Meinung

Ein Plädoyer für den Algorithmus. Oder: Warum der Algorithmus der Retter des Qualitätsjournalismus ist

Algorithmen und automatisierte Kuratoren- und Vorschlagsdienste gelten vielen Journalisten und Medienmanagern als suspekt, wenn nicht sogar als lebensgefährlich für das eigene Geschäft. Dabei ist es doch genau umgekehrt. Ein Gastbeitrag von Medienwissenschaftler Andreas Moring.

Algorithmen und automatisierte Filterdienste sind gut für den Journalismus, gut für Medienmacher und noch besser für Leser, Zuschauer, Kunden. Diese These dürfte in der deutschen und internationalen Medienszene als Ketzerei gelten. Wir wissen aber: Sogenannte Ketzer waren stets diejenigen, die einen neuen und nüchternen und realistischen Blick auf ihre Welt geworfen haben, deswegen von Dogmatikern der heiligen Tradition bekämpft wurden, sich aber am Ende mit ihren anfangs neuen Ideen durch den weiteren Gang der Geschichte bestätigt sahen. So ist es auch heute in der Diskussion über neue Vertriebswege von Inhalten in sozialen Netzwerken, via Messaging-Diensten oder Aggregator-Apps und Kurator-Plattformen.

Die Argumente gegen Facebook, Snapchat, Twitter oder Apple und ihre obskuren Algorithmen sind dabei im Grunde immer dieselben.

  1. Die Kunden verdummen, weil sie in ihrer eigenen "Informationsblase" gefangen seien und nichts mehr außerhalb dieser Blase wahrnehmen würden.
  2. Die Technik ersetzt den Menschen, sprich Journalisten, und zerstört damit ganze Berufszweige und Existenzen von Menschen und Unternehmen.
  3. Algorithmen können keine Qualität beurteilen, sondern immer nur Quantitäten und Wahrscheinlichkeiten analysieren und berechnen, und sie fördern deswegen den Niedergang, vielleicht sogar den Untergang des Qualitätsjournalismus.

Alle diese Argumente lassen sich recht einfach und nüchtern widerlegen. Ja, vielmehr ist das Gegenteil der postulierten Befürchtungen der Fall.

Der erste fatale Fehler in der aktuellen Diskussion ist derjenige, dass die Hauptpersonen des Ganzen gar nicht berücksichtigt werden. Nämlich die souveränen Kunden und Medienkonsumenten. Algorithmen führen immer nur das aus, was der Kunde in freier Entscheidung als Kriterien auswählt. Diese Kriterien kann der Kunde jederzeit wieder ändern oder grundsätzlich neu festlegen. Allein schon das lässt sich ohne Zweifel als ein enormer Qualitätsfortschritt identifizieren – und zwar für den Kunden.

Bei den klassischen journalistischen Produkten – Zeitungen, Magazine, Fernsehprogramm, Radioprogramm – , gibt es diese Möglichkeit nicht: Der Kunde muss das nehmen, was ihm angeboten wird, oder er muss es lassen. Hinzu kommt, dass der Kunde die Qualität des fertigen und geschlossenen Angebots nicht einmal vor der Auswahl beurteilen kann, sondern erst nach dem Kauf des Produkts. Diese Qualitätsunkenntnis, auch "Informationsparadoxon" genannt, vermindert im Übrigen die Zahlungsbereitschaft von Kunden – sie geben eher weniger Geld für journalistische Leistungen und Produkte aus.

Per Aggregations- und Filteralgorithmen können Kunden nun bessere Entscheidungen treffen, die die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, auch die Inhalte zu bekommen, die sie interessieren. Und sie können selbst darüber entscheiden, welche Kriterien gelten, und müssen nicht den Kriterien einer unbekannten Instanz, einer Redaktion, mehr oder weniger blind folgen. Die Qualitätskenntnis des Kunden steigt und damit auch seine Zahlungsbereitschaft. Algorithmen und Aggregatoren fördern also die Chance, dass Paid Content Erfolg hat, viel mehr als Paywalls, Tagespässe oder Onlineabos für den einzelnen Titel.

Von wegen Informationsblase!

Auch die immer wieder zitierte "Informationsblase" wird mittels Algorithmen und Aggregatoren eher verhindert als befördert. Filterkriterien sind immer nach Themen ausgerichtet, nicht nach einzelnen Titeln. Damit bieten sie per se eine größere Vielfalt als traditionelle Medienangebote. Zum einen, weil eine Redaktion mit ihren begrenzten Ressourcen gar nicht alle potenziell für Kunden relevanten Aspekte und Ereignisse eines Themenbereichs abdecken kann. Zum anderen, weil jede Medienmarke eine eigene Ausrichtung, einen eigenen Stil, eine eigene grundsätzliche Schwerpunktsetzung hat, was auch im Sinne einer starken Eigenmarke sinnvoll und notwendig ist. Aggregatoren und Algorithmen schaffen hier also mehr Vielfalt, als es einzelne Titel beziehungsweise Marken tun.

Abgesehen davon ist es auch nichts Neues, dass etwa Leser ihre Zeitung oder ihre Zeitschrift selektiv nach eigenen Interessen lesen und andere Themen oder ganze Produktteile wie Wirtschaft, Feuilleton oder Sport einfach komplett ignorieren oder auch im Fernsehen nicht das ganze Programm konsumieren, sondern klar nach ihren eigenen Interessen Programmteile auswählen. Eine "Informationsblase" gibt es also schon lange – eigentlich seit Anbeginn dessen, was wir heute Journalismus und Medien nennen.

Nur ist mit den neuen Technologien von Facebook, Twitter, Apple die angebliche Blase viel instabiler geworden. So gibt es die Möglichkeit, bewusst Themen außerhalb der Filterkriterien regelmäßig in seinen Feed einzuspielen oder über Alerts zu besonderen Ereignissen Informationen zu beziehen, auch wenn sie nicht zum vorgegebenen Themenkanon passen.

Algorithmen und sogenannte prädiktive Technologien sind also keine Feinde oder gar Totengräber des (Qualitäts-)Journalismus, sondern sie helfen, dass gut gemachte Geschichten ein größtmögliches und interessiertes Publikum finden und damit ihr volles publizistisches wie wirtschaftliches Potenzial auch ausschöpfen. Hochleistungsrechner und Algorithmen können die Masse der individuellen Kunden viel besser, genauer und verlässlicher mit dem jeweils passenden Angebot oder Produkt versorgen, als es eine oder auch alle Redaktionen der Welt allein quantitativ zu leisten im Stande wären.

Qualität definiert der Kunde, nicht der Anbieter

Wertschöpfung entsteht in der digitalen Medienökonomie aus der Passgenauigkeit des Angebots zu den Interessen und Bedürfnissen des Kunden. Je höher die Passgenauigkeit, desto höher die Wertschätzung des Kunden, und desto höher auch die Wertschöpfung des Anbieters. Das ist letzten Endes auch die einfache Logik der Qualität. Qualität definiert stets der Kunde, nicht der Anbieter. Je besser ein Angebot zu den Gewohnheiten und Bedürfnissen des Kunden passt, desto höher ist die vom Kunden wahrgenommene Qualität.

Prinzipiell wird diese Qualität als höher wahrgenommen, je höher die handwerkliche und künstlerisch-kreative Leistung der Produkterstellung ist. Hoch qualitativer Journalismus wird von Lesern und Zuschauern, von Kunden klar erkannt und geschätzt. Zu diesem handwerklichen Aspekt muss aber immer auch eine hohe Passgenauigkeit zur Nachfrage kommen. Das leisten Algorithmen. Damit fördern Algorithmen und Aggregatoren Qualitätsjournalismus, weil sie gut gemachte Leistungen zu der größtmöglichen Anzahl an Kunden bringen, die sich genau dafür auch wirklich interessieren und die Leistungen wertschätzen und gleichzeitig die teils enormen Streuverluste klassischer Medienmassenprodukte minimieren.

Dabei ist dieses Prinzip nicht neu, sondern wird mit den neuen Technologien höchstens auf eine neue Stufe der Effizienz und Perfektion gehoben. Guter Content musste schon immer über Vermittler zu den Menschen gebracht werden, um sie darauf aufmerksam zu machen. Diese Absatzpunkte für journalistische Produkte sind klassischerweise Händler, Kioske, Supermärkte, Kinoketten, Kabelnetze oder die Vertriebsstrukturen der Grossisten.

Eine Redaktion kontrollierte noch nie den Vertriebsweg

Journalisten und Redaktionen hatten nie die Hoheit oder Kontrolle der Vertriebswege, sondern "nur" die Hoheit über ihre eigenen Inhalte in der Produktion derselben. Wo, wann und wie genau diese dann letztlich vom Vertrieb oder Handel an den Kunden gebracht wurden, da hatte nicht einmal der mächtige Chefredakteur mitzureden – und das war auch allgemein akzeptiert.

Vielmehr bekamen die Vertriebsplattformen Grosso, Handel oder Kabelnetzbetreiber ein nicht geringes Entgelt oder eine Umsatzbeteiligung. Der Deal lautete: "Ich liefere die Inhalte und das gestaltete Produkt, du lieferst sie zu meinen potenziellen Kunden, weil du die Strukturen hast, an sie heranzukommen, und daran verdienen wir beide." Es mutet darum schizophren an, wenn derselbe Deal als "gefährlich" oder "unfair" diffamiert wird, wo die Vertriebsstrukturen von Apple, Facebook oder Snapchat betrieben und unterhalten werden.

Woher kommt also diese Vehemenz in der Düsternis der Prognosen, diese Verve im Wettern gegen Apple, Facebook und Co, dieser Fatalismus im Gerede vom Ende des Qualitätsjournalismus, wenn die vorgebrachten Argumente einer objektiven Überprüfung nicht standhalten, sich die Tatsachen sogar als genau andersherum herausstellen? Es handelt sich um eine psychologische Herausforderung.

Das Wettern und Warnen lässt sich mit drei Punkten erklären.

  1. Bei persönlich oder für eine Gruppe kritischen Entwicklungen und Trends suchen Menschen gerne eine Art "dunkle Macht", die scheinbar aus dem Hintergrund und verborgen irgendwie alles steuert, um am Ende die Macht zu übernehmen. Das ist ein psychologisches Muster, das immer dann zu beobachten war und ist, wenn Menschen keine Einzelpersonen oder Parteien klar als Treiber einer Entwicklung identifizieren können. Die Angst, dass Maschinen die Menschen erst verdrängen und dann beherrschen, ist so alt wie die Industrialisierung und Technisierung des Lebens seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Heute ist diese dunkle Macht "der Algorithmus".
  2. Befürchteter Statusverlust macht ängstlich und hysterisch. Aggregatoren und Algorithmen schwächen die gesellschaftlich herausgehobene Stellung von Redakteuren und Redaktionen. Die Entscheidung, was ins Blatt oder auf den Schirm kommt, ist nicht mehr für eine große Masse an Konsumenten zwangsläufig und damit einflussreich. Was Redaktionen als ihren Themenmix anbieten, muss der Kunde nicht mehr so nehmen, wie es angeboten wird, sondern er kann auch einige Teile ausschließen und seine eigene Mischung anlegen. Redaktionen und Medienmacher verlieren Einfluss und Macht. Das gefällt nicht.
  3. Menschen wollen generell nur ungern als Einzelperson transparent für ihre Leistung bewertet werden. Wenig Wettbewerb heißt sicheres und eher geruhsames Arbeiten. Durch souveräne Themenwahl des Kunden, Filter- und Aggregationsmöglichkeiten wird der Wettbewerb härter, und es wird transparenter, wer mit seiner journalistischen Arbeit die Interessen und Bedürfnisse der Kunden versteht und wer nicht. Wie das bewertet wird, hängt vom journalistischen Selbstverständnis ab: Kanzelpredigt oder Kundendienst? Und die Antwort auf diese Frage kann einem auch kein Algorithmus abnehmen.

Über den Autor

Andreas Moring, einst Blattmacher bei Springer und Berater bei Schickler, ist Studiengangsleiter Communication & Media Management an der BiTS Business and Information Technology School in Hamburg.

Die Oktober-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper. Hier geht es zur aktuellen Ausgabe auf Blendle.

Titelthema: Flüchtlingskrise Was macht es mit uns, wenn ein Thema so unter die Haut geht?

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