mehr kennt, bestenfalls Zuschüsse. Hier mal ein Bahnticket 2. Klasse, da mal eine Tagespauschale im zweistelligen Eurobereich, meist war's das.

Ein lauwarmes Käffchen – schon tabu?

Gut, die strukturell selbstkritische (so mancher würde meinen: moralinsaure) Zeit untersagt festen wie freien Mitarbeitern ganz grundsätzlich, auch nur das lauwärmste Kännchen Kaffee im Freien anzunehmen, geschweige denn An- und Abreise plus Kost und Logis. Auch exkursionsfreudige Illustrierte wie der Stern oder die weltenbummlerische Geo verbitten sich Zuwendungen jeder Art, neudeutsch complimentary genannt, gemeinhin aufs Schärfste. Und das nicht erst, seitdem reisenden Reportern en bloc Bestechlichkeit vorgehalten wird für all die Komplimentflüge rund um den Globus. Im Alltag zusehends klammer Redaktionen indes herrscht da bisweilen freies Fluten. Ohne komplette Spesenübernahmen bis hin zum Mietwagensprit blieben gerade im Zeitungsgeschäft viele Seiten unbedruckt. Und das aus ganz pragmatischen, also wirtschaftlichen Gründen. Denn egal ob Ressortleiter, Redakteur oder Freelancer: Auslagen sind Kosten, sind zu teuer, sind zu vermeiden.

Und genau das wollte auch ich, musste es sogar, um diese Geschichte überhaupt machen zu können. Der Aufwand für Recherchen jenseits der Landesgrenzen frisst ja rasch das gängige Honorar selbst zahlungskräftiger Blätter locker auf. Ethos hin, Ethos her. Man stelle sich nur mal einen Kreuzfahrtbericht vor: Ohne Presserabatt läge die Vorleistung tief im vierstelligen Bereich, lange, bevor die erste Zeile geschrieben wäre. Und für meine weit profanere Landpartie gab es statt eines gesicherten Auftrags bloß Absichtsbekundungen, vages Interesse, die Gefahr also, ein Gebirge aus Eigenanteilen nicht mal mit einem anständigen Salär zu kompensieren.

Also ging die Planungsphase den üblichen Marsch durch sämtliche Institutionen publikumswirksamer Reportagen in spe: Inspiration auf der wichtigsten Reisemesse suchen; Internationale Tourismusbörse Berlin, kurz ITB, ansteuern; unter anderem am Stand von Lars' Heimatregion fündig werden; Kontakt mit den servilen Hostessen vor Ort aufbauen; Visitenkarten sammeln wie Philatelisten Standardmarken; zurück im Büro zügig Kontakt aufnehmen; Wünsche, Vorlieben, Protagonisten, Dramaturgie durchsprechen; sodann die Leichtverkäuflichkeit der Geschichte lobpreisen; erst mal alles machen lassen; alles buchen; alles vorschießen. Und weil dieses "Alles" nicht jedem gefällt, vor allem nicht denjenigen, die derlei Artikel auf Grundlage diverser Gefälligkeiten am Ende abdrucken, bleiben hier auch weiterhin die Nachnamen aller Beteiligten ebenso unerwähnt wie Zielort und Zeitung, in der das Ergebnis erschienen ist.

"Und Ihre Familie nehmen Sie mit?"

Lars, Anneli, Birgit, Nils, Tina und wie die helfenden Hände mit den offenen Portemonnaies auch alle heißen, sie sind spendabel, sehr sogar. Sie sind es wie sämtliche Erfüllungsgehilfen aller Regionen mit den nötigen Mitteln zur Selbstvermarktung, die sich selbst in Destinationen vom Hochsauerland bis nach Burkina Faso finden lassen. "Und Ihre Familie nehmen Sie mit?", fragt Birgit früh im Findungsprozess und klingt dabei nicht, als würde sie eine abschlägige Antwort erwarten. Zu Recht. Denn ja, meine Familie nehme ich mit; das ist bei einer Reise, deren Fokus auf alternativem Urlaubsentertainment mit Kleinkind liegt, keinesfalls despektierlich. Ich bestehe allerdings auf den Minimalstandard, deren Zugtickets selbst zu übernehmen.

"Ja?"

Birgit klingt etwas erstaunt. Und erstaunt mich sodann umso mehr mit dem Grund ihres Erstaunens. Denn die Region des Landes, deren touristische Vermarktung sie von Deutschland aus besorgt, zeigt fortan in geschmeidiger Makellosigkeit, was sie unter Gastfreundschaft für jene versteht, die ihr nützlich sein könnten. Schon die Bahnfahrt ist sorgsam vorbereitet, am Zielbahnhof wartet ein mächtiger Mietwagen der gehobenen Klasse mit dem Verbrauch eines Mofas. So günstig wie elegant kutschiert er uns nun eine gute Stunde weiter westlich zum ersten Zwischenstopp, wo ein süßes Appartement auf uns wartet, mitten im Ortskern, unweit vom Tourismusbüro, wo Nils mit Informationen für die nächsten drei Tage wartet. Genauer: mit all dem, was uns spendiert wird.

Tagesmenü ohne Vorspeise statt Luxusmenü mit Wein

Eintrittskarten, feine Dinners, Interviewtermine – alles organisiert, alles schön, alles für lau. Auf dem Zimmer liegen Präsente, manche von Wert, der Teddy mit PR-Bedruck eher weniger. Das ändert sich auch nicht an der nächsten Station, die Strecke zurück zu einem Ort, landesweit berühmt für Zuckerwerk und ein Schlosshotel mit eigenem Strand, das wir ohne Aussicht auf Erwähnung im Artikel beziehen. Zum Dank offeriert es uns ein mehrgängiges Luxusmenü mit Wein unserer Wahl im Abendrot. Wir nehmen aber lieber das Tagesgericht ohne Vorspeise, dazu Wasser, jetzt, wo sich erstmals ein kurzes Gefühl unsachgemäßer Überbehütung einstellt. Der livrierte Ober lächelt unbeteiligt.

Überhaupt: dieses Lächeln. Nils zeigt es, als er unserem Jungen das obligatorische Give-away aus Plüsch überreicht. Anneli zeigt es, als sie beim Besuch eines landestypischen, dramaturgisch aber belanglosen Bauernhofs feinen Fisch zum Lunch offeriert und bei privater Rückkehr einen Sonderpreis fürs Gästehaus. Lars zeigt es, als seine Frau beim Geschäftsessen im Kerzenschein T-Shirts mit dem Logo seiner Region verteilt. Nur Tina schaltet es kurz mal ab, als sie mich vom Picknick in einer der Naturschönheiten ringsum beiseite zieht und übersetzt, was ihrem Chef schon lang auf der Seele brennt: ob sein bezaubernder, erzählenswerter, spendabler Ort nun eigentlich einen eigenen Bericht kriege?

Nein, kriegt er nicht, da will ich ihm keine Illusionen machen, trotz allem, trotz Candlelight-Dinner und Zusatz-Übernachtung. Sein bezaubernder Ort war einfach mit auf Birgits ausgefeilter Route, die sie ganz sicher nicht zum ersten Mal in dieser Form zeigt, um Journalisten die Vielfalt der Region schmackhaft zu machen. Also, hüstel, lieber Lars: Von Bericht, ja selbst bloßer Erwähnung war nie die Rede. Nicht anders verhält es sich mit zwei der drei gebuchten Hotels, deren Nennung im Infokasten, Stichwort: Übernachtungstipp, gemeinhin als Gegenleistung fürs kostenlose Zimmer vorgesehen ist. Nicht, dass Lars damit sonderlich zufrieden wäre, man sieht es ihm an, ein bisschen leidet er daran, kennt aber auch die Spielregeln und erfreut sich spürbar an meiner Offenheit, die ihm ohne erkennbares Bauchgrimmen die Bemerkung "then take it as a gift" entlockt.

Und was sagt der Pressekodex?

Noch so ein haariger Satz, mitten hinein ins Herz einer Diskussion voll wackelnder Paragrafen und zitternder Grundsätze. "Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit zu beeinträchtigen", heißt es im juristisch unverbindlichen, moralisch aber umso bedeutungsvolleren Presseratskodex, "sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar". Es sei denn, das rufe ich mir kurz ins Gedächtnis, Einladungen oder Geschenke übersteigen nicht das im "Rahmen der beruflichen Tätigkeit notwendige Maß".

Rahmen, Maß. Da kann man sich nur auf aufs eigene Urteilsvermögen verlassen. Und das sagt mir, wie schön es hier in der Tat ist, an diesem Flecken Erde, den ich zum ersten, aber kaum zum letzten Mal besuche. Wie empfehlenswert vor allem, was dem Reisejournalismus ja letztlich die Basis liefert. Wer mit kleinen Kindern Urlaub macht, Fernreisen scheut und die Heimat kennt, sollte hierher fahren, so lautet mein Fazit. "I pay that" hin, "take it as a gift" her. Wirklich? Ob kleine Geschenke die Freundschaft erhalten oder doch Feindschaft vermeiden, ob sie gastfreundlich sind oder Bestechlichkeit fördern, ob wir Journalisten also korrupt sind oder unabhängige Felsen im wogenden Meer netter Give-aways, für die es längst Kataloge gibt, Internetforen, eine ganze Branche – all das ist Teil einer offenen Debatte, die manche Streit nennen.

Ich bin gewiss beides: überparteilich und beeinflussbar, eben menschlich. Aber ich nehme auch nicht, wie unter italienischen Kollegen üblich, zu Pressereisen die halbe Familie mit, Großeltern inklusive, und lasse sie nicht nur durchfüttern, sondern neu einkleiden. Dieser Dreistigkeit beugt dann doch ein Gefühl für Verhältnismäßigkeiten vor, für Maß und Rahmen. Und das Dinner mit Seeblick haben wir dann doch selbst bezahlt, trotz gegenteiligen Angebots. Ach ja, und nächstes Jahr kommen wir wieder, garantiert. Ich habe mich quasi selbst geworben. Oder besser: Die Schönheit der Region hat es. Was sonst?

Der Autor

Jan Freitag ist freier Medienjournalist in Hamburg. Er bloggt auf freitagsmedien.com.

Die Oktober-Ausgabe des journalists ist erschienen. https://epaper.journalist.de/index.rnd?sid=1241026696;module=epaper;submodule=overview;id=161Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Transfermarkt Journalismus. Was ein Jobwechsel mit Haltung zu tun hat

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

27.10.2013 10:07

Sonnenscheins Ende

Man sollte Reiseartikel generell als ANZEIGE kennzeichnen, denn es gibt keinen einzigen, der ohne Sponsoring ausgekommen wäre.

21.10.2013 15:11

Lutz Möller

Es ist nicht wirklich neu, nein.

Aber es ist trotzdem mal was anderes, so offen gesagt zu bekommen, das quasi jeder "journalistische" Reisebericht praktisch eine gesponsorte Werbeschrift ohne echten Wert ist.

21.10.2013 07:57

DL2 MCD

Tja, seit Wulff (der ja kein Journalist war, aber von Journalisten kritisiert wurde) müssen Journalisten katholischer als der Papst sein. Dürfen nicht mal ein Gruppenticket Bahn 2. Klasse München-Berlin annehmen auf einer vom Bayrischen Journalisten-Verband organisierten Reise oder eine Brokkolisuppe mit Semmel nachts um 23.30 auf den Medientagen als erstes Essen.

Dabei zeige mir jetzt einer einen Verlag, der sagt: "Wir zahlen das, buch die Reise inkognito und schreibe darüber, wie es dem Normal-Touristen ergeht".

Nein, der Redakteur soll sich selbst ein Ticket nach Berlin kaufen, die Reise und die Suppe (die aber nunmal gar nicht verkauft wird und für eine solch arme Redakteurswurst wird nun auch nicht noch eine Kasse eingerichtet), darf nichts als Spesen abrechnen und gilt als korrupt, wenn er dann auch nur ein Geschenk annimmt.

Jede Berufsgruppe hat Rabatte, aber währned die Fleischer sie noch annehmen dürfen, dürfen die Journalisten das nicht mehr.

Man kann's schon übertreiben ...

18.10.2013 16:22

Oliver Röhrer

So sehr man nachempfinden kann, dass man in solchen Situationen als Journalist versucht ist, kann es dennoch nicht sein, dass so eine Recherche dann als unabhängiger Bericht verkauft wird.

Als Leser erwarte ich Transparenz. Und wenn solche Artikel nahezu unmöglich sind, ohne dass die Journalisten Geschenke annehmen, dann sollte das auch so im daraus resultierenden Artikel stehen.

"Gesponsort von Jan". Solange das aber unter dem Deckmantel des unabhängigen Journalismus verheimlicht wird, fühle ich mich als Leser eines solchen Artikels betrogen.

18.10.2013 15:48

Klaus Mueller

"F.J. Strauss hat sein 100-Millionen-Vermögen auch nicht von seinem Ministergehalt erspart."
Ach was?! Sag an. Erzählen Sie!

18.10.2013 10:54

Michael Weinbrenner

Das alles ist doch weder neu noch aufregend. Ob es um Reisen, Autos, Kosmetik, Markenklamotten etc. geht, verschwimmen seit Jahren die Grenzen zwischen PR und Journalismus. Dass für den wohlmeinenden Berichterstatter ein paar Brosamen von der Tafel fallen, ist dabei kaum zu vermeiden und m.E. auch nicht verwerflich. Jeder ist käuflich, es kommt nur auf den Preis an. F.J. Strauss hat sein 100-Millionen-Vermögen auch nicht von seinem Ministergehalt erspart.

18.10.2013 10:40

Fabian Pfannes

Danke für den Bericht. Hat mir gut gefallen und zeigt deutlich den Konflikt in dem man als Reisejournalist wohl steckt ...

 
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