Detail-Informationen

Autor

Text: Ralf Geißler

Bilder: Jan Zappner

verfasst am

08.11.2011

im Heft

journalist 11/2011

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Bild: Jan Zappner

Fabio Reinhardt: In vielen politischen Fragen läuft es auf ein anhaltendes Wir-wissen-noch-nicht hinaus.

Fabio Reinhardt

Käpt'n Fabio

Fabio Reinhardt wollte Journalist werden. Jetzt sitzt er als Pirat im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Geschichte einer überraschenden Karriere.

Die Revolution riecht nach abgestandener Luft und schmeckt nach Club Mate. Sieben Piraten beugen sich im Berliner Abgeordnetenhaus über ihre Laptops. Es ist Montagabend. Offene Vorstandsversammlung der Fraktion. Einer nippt an seiner Flasche, ein anderer nuschelt die Tagesordnung in den Raum. Jedes Wort und jedes Husten wird live ins Internet übertragen. "Wir wollen unsere Arbeit so transparent wie möglich machen", sagt Fabio Reinhardt, 30 Jahre alt und stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Transparenz sei das Wichtigste in einer Demokratie.

Unter den Berliner Piraten wirkt Reinhardt am ehesten wie ein Politiker. Weiche Gesichtszüge, lila Hemd, dunkles Sakko. Er hat sich gründlich rasiert und formuliert Sätze wie: "Die Kombination aus jungen, motivierten Menschen, flachen Hierarchien und schneller, digitaler Kommunikation birgt ein enormes Potenzial, um Politik zu gestalten und miteinander gesellschaftliche Lösungen zu finden." Ein Satz für alle. Man kann ihm schwer widersprechen.

Wer Reinhardt in der Sitzung besucht, lernt, dass Politik auch unter Piratenflagge ermüdend sein kann. Der Fraktionsvorstand diskutiert über Arbeitsgruppen, verlost die Sitzverteilung der Abgeordneten im Plenum und entscheidet, ob bei der konstituierenden Sitzung des Parlaments alle das gleiche T-Shirt tragen sollen. Reinhardt stimmt dagegen. "Ein Lehrerseminar aus Rheinland-Pfalz möchte sich mit uns treffen", sagt er zu Tagesordnungspunkt 4: Berichte. Er erzählt im Vorstand von zwei Artikeln, die er geschrieben hat, und dass er am Wochenende nach Wien fliegt – zu den Österreicher Piraten.

Reinhardt hat schon den halben Tag in diesem Raum verbracht. Es gibt für die Fraktion noch keine Arbeitszimmer im Berliner Abgeordnetenhaus, weil die FDP, die bei der Wahl gnadenlos unterging, für ihren Auszug seltsam viel Zeit benötigt. Raum 109 ist für die Piraten derzeit Büro, Sitzungssaal, Sekretariat und Pausenzimmer in einem. Ein ständiges Kommen und Gehen. "Es fühlt sich an wie in einer WG", sagt Reinhardt. Schwer zu sagen, ob er das gut oder schlecht findet. 

"Es fühlt sich an wie in einer WG"

Fraktionssitzung im Berliner Abgeordneten Haus. Der Raum dient derzeit als Büro, Sitzungssaal, Sekretariat und Pausenzimmer.

Bis zuletzt wollte Reinhardt Journalist werden. Er hat in Braunschweig Politikwissenschaft und Geschichte studiert und dort die Hochschulzeitung BUZe mitgegründet. Später schrieb er für Unser Braunschweig, ein Gratisblatt von Bürgerinitiativen. 2009 zog er nach Berlin. Er jobbte beim IT-Portal gulli.com, dachte über eine Firma für politische Erwachsenenbildung nach und schrieb ein paar Texte für den Freitag und die Obdachlosenzeitung Strassenfeger. Doch es erging ihm wie vielen, die in den Journalismus streben. Er konnte nirgendwo landen. Die vergangenen Monate lebte er vor allem von Hartz IV.

Dieses Leben veränderte sich am Abend der Abgeordnetenhauswahl im September. Reinhardt stand auf Platz 9 der Berliner Landesliste. Seine Partei benötigte rund sechs Prozent der Stimmen, damit er mit seinem Listenplatz ins Parlament einziehen konnte. Es wurden fast neun Prozent. Das Bändchen von der Wahlparty trägt er noch heute am Handgelenk.

"Wir können jetzt zeigen, dass wir uns nicht nur um Netzpolitik kümmern", sagt Reinhardt. Er spricht gestenreich über die Vorteile eines kostenlosen öffentlichen Personennahverkehrs und das bedingungslose Grundeinkommen. Ihm gegenüber sitzt ein Journalist aus Mailand. Die L‘Uomo Vogue, ein italienisches Männermagazin, will über den Erfolg der Piraten schreiben. "Wie ist denn eure Position zur Finanzkrise?", fragt der Reporter. "Da gibt es nicht nur eine Lösung", antwortet Reinhardt auf Englisch und hält einen kleinen Vortrag über die Wirtschaftskrise der 30er Jahre, den New Deal des damaligen US-Präsidenten Roosevelt und Eisenhowers Warnung vor einem militärisch-industriellen Komplex. Der Exkurs mündet im Fazit: "Unsere Regierung tut sich schwer damit, die Probleme zu erklären. Wir wollen mehr Transparenz." Der italienische Reporter lächelt.

Ein Pirat plagiiert nicht

Reinhardt gibt seit seiner Wahl fast täglich Interviews. Das Problem ist nur, dass er oft keine Antworten hat. "Unser Fraktionsvorstand versteht sich eher als Aktivator", sagt Reinhardt. Er stoße Debatten an, moderiere und kümmere sich um Verwaltungskram. "Ob ein Rettungspaket für den Euro richtig ist oder nicht, muss der Parteitag entscheiden." Nach diesem Satz kommt einem der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach unglaublich rebellisch vor.

Die jungen Funktionäre sind vorsichtig. Sie wollen ihre rasant wachsende Basis nicht verärgern und klingen deshalb oft wie Demoskopen: Sie müssen erst einmal die Meinung der Mehrheit ermitteln. Mit Wohlwollen kann man das aufrichtig demokratisch nennen, man kann es aber auch mutlos und angepasst finden. Fest steht: Das anhaltende Wissen-wir-noch-nicht kommt bei Journalisten nicht gut an.

Eine NDR-Redaktion machte sich Anfang Oktober ihren Spaß daraus, ein paar Bremer Piraten vorzuführen. Sie setzte die Jungpolitiker in einen Keller vor die Kamera und schnitt aus den Interviews jene Passagen zusammen, in denen diese nichts zu sagen hatten. Der Ausstrahlung folgte großes Piratengeschrei. Ein Mitglied veröffentlichte im Internet eine schwarze Liste missliebiger Medien, der NDR stand an oberster Stelle. Doch bevor die Journalisten ihrerseits aufschreien konnten, löschte ein Administrator das Projekt wieder.

"Jeder kann so etwas in unserem Wiki veröffentlichen", sagt Reinhardt. Man dürfe das nicht überbewerten. Innerhalb der Partei plädiert er für einen gelassenen Umgang mit Kritik. Trotzdem ärgert er sich, wenn in den Zeitungen steht, die Piraten wollten das Urheberrecht abschaffen. "Das ist schlicht falsch", sagt er. Man sei nur dagegen, Privatkopierer zu kriminalisieren. Dass der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wegen seiner Plagiate als Pirat bezeichnet wurde, fand Reinhardt ebenfalls daneben. "Ein Pirat plagiiert nicht", sagt er. "Wenn er kopiert, gibt er die Kopie nicht als sein eigenes Werk aus."

Mitgliedsnummer 648

Die Zeiten werden sanfter. Früher schlugen Piraten ihren Opfern die Köpfe ab, heute reden sie respektvoll vom politischen Gegner. Natürlich gibt es in der Partei auch Mitglieder, die aussehen wie Räuber Hotzenplotz, langhaarig und unrasiert. Doch Wortführer sind seit Wochen die netten jungen Männer. Leute wie der Fraktionsvorsitzende Andreas Baum oder eben sein Stellvertreter Fabio Reinhardt. Wer von ihm etwas Rebellisches lesen will, wird am ehesten auf seiner Twitter-Seite fündig. Dort bezeichnet er sich als "linksliberalen Monarchohedonisten". Unter der Selbstbeschreibung hat Reinhardt einst versucht, die Unterstützer von Karl-Theodor zu Guttenberg zu unterwandern.

Der Sohn einer Lehrerin und eines Psychiaters aus Münster kam im Herbst 2007 zu den Piraten. Er interessierte sich für Bildungspolitik und Datenschutzthemen. Bei einer Demonstration gegen die Vorratsdatenspeicherung nahm er einen Piratenflyer mit, fuhr zum Stammtisch nach Hannover, überstand eine Diskussion zu Geschäftsordnungsfragen und trat ein: Mitgliedsnummer 648. "Mein Vater hat damals gesagt, mit eurem Parteinamen wird das nie etwas", sagt Reinhardt. Aber Väter irren ja manchmal, und Reinhardt stürzte sich in den Wahlkampf. Er fuhr im Januar 2008 morgens um 6 nach Hamburg, um bei eisiger Kälte Stimmen für die Bürgerschaftswahl zu werben. Die Piraten erhielten 0,2 Prozent. Es war ein Anfang.

Als der SPD-Politiker Jörg Tauss eineinhalb Jahre später in die Piratenpartei übertrat, wurde Reinhardt kurzzeitig dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter. Als Tauss wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt wurde, glaubten manche, der Höhenflug sei vorbei. Reinhardt dachte an die großen Ziele und dass man weitermachen müsse. "Ich wusste immer, dass eine Idee stärker ist als die Personen, die sie leben", sagt er.

Reinhardt tippt im Abgeordnetenhaus einen Artikel, der in einem Jugendmagazin erscheinen soll. Er will erklären, dass Parteistrukturen wichtiger sind als Parteiprogramme, was nicht gerade nach einem Jugendthema klingt. "Was haltet ihr von der Überschrift 'Der Weg ist die Vision'?", fragt Reinhardt in den Raum. "Komm mal von diesem Pathos weg", entgegnet ein Parteifreund. Doch Reinhardt hat keine Zeit mehr, nach Alternativen zu suchen. In seinem Kalender stehen jetzt täglich bis zu sechs Termine. Er verschickt den Text mit dem Hinweis, die Redaktion dürfe sich auch eine andere Überschrift ausdenken.

Bevor er zur Mittagspause aufbrechen kann, steckt noch ein Mitfünfziger den Kopf durch die Tür. Typ Versicherungsvertreter. "Mein Name ist Schmitz, ich komme gerade aus Armenien", stellt er sich vor. Er sei Jurist, sein Arbeitsvertrag im Ausland erfüllt. Ob die Fraktion an seiner Mitarbeit interessiert sei. Reinhardt lädt Schmitz für den nächsten Abend in den Club Kinski nach Berlin-Neukölln ein, wo er die Piraten kennenlernen könne. Eine Parteimitgliedschaft sei für die Bewerbung nicht nötig. "Haben Sie denn Material über die Piraten?", fragt Schmitz. Reinhardt schüttelt den Kopf. Es gibt noch keine Broschüren. "Sie finden alles im Internet."

"Wir haben das Problem erkannt"

Bei einer Saltimbocca in der Parlamentskantine spricht Reinhardt dann über das leidige Frauenthema. Im Berliner Abgeordnetenhaus gibt es nur eine Piratin, aber 14 Piraten. Das Image, ein Haufen männlicher Sonderlinge zu sein, haftet wie Pech an der Partei. "Wir haben das Problem erkannt", sagt Reinhardt. Eine Quote sehe er aber kritisch. "Es gibt weiblich sozialisierte Männer und männlich sozialisierte Frauen", sagt er. Eine Frauenquote berücksichtige Schüchterne nicht, die talentiert seien. Auf die Frage, ob er mit diesen differenzierten Überlegungen nicht den zweiten Schritt vor dem ersten mache, antwortet er: "Ich lehne eine Quote ja nicht grundsätzlich ab."

Einen Tag später veröffentlicht Reinhardt die Haltung seiner Fraktion zum Thema im Internet: 15 Einzelmeinungen. Sein eigenes Statement ist am längsten.
Bald wird er seine erste Rede im Abgeordnetenhaus halten, das offiziell ein Teilzeitparlament ist. Die Entschädigung beträgt monatlich 3.300 Euro. Reinhardt arbeitet schon jetzt mehr als 40 Stunden die Woche für seine Fraktion. Nebenbei will er noch ein Fernstudium in Journalistik abschließen, das er im März begonnen hat. Eine Karriere bei einem Medienunternehmen kann er sich weiterhin vorstellen. Aber momentan steht ihm die Politik besser.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

09.11.2011 14:26

Lars Sobiraj

Sehr schöner Artikel und überaus passende Bilder!!

 
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